Luise Bähr
Luise Bähr © Bernhard Jasper – Titelbild oben © Thomas Renato Schumann

Luise Bähr: Es kommt beim Ehrgeiz auf die Dosis und die dahinter liegende Motivation an.

von Laura Bähr

Frau Bähr, Sie haben mal in einem Interview gesagt, „Sie entscheiden mittlerweile schneller, ob Sie eine Rolle annehmen oder nicht“. Warum?
Luise Bähr: Ich bin eine Frau mitten im Leben und weiß was ich will. Lebenserfahrung und Branchenkenntnis lassen einen schneller Entscheidungen treffen, doch mein wichtigster Berater ist nach wie vor mein Bauchgefühl. Als kleines Kind nahm ich bereits Ballett und Schauspielunterricht, war als Synchronsprecherin tätig und stieg nach dem Abitur direkt voll ins Berufsleben ein. 

Als so junger Berufsanfänger hatte ich noch nicht so eine klare Vorstellung davon, welche Möglichkeiten einem der Beruf bietet, zumal die Schauspielerei damals nicht zu meinem Berufswunsch gehörte. Es waren eher Zufälle – und hoffentlich auch Talent – die mich zu einem so frühen Karrierebeginn brachten. Zunächst haderte ich sogar mit der Entscheidung, studierte nebenbei Publizistik und Kommunikationswissenschaften, da mir eine akademische Laufbahn vorschwebte, bis ich mich schließlich für meine Leidenschaft entschied, die Schauspielerei. Heute weiß ich, dass es ein Geschenk ist, sein Hobby zum Beruf machen zu dürfen. Zum Glück habe ich auf meinen Bauch gehört. (lacht)

„Lebenserfahrung und Branchenkenntnis lassen einen schneller Entscheidungen treffen, doch mein wichtigster Berater ist nach wie vor mein Bauchgefühl.“

Außerdem sagten Sie, „Sie verfolgen Ihre Ziele nach wie vor zielstrebig, aber nicht um jeden Preis“. Kann zu viel Ehrgeiz gefährlich sein?
Luise Bähr: Es ist nie gut, übers Ziel hinauszuschießen. Eine gewisse Portion Ehrgeiz hat aber noch niemandem geschadet. Im Gegenteil, das Streben nach persönlichen Zielen halte ich für einen wunderbaren Motivator im Leben. Ich betrachte ihn als positive Eigenschaft, als wesentliches Element, um Höchstleistungen zu erbringen, erfolgreich zu sein und persönlich voranzukommen. Ich finde, es kommt beim Ehrgeiz aber auf die Dosis und die dahinter liegende Motivation an. Strebe ich aus Minderwertigkeitsgefühlen nach Anerkennung, schade ich letztendlich mir und anderen damit. Positiv motiviert, ist es für mich ein schöner Motor im Leben. 

„Eine gewisse Portion Ehrgeiz hat aber noch niemandem geschadet.“

Herrscht in der Schauspielerei durch die vielen Quereinsteiger und die neue Währung an Reichweite und Followern ein immer größerer Konkurrenzdruck?
Luise Bähr: Konkurrenz gab es schon immer und wird es immer geben und belebt ja bekanntlich das Geschäft. Meiner Meinung nach ist es aber verkehrt, Kollegen als Konkurrenten zu sehen. Für mich sind sie meine Mitspieler, Mitstreiter, Herausforderer, Vorbilder, Ratgeber und Wegbegleiter. Und wer wirklich Konkurrenz empfindet, sollte sich sein Gegenüber genauer ansehen, denn es ist einem wahrscheinlich ähnlicher als man denkt und hat eventuell sogar wahres Freundschaftspotential.

Meine Karriere begann zu einer Zeit, als das Smartphone noch nicht erfunden war. Ich habe meinen Beruf, auch wenn er in der Geisteshaltung eine Berufung ist, als Handwerk gelernt und mich über so lange Zeit in meinem Berufsfeld etabliert, dass ich mich  von medialen Reichweiten und Spielereien nicht unter Druck gesetzt fühle. Ich nutze das Medium zwar auch, bin mir aber bewusst, dass das reale Leben nicht auf Social Media stattfindet. Außerdem vermeide ich den ewigen Vergleich mit anderen. Er ist eigentlich so überflüssig und gleichzeitig präsenter denn je. Er führt so oft zu Neid, innerer Unruhe und geringer Selbstachtung. Das Gras ist auf der anderen Seite bekanntlich immer grüner…

„Meine Karriere begann zu einer Zeit, als das Smartphone noch nicht erfunden war.“

Viele nehmen die Corona-Zeit aktuell als Zeit wahr, in der man endlich mal den Fuß vom Gas nehmen kann. Können Sie das nachvollziehen?
Luise Bähr: Teilweise. Auch ich hatte das Glück, den Lockdown Anfang des Jahres als entschleunigte Zeit zu genießen. Uns plagten außer Gedanken um die Gesellschaft und die Welt, zum Glück keine Existenzängste und wir hatten endlich Familienzeit. Was bei zwei Menschen, die in der Filmbranche arbeiten, selten genug vorkommt und sonst immer erkämpft werden muss. Es war für Viele sicher auch die Chance, sich mehr auf das Wesentliche zurückzubesinnen und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Auch endlich einmal Langeweile in einem sonst so bewegten Leben aufkommen zu lassen, empfand ich als äußerst positiv. Gerade beim „an die Wand starren“, oder Abtauchen in der Badewanne, bei dem ich den Alltag hinter mir lasse, kommen mir immer die besten Ideen. Zeit und Raum für Gedanken erhöhen einfach das kreative Potential. Aber es bleibt auch vieles auf der Strecke. Telefonate oder Videochats, ein Brief oder Päckchen sind möglich, ersetzen aber nicht die Nähe, die bei einem nicht virtuellen Treffen entstehen kann. Ich wünsche mir in absehbarer Zeit keinen erneuten Stillstand, denn man sieht, dass dies auf Dauer gesellschaftlich zur emotionalen Vereinsamung und zur Radikalisierung führen kann. Zwischenmenschlichkeit ist für uns essenziell und dieser Verlust wird für viele zum Nährboden der Ängste. 

„Gerade beim „an die Wand starren“, oder Abtauchen in der Badewanne, bei dem ich den Alltag hinter mir lasse, kommen mir immer die besten Ideen.“

Was nehmen Sie für sich – beruflich und privat – aus den letzten schwierigen Monaten mit?
Luise Bähr: Eindeutig die Erkenntnis, dass der Mensch körperliche Nähe braucht. Meine Freunde und geliebten Menschen nicht umarmen zu können, gleicht mir einer Höchststrafe. Und es fehlt mir unglaublich in die Gesichter der Menschen schauen zu können. Beim Arbeiten, beim Einkaufen, auf der Straße. In den Menschen den Gemütszustand nicht lesen zu können, ihnen gebührend zu begegnen, führt unweigerlich zu einem Empathieverlust. Und gerade das Hineinversetzen in andere Gemüter macht meine Arbeit als Schauspielerin und die Begegnung mit Menschen ja aus. 

Wie hat sich die Arbeit am Set durch Corona verändert?
Luise Bähr: Natürlich gelten auch am Set strenge Hygieneauflagen, die es einzuhalten gilt. Mehrmals wöchentlich wurden wir getestet. Maskenpflicht, Abstandsregeln, aber das sind alles Äußerlichkeiten, an die man sich erstaunlich schnell gewöhnt hat. Spürbar war zwischendurch die allgemeine Sorge, ob die Dreharbeiten zu Ende gebracht werden können und zum Glück ist uns das bei „Die Bergretter“ gelungen. Sieben Neunzigminüter sind im Kasten. Und auch wenn keine gemeinsamen Zusammenkünfte, Bergfeste etc. möglich waren, hat uns die Zeit als Team auch noch mehr zusammengeschweißt.

„Meine Freunde und geliebten Menschen nicht umarmen zu können, gleicht mir einer Höchststrafe.“

Wir saßen schließlich alle im selben Boot. Bei den Bergrettern herrscht allgemein ein enormer Teamzusammenhalt. Wir drehen unter extremsten Bedingungen im Hochgebirge. Da sind Allüren und Alleingänge fehl am Platz. Jeder packt mit an und jedes gemeinsam erlebte Abenteuer, seien es extreme Temperaturen von bis zu minus zwanzig Grad, Schneestürme, Steilhänge, Höhenluft, Eiswasser oder Höhensonne, die es auszuhalten gilt, schweißt uns im wahrsten Sinne des Wortes zusammen.

Auch der kreative Bereich wurde beeinflusst. Szenen mussten pandemiebedingt umgeschrieben werden,  um die Hygiene-Auflagen einzuhalten. Kussszenen wird man in, in diesem Jahr produzierten Formaten zum Beispiel nur spärlich finden. Verbote beflügeln aber auch die Phantasie. Ein Kuss gehört zum Beispiel nicht zwangsweise zu einem liebevollen Abschied dazu. Es war eine schöne Herausforderung körperliche Nähe anders zu bebildern. Ich versuche einfach, jeder Situation etwas Positives abzugewinnen.

„Meine Freunde und geliebten Menschen nicht umarmen zu können, gleicht mir einer Höchststrafe.“

Viele Schauspieler, Künstler und Musiker haben sich in den letzten Monaten von der Politik im Stich gelassen gefühlt. Kunst und Kultur seien nicht systemrelevant… Was sagen Sie dazu?
Luise Bähr: Kunst und Kultur gehören zur Bildung, die ja bekanntlich ein Menschenrecht ist! Wenn es aufgrund der aktuellen Situation nicht möglich ist, sie auszuüben oder zu konsumieren, ist das vor allem für KünstlerInnen katastrophal, wenn für sie der Lebensunterhalt wegbricht. Wenn Bildung ein Menschenrecht ist, sind Kunst und Kultur dann nicht systemrelevant? In meinen Augen schon.

Vielen Menschen fällt es immer schwerer sich auf ausschließlich ein Medium zu konzentrieren. Filme und Fernsehen wird immer mehr zur Nebenbeschäftigung. Ist die Zeit der einnehmenden Geschichten vorbei?
Luise Bähr: Sicher muss man eingestehen, dass viele Menschen vermehrt parallel Medien konsumieren, und dadurch eher unaufmerksam zuschauen, anstatt die Medien zu genießen. Ich denke aber nicht, dass dadurch ein Verlust der einnehmenden Geschichten zu beobachten ist. Gerade wie man in den letzten Jahren sehen konnte, erfreuen sich komplexere Geschichten, horizontal erzählte Formte, immer größerer Beliebtheit.

Angefangen bei den Pay-TV-Sendern, dann über die Streaming Dienste, hat diese Erzählform auch heute das lineare Fernsehen erreicht. Und sind wir mal ehrlich, bei einer richtig guten Geschichte, kann man gar nicht wegschauen! Wir brauchen einfach gute Filmstoffe.

Ihre Rolle in „Die Bergretter“ beinhaltet auch viele Stunts und gefährliche Manöver in den Höhen. Sind Sie mittlerweile süchtig nach dem Adrenalin?
Luise Bähr: Süchtig nicht, aber ich liebe den Kick! (lacht) Ich teste gerne meine Grenzen aus, und genieße das Kribbeln, wenn ich sie ausreize. Ich kenne mich aber gut genug, um mein Können nicht zu überschätzen und würde mich nie ernsthaft freiwillig in Gefahr begeben. Ich mag einfach die Herausforderung, sie hält einen wach.

Ob im Sommer beim Klettern oder Kiten oder im Winter beim Snowboarden. Paragliding und Indoor Skydiving im Windkanal standen kürzlich auf dem Programm, als nächstes reizt mich definitiv ein Fallschirmsprung. Gäbe es ein Adrenalin-Gen, habe ich es definitiv weitervererbt. Ob auf der Piste oder der Sommerrodelbahn, meine Tochter ruft jetzt schon: „Schneller Mama, schneller!“ 

„Ich teste gerne meine Grenzen aus, und genieße das Kribbeln, wenn ich sie ausreize.“

Sie sind seit über 20 Jahren im Filmgeschäft und mit einem Kameramann liiert. Was bedeutet das Medium Film für Sie?
Luise Bähr: Film bedeutet für mich nicht nur, in einer der eindrucksvollsten, abwechslungsreichsten Branchen zu arbeiten. Immer wieder neue Charaktere zu ergründen, Geschichten an den unterschiedlichsten Orten dieser Welt spielen zu dürfen. Es bedeutet nicht nur, sich beim Anschauen in eine fremde Welt zu begeben. Sich so vom Alltag ein Stück weit zu entfernen, zu träumen, zu weinen, mitzufiebern und große Emotionen zu erleben.

Es bedeutet, auch weil mein Lebenspartner Kameramann ist, eine herausfordernde Koordination des Alltags. Keine festen, geregelten Arbeitszeiten, sich immerzu abzustimmen, nie etwas längerfristig planen zu können und für Inseln der Zweisamkeit, auch mal längeres Warten in Kauf zu nehmen. Es bedeutet ein spontanes, schwer planbares Leben, das einen selbst und auch sein Umfeld manchmal sehr fordern kann. Es ist eine Entscheidung, ein Abenteuer. Man muss es einfach lieben. 

Sie gehen von Zeit zu Zeit jagen. Wieso ist es Ihnen wichtig von der Lebensmittelindustrie unabhängig zu sein?
Luise Bähr: Bekanntlich schaden fast alle Lebensmittel, die im großen Stil produziert werden, dem Ökosystem. Ich versuche allgemein in meinem Konsumverhalten einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Auch wenn mir das nicht immer gelingt. Deshalb baue ich auf meiner Dachterrasse Gemüse an, kaufe größtenteils saisonal und lokal ein und habe meinen Fleischkonsum stark reduziert.

Gelegentlich begleite ich einen befreundeten Forstwirt auf der Jagd und stelle dann selber Wurst und Schinken her. Ansonsten beziehe ich das Fleisch direkt von einem Bauernhof meines Vertrauens. Mir ist wichtig zu wissen, was ich esse und woher es kommt. Ich versuche einfach sehr bewusst mit Lebensmitteln umzugehen. 

„Ich versuche allgemein in meinem Konsumverhalten einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen.“

Welche Rolle spielt Essen in deinem Leben?
Luise Bähr: Eine große! Ich bin eindeutig ein Genussmensch. Ich liebe es zu kochen und mit den unterschiedlichen Gerüchen, Geschmacksnoten und Konsistenzen zu experimentieren und mich durch die Geschmackswelten unterschiedlicher Länder zu kosten. Essen selbst bedeutet für mich darüber hinaus weit mehr als Nahrungsaufnahme. Es bietet mir den Rahmen zum Beisammensein, mit Familie, mit Freunden, um zu teilen und sich auszutauschen. Da wird erzählt, diskutiert, gelacht und manchmal auch gestritten, gelebt! Es ist für mich nicht nur Genuss, sondern eine zutiefst soziale Angelegenheit. Gutes Essen verbindet!

Aktuell scheint man als Antivegetarier und Antiveganer nicht mehr im Trend und wird auch häufig schräg angeschaut. Ihre Meinung dazu?
Luise Bähr: Ich folge da nicht einem Trend, sondern meiner Vernunft. Ich versuche mich ausgewogen zu ernähren, das heißt, dass bei mir tierische Produkte auf dem Tisch stehen, wenn auch nicht täglich. Dass ich eventuell für diese Einstellung schräg angeschaut werde, ist mir egal. Jeder nach seiner Façon.

Sie sagten mal in einem Interview, „Nächstenliebe macht das Leben lebenswert“. Haben Sie das Gefühl die Empathie und Nächstenliebe kommen in unserer Zeit aktuell zu kurz?
Luise Bähr: Absolut. Wären wir alle etwas selbstloser und würden mehr für andere eintreten, ohne Rücksicht auf soziale Stellung, Verdienst oder Herkunft und würden das Gebot „Du sollst deinen nächsten Lieben wie dich selbst“ etwas mehr beherzigen, lebten wir definitiv in einer anderen Welt als der heutigen. Die weltweit politische Emotionalisierung der Gesellschaft, die zu Populismus, der nicht auf Wahrheit und Respekt, sondern auf Gefühle setzt, führt, macht mir gerade allerdings etwas Angst.

Siehe Trump, oder den wachsenden Rechtspopulismus. Da hoffe ich stark, dass Gesellschaft und Politik sich doch mehr an rationalem Diskurs, gegenseitigem Respekt und Gerechtigkeitsprinzipien orientieren. Man muss aber nicht immer gleich die ganze Welt verändern. Manchmal reicht es auch schon im Kleinen anzufangen. Allein unwirschen Kommentaren im Alltag nicht mit Gegenwehr sondern Wohlwollen  zu begegnen, bewirkt schon etwas.

„Die weltweit politische Emotionalisierung der Gesellschaft, die zu Populismus, der nicht auf Wahrheit und Respekt, sondern auf Gefühle setzt, führt, macht mir gerade allerdings etwas Angst.“

Sie sind Mutter einer jungen Tochter. Welche Werte versuchen Sie Ihrem Kind mit auf den Weg zu geben?
Luise Bähr: Das frage ich mich fast täglich! Ich versuche einfach ein gutes Vorbild zu sein und mir nicht zu viel Druck zu machen, denn es ist ein Irrglaube, alles perfekt machen zu können. Bei uns wird eher gelobt als getadelt, motiviert und bestärkt, denn aus eigenem Antrieb gelingt einem vieles leichter. Ich versuche meine Tochter zu schützen, aber nicht zu sehr zu behüten, damit sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln kann.

Ich hoffe, dass sie eine gesunde Selbsteinschätzung bekommt, denn ich kann sie nicht vor allen Gefahren verstecken, sondern muss sie heranführen und dafür sensibilisieren. Meine eigenen Ängste versuche ich zu überwinden, um sie nicht weiterzugeben, denn Angst ist bekanntlich ein schlechter Berater. Heute Morgen habe ich beispielsweise, für mich todesmutig, mit gespielter Begeisterung ob ihrer Schönheit, eine Spinne, deren Größe mir nur außerhalb Europas bekannt war, aus dem Bad entfernt. Meine Tochter sagte dann nur: „Boa ist die groß, darf ich sie streicheln? Und Mama, die kann doch bei uns wohnen, draußen ist es doch viel zu kalt.“ Ach ja, das mit der Empathie hat wohl schon mal geklappt (lacht).

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