Alex Christensen (c) Marcel Brell 

Es gibt kein Musikprogramm, was mich als Komponist schlagen kann.

von Laura Bähr

Herr Christensen, in der ZDF-Reihe „Klassik im Club“ trifft Klassik auf Beats und junge Klassikstars teilen sich mit DJs wie ihnen eine Bühne. Was erhoffen Sie sich von dieser Symbiose? 
Alex Christensen: Ich liebe es, wenn sich zwei Musikgenre treffen, die so bisher nichts miteinander zu tun hatten und sich dann auf der Bühne beschnüffeln und kennenlernen. Und irgendwann stellt man dann fest, dass man doch auf dem gleichen Planeten lebt und beide das gleiche Ziel haben: Emotionen zu schaffen. Und wenn man dann noch merkt, dass man gemeinsam eine neue Art von Emotion schaffen kann, eine Musikart, die ganz anders ist und die Menschen anders berührt, ist das toll. Außerdem zeigt dieses Experiment, dass klassische Musik nach wie vor die Menschen berührt und vielleicht sogar aktueller ist denn je. In der Kombination mit den jungen Beats schafft man so eine Symbiose, mit der man Menschen erreicht, die man so vielleicht zuvor nicht erreicht hatte. 

Muss man heute in der Flut an Musik Genres mischen, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpassen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu generieren? 
Aufmerksamkeit funktioniert meistens über Meinungsmache. Menschen müssen von Dingen hören, diese dann für sich einschätzen und weitertragen an ihre Familie und Freunde. Man muss meistens zunächst Überzeugungsarbeit leisten, damit die Menschen sich auf etwas Neues einlassen. Wir kennen das ja alle, dass wir aus Gewohnheit immer dasselbe tun, sehen und hören wollen… 

Ertappst du dich selbst dabei auch? 
Ja auf jeden Fall. Wir werden darauf ja auch getrimmt. Die ganzen Musikprogramme suchen uns ähnliche Titel zusammen, durch die kurzen Videos auf Youtube und Co. lernen wir alles in wenigen Sekunden einzuschätzen und zu bewerten. Das ist natürlich gefährlich. 

Ihre ersten Berührungspunkte mit klassischer Musik hatten Sie dank einer Lehrerin in der Schule. Was gibt uns die Klassik, was andere Musikrichtungen nicht können? 
Wir, also die Musiker der Elektroszene versuchen immer den Klang eines Orchesters nachzuahmen. Man muss auch sagen, dass man mit Synthesizern rein musikalisch ziemlich nah drankommt. Allerdings schafft man nie diese Wärme und dieses unglaubliche Gefühl, wenn ein großes Orchester zum ersten Ton ansetzt. Man schafft nie das Vermitteln dieser Emotion, wenn viele Menschen gemeinsam ihre Klangkörper zum Klingen bringen und individuell ihr Instrument spielen und trotzdem passt alles zusammen. Das kann man nicht simulieren. Deshalb ist es auch so spannend die augenscheinlich moderne, kühle Welt des Elektro mit der warmen, menschlichen Klassik zu verbinden. Ein Orchester ist eine Art Organismus und wenn der fusioniert, ist das wunderschön. 

Kann man Ihr Mischpult mit einem Instrument vergleichen?
Die Töne und Dinge, die ich mit meinem Mischpult schaffen kann, würde ich auf jeden Fall mit einem Instrument vergleichen. Und auch die Fehler, die man machen kann (lacht). Ich kann in so viel eingreifen und Dinge dazu addieren oder auch wegnehmen. Kraft, Geschichte und Emotionen. Man glaubt nicht, was man durch das Bündeln verschiedener Musikstränge für ein Gefühl erzeugen kann. Es ist aber natürlich ein ganz anderer Blick auf die Musik, als ein klassisches Instrument. 

Sie haben sich neben elektronischer Musik bereits durch alle Richtungen durchgehört, alles analysiert und aufgesaugt. Würden Sie sagen die Breite an Genres ist heute weniger oder mehr geworden? 
Sowohl als auch. Dadurch dass wir viel streamen, werden wir natürlich häufig mit ähnlichen Dingen konfrontiert. Wenn man immer das Gleiche hört, weiß man auch irgendwann auch gar nicht mehr, wer zu dieser Musikrichtung was beiträgt oder was die einzelnen Spezifika des Genres ausmacht, das finde ich sehr bedenklich. Auf der anderen Seite nimmt die Masse und damit automatisch auch die Breite an Musikrichtungen immer mehr zu. Es gibt mittlerweile nichts mehr, was es nicht gibt. 

Halten uns diese ständigen Vorschläge davon ab, einen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln? 
Ja und nein. Natürlich halten uns solche Vorschläge eventuell davon ab, selbst auf die Suche zu gehen. Das gab es früher allerdings auch schon in Form von Meinungsmachern. Da gab es diesen einen Typ an der Schule, der sich super mit Musik auskannte und immer gesagt hat, was gerade „in“ und angesagt ist. Heute ist das der Algorithmus. Deshalb ist es wichtiger denn je über Musik zu sprechen und sich mit Freunden oder der Familie auszutauschen. Und am besten auch mit unterschiedlichen Generationen, das ist unwahrscheinlich spannend. 

Die Geigerin Franziska Pietsch sagte uns in einem Interview, sie mag Musik, die nicht gefällig ist. Sie auch? 
Das ist schwer zu sagen. Ich finde, dass kommt auf die persönliche Gemütslage an. Wenn ich gut drauf bin und Lust habe in die Musik einzutauchen, dann mag ich auch Stücke, die nicht so gefällig sind und an die man sich ranarbeiten muss. Wenn ich die Musik aber einfach nur für die Entspannung nutzen möchte, dann liebe ich auch gefällige Musik, die Spaß macht und über die ich nicht viel nachdenken muss. Ich glaube, dass kann man nicht verallgemeinern. Beides unterstützt unterschiedliche Gefühle, aber ich glaube das Abschalten, was die gefällige Musik schafft, wird heutzutage unterschätzt (lacht). Die Musik, die ich höre, sollte meinen aktuellen Gefühlszustand untermauern. 

Inwiefern hat sich Ihr Anspruch an Musik in den letzten Jahren verändert? 
Man muss mit dem Anspruch wachsen und Dinge mitmachen. Wenn man davon lebt und professionell Musik macht, sollte man ein relativ offenes Ohr haben und wissen, was draußen passiert, was den Markt beherrscht. Jeder tolle Song hat das gleiche Fundament. Man muss nur wissen, was man alles dazu addiert. Welchen Sänger, welchen Beat, welche Länge und welche Art von Vermarktung. Heutzutage sind die Songs beispielsweise sehr kurz, weil unsere Aufmerksamkeitsspanne nachgelassen hat. Daran muss man sich anpassen, auch wenn es einem selbst nicht gefällt. Man darf also, zumindest, wenn die Musik den Beruf darstellt, nicht zu emotional an die Sache herangehen. 

Nehmen Sie Musik anders wahr, seitdem Sie Ihr Geld damit verdienen? Man hört ja oft, dass Künstler privat ihre Art von Musik häufig gar nicht mehr hören können… 
Ich mache das ja jetzt seit 35 Jahren und ich muss gestehen, dass es sehr selten vorkommt, dass mich etwas wirklich umhaut und begeistert, einfach weil man gefühlt, schon alles einmal gehört hat. Der gemeine Pop-Song von einem Künstler, der sowieso schon erfolgreich in den Charts ist, erreicht mich dann auch nicht mehr. Aber die Phänomene, die durch die Decke gehen, weil sie einfach anders und gut sind, die erreichen mich auch und ich bin jedes Mal aufs Neue aufgeregt und freue mich riesig. 

Was war das letzte Phänomen, was Sie begeistert hat? 
Dieser Tik Tok Titel aus Australien „Dance Monkey“ – das fand ich toll. 

Was halten Sie von Musikhäusern wie der Elbphilharmonie, wo die Architektur beinahe eine genauso wichtige Rolle zu spielen scheint, wie die Musik? 
Das ist für die Künstler natürlich wunderbar, wenn dann alle Konzerte ausverkauft sind, sei es wegen der Musik oder dem Gebäude (lacht). Wenn die Leute sich in Hamburg beispielsweise an dem Design ergötzen, ist das ja auch schön, ich liebe alle Künste. Und wenn sie eventuell nur wegen des Gebäudes das Konzert besuchen und sich dann spontan doch auch in den Künstler und die Musik verlieben, dann ist das Ganze eine Win-Win-Situation. Die Elbphilharmonie ist schon eine Sensation – ich freue mich immer über dieses Kunstwerk, wenn ich daran vorbeifahre. 

Sie haben mal in einem Interview gesagt „Wenn ich meinen Namen auf CDs presse, gehe ich eigentlich davon aus, dass es auch relativ erfolgreich wird.“ Was braucht man heute, um im Musikbusiness erfolgreich zu sein? 
Früher musste man sich sein Publikum live erspielen, in Clubs und auf Konzerten, via Mund zu Mund Propaganda. Heute muss man sich privat zunächst auf den sozialen Medien seine Fanbase schaffen, bevor einen eine Plattenfirma einkauft, weil sie weiß, dass es auf jeden Fall Menschen gibt, die diese Musik hören möchten. Ein Kaltstart ist fast unmöglich geworden.

Sind Sie persönlich Fan von diesem viralen Start und dass die Followerzahl heute gefühlt in jedem Business über Erfolg bestimmt? 
Dafür bin ich glaube ich zu analog. Ich habe meine Probleme damit viral alles nach außen zu kehren. Was man alles von sich zeigen muss, um die Menschen zu begeistern und an sich zu binden. Ich bin auch entsetzt, wenn ich Dinge höre, die musikalisch einfach grenzwertig sind, die aber trotzdem stattfinden, weil man weiß, dass sie eine gewisse Reichweite aufgrund der genannten Faktoren erreichen werden. Da gibt es dann nicht mehr den Kurator, der das Ganze musikalisch einschätzt. Daran musste ich mich erst gewöhnen.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie mit welchen Künstlern Sie zusammenarbeiten? 
Nach rein subjektiven Kriterien. Fordert mich das Projekt heraus, kann dabei etwas Gutes musikalisches herauskommen und glaube ich, dass das Ganze in der Branche Erfolg haben kann? Ich schaue da eher weniger auf die Followerzahl und höre auf mein Gefühl (lacht). 

Wie kann man der Gefahr der Vereinheitlichung entgegenwirken? Die Singer-Song-Schreiber mit Gitarre und der Mainstream-House-Sound scheinen ja allgegenwertig… 
Am Ende entscheidet der Markt, was gewünscht ist. Ich glaube der zehnte Sing- und Songwriter, der schöne Bilder mit seinen Texten malt, ist dann doch nicht mehr ganz so erfolgreich, wie die ersten neun. Der Kuchen wird durch die Verteilung immer kleiner. Aber ich glaube fest daran, dass der Markt sowas automatisch bereinigt. Der deutsche Hip Hop ist durch die Hintertür mit das erfolgreichste Musikgenre Deutschlands geworden. Trotz großer Ablehnung, die teilweise aufgrund der schrecklichen Texte auch begründet ist (lacht). Die Künstler haben sich ihr eigenes Medium geschaffen – jenseits des Mainstreams. Neben den klassischen Radiosendern, die so etwas nie spielen würden, verkaufen sie Unmengen an Platten und packen dann noch ein cooles Shirt mit ein. 

Sie beschreiben Ihren Geschmack als „mainstreamig“…
Ja, aber mainstreaming breit gefächert (lacht). Ich liebe Elektro, Klassik, Hip Hop und Jazz und davon eben am liebsten die Klassiker, wie beim Swing eben einen Frank Sinatra. Ich bin eher weniger an den Rändern unterwegs. 

Viele Künstler mussten die letzten Wochen ihre Konzerte auf unbestimmte Zeit absagen. Was macht Corona mit den Musikern? Inwiefern wird diese Situation die Branche nachhaltig verändern? 
Also mich macht das enorm traurig, aber ich kann auch niemandem einen Vorwurf machen. Ich kann die Maßnahmen natürlich verstehen, aber mir fehlt es an den Lösungsarbeiten. Man kann natürlich die Pflaster von ein paar Tausend Euro verteilen, aber damit bringt man keine Kultur durch. Kultur besteht darin, dass man mit seiner Herde irgendwo hingeht, sich Dinge anhört und Musik erlebt. Ich finde Autokonzerte zum Beispiel schrecklich hilflos, wenn man dann die Blinker und Scheibenwischer anmacht, um seine Gefühle auszudrücken (lacht). Aber man merkt daran eben, wie sehr Menschen das brauchen, das Wegzugehen und Musik hören, atmen und spüren. Wir können nicht bis Ende August ohne Musik leben. Ich wundere mich bei sowas immer, dass alles „Große“ gerettet wird, aber das wirklich Große, nämlich die ganzen Kleinen, Individualisten, die die Kultur erst ausmachen, werden in der Masse vergessen. Mir fehlt bei diesem Problem die Innovation. Man vergisst ganz schnell wie viele Menschen in so einer Branche arbeiten, die keine Lobby und keinen Anwalt haben, der sich für sie einsetzt und Frau Merkel anrufen kann. Das finde ich sehr bedenklich und hoffe, dass sich das ändert, aber ich weiß nicht welche Lobby dafür verantwortlich ist. Viele Menschen, die in der Branche arbeiten, werden sich eine neue Arbeit suchen müssen und das wird ein großer Verlust.  

Die Musiksoftware hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten stark weiterentwickelt… Löst die gemachte Musik die echte nach und nach ab? 
Ich bin eigentlich ganz zuversichtlich, dass das nicht passieren wird. Es gibt kein Musikprogramm, was mich als Komponist schlagen kann. Wenn jemand Songs aus seinem Leben schreibt und Emotionen vermittelt, ist das nicht durch einen Computer zu ersetzen, da kann dieser noch so gut sein. Am Ende ist Musik auch die Verbindung aus Text, Künstler und der Musik. Das kann man virtuell nicht schaffen. 

Wie hört sich die Musik der Zukunft an? 
Musik ist ein Kreislauf. Wenn man sich aktuell zum Beispiel „Weekend“ anhört, hört man deutlich den 80er Jahre Einfluss. Ich glaube Musik wird sich immer im Kreis drehen, Tendenzen aus alten Generationen werden aufgenommen, aufgefrischt und neu dargestellt. Generell ist Musik ein sehr konservatives Medium, bei dem alle Dinge schon passiert sind (lacht). 

Also war alles schon mal da? 
Irgendwie schon ja. Musik ist wie Mode – man kann natürlich immer noch etwas dazu addieren oder etwas anderes leicht abändern, aber das Rad neu erfinden, wird schwierig. Es ist schon viel abgegrast worden (lacht). Allein die Beatles haben gefühlt schon alle Melodien rausgehauen und alle Facetten des Musikerlebens gelebt. Musik ist wie ein Wortschatz: Endlich!  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s