Julia Dietze © Oliver Wand 

Alles, worauf man sich fokussiert, wird mehr, das ist ein physikalisches Gesetz.

von Laura Bähr

Frau Dietze, Ihr Vater ist Künstler, Maler und Illustrator. Welche Bedeutung spielt die Kunst in Ihrem Leben?
Julia Dietze: Kunst ist für mich so wichtig, wie die Luft zum Atmen, sie bedeutet einen Hauch von Freiheit in Ländern der Unterdrückung, Geschmack in dem Essen das wir kochen und sie kreiert eine Atmosphäre von Liebe in einer Realität die oft zu hart ist. Kunst ist Entfaltung in jeglicher Form, im Tanz ist es, als ob die Seele atmet, im Schauspiel zeichnen wir das Leben und kreieren so Empathie auch für die Randfiguren unserer Gesellschaft und in der Musik geht sie direkt ohne Umwege ins Herz, in der Mode spiegelt sie die gesellschaftlichen Strukturen und Strömungen wider und in der Poesie verarbeitet sie unsere intimsten Sehnsüchte. Die Frage was Kunst für mich bedeutet, ist so komplex, so allgegenwärtig, dass ich eine ganze Hommage dazu schreiben könnte.

Für einen Ihrer letzten Filme haben Sie die Kunst der Glasbläserei erlernen dürfen. Geht das Handwerk, das selbst gestalten von Dingen, heute in einer Zeit, in der jeder studieren möchte, unter? Was birgt diese Entwicklung für Gefahren?
Da wir in einer Zeit leben, in der Handwerk und Menschenarbeit immer mehr durch Computer und Maschinen ersetzt werden, streben viele Menschen danach zu studieren, um sich möglichst viele Optionen und damit verbundene Freiheiten zu erschließen. Traditionelle Handwerksberufe drohen zu verschwinden, was mich nostalgisch stimmt. Meiner Meinung nach, liegt die Gefahr darin, dass wir immer abstrakter werden, den Bezug zur Natur immer mehr verlieren, da wir nicht mehr mit den Elementen arbeiten und sich eine Wegwerfgesellschaft entwickelt. Ist etwas kaputt, wird es weggeschmissen und ausgetauscht, anstatt es zu reparieren, was man als Metapher auch auf unsere Beziehungen anwenden kann und im großen Kontext auch auf unseren Planeten. Die Erde wird immer mehr ausgebeutet: Durch den Lithium-Abbau wird essentielles Süßwasser verschmutzt, Regenwälder werden abgeholzt um Monokulturen, wie Palmöl Plantagen, anzubauen … Und anstatt zu schauen, wie wir unseren Planeten retten können, streben einige Wissenschaftler nun danach, ein Leben auf dem Mars zu ermöglichen. Allerdings beobachte ich vor allem auch bei der jüngeren Generation ein Umdenken, ein wachsendes Umweltbewusstsein und eine starke Gegenbewegung zurück zum Ursprung, und das macht Mut, dass es in die richtige Richtung geht.

Haben Sie sich durch dieses Einfühlen in fremde Berufe schon mal kurzzeitig „fremdverliebt“ und wollten der Schauspielerei den Rücken kehren?
Die Kunst der Glasbläserei hat mich durch die Dreharbeiten zu „Inga Lindström: Feuer und Glas“ tatsächlich in ihren Bann gezogen. Durch das Arbeiten mit den Elementen von Feuer, also großer Hitze und Metall, Holz und Glas habe ich erkannt, dass das richtige Timing alles ist. Durch das Loslassen im richtigen Moment, können in der Glaskunst wunderschöne Formen kreiert werden, rechtzeitig innehalten und dem Glas die nötige Kontur geben, bevor es kalt wird und verhärtet. Das hat mich daran erinnert wie biegsam und flexibel wir sind, wenn wir jung und hitzig sind, und mit der richtigen Mischung aus Freiheit und Halt geraten wir in eine schöne Form, je älter wir werden, desto weniger flexibel wird unsere Persönlichkeit und der Charakter verfestigt sich, wie beim Glas kommt es ganz auf das richtige Timing an. Das Handwerk steckt voller Philosophie. Ich durfte in Vorbereitung auf andere Dreharbeiten auch schon Schreinern, Nähen, Kupfertreiben und sogar Steinmetzen lernen. In der Nähe von Rom habe ich als junges Mädchen Steinmetzen mit Marmor gelernt und hätte mir damals auch vorstellen können, Bildhauerin zu werden. Aber ich habe es nie bereut, Schauspielerin geworden zu sein, denn so habe ich das Glück, durch meine Rollen in die unterschiedlichen Welten eintauchen zu können.

Sie tanzen bereits Ihr ganzes Leben und haben vor einiger Zeit an der Tanzshow „Let´s Dance“ teilgenommen. Ein Heimspiel für Sie? Könnten Sie sich ein Leben als professionelle Tänzerin vorstellen?
Für mich war die Zeit bei „Let’s Dance“ eine der schönsten Geschenke meines Lebens und ich wünschte, ich könnte mein ganzes Leben lang tanzen, denn ich liebe es zu tanzen. Dennoch hat es mich zunächst Überwindung gekostet, live auf der großen „Let’s Dance“ Bühne vor einem so großen Publikum zu tanzen, denn als „Julia“ und nicht als Filmschauspielerin aufzutreten, war eine komplett ungewohnte Rolle und neue Erfahrung für mich. Sobald ich selbst auf der Bühne bin und keine Rolle habe, hinter der ich mich quasi verstecken kann, werde ich unglaublich schüchtern. Zum Glück hatte ich mit Massimo einen absoluten Vollprofi an der Seite, der mir die Scheu nahm und mich in den richtigen Momenten wortwörtlich aufgefangen hat. Die Hebefiguren waren am Anfang sehr Respekt einflößend, aber je weiter wir in der Show kamen, desto selbstbewusster wurde ich. Diesen Sommer durfte ich einen amerikanischen Ballroom Tanzfilm drehen, wo ich meine Leidenschaft wieder ausleben konnte und ich habe es in vollen Zügen genossen.

Mit der Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ gelang Ihnen der internationale Durchbruch. Wie wichtig ist es als Schauspieler auch im Ausland Erfahrungen zu sammeln?
Mich persönlich hat der internationale Erfolg glücklich gestimmt und gleichzeitig überrascht, da der erste Iron Sky eine kleine „Indie“-Produktion war und alle, die die Plotline gelesen haben, uns für vollkommen wahnsinnig erklärt haben. Deswegen war der internationale Erfolg dann umso schöner. Der zweite Teil hat sich, auch durch das dreifache Budget, mehr wie eine große Hollywoodproduktion angefühlt und war sehr viel imposanter. Meine Leidenschaft ist es, gute und wichtige Geschichten zu erzählen, in Phantasiewelten einzutauchen und starke und komplexe Frauen zu portraitieren, die das Publikum berühren und im besten Fall die Herzen öffnen und die Empathie für ihre Mitmenschen wachsen lassen, sowie den Blickwinkel auf andere Lebenssituationen ermöglichen. Ob diese Geschichten nun national oder international erzählt sind, ist für mich zweitrangig, da Emotionen keine Sprache kennen.

Mit 13 rissen Sie nach Amsterdam aus, trugen Rastalocken, legten mit einem Soundsystem Dancehall-Musik auf, modelten später in Mailand und gingen auf eine Tanzschule. Was würden Sie den Jugendlichen von heute raten – wofür ist die Jugend gedacht, was muss man alles erlebt haben?
Respektiere deine Mitmenschen, achte die Natur und alle Lebewesen, leb dich aus, pass auf dich auf und lass dich durch veraltete Gedankenstrukturen nicht limitieren. Die Ängste und Glaubenssätze der Eltern sind der Schutz und gleichzeitig die Fußketten der Kinder.

Auf der einen Seite wird die Jugend von heute häufig als gewissenslos und konsumgeil bezeichnet, Influencer als der Gipfel dieses gesellschaftlichen Wandels bezeichnet, auf der anderen Seite gehen immer mehr junge Menschen im Rahmen der „Fridays for Future“-Bewegung auf die Straße. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation unserer Jugend ein?
Die Jugend wächst in einer Welt auf die sowohl wunderschöne Schätze als auch tolle Errungenschaften bereithält und gleichzeitig erbt sie einen Planeten der von Weltkonzernen ausgesaugt wird. Die „Fridays for Future“ Bewegung ist ein wachrüttelnder Appell an diese Konzerne umzudenken und auch unseren Kindern und Kindeskindern eine Zukunft auf diesem wunderschönen Planeten zu ermöglichen. Ich glaube fest daran, dass eine wunderschöne sehr anders denkende Generation nachwächst. Es gibt so viele Möglichkeiten auch im Kleinen etwas zu bewegen, wenn wir bereit sind, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen und langfristig und nachhaltig zu agieren.

Nach einer Knieverletzung als Jugendliche drohte Ihr Traum vom Tanzen zu platzen. Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Ihnen diese Erfahrung zum Glück brutal wieder ins Gedächtnis gerückt hat, „was wirklich wichtig im Leben ist“. Wie schafft man es dieses Bewusstsein aufrechtzuerhalten?
Ich schätze jeden Tag an dem ich gesund aufwache und fühle mich unglaublich reich beschenkt. Natürlich lenkt der Alltag einen hin und wieder ab und man ärgert sich über Dinge die im Großen und Ganzen wirklich „Peanuts“ sind, aber ich versuche meinen Fokus jeden Tag auf das zu richten, wofür ich dankbar bin. Alles, worauf man sich fokussiert, wird mehr, das ist ein physikalisches Gesetz. Fokussierst du dich auf Sorgen, gewinnen sie überhand und bringen dich zur Verzweiflung, fokussierst du dich auf alles wofür du dankbar bist, fühlst du dich unglaublich reich beschenkt.

Ihre Mutter war Reiki-Meisterin, hat folglich das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele untersucht. Was halten Sie heute von alternativen Medizin-Konzepten? Immer mehr Menschen scheinen auf ihre Work-Life-Balance achten zu wollen…
Mich hat schon immer die chinesische Alternative Medizin interessiert und ich bin fest davon überzeugt, dass sich seelische Blockaden in der Gesundheit widerspiegeln können. Körper, Geist und Seele sind eins. Ein gesunder Geist heilt seelischen Schmerz und somit besitzen wir sehr viel mehr Selbstheilungskräfte als uns die westliche Schulmedizin zuspricht. Die allerdings lebensrettende Lösungen anbietet wo die Alternativmedizin manchmal noch nicht weit genug erschlossen ist.

Wie sieht die Work-Life-Balance bei Ihnen als Schauspieler aus? Birgt das Hineinversetzen in dunkle Charaktere und das Aufsaugen von negativen Stimmungen beispielsweise auch Gefahren?
Die deutsche Sprache wird nicht ohne Grund als „Die Sprache der Dichter und Denker“ bezeichnet, da sie so präzise ist. Als Schauspieler sprechen wir von „Verkörperung“. Wenn man sich dieses Wort genau anschaut, wird einem bewusst, dass wir unseren Körper quasi hergeben um andere Energien durch ihn durchfließen zu lassen. Wie ein Instrument. Deswegen wähle klug, was du einlädst und wie tief du eintauchst.

In einem Interview haben Sie mal gesagt: „Ich brauche Abwechslung. Deswegen habe ich auch noch nie eine Serie gemacht. Das fühlt sich an wie ein Reihenhaus.“ Hat sich Ihre Meinung diesbezüglich verändert? Schließlich scheinen Serien die neuen Filme…
Ja, meine Meinung hat sich diesbezüglich komplett um 180 Grad gedreht, seit ich gesehen habe was für tolle Serien inzwischen entwickelt werden. Ich sehe hier sogar einen Vorteil, da die Figuren noch sehr viel komplexer und vielseitiger erzählt werden können, weil man einfach viel mehr Screen time hat und somit den Zuschauer auf eine ganz andere Reise mitnehmen kann.

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