Philipp Grieß © UFA Show & Factual

Philipp Griess: Das ewige Eis ist weg, das existiert nicht mehr.

von Laura Bähr

Philipp, du hast dir mit der Dokumentation „Expedition Arktis“ kein geringeres Ziel gesetzt, als das Bewusstsein für die größte Herausforderung unserer Zeit, nämlich den Klimawandel zu stärken. Glaubst du dass ein Film das schaffen kann, was so vielen Experten und Wissenschaftlern nicht gelungen ist?
Philipp Griess: Gute Frage. Filmemacher neigen ja gerne zum Superlativ (lacht), bei dieser Expedition stimmt das im Hinblick auf Inhalt und Ambition aber auch. Ich habe das ja ganz am Anfang der Expedition gesagt, da weiß man auch immer nie, was am Ende überhaupt dabei herauskommt. Dass die Arktis ein großes Problem hat, wissen wir alle. Dass es allerdings schon so schlimm ist, war davor nicht in Zahlen benennbar. Ich hoffe, wir können mit dieser Dokumentation den kleinen Beitrag leisten, dass ein paar Menschen ihren Blick für diese Katastrophe wieder mehr schärfen. Wenn man sieht, was da passiert, ist es vielleicht nichts Abstraktes mehr, sondern greif- und erkennbar, vielleicht macht das was mit dem ein oder anderen. Vielleicht verstehen die Menschen dann, was uns da verloren geht. 

Würdest du nach deinem aktuellen Wissensstand denn sagen, dass wir den Vorgang überhaupt noch aufhalten können?
Ich glaube, dass man immer noch etwas tun kann und das sagen auch die verschiedenen wissenschaftlichen Modelle. Ich bin natürlich kein Wissenschaftler und kann dazu keine konkreten Zahlen liefern, aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich in den Ring zu schmeißen und zu kämpfen, solange man noch einen Hauch von Chance hat. Allerdings sollten wir das jetzt wirklich tun. Also eigentlich gestern, aber spätestens heute. Wir sind mit dem Polastern im Winter zum Nordpol gefahren und das Bild hatte wirklich etwas von einem Schweizer Käse. So stellt man sich den Nordpol nicht vor. Das ewige Eis ist weg, das existiert nicht mehr. Das hat mich extrem berührt. 

Kannst du in ein paar kurzes Sätzen beschreiben, wie sich dein Bild vor dieser Expedition von der Arktis und jetzt danach verändert hat?
Ich habe schon viele spannende Dokumentationen gedreht, aber diese hat mich berührt wie keine andere. Nach dieser Zeit ist mir erst bewusst geworden, wie viel wir diesem Planeten schon angetan haben. Das schlimme ist, eigentlich wissen wir das alle. Aber es so brutal vor Augen geführt zu bekommen, war schon heftig. Was mich total umgehauen hat, war diese beeindruckende Landschaft. Das ist nicht nur ein bisschen Schnee und Eis. Das ist ein faszinierendes Ökosystem, was man sich nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Ich war auch total fasziniert von der Bewegung im Eis. Man denkt, man kennt jede Eisscholle und zwei Tage später sieht es an der gleichen Stelle schon wieder ganz anders aus. Diese Landschaft verändert sich permanent und baut neue faszinierende Gebilde auf. Am Nordpol gibt es ein ganz besonderes Licht und das Eis hat ein eigenes Geräusch, sozusagen eine eigene Sprache, wenn man so will. Davor dachte ich immer, ich wäre eher so der Jungle-Typ, aber nach dieser Reise habe ich mich wirklich ein bisschen in das Eis verliebt. 

Als Regisseur und Producer kannst du dich auf so eine Expedition ja nicht wirklich vorbereiten, weil man ja gar nicht weiß, was einen genau erwartet. Wie geht man damit um?
Man versucht aus allem das Beste zu machen. Die Forscher, die mit an Bord waren, haben zehn Jahre damit verbracht, das Ding zu planen, nicht nur, weil sie das logistisch hinbekommen mussten, sondern auch, um über fünfhundert Forschungsvorhaben unter einen Nenner zu bringen, das hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich glaube die größte Herausforderung war es, ein tolles Team zusammenzustellen, die ein gewisses Feuer für die Sache mitbringen, Erfahrung haben, ein bisschen abgeklärt sind und zu denen die Forscher ein Vertrauensverhältnis herstellen konnten. Wir hatten an Bord nur zwei Plätze frei, das heißt es war wichtig in dieser Konstellation zurechtzukommen, auf spontane Situationen zu reagieren, Geschichten an Bord zu finden und umzusetzen. Da ich nur die erste Etappe vor Ort war, ist es auch wichtig, sich auf die Leute verlassen zu können, schließlich sind sie auf sich alleine gestellt. Man kann vielleicht einmal die Woche telefonieren und ein paar Mails schicken, aber das war es dann auch. Man ist Teil der Expedition aber irgendwie auch Beobachter, das ist nicht immer leicht. Auch in Sachen Equipment war es eine unsichere Sache, keiner wusste, ob die Technik bei diesen Temperaturen und Umständen durchhält und mal eben schnell eine Ersatzkamera kaufen geht nicht. 

© rbb/AWI/Esther Horvath

Gab es auf dem Schiff eine Situation, in der du als Regisseur oder als Teammitglied einfach nur an deine Grenzen gekommen bist, sei es körperlich oder auch psychisch?
Seine Grenzen schiebt man bei so einem Projekt kontinuierlich nach außen. Und ich muss auch gestehen, mir war nicht klar, wie weit außen so eine Grenze liegen kann (lacht). Was psychisch wirklich schwierig war, war Corona. Wie soll man seinen Kollegen via Telefon erklären, dass die Welt außerhalb ihres Schiffes gerade stillsteht, sich alles verzögert und auch nicht klar ist, wie alles aussieht, wenn sie von ihrem Abenteuer zurückkommen? Dieses Gefühl an bestimmten Situationen nichts ändern zu können, ist das schlimmste. Da muss man dann einfach vertrauen, dass sich schon alles irgendwie fügt. 

Hat der Corona-Virus euer Projekt beeinflusst?
Corona hat uns ganz schön zurückgeworfen. Wir sind gerade im Schnittprozess und eigentlich viel zu spät dran. So einen Schnitt in fünf Wochen hinzulegen, ist fast unmöglich. Mein Team und ich schlafen nicht mehr viel (lacht). Wir konnten ja nur alle drei Monate unser Filmmaterial vom Schiff wegtransportieren. Es gibt schließlich keine Internetverbindung dort und man kann auch keinen Kurier schicken. Und mal eben im Schnittraum vorschneiden, geht auch schlecht. Auf der anderen Seite hat man an Bord auch wirklich andere Probleme, als an den Schnitt zu denken. Immer wenn ein Eisbrecher am Schiff vorbeikam, haben wir wieder Drehmaterial bekommen. Wenn man sich das im Nachhinein überlegt, ist das sowieso ein Wunder, dass das alles so geklappt hat. Ein schwarzes Flightcase mit hunderten von Terrabyte wertvollster Daten, wenn die mal ins Wasser oder ins Eis gefallen wären (lacht). Jetzt haben wir 800 Stunden Filmmaterial. 

Ich stelle mir das schwierig vor, wenn du da an Bord bist und du dir der Wichtigkeit deiner Expedition bewusst bist. Kannst du dich da als Regisseur überhaupt noch von der Gewalt der Bilder flashen lassen?
Das war die letzten drei Monate der Kampf im Schnitt. Man stellt sich immer wieder die Frage, wie bekommt man die Balance zwischen Inhalt und Bildwelten hin? Vor allem, wenn der Inhalt teilweise extrem kleinteilig ist, da geht es um Bakterien, die in 200 Metern unter dem Eis leben und um Luftverwirbelungen auf verschiedenen Höhen. Das muss man alles zusammenbekommen. Man muss ins Kleine schauen und trotzdem das Große verstehen, das war unser visueller Ansatz. Schöne Bilder ohne Inhalt zeigen, hilft dem Film genauso wenig wie ein toller Inhalt, der die Leute nicht einfangen kann. Das war die größte Herausforderung des Teams, immer auf der Suche nach der tollsten Geschichte an Bord und natürlich der Angst, etwas Spannendes auf der anderen Seite zu verpassen. 

Ist dir die Quote deiner Filme wichtig oder wann bist du mit einem Film zufrieden? 
Meine Aufgabe ist es einem breiten Publikum Dinge zu zeigen, die es selbst nicht sehen kann. Es an Orte zuführen, die nicht so leicht zu bereisen sind. Es ist meine Pflicht, solche wichtigen Dinge für die breite Masse aufzubereiten. Für mich ist eine Dokumentation kein Kunstprojekt oder ein persönliches Hobby, sondern eine Pflicht gegenüber der Gesellschaft. Ich möchte die richtige Sprache finden, damit den Film so viele Menschen wie möglich sehen. Natürlich schafft man das nicht für alle, aber man muss es versuchen. Folglich ist die Quote im TV und die Klicks im Netz nicht unwichtig.

Wir hatten vor einiger Zeit ein Gespräch mit dem Regisseur Ilker Catak, der meinte zu uns „Film darf kein pädagogisches Instrument sein“. Das siehst du vermutlich anders, oder? 
Unser Film soll kein Belehrungsfilm sein und grundsätzlich würde ich dem Kollegen zustimmen. Wir sind kein pädagogisches Instrument, aber wir können unseren Blick auf Dinge lenken, wo andere nicht hinschauen können und können das komprimiert in einer Geschichte erzählen. Meiner Ansicht nach ist das auch unsere Pflicht. Wie der Einzelne das Gesehene dann wahrnimmt, was er daraus macht, das muss ihm überlassen bleiben. 

© rbb/AWI/Esther Horvath

Was würdest du denn sagen unterscheidet einen guten Dokumentarfilm von einem richtig Guten?
Dokumentarfilm ist immer gut! Dokumentarfilm ist besonders gut, wenn man Menschen zuschaut, wie sie ihren Job machen. Wenn man es schafft den Blick dieser Menschen auf die Welt einzufangen. Und richtig gut wird er, wenn er es schafft, Poesie und ein großes Publikum zu verbinden. Allerdings ist das selten der Fall. Und wenn er dann noch ein großes Thema anspricht, wow (lacht). 

Schaust du privat noch gerne Spielfilme?
Auf jeden Fall! Im weitesten Sinne sind Dokumentationen auch Spielformen. Am Ende des Tages arbeiten alle am Ende mit der Kamera. Die Strategien und Bilder die herauskommen sind vielleicht andere. Obwohl die Grenzen zwischen den Genres auch immer mehr verschwimmen. Das wichtigste an einer Dokumentation ist, dass sie authentisch bleiben muss, wahr bleiben muss, dann darf man manchmal eben nicht so dramatisieren wie die Fiktion es häufig tut, wodurch man natürlich Spannung verliert. Aber wenn es nicht so war, war es nicht so. Ansonsten können wir meiner Meinung nach viel voneinander lernen, sodass noch bessere Filme entstehen, da habe ich überhaupt keine Berührungsängste.

Geben wir in Deutschland zu viel für die falschen Filme aus? 
An diese Thematik will ich mich eigentlich gar nicht heranwagen. Aber man merkt natürlich an Klicks und Zahlen, welche Wertigkeit Dokumentationen für die breite Masse haben. Gegen Streamingdienste haben wir natürlich keine Chance. Dabei ist der Dokumentationsfilm ein essentieller Teil unserer Informationswelt. Und natürlich brauchen wir da Unterstützung, auch finanziell, um frei bleiben zu können. Es sind eben häufig die sperrigen, schweren Themen, die man sich vielleicht nach einem langen Arbeitstag nicht auf dem Sofa ansehen möchte, aber sie sind trotzdem genauso wichtig und um sie zu machen, braucht es Zeit und Geld. Meistens heißt es nach so einem Film dann auch immer, wow, zum Glück haben wir das gemacht (lacht). Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei der ARD und der UFA bedanken, für den Mut, dieses Projekt anzugehen. Schließlich wusste keiner was am Ende dabei herauskommt. Und ohne Mut gibt es fast keine Dokumentationen, da diese im Gegensatz zu anderen Filmprojekten schlecht planbar sind. Wir leben in einer Welt wo Gelder gerne an Planbarkeit gebunden sind.

Ihr wart an Bord ein Team aus internationalen Forschern, Filmern und Wissenschaftlern. Was würdest du sagen sind die Vor- und vielleicht auch die Nachteile von solch einem breit aufgestellten Team? 
Ein Team aus 20 Nationen mit Menschen verschiedenen Alters, mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshorizonten ist natürlich eine ganz schöne Herausforderung. Eine große WG auf einem Schiff (lacht). Es war nicht immer einfach, alle Interessen unter einen Nenner zu bekommen, aber man hält gemeinsam durch, weil mein eine Mission hat. Dann kommen russische Eisbrecher zu Hilfe und ganz unterschiedliche Nationen schicken ihren Support. Das finde ich immer toll und frage mich, wieso wir das bei anderen Themen dann nicht auch hinbekommen. Den anderen erst einmal nicht zu verstehen heißt ja nicht, dass man nicht zusammenarbeiten kann oder eine gemeinsame Lösung findet. 

Gibt es eine Sache, die du aus dieser Zeit in deinen Alltag mitgenommen hast?
Ja, die Sorge um unsere Welt. Die Erkenntnis, dass die Welt wie ich sie kenne, nicht mehr dieselbe sein wird, die mein Sohn kennenlernt. Wir haben immer noch die Möglichkeit, die Zukunft der Welt zu gestalten, allerdings sollten wir damit ganz schnell beginnen. Es ist alles sehr fragil, was wir tagtäglich so als gegeben hinnehmen. 

Gibt es einen Appell, den du der Gesellschaft mit auf den Weg geben möchtest? 
Schaut den Film und dann wird der hoffentlich Anlass geben, dass man diskutiert und spricht und sich engagiert. Das wäre ganz toll. Aber da soll der Film für sich sprechen.

TV-Tipp: ARD/rbb ARD THEMENWOCHE 2020 „#WIE LEBEN – BLEIBT ALLES ANDERS“, „Expedition Arktis“, am Montag, 16.11.20, um 20:15 Uhr im ERSTEN.

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