Schauspielerin Anja Kling
Anja Kling © ZDF / Oliver Vaccaro

Anja Kling: Leute zum Lachen zu bringen, ist die große Kunst.

von Laura Bähr

Frau Kling, Ihre Mutter ist Ihre Agentin und wie Sie selbst sagen schärfste Kritikerin. Ist das auch manchmal schwierig, wenn man Privates und Berufliches vermischt? 
Anja Kling: Nein, daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt (lacht). Wir arbeiten schon so lange zusammen und können die beiden Bereiche darum ganz gut trennen. Wir können über Kuchenrezepte reden und in der nächsten Minute das neueste Drehbuch diskutieren. 

Sie sagten mal in einem Interview, Sie haben noch nie den großen Drang verspürt, im Rampenlicht zu stehen, wie viele andere Ihrer Kollegen. Kann man sich diesem Rampenlicht als Schauspieler in der heutigen Zeit von Social Media und Co. überhaupt noch ganz entziehen? 
Anja Kling: Nein. Mir ist auch klar, wenn ich spiele, spiele ich nicht nur für mich. Die Leute wollen heute viel mehr abgeholt werden und Hintergrundinfos bekommen. Und ich bin auch bereit, die Fans abzuholen, bin auf Instagram und zeige Eindrücke aus meinem Leben. Womit ich mich bis heute weniger befasst habe, ist der Auftritt auf der großen Bühne. Da fehlt mir einfach die Erfahrung. Für meine Schwester ist das beispielsweise das Schönste, wenn sie direkten Kontakt mit dem Publikum hat und in die 2000 Augen schauen kann, die an ihren Lippen hängen. Sie liebt das. Bei mir ist das ein bisschen anders. Mir reichen schon die 50 Leute am Set (lacht).

„Mir reichen schon die 50 Leute am Set.“

Als Person, die nicht mit den sozialen Medien und dem Internet aufgewachsen ist, verfluchen Sie die Digitalisierung und die damit einhergehende Selbstdarstellung an manchen Tagen auch? Haben sich die Anforderungen an Schauspieler:innen diesbezüglich gewandelt? 
Anja Kling: Ich empfinde es nicht als Zwang, auf den sozialen Medien unterwegs zu sein und kenn auch viele Schauspieler, die erfolgreich sind, ohne dass sie sich dort zeigen. Ich selbst bin auch nur auf Instagram, weil mir meine Kinder vor ein paar Jahren gezeigt haben, wie viele Fake-Accounts es von mir gibt, also fremde Menschen, die in meinem Namen Dinge posten und das auch noch mit Rechtschreibfehlern. Dem wollte ich ein Ende setzen. Ich mache das aber nicht, weil ich denke, ich brauche mehr Follower oder dass ich dadurch tollere Rollen bekomme. Inzwischen habe ich sogar richtig Spaß daran.

„Ich empfinde es nicht als Zwang, auf den sozialen Medien unterwegs zu sein.“

Sie sind dafür bekannt, alle Sparten des Films zu bedienen, man kennt sie aus Komödien genauso wie aus Liebesfilmen und Krimis. Kann das Medium Film Ihrer Meinung nach heute überhaupt noch Kunst sein oder geht es bei der Masse mittlerweile nur noch um Unterhaltung? 
Anja Kling: Beides. Der Film ist immer noch eine große Kunst, aber es gibt eben auch eine reine Unterhaltung. Beides hat seine Berechtigung und muss erhalten bleiben.

Sehen Sie sich selbst als Künstlerin?
Anja Kling: Auch, aber ich habe natürlich in 33 Jahren nicht nur kunstvolle Filme gedreht. Es gibt auch viele Filme, bei denen es um die blanke Unterhaltung ging und auf die bin ich genauso stolz. 

Woran machen Sie fest, auf welche Projekte Sie im Nachhinein besonders stolz sind?
Anja Kling: Wenn Filme mir besonders am Herzen liegen. Dazu braucht es keine Kritiken oder Quoten, ich mache das nur mit mir aus. Da ist so ein Film wie „Traumschiff Surprise“ ganz weit vorne. Leute zum Lachen zu bringen, ist die große Kunst. Menschen zum Weinen zu bringen ist viel einfacher. Worauf ich auch sehr stolz bin, ist der Film „Aus Haut und Knochen“, der das Tabuthema Magersucht thematisiert und „Wir sind das Volk“, ein Dreiteiler über die Wendezeit.

„Ich brauche keine Kritiken oder Quoten, ich mache mit mir selbst aus, wenn ich mit einem Film zufrieden bin.“

In Ihrem neuesten Einsatz als Ermittlerin „Das Quartett – Die Tote vom Balkon“ ermitteln Sie den Fall einer toten Medizin-Studentin. In einem Interview sagten Sie, dass das Besondere an dieser Krimiserie sei, dass hier ganz normale Menschen ermitteln. Ist es wichtig, sich in der sehr gut besetzten Krimilandschaft im deutschen Fernsehen von anderen Formaten zu unterscheiden?
Anja Kling: Ja, schließlich gibt es kein Land, das mehr Krimiformate hat als Deutschland. Und die haben offenbar auch ihre Berechtigung, schließlich stimmen die Quoten. Was uns im „Quartett“ besonders macht, ist, dass wir wirklich ein Team sind und uns super verstehen. In vielen anderen Formaten gibt es ja oft Hauen und Stechen und ganz viel Konkurrenz unter den Ermittlern. Mir gefällt sehr, dass das bei unserem Format anders ist und wir uns nicht profilieren müssen. Und wenn man sich dann noch privat versteht, macht die Arbeit auch doppelt so viel Spaß. Trotzdem gibt es in unseren Stoffen natürlich immer noch Luft nach oben, was unsere Figuren betrifft.

Sie selbst wollten als Kind Medizin studieren. Haben Sie es jemals bereut, der Schauspielerei verfallen zu sein?
Anja Kling: Bereut habe ich es nicht. Ich bin schon sehr glücklich mit meinem Beruf. Aber tatsächlich wollte ich sehr lange Medizin studieren und bin dann zur Schauspielerei wie die Jungfrau zum Kinde gekommen (lacht). Was ich bereue, ist, dass ich es aus Naivität und Unbedarftheit mit 19 nicht auf dem Schirm hatte, dass ich beides machen kann, ich dachte, ich muss mich entscheiden. Dass ich diese Chance nicht genutzt habe, macht mich bis heute etwas traurig. Ich hätte gerne einen Beruf ausgeübt, der den Menschen so viel Gutes bringt wie der des Arztes. 

„Ich hätte gerne einen Beruf ausgeübt, der den Menschen so viel Gutes bringt wie der des Arztes.“ 

Um Krankheiten zu besiegen?
Anja Kling: Ja, mich hätte tatsächlich die Forschung gereizt. Ich wäre so gerne die Bezwingerin des Krebses geworden. 

Ihre Schauspielkollegin Emilia Schüle sagte in einem Interview mit uns „Die Kunst ist es, sich selbst zu genügen“. Wie stehen Sie zu diesem Satz? Verspüren Sie öfter den Druck, allen und allem gerecht werden zu müssen?
Anja Kling: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es ist ganz wichtig, mit sich selbst im Reinen zu sein. Ich bin immer auf der Suche, besser zu werden und häufig zu kritisch mit mir selbst. Dann schlafe ich manche Nächte nicht, weil ich denke, ich habe alles falsch gemacht. Ich bin noch nie ans Set gekommen und dachte, ich liefere jetzt einfach ab. Für mich ist jeder Drehtag immer wieder aufregend und neu und ich bin jedes Mal aufs Neue aufgeregt, ob ich das auch alles so hinbekomme. 

Würden Sie sich denn als selbstbewussten Menschen einschätzen?
Anja Kling: Oft bin ich erstaunt, wie viel Selbstbewusstsein junge Schauspieler mitbringen, das hatte ich nie. Ich würde sagen, ich habe das nötige Selbstbewusstsein, um in meinem Beruf arbeiten zu können, aber ich bin nie zu 100 % von mir überzeugt. 

„Es ist ganz wichtig, mit sich selbst im Reinen zu sein.“

Hat man als Schauspieler überhaupt irgendwann mal frei? Nach einem Projekt scheint vor einem Projekt… 
Anja Kling: Ja. Das sieht ganz häufig nur so aus (lacht). Häufig fallen Ausstrahlungstermine auf eine bestimmte Zeit und es macht den Eindruck, als ob ich tausend Projekte parallel gespielt hätte. Dem ist aber nicht so. Manche Filme liegen einfach schon eine Weile zurück und ich habe durchaus Pausen dazwischen. Letztes Jahr habe ich bis Weihnachten gearbeitet und den kompletten Januar, Februar und März frei. Jetzt drehe ich wieder, aber auch mit ausreichend Pausen.

Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht für ein neues Filmprojekt vor der Kamera stehen?
Anja Kling:Ich mache eine Menge Sport. Seit meine Kinder Tennis spielen, spiele ich auch. Da ich erst mit Mitte 30 angefangen habe, werde ich wohl kein Profi mehr, aber es bereitet Freude und hält fit.  Außerdem habe ich einen großen Garten, in dem ich viel Zeit verbringe. Und ich versuche mich gerade im Drehbuchschreiben, ganz ohne Auftrag oder Druck. Ich mache das erst mal nur für mich. Vielleicht wird mal etwas daraus. 

„Ich staune oft, wie viel Selbstbewusstsein junge Schauspieler mitbringen, das hatte ich nie.“

Sie sind dafür bekannt, dass Sie sehr harmoniebedürftig sind und Neid und Missgunst Ihnen fremd sind, wie schaffen Sie das in einer Zeit, in der man gefühlt nur mit Egoismus weiterkommt? 
Anja Kling: Zu Beginn meiner Karriere haben viele gesagt, dass ich mit dieser Einstellung keinen Erfolg in dem Beruf haben werde. Ich wollte aber nie die Ellenbogen ausfahren und heute bin ich sehr stolz, dass ich es auch so geschafft habe. Meiner Meinung nach sollte man mit Personen immer so umgehen, wie man möchte, dass mit einem selbst umgegangen wird. Damit bin ich bisher immer gut gefahren.

Was braucht man, um ein guter Schauspieler zu sein?
Anja Kling: Das Wichtigste: authentisch zu sein. Sobald man anfängt, den Leuten was vorzuspielen oder in seiner Figur nicht authentisch ist, wird es meiner Ansicht nach schwer. Man braucht Geduld und den Mut, auch mal Nein sagen zu können. Und wenn man dann ein bisschen Glück hat und zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Regisseur den richtigen Film macht, kann das Türen öffnen.

„Das Wichtigste: authentisch zu sein.“

Sie gelten als hochtourig laufender Mensch und sagten mal selbst über sich Sie hätten gerne mal Langeweile. Wie haben Sie das letzte Jahr, in dem viele ja gezwungenermaßen etwas zur Ruhe kommen mussten, erlebt? 
Anja Kling: Viele Kollegen haben im Moment sehr zu kämpfen und zittern um ihre Existenz. Insofern traue ich mich nicht zu sagen, dass es für mich nicht gut gelaufen ist. Ich durfte arbeiten. Die Bedingungen waren schwieriger, aber es wurde gedreht. Mein ganzes Mitgefühl liegt bei denen, denen das nicht möglich war. Nichtsdestotrotz nimmt einen so eine Pandemie natürlich mit. Ich merke es bei mir, wie ich nachts nicht zur Ruhe komme und die Gedanken immer wieder zu kreisen beginnen. 

Haben Sie schon etwas gefunden, was dagegen hilft? 
Anja Kling: Ich schwöre auf Johanniskraut. Das ist rein pflanzlich und beruhigt. 

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