Philipp Weiss © Helmut Lackinger

Unser Wirtschaftssystem und unser Ökosystem befinden sich im Krieg.

von Laura Bähr

Philipp, ist der Mensch für dich der Gipfel der Schöpfung?
Philipp Weiss: Die menschliche Hybris, sich für überlegen zu halten, hat über Jahrhunderte großen Schaden angerichtet. Diese alte christliche Überzeugung übersetzt sich durch die wissenschaftliche Revolution im 17. Jahrhundert in ein Weltbild, das Natur als seelenlose Ansammlung von Atomen begreift und es sozial akzeptabel macht, eine gottgegebene Dominanz über alles Leben auszuüben. Spätestens durch die radikal invasiven Praktiken seit der Industriellen Revolution wird das zum richtigen Problem. In meinem letzten Theaterstück, „Der letzte Mensch“, schlage ich ein anderes Natur- und Menschenbild vor: der Mensch nicht als Krone der Schöpfung, sondern als eine Stimme von hundert Millionen verflochtener und verwandter Spezies auf einem symbiotischen Planeten. Die Erde, so verstehen wir heute mehr und mehr, ist nicht ewige Ressource und Depot für unseren Zivilisationsmüll, sondern ein lebendiges Netzwerk, dessen Teil wir sind.

Dein Debüt-Roman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ beschäftigt sich mit der Rolle des Menschen auf Erden. Was war das Ziel deines Buches? Was möchtest du den Lesern mit deiner Geschichte vermitteln?
Zunächst einmal handelt es sich bei dem Roman nicht um eine, vielmehr um mindestens fünf Geschichten. Er besteht aus fünf Bänden in einem Schuber, jeder Band erzählt aus einer anderen Perspektive, in einem anderen Stil, in einer anderen Form: eine Enzyklopädie, eine Erzählung, philosophische Notizhefte, Audiotranskriptionen und ein japanischer Manga. Die Bände haben keine festgelegte Reihenfolge, aber bilden zusammen ein dichtes Geflecht der Geschichten: vom Frankreich und Japan des 19. Jahrhunderts bis zur Reaktorkatastrophe von Fukushima im 21. Jahrhundert. Sie erzählen zusammen, wenn man so will, eine Geschichte des Anthropozäns, in der der Mensch nicht etwa seine Macht entfaltet, sondern vielmehr seine Ohnmacht, seinen Kontrollverlust erlebt.  

Du hast in deinem Werk die Geschichte des Menschen, zwischen Natur und Technik behandelt. Welche Erkenntnis hat dich bei deiner Recherche nachhaltig geprägt? 
Die Erkenntnis, dass das prometheische Projekt der Naturbeherrschung scheitern muss. In Platons Dialog Protagoras gibt es eine aufschlussreiche Geschichte. Zeus beauftragt Epimetheus, die Geschöpfe der Erde mit Eigenschaften auszustatten. Den einen gibt er Kraft, den anderen Schnelligkeit, wieder anderen einen dicken Panzer oder tödliche Krallen. Nur ein Geschöpf vergisst Epimetheus. Es ist der Mensch. Er ist das nackte Geschöpf ohne Eigenschaften. Also stiehlt Prometheus das Feuer und die Weisheit und bringt sie den Menschen. Das Feuer ist die erste Technologie. Der Mensch denkt sich seither aus der Klemme. Er versucht die Natur zu beherrschen und sich gegen deren Gewalt und Willkür technisch aufzurüsten. Aber die Ohnmacht kehrt dialektisch wieder. Immer raffinierte technische Mittel hat der Mensch ersonnen, um zu kontrollieren, bis die von ihm geschaffene technische, zweite Natur selbst unbeherrschbar wurde. 

Die Technik nimmt natürlich auch Einfluss auf die Literatur. Schreibst du anders, seitdem du weißt, dass die meisten Menschen ihre Bücher auf Bildschirmen und E-Book-Readern lesen? 
Vielleicht indirekt, ja. Mein Roman, der „Weltenrand“, ist, wenn man so will, ein Gegenentwurf zur Entmaterialisierung. Er ist, gerade in seiner bibliophilen, aufwendigen Gestaltung, eine Feier des alten Mediums Buch, beinahe ein erotisches Objekt. Man kann das nicht virtualisieren. Man muss es anfassen, darin blättern, entdecken. Zugleich ist die Netzwerkstruktur des Erzählens natürlich der Idee des Internets sehr nahe.  

Dein Werk wurde als bestes deutschsprachiges Debüt 2018 ausgezeichnet. Worin bestätigt dich so eine Auszeichnung?
Darin, Wagnisse einzugehen, nicht klein und konventionell zu denken und meinen Impulsen, auch wenn sie zunächst irrwitzig erscheinen, zu vertrauen. Auf die Gefahr hin, dass sie scheitern, dass sie nirgendwo hin führen oder dass das Ergebnis von LeserInnen, Verlagen oder dem Feuilleton abgelehnt wird. Zum Teil wurde ich ja auch von der Kritik ordentlich geprügelt. Es gab einige namhafte KritikerInnen, die meinten: „So etwas darf man nicht. Das ist vermessen.“ Oder: „Das ist gescheitert.“ Damit muss man dann leben. 

Du hast sechs Jahre an deinem ersten Roman geschrieben. In der heutigen schnelllebigen Zeit eine Ewigkeit. Fühlst du dich von dieser Schnelllebigkeit unter Druck gesetzt? Oder muss Literatur „lange dauern“?
Wir haben diese alte Tugend der Langsamkeit heute verloren. Gerade komme ich zurück von einer Recherchereise aus Südamerika. Das erste Mal habe ich auch für eine Zeitung geschrieben, um die Reise zu finanzieren. Eine interessante Erfahrung. Für die Redaktion muss ich, so glaube ich, wie ein schrulliger, aber vielleicht beneidenswerter Sonderling gewirkt haben: jemand, der nicht ein paar Stunden, auch nicht ein paar Tage an einem Artikel schreibt, sondern über viele Wochen, der sich Zeit nimmt, um Erlebtes zu verarbeiten, zu kondensieren, Gedanken zu verknüpfen, der jeden Satz, jedes Wort abwägt und sich dann tief gekränkt beschwert, wenn das Korrektorat kurz vor dem Druck ungefragt etwas an dem über Wochen Gereiftem ändert. Für einen Roman gilt das umso mehr. Sechs Jahre an einem Buch zu arbeiten, das schafft Raum für das Denken und die Sprache. 

Für deine Buch-Projekte und die damit verbundene Recherche, die Reisen, braucht es vermutlich totale soziale Isolation. Keine Zeit für Familie oder Freunde. Ist es das Autor-Sein Wert auf all das zu verzichten?
Das Schreiben okkupiert mich. Es lässt mich als Mensch zeitweise völlig verschwinden und zugleich auf paradoxe Weise erst erscheinen. Die Texte sind wie Teile meines Körpers mit dem, was man „Ich“ nennt, verwachsen. Für mein Umfeld ist das natürlich nicht immer leicht. Meine sozialen Kontakte beschränken sich in manchen Perioden auf wenige nahe Menschen. In anderen Perioden, etwa auf meinen Reisen, öffne ich mich und erlebe Wochen und Monate voller Begegnungen. Das Schreiben ist ja ein anhaltendes, langsames Gespräch mit der Welt. Es ist immer schon dialogisch und darum isoliert es mich nicht. Im Gegenteil, es erlaubt mir, immer wach und neugierig zu bleiben. Zugleich erlaubt es mir, mich immer wieder schreibend zu verwandeln: in Kinder, in Greise, in Frauen, in Menschen aus anderen Weltgegenden oder Zeiten, in fantastische Kreaturen oder in die Sprache selbst. Das macht mich glücklich. 

Wie darf man sich so einen exzessiven Schreibprozess nach deinen Recherche-Reisen vorstellen? 
Um zu schreiben, ziehe ich mich aus der Stadt zurück. Meine Familie hat ein Haus außerhalb Wiens, nahe am Wald, dort habe ich mir eine Arbeitswohnung eingerichtet. Wenn ich dort bin, arbeite ich von früh bis spät. Ich stehe morgens auf und beginne, unterbreche nur, um zu kochen und zu essen, nachmittags gehe ich im Wald laufen, und selbst in den Nächten hört die Arbeit oft nicht auf. Ich schlafe unruhig, wache immer wieder auf, spreche Ideen in mein Diktiergerät, die ich dann am nächsten Morgen auswerte. Oft habe ich die besten Gedanken im Halbschlaf oder während des Laufens im Wald.  

Kann und muss die Literatur bei der Lösung von aktuellen globalen Problemen helfen?
Ich weiß nicht, was die Literatur muss, aber ich weiß, was sie vermag. Sie spricht uns frei vom Gegebenen. Sie kann die Imagination des Auswegs in der Ausweglosigkeit sein. In der Sprache kann man nicht nur das fassen, was ist, sondern auch das, was sein könnte. Die Fiktion ist also gleichsam eine empathische Simulationsmaschine. Man kann durch sie die Erfahrung einer anderen Welt, eines anderen Lebens machen. Diese Öffnung brauchen wir heute mehr denn je. Wir sind invertierte Utopisten. Denn während der Utopist mehr vorstellen als er herstellen kann, können wir, genau anders herum, mehr herstellen als wir vorstellen können. Aber nur, was wir sprechend und erzählend imaginieren können, können wir auch verantworten und verändern. Darin sehe ich politische Rolle der Literatur: die Transformation des Vorstellbaren. 

Kann man als Politiker oder als Autor deiner Ansicht nach mehr für das Wohl der Menschheit tun?
Es geht nicht um ein Entweder-Oder. Die vita activa und die vita contemplativa, das Handeln und das Denken, sind immer aufeinander bezogen. Und um die Probleme, vor denen die Menschheit heute steht, zu lösen, müssen wir uns alle zusammen um Antworten bemühen. Das betrifft nicht einzelne gesellschaftliche Bereiche oder Menschen, die Politik, die Wissenschaft, das Ingenieurswesen oder die Kunst, sondern das Ganze und jeden Einzelnen. Alles, was die Menschheit vollbracht oder angerichtet hat, hat sie im Kollektiv getan. Und nur in einer vielleicht einzigartigen kollektiven Anstrengung können wir heute die Herausforderungen, allen voran jene des Klimawandels, bewältigen.

Du hast mal gesagt, Veränderung erreicht man nicht nur durch Wissen, sondern eben auch durch Emotion – Literatur schlägt also Politik. Haben deine Werke deine persönliche Einstellung zu Themen, wie Konsum und Nachhaltigkeit, Technik und Natur verändert? 
Es war ein zentraler Irrtum der Aufklärung anzunehmen, Wissen und Handeln wären unmittelbar verknüpft. Wir wissen bereits lange Bescheid über die destruktiven und gefährlichen Folgen unseres Handelns, aber das führt nicht notwendig zu Veränderungen. Weil wir irrationale Wesen sind. Und Gewohnheitstiere. Wir reagieren zwar auf Gefahr – wenn ein Tiger oder Panzer vor uns steht, laufen wir –, wir reagieren aber nicht auf das abstrakte Risiko etwa des Klimawandels oder des ökologischen Massenaussterbens unserer Gegenwart. Wir behelfen uns darum oft mit Bildern: die schmelzenden Gletscher, die sterbenden Eisbären. Die Literatur kann das Abstrakte aber erfahrbar machen, ganz nahe heranholen. Im Schreiben erlebe ich das auch. Und es verändert mich. 

Du beziehst dich beim Schreiben auf Szenarien, die auf wissenschaftlichen Forschungen basieren. Sollten Fiktion und Wirklichkeit nicht gegensätzlich sein? 
Eine Literatur, die nicht welthaltig und wirklichkeitsgesättigt ist, interessiert mich nicht. Das vermeintlich Wirkliche muss der Ausgangspunkt sein für einen Dialog, der auch ins Fantastische abgleiten kann, aber seinen Bezug nie verlieren darf. Umgekehrt ist erkenntnistheoretisch jede vermeintliche Faktizität auch immer ein Stück weit fiktiv, das Resultat einer Konstruktion des menschlichen Geistes. Dazu kommt, dass viele Forschungsbereiche, etwa die Astrophysik oder auch die Klimaforschung, heute computerbasierte Wissenschaften sind, die mit Modellen und Simulationen arbeiten. Ihr Erkenntniswerkzeug sind spekulative Methoden, Näherungen, Interpretationen – wenn man so will: Geschichten.

Vor welcher Fiktion und vielleicht baldigen Wirklichkeit fürchtest du dich am meisten?
Ich erzähle zur Veranschaulichung unserer Situation manchmal eine Geschichte aus Jules Vernes Roman „In achtzig Tagen um die Welt“. Um seine Wette zu gewinnen und die Weltumrundung rechtzeitig zu vollenden, mietet der Protagonist, Phileas Fogg, in Amerika einen Raddampfer. Als diesem mitten im Atlantik die Kohle ausgeht, kauft der reiche Engländer kurzerhand das ganze Schiff und befiehlt, den Dampfer selbst in den Schiffsöfen zu verheizen, um das Ziel nur irgendwie, und sei es auf dem Schiffsofen treibend, zu erreichen. Die Selbstverbrennung ist die Metapher unserer Gegenwart. Die Menschheit ist heute in der Lage, ihre Lebensgrundlagen zu vernichten, aber noch nicht in der Lage, den Planeten zu verlassen. Das ist meine größte Sorge. Es wäre, so finde ich, unendlich schade um diese sonderbare, komplexe Spezies. 

Du hast in einem Interview gesagt, „wir erleben gerade die größte Verdrängungsleistung der menschlichen Geschichte“. Wie kam es dazu? Was können wir deiner Meinung nach dagegen tun? 
Unser Wirtschaftssystem und unser Ökosystem befinden sich miteinander im Krieg. Diese Erkenntnis ist ein Angriff auf ein umfassendes Lebensmodell, das bislang offenbar erfolgreich war. Darum wehren wir diese Einsicht mit aller Kraft ab.  Sie erzeugt Ängste. Wir müssen sie aber stattdessen als Chance begreifen. Das Wort Krise bedeutet „Entscheidung“. Wir haben heute die Möglichkeit, drängende soziale und ökologische Fragen auf globaler Ebene neu zu stellen und aufeinander bezogen zu beantworten. Es ist eine historische Chance. Und führt im besten Fall zu einer großen Transformation. Wir müssen lernen, anders herzustellen, anders zu konsumieren, anders zu bauen, anders anzubauen, uns anders fortzubewegen und das Gegebene anders zu verteilen. Dazu braucht ein positives Narrativ, eine Geschichte, die nicht Angst macht, sondern Hoffnung gibt. 

Mit deinem neuen Werk möchtest du die Geschichte der Globalität erzählen. Ist Globalität Fluch oder Segen?
Sie ist Fluch, wenn sie, wie heute die ökonomische und kulturelle Globalisierung alles vereinnahmt und schluckt, alles überzieht mit der gleichmachenden Lava des Marktes oder der Medien. Sie ist aber Segen als Zusammenhang, als komplexes, differenziertes Gefüge der Gegensätze und Spielarten, als buntes Netzwerk. Ein symbiotischer Planet, der sich als Zusammenhang begreifen kann und dabei allen Lebensformen Platz bietet, das würde mir gefallen.

Schreiben wird häufig als Ausleben innerer, nicht gelebter Möglichkeiten bezeichnet. Trifft das bei dir auch zu? Auch welches Ausleben dürfen wir uns in der Zukunft noch freuen? 
In einem Interview mit Herta Müller habe ich einmal gelesen, dass sie als Kind versuchte, sich durch den ausgiebigen Verzehr von Pflanzen „pflanzennah“ zu machen, sich selbst in eine Pflanze zu verwandeln. So ähnlich möchte ich mich „weltnah“ machen, indem ich rund um den vernetzten Planeten so viele Geschichten in mich aufnehme, bis ich selbst nur noch Welt bin und kugelrund von ihr erzählen kann. 

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