Autorin Nina Kunz
Nina Kunz © Bild 1: Yves Bachmann; Bild 2: Goran Basic

Nina Kunz: Die Vorstellung, dass man immer glücklich sein muss, finde ich total anstrengend. 

von Laura Bähr

Nina, du hast vor kurzem dein erstes Buch „Ich denke, ich denke zu viel“ rausgebracht, die erste Auflage war innerhalb weniger Tage ausverkauft. Glaubst du, du hast mit deinen Texten einen Zeitgeist getroffen? 
Nina Kunz: Wenn man ein Buch in die Welt schickt, hat man meistens keine Ahnung, was passiert. Ich bin wirklich überrascht und erstaunt, dass das Buch so gut ankommt – und das meine ich nicht kokettierend. Aufmerksamkeitsökonomien sind schliesslich immer unvorhersehbar. Was in meinem Fall aber sicher geholfen hat, war, dass viele Buchblogs auf Instagram positiv über das Buch geschrieben haben – und spätestens als die Autorin Nike van Dinther das Buch gepostet hat, brach eine Welle der Aufmerksamkeit los (lacht). 

Aber zur Frage mit dem Zeitgeist: In der Einleitung schreibe ich ja, dass ich mich sehr schwertue mit der Aussage, meine Texte stehen für einen Zeitgeist oder eine Generation. Meine Texte sind eine Einladung in meine Gedankenwelt. Nicht mehr, nicht weniger. 

Was wolltest du den Leser:innen mit deinen Geschichten vermitteln?                                     
Nina Kunz: Der Mechanismus war eher umgekehrt. Wenn ich beim Schreiben an mögliche Leser:innen denke, bekomme ich nämlich nichts aufs Blatt. Deshalb war es so, dass die Texte aus einer Dringlichkeit heraus entstanden sind. Die Themen, über die ich schreibe, haben sich mir aufgedrängt, sodass ich gar nicht anders konnte, als über sie nachzudenken. Es ist ein sehr persönliches Buch. Und die wohl wichtigste Erkenntnis, die ich beim Schreiben hatte, war, dass nicht ich ein Loser bin, weil ich Ängste habe, sondern, dass zig gesellschaftliche Strukturen – wie etwa der Leistungsdruck – alle meine Grundängste krass befördern.  

„Meine Texte sind eine Einladung in meine Gedankenwelt. Nicht mehr, nicht weniger.“

Schreiben scheint heutzutage etwas zu sein, was jeder kann und auch immer mehr tun. Fühlst du dich von dieser wachsenden „Konkurrenz“ unter Druck gesetzt? 
Nina Kunz: Nein. Schreiben ist etwas Wunderbares und je mehr Leute schreiben und ihre Gedanken und Geschichten in Worten festhalten, desto besser. Die Vorstellung, dass nur Genies schreiben können, fand ich eh schon immer problematisch, weil die Figur des Genies meist männlich geprägt war. Also: Der geniale Schreiberling, der an seinem massiven Holzschreibtisch sitzt und sein Werk aus sich selbst herausschöpft. Ich finde es toll, wenn diese Vorstellung langsam, aber sicher aufgebrochen wird und mehr Stimmen – natürlich auch durch die Möglichkeiten des Internets – Gehör finden. Mir würde nie in den Sinn kommen, da an Konkurrenz zu denken. 

Du sagst in deinem Buch, „man lernt heute im Studium zielgerichtetes Denken und nach dem Abschluss merkt man dann, dass dieses Denken nicht kompatibel mit der Welt da draußen ist“. Wie würdest du deine Studenten-Zeit im Nachhinein bewerten?
Nina Kunz: Im Geschichtsstudium an der Universität Zürich wird einem ein sehr spezifisches Denken beigebracht. Und ich erinnere mich an diese Zeit nach dem Abschluss, als ich plötzlich auf den Arbeitsmarkt geworfen war – und merkte, dass man in der Welt da draußen ganz andere Skills braucht (lacht).

„Die Vorstellung, dass nur Genies schreiben können, fand ich eh schon immer problematisch, weil die Figur des Genies meist männlich geprägt war.“

Das Studium, so würde ich sagen, ist eine sehr privilegierte Zeit, oder zumindest bei mir war es so, dass ich das Gefühl hatte, mich noch einige Jahre vor dem «Ernst des Lebens» drücken zu können. Eine große Umstellung war für mich dann auch, dass ich nach dem Studium nicht mehr bewertet wurde. An der Uni bekam ich ja ständig Noten, und wusste immer, wo ich stehe in diesem Ranking-System. Nach dem Abschluss wusste ich aber nicht mal, ob ich in die richtige Richtung laufe. Und noch als letzter Gedanke: Worüber ich wirklich dankbar bin, ist, dass ich während des Studiums gelernt habe, mehrere sich widersprechende Gedanken zu jonglieren. Das ist einmalig. Meine größte Erkenntnis aus dieser Zeit ist vermutlich: Es gibt keine einfachen Wahrheiten. 

„Meine größte Erkenntnis aus der Uni-Zeit: Es gibt keine einfachen Wahrheiten.“

Würdest du dich als privilegiert einstufen? 
Nina Kunz: Auf jeden Fall. Und das wird mir auch immer mehr bewusst. Ich bin zwar in nicht in reichen Familienverhältnissen aufgewachsen, meine Mutter war alleinerziehend, aber wir hatten viel kulturelles Kapital. Also: Bücher. Und zudem hatte ich in Zürich ein soziales und institutionelles Netz, das mich gefördert hat. Durch Stipendien, Alimente und Co. bin ich nie durch eine Lücke gefallen und wurde mir vieles ermöglicht. Dafür bin ich extrem dankbar. 

Du schreibst viel über dein persönliches Leben und deine Gemütszustände, bist folglich emotional auch immer involviert. Ist das Schreiben für dich auch ein bisschen Selbsttherapie und kann das auch gefährlich sein? 
Nina Kunz: Ich würde nicht sagen, dass das Schreiben für mich therapeutisch ist. Therapie ist für mich therapeutisch. Aber dies gesagt – natürlich hilft etwa das Tagebuchschreiben, um Gedanken zu ordnen. Zudem geht es in meinen Texten ja oft um diffuse Ängste wie Leistungsdruck oder die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Und, weil diese Unbehagen so schwer zu fassen sind, hilft es tatsächlich, sie in Worte zu packen. Sie wirken dann weniger bedrohlich und zahmer. Andererseits entwischen mir diese Gefühle auch immer wieder und jedes Mal, wenn ich denke, ok, jetzt habe ich die Angst in einem Text durchgekaut, verstanden und abgelegt, hinterfrage ich schon wieder alles. Es ist ein ewiger Prozess.

„Durch Stipendien, Alimente und Co. bin ich nie durch eine Lücke gefallen und wurde mir vieles ermöglicht.“

Wie gehst du mit Kritik an deinen Texten um?
Nina Kunz: Das kommt auf die Art der Kritik an. Wenn die Kritik konstruktiv ist, bin ich sehr dankbar dafür, schließlich ist die Prämisse meines Schreibens, dass ich mir selbst nicht über den Weg traue. Bei anderen Themen, wie beispielsweise dem Feminismus nehme ich gewisse Arten der Kritik lediglich in Kauf. Zum Beispiel erklären mir immer wieder Männer, inwiefern ich mich mit meinen Ideen zum Feminismus verrenne. Oder schreiben mir, das alles gehe «zu weit». Wenn das passiert, suche ich gerne das Gespräch, aber die Kritik verletzt mich nicht, weil ich mir viele Gedanken dazu gemacht habe und zu meiner Haltung stehe.

Die einzige Art von Kritik, bei der ich – ehrlich gesagt – noch nicht genau weiss, wie ich damit umgehen soll, ist, wenn jemand mir vorwirft, dass meine Probleme „Luxusprobleme“ sind. Denn ich finde. Im Grunde stimmt das. Natürlich gibt es wichtigere Themen als diffuses Unbehagen! Aber einerseits fühlen sich diese Ängste manchmal so bedrohlich an, dass ich einfach darüber schreiben muss. Und andererseits zeigen die Reaktionen auf meine Texte, dass ich mit diesen Gefühlen durchaus nicht alleine bin. Daher: Ich befinde mich ständig in diesem Widerspruch. 

„Wenn die Kritik konstruktiv ist, bin ich sehr dankbar dafür, schließlich ist die Prämisse meines Schreibens, dass ich mir selbst nicht über den Weg traue.“

Du hast mal in einem Interview gesagt: „Viel Aufmerksamkeit bedeutet nicht automatisch ein hohes Einkommen.“ Allgemein hat man heutzutage den Eindruck, dass in der Gesellschaft Kreativität immer etwas sein muss, womit man Geld verdient. Wünschst du dir manchmal einen Job, den man ausführen könnte, auch wenn man gerade nicht superkreativ ist? 
Nina Kunz: Jein. Wenn ich in meinem Arbeitsalltag bei einem Text anstoße, etwas verzweifle, und gerade nicht so den Mindset für das große Ganze habe, habe ich tatsächlich manchmal Gedanken, wie „es wäre schön, wenn ich einer Arbeit nachgehen könnte, bei der ich nicht immer kreativ sein muss“. Aber das ist nur in Krisenmomenten der Fall. Ansonsten finde ich es nach wie vor unglaublich, dass ich einer Arbeit nachgehen kann, die sinnstiftend ist und auch noch meine Miete bezahlt. Und auf der anderen Seite gibt es dann wiederum die Gefahr, dass ich mich mit meiner Arbeit überidentifiziere – im Buch verhandle ich dieses Phänomen mit dem Begriff „Workism“. 

„Wenn Kritik konstruktiv ist, bin ich sehr dankbar dafür, schließlich ist die Prämisse meines Schreibens, dass ich mir selbst nicht über den Weg traue.“

Du sprichst in deinem Buch ja immer wieder über den Begriff „Workism“ und dass sich die jungen Generationen von heute häufig in erster Linie über Ihre Arbeit definieren. Warum glaubst du ist das so? 
Nina Kunz: „Workism“ beschreibt das Phänomen, dass Arbeit keine Notwendigkeit mehr ist, sondern der Kern der eigenen Identität. Dazu muss man allerdings sagen, dass dieses Ideal zwar gesamtgesellschaftlich eine Relevanz hat, aber nur in einem spezifischen, sozialen Milieu umsetzbar ist. Schließlich gibt es nur wenige dieser Selbstverwirklichungsjobs. „Workism“ ist also ein kapitalistisches, exkludierendes Ideal. Ausserdem ist es so, dass Workism selbst für diejenigen, die dieses Ideal leben können, ambivalent ist. So ist es bei mir zum Beispiel so, dass ich keine Schreib-, sondern eine Lebenskrise habe, wenn ich im Job versage. Und das ist ein enormer Druck. Deshalb versuche ich mir immer wieder vor Augen zu führen, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, die wichtig sind. 

„“Workism“ beschreibt das Phänomen, dass Arbeit keine Notwendigkeit mehr ist, sondern der Kern der eigenen Identität.“

Die Schauspielerin Emilia Schüle meinte in einem Interview mit uns: „Die größte Aufgabe im Leben ist es, sich selbst zu genügen“. Genügst du dir selbst? 
Nina Kunz: Es gibt ein Zitat von Sibylle Berg, das besagt: „Jedes Buch ist ein gescheiterter Versuch“. Danach versuche ich zu leben (lacht). Man kann immer nur sein Bestes geben. Wenn ich weiß, ich habe für den Moment und mit den Ressourcen, die mir in diesem Moment zur Verfügung gestanden sind, das Beste rausgeholt, dann genüge ich mir. Aber ich pushe mich nicht mehr so ans Limit wie noch vor ein paar Jahren, weil ich einfach gemerkt habe, dass das keine langfristige Option ist. Und seit ich mich selbst nicht mehr so ernst nehme, fällt es mir auch viel leichter, mir selbst zu genügen.

Privat war es für mich in dieser Hinsicht sehr wichtig, in meinen 20ern mehrere Jahre Single zu sein. Früher dachte ich, dass ich nur genüge, wenn ich von außen Bestätigung bekomme. Etwa durch einen Partner. Aber, als ich dann Single war, musste ich mir dieses Gefühl plötzlich selbst geben. Und das war gar nicht so einfach. Ich fragte mich: Wie geht Selbstwertgefühl, das von innen kommt? Und naja, in diesen zwei Jahren hat sich in meinem Hirn irgendetwas verschoben – genau was, weiss ich immer noch nicht – aber seither fällt es mir viel leichter, mir selbst Halt zu geben. 

„Workism beschreibt das Phänomen, dass Arbeit keine Notwendigkeit mehr ist, sondern der Kern der eigenen Identität.“

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen, der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Würdest du sagen du hast dich selbst schon verwirklicht? 
Nina Kunz: Da muss ich an die Soziologin Eva Illouz denken, die das Konzept „des ewigen Aufblühens“ kritisiert. Dieses besagt, dass die positive Psychologie in den Neunzigerjahren die Vorstellung geschaffen hat, dass man als Individuum ständig an sich arbeiten und weiterkommen muss. Diese permanente Selbstoptimierung, sei es auf der Arbeit oder im Privaten, ist aber sehr anstrengend. Zudem frage ich mich: Was passiert bei diesem Fokus auf das Individuum mit Werten wie Solidarität und Gemeinschaftsgefühl?

Ich sehe das sehr kritisch – gleichzeitig erwische mich aber immer wieder dabei, wie ich denke, ich müsste jetzt „aufblühen“ und mich wieder voller Elan dem nächsten Projekt widmen. Ich war schon in der Schule und im Studium total von Leistungsimpulsen getrieben, wie guten Noten, oder Zeugnissen. Und auch nach der Uni, hetze ich von einem Praktikum ins nächste, fühlte mich wie in einem Hamsterrad. Seit nun etwa vier Jahren, seit ich die Kolumne schreibe, hat sich dieses Gefühl, mich immer beweisen zu müssen, etwas gelegt. Dafür sitze ich manchmal in meiner Küche, werkle an einem Text herum und denke: Okay, das ist jetzt also dieses Leben? (lacht). 

„Früher dachte ich, dass ich nur genüge, wenn ich von außen Bestätigung bekomme.“

Du schreibst in deinem Buch, dass dich die Absurdität, dass das Leben sowieso bald wieder vorbei ist, häufig verzweifeln lässt. Worin siehst du den Sinn des Lebens? 
Nina Kunz: Ich teile die Ansicht der Existenziellisten:innen, die sagen: Gerade, weil das Leben absurd ist, haben wir die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und das ist natürlich krass überfordernd und unheimlich, denn nach dieser Vorstellung zählt jede Tat, jede Entscheidung. Denn: Mit jeder Entscheidung definieren wir ein kleines bisschen, was es für uns heißt, ein Mensch zu sein.

Jean-Paul Sartre plädierte dafür, dass wir diese existenzielle Freiheit ernstnehmen und uns nicht ständig einreden, wir könnten heute nicht Verantwortung für unsere Taten übernehmen. Simone de Beauvoir hat ihn später zu Recht dafür kritisiert, dass die existenzielle Freiheit natürlich nicht für alle Menschen gleich einfach zu erreichen ist, aber vom Prinzip her finde ich diese Idee toll. Also, dass es der Sinn des Lebens ist, a) mit der Sinnlosigkeit des Lebens klarzukommen und b) sich immer wieder zu überlegen, was moralisches Handeln für einen selbst bedeutet. Diese Suche ist für mich sehr sinnstiftend. 

„Mit jeder Entscheidung definieren wir ein kleines bisschen, was es für uns heißt, ein Mensch zu sein.“

Du kritisierst im Buch den Satz, dass „Glück der Maßstab für ein gelungenes Leben ist“. Ist Glück eine Einstellungssache oder wird von äußeren Faktoren bestimmt? 
Nina Kunz: Die Vorstellung, dass man immer glücklich sein muss, finde ich total anstrengend. Natürlich wäre es toll, ständig glücklich zu sein, aber es deckt sich nicht mit meiner Lebenserfahrung (lacht). Ich wünschte, der generelle Narrativ über gelungene Lebensentwürfe wäre ein bisschen anders.

Es darf mal gut laufen, mal nicht so. Glück ist für mich persönlich etwas Unerwartetes, das ich nicht planen oder messen kann. Man läuft morgens zur Bushaltestelle und sieht drei Kinder, die gemeinsam in eine Pfütze springen und spürt plötzlich dieses Glück und dann ist es auch schon wieder weg. Ich freue mich total, wenn ich es im Alltag entdecke, aber die Vorstellung, dass Glück ein Lebensziel sein soll und ich dafür eine gewisse Art von Wohnung, Kleidung oder Freund:innen brauche, setzt mich viel zu sehr unter Druck. 

Kann und muss die Literatur deiner Ansicht nach bei der Lösung von aktuellen globalen und gesellschaftlichen Problemen helfen? 
Nina Kunz: Ich glaube, die Literatur kann einem aufzeigen, wie wenig man weiß und wie beschränkt die eigene Sicht auf die Welt ist. Zudem ist das Lesen eine Möglichkeit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Daher ist Literatur ein potentes Tool, um Mitgefühl und Empathie zu üben. Und diese beiden Eigenschaften sind bestimmt hilfreich, um die XXL-Probleme unserer Zeit anzugehen.

Zudem kann Literatur vielleicht helfen, um einzusehen, wie komplex diese Probleme sind – und wie wichtig es ist, nicht der Versuchung zu erliegen, einfache und populistische Lösungen zu bevorzugen. Gleichzeitig kann die Literatur wohl nur Impulse geben. Schlussendlich braucht es Verträge, Bewegungen, realpolitische Entscheidungen. 

1 Comment

Kommentar verfassen