Lisa Eckhart © Paula Winkler

Kunst bedingt ein wenig Größenwahn, den man zelebrieren muss, das geht am besten alleine.

von Laura Bähr

Frau Eckhart, Sie könnten mit Ihren Maßen und Ihrer Figur auch als erfolgreiches Model arbeiten. Wäre das ein Beruf für Sie?
Lisa Eckhart: Nein, ich bin zu klein – mit meinen 1.73 m. Ich habe ja lange Zeit in Paris gelebt, wo es nur von Models und Agenturen wimmelte. Mir war das Ganze aber immer zuwider, letztlich immer nur als lebender Kleiderständer die Werke anderer zu bewerben. Aktmodell hätte mich interessiert. Da stellt man keine Werbefläche dar, sondern nur sich selbst.

Was halten Sie von dem Schönheitsmodell der heutigen Zeit? Sie sagten mal: als Frau ist man dazu verdammt, zu gefallen…
Habe ich das gesagt? Es ist Fluch und Segen. Ich möchte dieses Stigma des schönen Geschlechtes nicht aufgeben wollen. Ich glaube, das derzeit propagierte Schönheitsideal ist doch eher: „Jeder Körper ist schön.“ so wie „Alle Kunst ist gut.“ Man hat in der letzten Zeit versucht, die Schönheit zu demokratisieren, was nicht zur Zufriedenheit aller Menschen geführt hat, wie man sich das vorgestellt hat. Ich glaube schon, dass es objektive Kriterien gibt, was schön ist und was nicht. Die Frage ist, muss jede Frau schön sein? Ich glaube nicht. In dieser Aussage liegt ein viel strengerer Zwang zum schön sein als wenn man sagt – manche sind schön, manche sind es nicht, aber wen kümmert das?

Haben Sie das Gefühl, die Demokratisierung des Schönheitsideals hat funktioniert?
Wenn man den Statistiken was Depressionen unter jungen Frauen trauen darf, hat es nicht funktioniert … Natürlich haben wir jetzt auch in der Modebranche Plus Size Models und es wird hart darum gekämpft, dass Frauen mit allen Körperformen auf den Laufsteg dürfen. Aber meine Frage dazu: Möchte man das eigentlich? Man demokratisiert eine Berufsgruppe, bei der ich nicht verstehe, warum man überhaupt Teil davon sein will. Man bleibt seelenloser Webeträger. Und das dürfen jetzt auch etwas beleibtere Mädchen und scheinen sich über diese Errungenschaft nicht länger die Frage zu stellen, ob das ein wahnsinnig würdevoller Beruf ist.

Damit einher geht die aktuell große Beliebtheit des Berufs eines Influencers, der eigentlich nur die Werbefläche Anderer darstellt. Können Sie den Hype um diesen Beruf verstehen?
Nein. Und ich hoffe, dass ich mir dieses Unverständnis für immer bewahren kann. Was ich überhaupt nicht verstehen kann, sind diese jungen Mädchen, die vor der Kamera herumturnen, um Werbung für Make-Up zu machen. Dabei sollte Make-Up doch eigentlich Werbung für junge Mädchen machen. Diese eigentliche, ursprüngliche Zielgruppe – Männer, oder was sie eben bezirzen wollen, ist dabei völlig ausgeklammert. Es geht nur um das junge Mädchen, das andere junge Mädchen zum Konsum anstiftet. Das Spiel der Verführung geht dabei verloren.

Macht Ihnen das Angst? 
Angst ist vielleicht zu viel gesagt. Aber ich sorge mich immer um die Ästhetik.

Sie sagen von sich selbst auch: Sie interessieren sich für sich am wenigsten. Man hat das Gefühl, dass man Narzissmus heutzutage braucht, um in dieser Welt zu überleben. Sehen sie das anders?
Nein, das ist absolut korrekt. Wir versuchen stündlich, den Individualismus voranzutreiben. Man findet wenig Eingang in die Welt der Berühmtheiten, ohne eine gewisse Leidens- und Lebensgeschichte darzulegen. Und leider eben nicht über gute Kunst oder gute Gedanken oder fantastische Werke. Heutzutage vermarktet man vor allem sich selbst als das Produkt. Das kommt den Menschen nicht zugute. Und der Kunst im Übrigen auch nicht. 

Die Gesellschaft rühmt sich aktuell mit Diversität und Authentizität, was jedoch beim einzelnen Individuum zu fehlen scheint. Können Sie sich dieses Phänomen erklären?
Ich bin ja sehr skeptisch, was den Begriff der Authentizität betrifft. Niemand kann ihn wirklich definieren. Mir erscheint das aber als etwas nicht sonderlich Erstrebenswertes, weil es eher eine idealisierte Regression zu etwas völlig unbefleckten, einem fötalen Zustand darstellt. Man hat noch nichts gelernt, sich nichts angeeignet, sondern stellt das reine Selbst dar. Unser reines Selbst ist aber, ich sage mal kokett bestenfalls gewalttätig und abgründig, aber schlimmstenfalls ist es nur langweilig. Deshalb lege ich es jedem ans Herz, gefälligst eine Rolle zu spielen. Das bedeutet ja Zivilisiertheit – den anderen nicht mit dem reinen Selbst zu belästigen. Ich empfinde es auch als politisch gefährlich, wenn jeder angehalten ist, nur noch seinen eigenen Ich zu kramen und sich nicht mehr auf kollektive Probleme und einen Weltschmerz zu fokussieren. Das fördert die Entsolidarisierung, die ohnehin schon im Gange ist. Und deswegen meine ich, täte jedem gut daran, mal ein bisschen von sich abzusehen. Aber man kann das Kollektiv lang nicht so gut vermarkten, wie wenn man jeden auf die fruchtlose Suche nach sich selbst schickt. Das bedeutet einfach einen guten Umsatz. 

Es ist bekannt, dass Sie kein Freund des Internets und der sozialen Medien sind. Viele Künstler fühlen sich ja oft verpflichtet, über diesen Weg mit ihren Fans zu kommunizieren. Wieso Sie gar nicht?
Ich möchte den Fans dieses Medium nicht wegnehmen. Das ist sehr ungehörig, wenn Menschen wie ich, andere Künstler oder Politiker, die ohnehin schon sehr viel Raum oder Stimme in der analogen Welt einnehmen sich auch noch diese Gegenwelt zu eigen machen. Das Internet gehört dem Volk. Ein bisschen wie der Speakers Corner in London. Dort darf das Volk seinen Karneval spielen und so tun, als hätte es etwas zu sagen. Da möchte ich mich nicht einmischen. 

Sie haben sich während der Corona-Zeit rar gemacht und meinten, dass Sie davon ausgehen, dass die Leute so mehr an Sie gedacht hätten, als wenn Sie sich jeden Tag zu Wort gemeldet hätten –  sind Sie sicher, dass sich diese Rar-machen heutzutage noch funktioniert, wo jeder alles in den sozialen Medien preisgibt?
Stimmt, ich glaube nicht, dass diese Form der Aufmerksamkeitsökonomie ein Rarmachen noch so zulässt. Es war aber trotzdem anfangs meine Verpflichtung als Künstler, nicht wie viele Kollegen in einer Panik das Internet mit mittelmäßigen Werken von mir zu fluten. Das hat ja auch die Kultusminister dazu veranlasst zu sagen: Die Künstler brauchen ja keine Unterstützung. Schwierigkeiten sind eher förderlich, das hat noch immer gute Kunst erzeugt. Ich wollte diesen Irr-Glauben nicht züchten, dass diese missliche Lage unsere Kreativität beflügeln könnte. Ich hätte es als angemessen empfunden, wenn keiner irgendwas getan oder online gestellt hätte. So haben sich viele Künstler in pornographischer Nähe vor dem Zuschauer exponiert und auch da wieder eine Vereinzelung vorangetrieben. So will womöglich in Zukunft keiner mehr ins Theater oder zum Kabarett, es reicht ja ein PC zu Hause.

Haben Sie auch Angst, dass sich die Kunst diesbezüglich verändert?
Die ganze Corona-Zeit hat diesen Schritt sicherlich vorangetrieben. Wir wissen, dass wenn Menschen Kunst am Computer konsumieren, sie nicht nur das tun. In einem Theatersaal sind sie noch verpflichtet, ihre Aufmerksamkeit uns und nur uns allein zu schenken. Zuhause haben sie 5 Tabs gleichzeitig offen, hören mit einem halben Ohr hin und auch dann nicht bis zum Schluss. 

Dieter Nuhr sagte mal in einem Interview mit uns: „Kunst ist immer ein Angebot, nicht mehr und nicht weniger, und wer drauf eingehen will, bleibt jedem selbst überlassen.“ Wie würden Sie Ihr Angebot beschreiben?
Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben. Und es wäre auch schön, wenn es ein exklusives Angebot bleibt und einem nicht von allen Seiten aufgedrückt wird. Kunst darf meiner Meinung nach nicht zu einer ständigen Alltagserfahrung werden. Dann sind wir wieder bei dem Credo „jeder ist schön“, dann verflacht es sich zu einem einfachen Marketing-Trick, wenn wir alle Banalitäten ein bisschen mit Kunst verfeinern. Kunst muss ein abgeschlossener Raum bleiben, in dem sich die Menschen freiwillig bewegen. Mein Angebot ist sicher auch ein unverbindliches. Ich peitsche die Menschen nicht in meine Auftritte, auf diese Freiwilligkeit poche ich auch, weil es ja derzeit sehr viele Menschen gibt, die in ihrer Kritik den Anschein erwecken, dass ich irgendwie imperialistische Züge hätte, was meine Kunst betrifft und dass das ein politisches Programm wäre, dem sich jeder zu beugen hätte. Dem ist nicht so. Es ist in der Tat ein Angebot.

Haben Sie ein Ziel auf der Bühne? 
Ich würde jedem abraten, mit einem Ziel auf die Bühne zu gehen. Man wird sehr schnell zu einem Eiferer, und es erweckt schnell den Anschein von Propaganda, wenn man eine gewisse Botschaft „to go“ vorformuliert hat und genau weiß, was das Publikum im Anschluss denken oder wie es handeln sollte. Dann darf man sich eigentlich nicht mehr den Titel Künstler anstecken, wenn man so vorgeht. Ich habe keine vorgefertigte Idee dessen, was meine Texte in dem Zuschauer auslösen sollen. Es soll einfach irgendetwas in ihm auslösen, im besten Fall denkt er sogar darüber nach. 

Heißt das, auf der Bühne ist dann auch Zeit und Platz für spontane Geschichten oder ist ihre Präsentation schon vorgesteckt?
Meine ist sehr vorgesteckt. Ich bin beileibe kein Meister der Improvisation. Aber auch kein Freund, weil ich es immer als Betrug am Zuschauer empfinde, einfach rinnen zu lassen. In einem Roman lasse ich auch keine leeren Seiten, die der Leser ausfüllen darf. Ich finde, ich bin es ihm schuldig, dass er sieht, dass ich sehr wohl gearbeitet und mir Gedanken gemacht habe. Ich weiß, dass viele Zuschauer das sehr schätzen, wenn etwas Spontanes und Unerwartetes auf der Bühne passiert. Ich als Zuschauer bin davon immer weniger begeistert, ich sehe da eher einen Mangel an Arbeit und im schlimmsten Fall Faulheit…

Woran denken Sie kurz vor einem Auftritt?
Nicht viel. Da ist mein Kopf immer auf Durchzug geschaltet. Das ist aber immer so, wenn ich nicht gerade schreibe oder auftrete. Beim Auftritt selbst geht mir nichts durch den Kopf. Man spielt einfach. Man merkt, dass man schlecht wird, wenn man beginnt, darüber nachzudenken. Im besten Fall ist man von einem fast ohnmächtigen Schwindel beseelt, der einfach nur spielt, aber nicht denkt. 

Sie haben mit Poetry Slam angefangen, bevor Sie mit Kabarett gestartet haben. Was ist der Unterschied zwischen diesen Ausdrucksformen und fehlt Ihnen der „Poetry Slam“ manchmal?
Er fehlt mir nicht. Als ich Slam betrieben habe, waren die Gewinner meistens jene, welche lustige Texte hatten, was die melancholischen Lyriker zur Weißglut getrieben hat, heute hat sich das scheinbar umgekehrt. Heute haben die Lustigen nichts mehr zu sagen, weil man Sie als vulgäre, seichte Gemüter oder sogar als schlechte Menschen ansieht. Heute wird jegliche Form des Humors gern als Schadenfreude missinterpretiert. 

Sie sagen von sich selbst, sie sind kein Teamplayer. Warum?
Ich glaube es ist grundsätzlich schwierig in dieser Branche ein Teamplayer zu sein, was ich aber überhaupt nicht als Vorwurf meine. Kunst bedingt ein wenig Größenwahn, den man zelebrieren muss, das geht am besten alleine.

Man liest aus diversen Interviews mit Ihnen, dass Schlaf und Arbeit tatsächlich Ihr Leben zu bestimmen scheinen. Was machen Sie dazwischen?
Essen. Essen bestimmt auch mein Leben. Ich habe eine große Begeisterung für das Kulinarische. Ich suche immer nach neuen Rezepten oder Restaurants, wo ich gerne hingehen würde. Essen, Schlafen und Arbeiten – mehr gibt es für mich nicht.

Hobbys brauchen Sie nicht?
Nein. Ich bin zu eitel für jeder Form des Dilettantismus. Ich habe es mit der Musik versucht, aber zu wissen, dass ich es nie schaffen werde, dass ich keinerlei Taktgefühl besitze und ich nie brillieren werde, hat mich abgeschreckt. Da habe ich es lieber gelassen.  

Im August kam Ihr erstes Buch auf den Markt, weitere sind in Planung. Was gibt Ihnen der Prozess des Schreibens, ist das eher eine Erfüllung oder Art Kampf?
Beides. Das eine schließt das andere nicht aus. Natürlich ist es ein Kampf, der Schweiß und Tränen mit sich bringt. Und gleichzeitig ist es die größte Erfüllung. Der Prozess des Bücherschreibens gibt mir die Möglichkeit, mich völlig auszublenden. Wenn ich es schaffe, zwei Monate am Stück zu schreiben, existiere ich selbst so gut wie nicht mehr. Meine Umwelt merkt das, weil ich aufhöre, mich zu waschen, meine Kleidung zu wechseln. Mein Körper spielt keine Rolle mehr, es wird alles transzendiert in Schrift und Sprache, das ist wahre „Selbstentwirklichung“. Und das ist für mich Kunst. 

Der Autor Phillip Weiß hat in einem Interview mit uns gesagt: „Veränderung erreicht man nicht nur durch Wissen, sondern eben auch in erster Linie durch Emotionen, also Literatur schlägt Politik.“ Sehen Sie das genauso? 
Natürlich, aber ist das zwangsläufig gut? Dem ersten Teil des Satzes hätte Goebbels auch mit größter Freude zugestimmt. Und das ist auch nichts anderes, was Populisten heute machen. Sie operieren mit Emotionen, nicht mit Wissen. Wissen gerät zunehmend in Verruf und durch die digitale Archivierung ebenso in Vergessenheit. Und „Literatur bzw. Kunst schlägt Politik“ finde ich etwas befremdlich. Das sollte doch kein endlicher Kampf sein, bei dem einer siegreich vom Platz geht und den anderen ausbluten lässt. Eine Philosophenherrschaft, wie Sie Platon sich erträumt hat, ja! Aber Literatenherrschaft? Das kann doch wirklich keiner wollen.

Sie haben in diesem Jahr einen Shitstorm um Ihre Person erlebt und sagten danach, dass Sie Kritik nur noch von oben ernst nehmen. Ist das nicht zu einseitig?
Ich finde es erstaunlich, dass so eine Form von Zensur nicht von oben durch einen Monarchen oder ein diktatorisches Regime verübt wird, sondern von diesem Moloch, der die sozialen Medien sind. Das ist befremdlich, wo sich ein Volk doch freuen sollte, dass man eine Freiheit genießt und nicht von oben eingeschränkt wird. Aber bekanntlich überlebt der Mensch den Tag seiner Befreiung keine 24 Stunden. In der Zeit der sozialen Medien ist der Aktionismus ein billiger Spaß, es muss ja niemand auf die Straße gehen. Ein Klick, eine Beleidung, schnell geschrieben. Es wäre verkehrt, sich als Künstler in so etwas zu sehr hineinzusteigern, denn das tun die Menschen, die solche Kritik verbreiten, auch nicht. Menschen, die derart geifern, die verschicken am Tag 15 Bekundungen, wen sie gerne verboten hätte. Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen. 

Würden Sie sagen, dass das Internet immer mehr zur Gefahr für die Kunst wird?
Ja. Ich würde sagen, dass das Internet zu einer Gefahr für alles wird. Ich weiß, ich klinge immer wie eine 100-jährige, wenn ich das sage. Ich werde das Internet auch nicht im Alleingang abschaffen können, was auch nicht erstrebenswert ist. Gleichwohl schadet es auch nicht, wenn ein paar Skeptiker diesen Prozess verlangsamen. Es gibt genügend unreflektierte Adepten der Digitalisierung, da spiele ich zur Not auch gerne den fundamentalistischen Mahner und sage: Facebook, Twitter, Instagramm: Accounts löschen! Sofort, unverzüglich!  

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