Stefanie Stahl © Roswitha Kaster

Selbstwertgefühl ist nichts, was im Internet entsteht oder vergeht.

von Laura Bähr

Frau Stahl, wie nehmen Sie als Psychologin und Autorin die aktuelle Situation wahr? 
Stefanie Stahl: Für mich ist es eine ziemliche Entschleunigung – ich bin viel weniger unterwegs und das gefällt mir auch sehr gut. Man hat mehr Zeit für Dinge, die sonst immer zu kurz gekommen sind. Wie sich das alles in der Zukunft auswirken wird, werden wir sehen. Da gibt es ja sehr unterschiedliche Befunde, keiner weiß genau, woran wir bei diesem Virus sind. Ich muss gestehen, ich schwanke auch immer noch und frage mich manchmal, ob die Maßnahmen nicht doch ein bisschen übertrieben sind. Die Zeit wird es zeigen. 

Während die eine Hälfte der Bevölkerung die „freie Zeit“ für sich und ihr Umfeld vernünftig zu nutzen scheint, scheint die andere mit der erzwungenen Freizeit, der Zwangsentschleunigung, überfordert. Können Sie sich das erklären?
Ich glaube das hängt sehr von den Lebensumständen ab. Ich persönlich bin glücklich verheiratet, das heißt ich bin sozial auch nicht isoliert. Ich habe meine Praxis also auch weiter Struktur in meinem Alltag. Menschen, denen eines von beiden oder sogar beides fehlt, haben es aktuell natürlich schwer. Da werden die ganzen Probleme, die sowieso immer da sind, noch viel lauter und präsenter. Wie man die Situation aktuell nutzt, hängt neben den Lebensumständen natürlich auch in erster Linie von der Kernpersönlichkeit ab. Die Menschen, die psychisch stabil sind, stecken sowas leichter weg, als unsicherere Menschen. 

Viele scheinen Angst zu haben, sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen – jetzt wo man den eigenen Gedanken durch kein Treffen und keine Aktivität entkommen kann. Woher kommt das? 
Ich bin mir gar nicht sicher, ob diese Angst so viel größer ist, als sonst. Sie wird vermutlich aktuell, wie so vieles, nur einfach deutlicher wahrgenommen. Introvertierte Menschen können viel besser aus ihrem Inneren schöpfen, denen macht so ein Lockdown weniger aus. Extrovertierte Menschen, die davon zehren, was um sie herum passiert, nehmen die Situation natürlich ganz anders wahr. Das eine ist nicht schlechter oder besser, als das andere. Das sind nur andere Veranlagungen. Bei Menschen, die ihre Probleme schon längere Zeit mit sich herumschleppen und sich aktuell nicht so gut ablenken können wie sonst, werden diese vermutlich innerlich noch viel lauter anklopfen. Dann ist die Zeit aber auch eine gute Gelegenheit, diese Themen zu bearbeiten. 

Was können wir Menschen aus der Krise lernen?
Man sollte sich gerade in solchen Zeiten um seine persönliche Weiterentwicklung kümmern. Aktuell ist eine gute Zeit sich darüber bewusst zu werden, was man im Leben eigentlich möchte, was einem wichtig ist und was man tun kann, um diesem Ziel näherzukommen. Wenn man von außen nicht so abgelenkt ist, kann man sich mit diesen Themen viel intensiver auseinandersetzen. Man darf nicht nur im „Außen“ leben und sich von äußeren Wahrnehmungen leiten lassen. Es ist wichtig den inneren Anforderungen der eigenen Person gerecht zu werden. 

Ihre Sachbücher sind bereits jahrelang auf den Bestsellerlisten, Sie gelten als „Coach der Massen“. Was muss man heute mitbringen, um die Menschen zu erreichen und zu begeistern? 
Ich glaube was meine Bücher so beliebt macht, ist ihre psychologische Struktur. Die allermeisten Menschen haben Probleme und nehmen diese häufig als sehr kompliziert und verzwickt wahr. Das stimmt in den häufigsten Fällen allerdings gar nicht: Meistens ist es sehr einfach! Jeder Mensch ist nach einer klaren psychologischen Grundstruktur aufgebaut. Wenn man diese Grundstrukturen erkennt, dann entwirren sich häufig die scheinbar komplexen Probleme und es gibt klare Lösungen. Ich schaue eher auf die Struktur des Problems, als auf den tatsächlichen Inhalt. Ich glaube deshalb sind meine Bücher auch so erfolgreich. So kann nämlich jeder in meinem Buch einen Rat finden. Im Grunde ist alles nur Thema und Variation, was sonst immer so individuell erscheint. Auf der einen Seite streben wir alle nach Bindung und Anerkennung, wollen aber gleichzeitig auch unabhängig und selbstbestimmt sein. Um diese Dinge richtig einschätzen zu können, muss man zunächst wissen, was man selber möchte. Vor diesem Hintergrund lassen sich fast alle Probleme diagnostizieren und auch therapieren. 

Die Sparte der psychologischen Sachbücher scheint immer größer und beliebter zu werden. Woher kommt der Drang der Menschen sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen? 
Das hängt damit zusammen, dass immer mehr Menschen begreifen, wie essentiell wichtig die eigene Psyche ist. Es ist für jeden eine ganz wichtige Aufgabe sich weiterzuentwickeln. Wir können ja nicht nur im „Außen“ leben, wir sind unsere Psyche. Es ist das Schlimmste, wenn Menschen sich nicht mit ihrer Psyche und ihrem Inneren befassen und deshalb sich selbst- und auch nicht selten der Gesellschaft zur Last fallen mit ihrem Verhalten. Für diese Tatsache ist die Aufgeschlossenheit in den letzten Jahren zum Glück viel größer geworden. 

Mit Ihrem Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden“ haben Sie unzähligen Menschen vermittelt, wie man die positiven und negativen Prägungen der Kindheit erkennt und mit ihnen umgeht. Ist eine gute Kindheit der Schlüssel zu einem glücklichen Leben?
Sagen wir mal so. Eine gute Kindheit gibt einem viel mit. Wenn eine Blume auf einem tollen Nährboden wächst, entwickelt sie sich vermutlich besser, als auf einem ohne Nährstoffe. Aber auch aus einer schwierigen Kindheit kann natürlich ein glückliches und erfolgreiches Leben hervorgehen, aber diese Menschen haben es ein bisschen schwerer, weil sie größere Päckchen mit sich herumtragen. 

Die Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes hat im Interview gesagt: „Man hat in den sozialen Netzwerken das Gefühl, dass die kuschelige Familien-Quality-Time immer nur die anderen hinbekommen.“ Woher kommt dieses Gefühl sich selbst in einer Krise immer gut darstellen zu wollen? 
Ich glaube wir wollen uns immer gut nach außen darstellen. Wir haben alle ein grundlegendes Bedürfnis „gesehen“ zu werden. Das war auch schon vor Social-Media so, dass vergessen viele. Jetzt ist es nur noch einfacher und demokratischer geworden. 

In Ihrem Werk „Jeder ist beziehungsfähig“ sprechen Sie über die Schwierigkeiten bei der Partnersuche und der allgemeinen Annahme, dass Freiheit und Beziehung unvereinbar seien. Woher kommt dieses Gefühl? 
Der Konflikt zwischen Bindung und Freiheit entsteht bereits in der Kindheit. Wenn Kinder das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie sich sehr stark den elterlichen Bedingungen anpassen müssen. Nach dem Motto: Wenn ich will, dass du mich liebst, muss ich deine Erwartungen erfüllen. Dieses Gefühl kollidiert natürlich mit dem Drang frei und selbstbestimmt zu sein. Das Problem hat es aber auch schon immer gegeben, das ist in der aktuellen Zeit nicht mehr geworden, auch wenn uns das unter dem Begriff „Generation Beziehungsunfähig“ so dargestellt wird. Es bekennen sich vielleicht mehr Menschen dazu, weil die Gesellschaft viel offener geworden ist und man auch über Dinge spricht, die einem nicht so gut gelingen. Aber ich nehme in meiner Arbeit eher den Effekt wahr, dass die jüngeren Generationen sich wieder mehr nach Bindung sehnt.

Also ist die „Generation Beziehungsunfähig“ ein mediengemachtes Phänomen?
Ja. Das ist ein Phantom, ein Konstrukt. Das hat mit der Realität nichts zu tun. Was mich allerdings beunruhigt, ist die Tatsache, dass kleine Kinder heute viel zu früh abgegeben werden. Das ist ganz schlecht für die Gehirnentwicklung. Eigentlich ist ein Kind erst mit 3 Jahren so weit, von den Eltern getrennt zu werden. Selbst bei einer tollen Tagesmutter reagiert ein Kind in so jungen Jahren gestresst. Dieser Trend macht mir ein bisschen Sorgen, weil ich nur erahnen kann, welche Folgen das auf unsere Gesellschaft haben wird. 

Also ist die berufsliebende Frau, die direkt nach der Geburt wieder Karriere macht keine gute Idee? 
Natürlich kann ich das Bedürfnis der Frauen sich selbst zu verwirklichen und so schnell wie möglich wieder mit der Karriere zu starten, nachvollziehen. Für die Kinder ist es aber nicht gesund, nein. 

Hat das Online-Dating die Beziehung zwischen Menschen verändert? 
Ja. Das Online-Dating ist meiner Meinung nach sehr positiv zu bewerten. Zum einen erhöht es die Chancen vieler Menschen, die sonst nicht so die Möglichkeit haben jemanden kennenzulernen, enorm. Je mehr Leute man kennenlernt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einem potentiellen Partner zu begegnen. Das sagt die Statistik. Dazu kommt, dass man beim Online-Dating nicht sofort verliebt ist, sondern zunächst der Verstand ordentlich mitmischt. Das heißt man kann mit klarem Verstand analysieren, ob man zueinander passt, bevor die Gefühle ins Spiel kommen. Im realen Leben verliebt man sich und merkt dann häufig erst hinterher schmerzhaft, dass man gar nicht harmoniert. Studien haben auch bestätigt, dass Beziehungen zwischen Menschen, die sich online kennengelernt haben, glücklicher sind und länger halten.

Nehmen Sie die Inspiration für Ihre Werke aus Ihrer täglichen psychologischen Arbeit? 
Ja. Ich kann in der Psychotherapie mit den Menschen sehr tief tauchen und neue Hypothesen entwickeln beziehungsweise bestehende überprüfen. Die Inspiration für meine Bücher ist aber immer eine Kombination aus Alltag und Fachliteratur. 

Was fasziniert Sie an dem Beruf des Autors? 
Am Ende des Tages ein fertiges Werk vor sich liegen zu haben, dass den Menschen hilft. Das Schreiben an sich ist schon eine sehr mühsame Tätigkeit (lacht). Man liebt zwar das Ergebnis, aber nicht den Prozess, das können, glaube ich, die meisten Schriftsteller bestätigen. Mein heimliches Motiv ist einen exakten Plan von der menschlichen Psyche zu bekommen.

Ist es einfacher psychologische Ratschläge zu geben oder niederzuschreiben?
Das kommt darauf an. Mündlich ist es für mich natürlich immer einfacher, weil man direkter mit dem Gegenüber kommunizieren kann. Schreiben ist insofern schwieriger, weil man seine Gedanken nicht einfach freien Lauf lassen kann, sondern ihnen eine Struktur geben muss. Ein geschriebenes Werk muss eine große Stringenz haben, das ist eine viel größere Herausforderung. 

Sie bieten passend zu Ihrem Roman auch Online-Kurse an. Lösen Online-Kurse nach und nach Ratgeber-Bücher ab? 
Es gibt viele Menschen, die mich ausschließlich über YouTube kennen. Ich glaube es gibt allgemein einfach immer mehr Menschen, die sich lieber ein Video anschauen, als ein Buch zu lesen. Und das eben in jedem Lebensbereich. Aber die Menschen, die Bücher und Ratgeber lieben, werden auch nicht aussterben.

Sehen Sie Ihre Werke als eine Art Therapie-Stunde für die Gesellschaft? 
Absolut. Meine Bücher sind Therapie zum selber machen für alle Normalgestörten (lacht). Ich gebe den Menschen einen roten Faden an die Hand und sie können sich selbst therapieren, wenn sie motiviert sind und bereit sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Natürlich nur, wenn es sich um „normale“ Probleme und nicht um schwere Traumatisierungen und Persönlichkeitsstörungen handelt. Ich bekomme sehr viele Zuschriften, in denen mir Leser danken und sagen, dass ihnen mein Buch mehr geholfen hat, als viele Therapien zuvor.

Was macht einen guten Therapeuten aus? 
Selbstreflexion und Wohlwollen. 

Der Autor Philipp Weiß hat uns in einem Interview gesagt „Veränderung erreicht man nicht nur durch Wissen, sondern eben auch durch Emotion – Literatur schlägt also Politik.“ Sehen Sie das genauso? 
Ich glaube, dass die persönliche Selbstreflexion auch eine politische Notwendigkeit ist. Wenn sich jeder Mensch selbst besser reflektieren und einschätzen würde, würden wir in einer besseren Gesellschaft leben. Deshalb glaube ich, dass die Art von Literatur, die diesen Prozess unterstützt auch einen großen gesellschaftlichen Einfluss und Wert hat. 

Der Begriff Selbstwertgefühl spielt in der aktuellen Gesellschaft eine große Rolle. Was hat es damit genau auf sich? 
Ein intaktes Selbstwertgefühl ist für das eigene Glück und die Art und Weise, wie ich mich selbst und meine Beziehungen wahrnehme von größter Bedeutung. Was häufig als ein „zu viel“ an Selbstwertgefühl wahrgenommen wird, also Hochstaplerei, rührt meistens von einem „zu wenig“. Ein zu geringes Selbstwertgefühl sorgt dafür, dass wir uns selbst nichts zutrauen, uns ablehnen und im Folgeschluss Mitmenschen auf Distanz halten. Oder umgekehrt: Uns sehr abhängig von menschlichen Beziehungen Anerkennung fühlen. Je intakter größer das eigene Selbstwertgefühl ist, desto menschenfreundlicher kann man sein. Ein zu geringes Selbstwertgefühl stammt häufig von falschen Prägungen, die man mit auf den Weg bekommen hat. Das man nicht ausreicht oder das mit einem etwas nicht stimmt. Indem man diese Prägungen als solche entlarvt, sich von ihnen abwendet und sich neue Haltungen zulegt, sich seiner Stärken bewusst wird, kann man ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. 

Würden Sie sagen, dass ein zu geringes Selbstwertgefühl auch mit den Vergleichen zu tun hat, die heute stattfinden? 
Ja. Aber ich glaube das war schon immer so. Mit oder ohne Social-Media. Natürlich wird der Vergleich durch die sozialen Medien, in denen sich jeder bewusst darstellt, gepusht, aber ich denke nicht, dass das der Kern des Problems ist. Selbstwertgefühl ist nichts, was im Internet entsteht oder vergeht, sondern was einem von klein auf vom Elternhaus und der Umgebung vermittelt wird. 

Also ist Social-Media nicht schuld an diesem Phänomen? 
Auf keinen Fall. Den sozialen Medien wird ja immer viel vorgeworfen. Mit Sicherheit unterstützen sie manche negativen Effekte, aber sie sind nicht das eigentliche Problem. Die sozialen Medien können auch vieles vereinfachen. Nehmen wir zum Beispiel an, sie wurden früher in der Schule gemobbt. Da war man genauso verzweifelt wie heute, nur hatte man keine Facebook-Gruppe mit Betroffenen, bei denen man Anteilnahme und Verständnis gefunden hat. 

Sind Vergleiche psychologisch schädlich? 
Im Gegenteil! Wir müssen vergleichen, es geht gar nicht anders. Unser Gehirn ist auf einen ständigen Vergleich programmiert. Nur durch einen Vergleich können wir uns verorten, sonst wären wir total orientierungslos. Man kann gar nicht nicht vergleichen und sollte das auch nicht tun. Man kann höchstens anstreben, ziemlich unsinnige Vergleiche sein zulassen. Wenn man gerade erst Skifahren lernt und vergleicht sich mit den besten Sportlern oder als „normale Frau“ mit den Topmodels des Jahrzehnts dann zieht das natürlich runter. Das muss nicht sein. 

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