Uwe Ochsenknecht: Für die persönliche Weiterentwicklung sind Mitmenschen maßgeblich.

von Laura Bähr

Herr Ochsenknecht, Sie sind seit Jahrzehnten ein gefragter Schauspieler. Werden heute noch genauso gute Geschichten erzählt wie früher?
Uwe Ochsenknecht: Ja, auf jeden Fall. Das Gute an der heutigen Zeit ist ja, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, tolle Filme zu machen. Die Technik hat sich enorm gewandelt. Und die Auswahl ist heute natürlich immens, es gibt diverse Streaming-Dienste und Mediatheken etc. Aber grundsätzlich hat sich die Art des Geschichtenerzählens vermutlich nicht verändert. Es gab auch schon früher gute und schlechte Filme. Aber: Je verrückter die Welt wird, desto verrücktere Filme gibt es natürlich auch, die über diese Welt berichten. 

Sie gelten als Vollblutschauspieler. Wie sehr definieren Sie sich über Ihre Arbeit? Ist das Schauspiel Hauptteil Ihrer Identität?
Uwe Ochsenknecht: Auf jeden Fall einen Großteil. Ich bin ja mit der Schauspielerei aufgewachsen und auch ein Stück weit erwachsen geworden. Und bis heute bin ich auch sehr glücklich mit meiner Berufswahl. Mir macht es nach wie vor Spaß wie am ersten Tag. Meine Arbeit gleicht ein bisschen der eines Hochleistungssportlers, bei der der Sport oder bei mir das Schauspiel schon einen großen Teil des Lebens einnimmt. Und ich finde, das ist auch richtig so. Wenn man eine Sache gerne macht und diese auch gut machen will, dann muss man sich schließlich auch ausgiebig mit ihr befassen. Und das tue ich von ganzem Herzen. 

„Meine Arbeit gleicht ein bisschen der eines Hochleistungssportlers, bei der der Sport oder bei mir das Schauspiel schon einen großen Teil des Lebens einnimmt.“

Der Beruf des Schauspielers ist auch immer mit Nacktheit verbunden und der Bereitschaft, eigene Gefühle und Wahrheiten preiszugeben. Ist das Spielen vor der Kamera auch immer eine Art Therapie? 
Uwe Ochsenknecht: Ich war mit 18 Jahren auf einer sehr guten Schauspielschule in Bochum und dort wurde mir sehr früh klar gemacht, dass man vor der seelischen und psychischen Nacktheit vor der Kamera keine Scheu haben darf. Das ist Teil des Berufes, schließlich wollen wir Menschen in all ihren Facetten und Farben darstellen. Dann darf man sich auch nicht gegen Charaktere wehren, die in irgendeine Richtung krankhaft veranlagt sind. Das gehört alles dazu. Wenn man da Angst oder Scheu hat, das glaubhaft zu zeigen, da ist man in dem Beruf nicht richtig. Auf der anderen Seite darf man die Bühne oder Kamera nicht als therapeutische Couch ansehen. 

Außerdem sagten Sie „etwas zu finden, das einem ein Leben lang glücklich macht, macht einiges wieder gut.“ Wie schafft man es, diese Passion für den Beruf zu wahren, mit dem man jeden Tag sein Geld verdienen muss?
Uwe Ochsenknecht: Es ist ja an kreativen Berufen oft so, dass man wirklich noch jeden Tag Freude daran hat. Das ist in der breiten Bevölkerung ja leider nicht so verbreitet. Ich kenne so viele Menschen, die sich jeden Morgen ins Büro oder in die Fabrik quälen, um die Miete zu verdienen und die eigene Familie durchzubringen. Das hat mein Vater auch so gemacht und ich habe mir schon in ganz jungen Jahren geschworen, dass ich das so nicht möchte. So wollte ich mein Leben nicht leben. Ich wollte irgendetwas finden, was mir wirklich Spaß bereitet. Dass ich das nach so vielen Jahren noch machen darf und immer noch gefragt bin, da kommt natürlich eine große Portion Glück dazu und Talent sollte man natürlich auch mitbringen (lacht). Das ist natürlich ein großes Privileg, dessen bin ich mir auch bewusst und bin dafür jeden Tag dankbar und demütig. 

„Man darf die Bühne oder Kamera nicht als therapeutische Couch ansehen.“ 

Empfinden Sie es manchmal auch als anstrengend, immer kreativ zu sein und wünschen Sie sich Tage, wo man auch mal nur „abarbeiten“ können darf? 
Uwe Ochsenknecht: Es gibt ja auch immer mal Rollen, wo man sagt, na ja gut, das Drehbuch ist nicht das Gelbe vom Ei, aber die Rolle ist interessant und die Gage stimmt. Aber im Grunde ist es eher andersherum, dass, wenn ich nicht kreativ sein kann, dann leide ich. Ich brauche die Herausforderung, kreativ zu sein und in jedem Film vielleicht ein bisschen was Neues von mir zu finden. Ich werde davon nicht müde. 

Sie meinten vor einiger Zeit in einem Interview, dass der materielle Erfolg eine positive Nebenerscheinung ist, er aber für Ihr Lebensglück nicht wichtig ist. Welche Rolle spielt Geld in Ihrem Leben? 
Uwe Ochsenknecht: Ich bin Steinbock und wir sind dafür bekannt, dass wir gerne Geld haben und auch gut damit umgehen können. Da zähle ich mich dazu. Geld macht das Leben natürlich um einiges einfacher und macht das tägliche Handeln auch sicherer. Man hat einfach mehr Freiheiten. Man sollte sein Glück jedoch nicht am Geld festmachen. Das ist immer blöd, dass von einer Person wie mir zu hören, weil die meisten Menschen jetzt bestimmt denken, ja der hat gut reden, der hat ja Geld und Erfolg.

Das war aber nicht immer so. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen und habe mir im Laufe der letzten Jahrzehnte durch harte Arbeit alles erarbeitet, um da zu sein, wo ich jetzt bin. Die Arbeit macht mir zwar Spaß, aber es ist trotzdem irgendwo auch Arbeit, die auch anstrengend sein kann, das darf man auch nicht vergessen. Und die Belohnung in meinem Beruf ist eher, wenn mich Leute auf der Straße ansprechen und mit Tränen in den Augen sagen, wie sehr sie meine Rolle in einem bestimmten Film berührt hat. 

„Man sollte sein Glück nicht am Geld festmachen.“

In ihrer Autobiografie „Was bisher geschah„, gibt es eine Aussage ihrer Mutter, die über Sie und ihre Geschwister sagt: „Ihr wart eigentlich nicht geplant.“ Inwiefern hat dieses Gefühl Ihr Leben beeinflusst?
Uwe Ochsenknecht: Das habe ich erst erfahren, als ich ein bisschen älter war und hat mich natürlich in dem Moment aus der Bahn geworfen. Im Nachhinein erklärt es sehr viel aus meiner Kindheit, was auch ein tröstendes Gefühl ist, weil es jetzt einfach mehr Sinn macht. In meinem weiteren Leben wurde ich durch viele Glücksmomente beruflicher und privater Art dafür auch wieder entlohnt, deswegen habe ich mittlerweile damit meinen Frieden gemacht und bin nicht traurig über mein Schicksal. 

Mittlerweile sind Sie mehrfacher Opa. Welche Werte möchten Sie Ihren Enkelkindern auf den Weg geben? 
Uwe Ochsenknecht: Ich bin ja zum Glück nicht der Haupterziehende, das sollen schön die Eltern machen (lacht). Ich dränge mich da nicht in den Vordergrund. Aber grundsätzlich genau die Werte, die ich meinen Kindern vermittelt habe, dass es im Leben in erster Linie um Mitgefühl geht, um das Bewusstsein, das wir nicht alleine auf dem Planeten leben und eigentlich nur zu Besuch sind und dass wir zusammen immer stärker sind als einzelne Personen. Wir sind eine Gemeinschaft. 

„Wir leben nicht alleine auf dem Planeten und sind eigentlich nur zu Besuch.“

Sind sie froh nicht in der heutigen, modernen und leistungsorientierten Gesellschaft und Zeit geboren zu sein? 
Uwe Ochsenknecht: Ich glaube, für die Kids ist es heute schwieriger geworden groß, zu werden. Heute gibt es so viele Vorsorgemaßnahmen, so viele Pläne und Regeln. Wir haben früher so viele Dinge gemacht, wo Eltern heute vermutlich sagen würden, oh Gott, da stirbst du (lacht). Und trotzdem haben wir überlebt. 

Die Schauspielerin Emilia Schüle meinte in einem Interview mit uns: „Die größte Aufgabe im Leben ist es, sich selbst zu genügen“. Genügen Sie sich selbst? 
Uwe Ochsenknecht: Puh, eine schwierige Frage. Ich alleine auf einer einsamen Insel, nein danke, das wäre mir zu langweilig (lacht). Ich glaube, man wächst auch seelisch, psychisch, spirituell und physisch nur durch das Leben mit den anderen. Für die persönliche Weiterentwicklung sind die Mitmenschen meiner Ansicht nach maßgeblich, deswegen möchte ich mir alleine gar nie genügen. 

„Für die persönliche Weiterentwicklung sind Mitmenschen meiner Ansicht nach maßgeblich, deswegen möchte ich mir alleine gar nie genügen.“ 

In der neuen Staffel Charité spielen Sie den Gynäkologen Helmut Kraatz. In einem Interview zur Rolle sagten Sie: „Der Zusammenhang zwischen Körper und Seele wird total vernachlässigt. Macht uns heute häufig auch der Kopf krank? Oder anders gefragt: Ist das Leben im 21. Jahrhundert anstrengender geworden?
Uwe Ochsenknecht: Ich glaube schon. Weil es viel mehr von allem gibt. Man weiß ja mittlerweile, wenn man sich damit befasst, dass wir ja mehr von dem Unterbewusstsein regiert werden als vom Bewusstsein. Und genauso ist es, wenn man Nachrichten sieht. Da gibt es nur noch Negatives, nur noch Mord und Totschlag und das wird alles im Unterbewusstsein gespeichert. Das kann auf Dauer keinen guten Effekt haben. 

Der Schauspieler Jürgen Maurer sagte im Interview mit uns: „Ich verstehe nicht wie eine Gesellschaft, der es an nichts fehlt, so egoistisch sein kann.“ Warum sind wir heute so bequem und egoistisch geworden?
Uwe Ochsenknecht: Egoismus an sich ist ja nicht unbedingt negativ. Sondern häufig auch eine Haltung, um sich selbst zu schützen, wenn andere einem schaden wollen. Es gibt folglich eine gesunde Form des Egoismus, der keinem schadet, weder den anderen noch sich selbst. Den finde ich absolut in Ordnung. Dann gibt es noch den Egoismus, bei dem man über Leichen geht. Und für den habe ich überhaupt kein Verständnis und auch keine Erklärung. 

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