Zoe Moore © Stefan Klüter

Zoe Moore: Wir brauchen Charaktere, die alle Facetten der Gesellschaft abbilden.

Frau Moore, Sie stehen bereits seit Ihrem 4. Lebensjahr vor der Kamera. Inwiefern hat das Filmbusiness ihre Jugend und ihren Blick aufs Leben verändert?
Zoe Moore: Es ist schwierig, einen objektiven Blick auf den Einfluss des Filmbusiness auf mein Leben zu haben. Ich kenne es ja nicht anders, so aufzuwachsen war für mich „normal“. Trotzdem weiß ich, dass mein Aufwachsen nicht immer vergleichbar mit dem meiner damaligen Klassenkameraden war.

Ich habe früh angefangen, mein eigenes Geld zu verdienen und Verantwortung zu übernehmen. Ich konnte auf Augenhöhe mit Kolleg:innen und Teammitglieder:innen arbeiten und meiner kreativen Energie freien Lauf lassen. Diese Erfahrung so früh schon zu machen, sehe ich als Privileg und hat mir so schon in einem jungen Alter ein Gefühl von Selbstständigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein auf den Weg gegeben.

Wie schafft man es, Film für Film, die Leidenschaft für seine Passion zu erhalten und trotzdem im täglichen Business Geld damit zu verdienen?
Zoe Moore: Das ist tatsächlich ein Balanceakt. Spielen zu dürfen ist wunderschön. Es beginnt bereits mit den Bildern, die sich im Kopf formen, sobald man ein Drehbuch liest, welche sich dann im Zusammenspiel mit Kolleg:innen und Teammitglieder:innen in tatsächlich fassbares Material formen.

Das zu kombinieren mit der Realität, Geld verdienen zu wollen und eine Existenz aufzubauen ist nicht immer einfach. Manchmal ist das Wichtigste in diesem Beruf daher tatsächlich durchzuhalten, wenn es nicht optimal läuft. Projekte anzunehmen, die in erster Linie die Miete zahlen, ist Teil dieser Realität. Dies muss aber nicht bedeuten, dass man nicht in jeder Rolle etwas für sich finden kann. Es ist alles eine Frage der Perspektive – aber ja, es ist nicht immer einfach.

„Manchmal ist das Wichtigste in diesem Beruf daher tatsächlich durchzuhalten, wenn es nicht optimal läuft.“

Wann sind Sie mit einem Projekt zufrieden? Was möchten Sie mit Ihrem Spiel vor der Kamera erreichen?
Zoe Moore: Mein Ziel ist es, im Moment des Drehens vollkommen präsent und durchlässig zu sein. Ich möchte in der Szene wahrhaftig sein, damit sich die Wahrheit der Figur auch auf Zuschauer:innen übertragen und im besten Falle eine Identifikation mit meiner Figur stattfinden kann. Natürlich spielen auch die Drehbedingungen, bzw. der Drehprozess eine große Rolle in der nachträglichen Bewertung eines Projektes.

Wie war die Zusammenarbeit am Set, wie war die Kommunikation mit der Regie, den Kolleg:innen? Das alles fließt auch in meine Leistung vor der Kamera ein und beeinflusst meine Zufriedenheit mit dem Gesamtprojekt.

Die Schauspielbranche scheint aktuell sehr gesättigt. Sind Sie anfällig für Vergleiche im Business? Wie schützen Sie sich davor?
Zoe Moore: In Zeiten von Social Media sind Vergleiche unumgänglich, vor allem in dieser Branche. Es wäre naiv zu behaupten, frei davon zu sein. Ich persönlich kann damit mal besser, mal schlechter umgehen. Schützen kann ich mich, indem ich mich auf das Hier und Jetzt in meiner Umgebung konzentriere. So werde ich mir meiner Wertigkeit wieder bewusst und verliere mich nicht in Vergleichen, die zu nichts führen.

„Ich versuche mich auf das Hier und Jetzt in meiner Umgebung zu konzentrieren. So werde ich mir meiner Wertigkeit wieder bewusst und verliere mich nicht in Vergleichen, die zu nichts führen.“

Wie schafft man sich seinen Marktwert in der Branche? Was braucht man heute, um sich in die Elite der Schauspiel-Runde zu spielen?
Zoe Moore: Keine leichte Frage. Ich kann auch nicht behaupten, die Lösung hierfür zu kennen. Es ist vermutlich eine Mischung aus persönlichen Faktoren wie Talent, Ehrgeiz und Disziplin, aber äußere Faktoren, wie die richtigen Kontakte zu haben, ein gutes Team an seiner Seite und vor allem Glück dürfen nicht unterschätzt werden. Manchmal reicht es schon am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein.

Sie sind die Tochter eines bekannten Regisseurs, ist das Fluch oder Segen im Filmbusiness?
Zoe Moore: In meinem Fall sehe ich es als ein Geschenk, ich habe mit ihm schon öfters arbeiten dürfen und so früh gelernt, wie eine produktive Arbeit zwischen Regisseur:in und Schauspieler:in aussehen kann. Auch habe ich natürlich durch ihn viele Menschen aus der Branche kennen lernen dürfen und so früh Kontakte schließen können.

Ich versuche mich aber unabhängig von meinem Vater zu etablieren und eine eigene Plattform zu haben. Lustigerweise kennen mich viele Menschen aus der Branche noch aus der Zeit, als ich in die Windeln gemacht habe. Das kann auch ein guter Eisbrecher sein.

„Lustigerweise kennen mich viele Menschen aus der Branche noch aus der Zeit, als ich in die Windeln gemacht habe. Das kann auch ein guter Eisbrecher sein.“

Wir haben vor kurzem mit der Autorin Nina Kunz gesprochen, die in ihrem neusten Werk „Ich denke, ich denke zu viel“ den Begriff „Workism“ beschreibt, der das Phänomen erläutert, dass Arbeit heutzutage für viele, gerade in kreativen Berufen, keine Notwendigkeit mehr ist, sondern der Kern der eigenen Identität. Ist das bei Ihnen auch so? Wenn ja, macht Ihnen das manchmal auch Angst?
Zoe Moore: Unsere Arbeit dient schnell als Identifikationsgrundlage, da wir immer die Gesichter der Produkte sind, die entstehen. Das heißt, wir als Schauspieler:innen sind ja die direkte Assoziation zum Film. Letztendlich möchte ich meine Arbeit aber vor allem als das sehen, was sie ist – Arbeit. Eine gesunde Prise Pragmatismus und Distanz tut der Psyche gut, um auch mal abschalten zu können und nicht jede Arbeit als identitätsbildend anzusehen.

Sie entstammen einem Künstler-Clan. Empfinden oder empfanden Sie es auch manchmal als anstrengend kreativ sein müssen?
Zoe Moore: Interessante Frage! Diese Überlegung geistert tatsächlich immer wieder durch meinen Kopf, da ich nicht immer wusste, ob ich diesen Weg einschlagen will. Wenn man schon als Kind die Höhen und Tiefen dieser Branche erlebt, steht man dem Ganzen etwas zwiegespalten gegenüber. Ich habe für mich schon früh beschlossen, dass ich nicht um jeden Preis diesen Beruf machen muss und meine eigene Lebenszufriedenheit über das unbedingte Ausüben dieses Berufes stelle.

Es spielen einfach zu viele Faktoren hinein, die man nicht kontrollieren kann – sich davon abhängig zu machen, führt schnell zum Unglück. Mir hilft es, Kreativität in den kleinsten Hobbies und Aktivitäten zu finden und es von einer Leistungsassoziation zu befreien. Etwas zu backen kann genauso kreativ sein, wie die Ausarbeitung einer Filmrolle.

„Etwas zu backen kann genauso kreativ sein, wie die Ausarbeitung einer Filmrolle.“

Der Schauspieler Max von Thun sagte in einem Interview mit uns: „Kreativität muss nicht immer etwas sein, was man mit nach Hause nimmt und daran Geld verdient. Das ist ein Trugschluss der heutigen Gesellschaft.“ Wie stehen Sie dazu, dass jedes Hobby heutzutage zum Social-Media-Verkaufsprodukt zu werden scheint?
Zoe Moore: Genau das war auch mein vorheriger Punkt, dass Kreativität nicht monetär übersetzt werden muss, sondern in einem ganz eigenen Rahmen stattfinden kann. Es ist toll, dass es die Möglichkeit gibt, seine Hobbies auch zu Geld zu machen. Dass man es nicht so handhaben muss, ist aber auch ein ganz wichtiger Punkt.

Hobbies als solche zu erhalten ist meines Erachtens nach sehr wichtig für unsere persönliche Entfaltung und für die Erweiterung unseres Horizonts. Außerdem hat ein bisschen Narrenfreiheit im Ausprobieren neuer Hobbies nie geschadet. Die wird einem schnell genommen, sobald man ein Leistungsziel und ökonomisches Interesse damit verbindet.

Sie sind die neue Ermittlerin im Tatort an der Seite von Til Schweiger. Was halten Sie persönlich von der überfüllten Krimilandschaft im deutschen Fernsehen?
Zoe Moore: Die Affinität für Krimis zeigt sich weiterhin in den Zuschauerzahlen und darauf reagieren natürlich auch die Sender. Ich glaube aber, dass dieses Phänomen nicht unbedingt von dauerhafter Natur sein muss, unsere Sehgewohnheiten verändern sich ja auch mit der Zeit.

Krimi bleibt nicht immer Krimi, die Genres vermischen sich ja heutzutage glücklicherweise viel mehr, sodass es vielschichtiger und aufregender werden kann. Dafür gibt es bereits viele gute Beispiele aus dem amerikanischen und englischen Fernsehen, beispielsweise Broadchurch und True Detective. Aber ja, an Krimis mangelt es in der deutschen Filmlandschaft nicht.

„Krimi bleibt nicht immer Krimi, die Genres vermischen sich ja heutzutage glücklicherweise viel mehr, sodass es vielschichtiger und aufregender werden kann.“

Ist die Rolle des Kommissar:in ein Meilenstein im deutschen Schauspielweg?
Zoe Moore: Ich denke schon, ja. Zumindest hat es im klassischen Weg dazugehört. Für mich war es auf jeden Fall eine große Freude und Ehre, diesen Titel tragen zu dürfen. Man reiht sich da natürlich auch in eine Riege von Schauspieler:innen ein, die man selbst früher immer schon bewundert hat. Aber die Meilensteine im deutschen Schauspielweg haben sich in den letzten Jahren stark verändert, auch durch den Einfluss von Streamingplattformen. Inzwischen ist es genauso erstrebenswert, eine Rolle in einer Netflix Serie zu haben und so international arbeiten zu können. Das Nonplusultra bleibt für mich immer noch das Kino.

Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Ich finde es immer toll, wenn im Fernsehen nicht nur eine Männerriege präsentiert wird, die als die großen Macher alle zur Stecke bringt und die Frauen nur zugucken.“ Welches Frauenbild brauchen wir aktuell in der Gesellschaft?
Zoe Moore: Wenn ich mir den momentanen Stand anschaue, welche Frauenbilder gezeigt werden und diese dann von Zuschauer:innen als Normbild der Gesellschaft angenommen werden, ist noch viel zu tun. Ich würde behaupten, dass inzwischen eine größere Sensibilität bei den zuständigen Sendern, Produktionsfirmen, Regisseur:innen und Autor:innen eingetreten ist, aber viel zu häufig lese ich immer noch Drehbücher mit mehr als fragwürdigen Frauenrollen und Frauenbildern.

Wir brauchen Charaktere, die alle Facetten der Gesellschaft abbilden. Das bedeutet auch diverser zu werden und mutiger. Weg vom Klischee und aktiv Muster hinterfragen – so kommen wir vielleicht endlich zu dreidimensionalen Frauenfiguren, denen alle Türen aufstehen. Denn die Verantwortung unserer Branche darf nicht unterschätzt werden. Was wir in den Medien sehen, nehmen wir als Abgleich der Gesellschaft wahr – wieso also nicht Menschen, die als Frauen gelesen werden, in erstrebenswerten Positionen zeigen?

„Wir brauchen Charaktere, die alle Facetten der Gesellschaft abbilden.“

Man hat im Film- und Fernsehbusiness das Gefühl, dass Frauen nach wie vor bevormundet werden und es Männer in gewisser Weise leichter haben. Können Sie das bestätigen? Was gilt es dagegen zu tun?
Zoe Moore: Dieses Gefühl kann ich durchaus bestätigen. Zum Teil fühlt es sich immer noch an wie ein „Boys Club“, zu dem man nur begrenzt Einlass findet. Aber auch dies hat sich mit den Jahren verändert. Alte sexistische Strukturen werden nicht mehr einfach hingenommen und toleriert, sondern aktiv angeprangert.

Auch gibt es inzwischen viel mehr Frauen in führenden Personen, die viel aufrütteln und bewegen. Das gilt es zu unterstützen und zu fördern. In jedem Fall muss es eine gemeinschaftliche Anstrengung aller Geschlechter sein, da es im Interesse aller sein sollte, eine möglichst große Chancengleichheit zu erreichen.

Wie haben Sie als Künstlerin das letzte besondere Jahr wahrgenommen? Was haben Sie Neues über sich gelernt?
Zoe Moore: Ich kann das letzte Jahr mit keinem zuvor vergleichen. Etwas derartig Neues, Unkontrollierbares zu erleben war und ist ein Schock für das System. Ich glaube, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis wir die Nachwirkungen dieser Zeit verarbeitet haben. Trotz allem war dieses Jahr auch in positiver Hinsicht trotzdem sehr lehrreich für mich, ich habe viel in meinem Leben zum Besseren verändert und Prioritäten gesetzt, die vorher noch nicht so klar waren.

Ich bin mir aber auch sehr darüber bewusst, dass ich diese Krise aus einer ziemlich privilegierten Perspektive betrachten kann und nicht jede:r etwas Positives aus dem letzten Jahr mitnehmen konnte. Vor allem hat mich dieses Jahr gelehrt, wie wichtig der Zusammenhalt untereinander ist. Sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft, sollte die Kraft, die wir haben können, um Zustände nachhaltig zum Besseren zu verändern, nie unterschätzt werden.

„Ich habe viel in meinem Leben zum Besseren verändert und Prioritäten gesetzt, die vorher noch nicht so klar waren.“

Krisen zeigen, so heißt es, häufig auf, was schon länger falsch läuft. Was wünschen Sie sich für unsere Gesellschaft der Zukunft?
Zoe Moore: Das schließt an meine vorherige Antwort an, ich wünsche uns mehr Zusammenhalt und einen gerichteten Fokus auf die Dinge, die wichtig sind im Leben, um unsere Welt für unsere Nachkommen besser zu hinterlassen. Die aus dieser Krise resultierenden Erkenntnisse finden hoffentlich nachhaltig Gehör.

Wir wissen um die Dringlichkeit von Veränderungen, wir wissen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Die Klimakatastrophe beispielsweise, ist eine der wichtigsten Fragen dieser Zeit – ich wünsche mir, dass Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen gebührt und endlich die richtigen Prioritäten in Politik und Wirtschaft gesetzt werden.

Sendehinweis: „Inga Lindström – Der schönste Ort der Welt“ am 30.05. um 20:15 Uhr im ZDF

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