Haya Molcho © NENI

Haya Molcho: Körpersprache ist aktuell wichtiger denn je. Durch die Distanz und die Masken werden kleine Dinge wie Mimik und Gestik noch bedeutsamer. 

von Laura Bähr

Frau Molcho, Ihr Vorname Haya bedeutet das Leben. Wie nehmen Sie dieses aktuell in dieser besonderen Situation wahr?
Haya Molcho: Ich lebe sehr intensiv. Dank der Corona-Zeit bin ich wieder mehr zu Hause. Ich habe angefangen aufzuräumen und nachhaltiger zu leben. Ich bin wieder auf ein gesundes Minimum gekommen, nutze die Zeit wieder mehr für mich und meine Familie. 

Es klingt seltsam, aber das Leben hat eine große Bedeutung in meinem Leben. Ich habe erst gestern zu meinem Mann gesagt: „Wir hatten bisher schon so ein wunderschönes Leben, wir sollten dankbar sein. Es ist ein Geschenk.“ Ich glaube, wenn man ein tolles Leben gelebt hat, kann man später auch leichter gehen. 

Das heißt Sie erkennen in der Krise auch positive Effekte?
Haya Molcho: Absolut. Die wirtschaftlichen Aspekte sind natürlich eine Katastrophe – für alle. Aber privat haben wir die gewonnene Zeit für uns genutzt, viele Dinge erledigt, die wir lange tun wollten und an unserem neuen Kochbuch weitergeschrieben. 

„Es klingt seltsam, aber das Leben hat eine große Bedeutung in meinem Leben.“

Wie nehmen Sie die Situation für Ihre Branche, die Gastronomie, wahr?
Haya Molcho: Es ist eine Katastrophe – wir mussten all unsere Leute in Kurzarbeit schicken, das war ein schwieriger Schritt. Zum Glück war uns das aber überhaupt möglich, ich kenne viele Betriebe, die ihre Mitarbeiter nicht halten konnten. Die Auswirkungen dieser Krise werden wir noch Jahre später spüren. Meiner Ansicht nach wurden wir hier in Deutschland von der Politik auch zu sehr verunsichert, man hat uns Angst gemacht und uns entmündigt. 

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?
Haya Molcho: Das wird sich erst in der Zukunft zeigen. Ich habe mich nur daran gestört, dass man nicht selbst entscheiden durfte. Neben der Gastronomie hat es auch die Hotelbranche stark erwischt, das spüren wir auch.

„Die Auswirkungen dieser Krise werden wir noch Jahre später spüren.“

Haben Sie die Befürchtung, dass sich der Gastronomiebereich auf die großen Player reduziert, weil die Kleinen es sich nicht leisten können, weiterzumachen?
Haya Molcho: Ja. Ich befürchte, dass sich die Branche erst langsam erholt, da sich die Menschen nach der Krise zunächst vorsichtig vortasten werden und die Restaurants nicht gleich wieder voll sind. Ich weiß nicht wie viele Restaurants diese lange Pause so überstehen können. Wir haben in unseren Restaurants von Anfang an versucht alles für die Kunden möglich zu machen. Wir haben „Take-away“ angeboten, die Kunden mit Videos an uns erinnert und die Zeit für neue Ideen genutzt. 

Sie haben Psychologie studiert, Ihr Mann ist Experte in Sachen Körpersprache. Hilft Ihnen das in der Gastronomie weiter?
Haya Molcho: Absolut. Aktuell ist es dank der Masken sehr schwer den Kontakt zu den Kunden aufrecht zu erhalten. Aufgrund der Masken sieht man schließlich nur die Hälfte des Gesichtes des Gegenübers, das verändert viel. Wir und unsere Mitarbeiter haben uns also vorgenommen stets zu lächeln, wenn wir Kunden bedienen. Ein Lächeln erreicht, wenn es ehrlich ist, auch die Augen. Körpersprache ist aktuell wichtiger denn je. Durch die Distanz und die Masken werden kleine Dinge wie Mimik und Gestik noch bedeutsamer. 

„Körpersprache ist aktuell wichtiger denn je. Durch die Distanz und die Masken werden kleine Dinge wie Mimik und Gestik noch bedeutsamer.“ 

Sie haben Ihr Imperium mit Anfang 40 gegründet. Welche Vorteile hat das im Vergleich zu jungen Jahren?
Haya Molcho: Ich glaube beides ist interessant. Wenn man jung ist, hat man viele Visionen, wenn man älter ist, mehr Erfahrung. Ich glaube ich bin für mein Alter noch sehr jung geblieben, deshalb hat es mir auch nie etwas ausgemacht Risiken einzugehen. Viele ältere Menschen haben ständig Ängste – die hatte ich nie. Man sollte alles probieren, es gibt nichts, was man nicht schaffen kann. Ich glaube es macht viel aus, wie man aufwächst und welchen Umgang mit Ängsten man erlernt. 

Sie sind mit einem Catering-Unternehmen gestartet, heute leiten Sie mehrere Restaurants. Was sind die größten Unterschiede?
Haya Molcho: Im Catering kann man genau kalkulieren und folglich weniger Fehler machen. Man weiß, wie viel gebraucht wird und wie viel man dafür benötigt, sei es Essen oder Mitarbeiter. Bei einem Restaurant muss man immer pokern, da man nicht weiß, wie viele Leute kommen, aber man immer vorbereitet sein muss. Es ist ein viel höheres Risiko.

„Wenn man jung ist, hat man viele Visionen, wenn man älter ist, mehr Erfahrung.“

Man hat heute das Gefühl nur gutes Essen reicht nicht aus. Man braucht in einem guten Restaurant auch passende Musik und ein schönes Ambiente…
Haya Molcho: Das haben wir auch vom ersten Tag an so wahrgenommen. Man will bei einem Restaurantbesuch in eine andere Welt eintauchen. Atmosphäre, Service und Flair sind heutzutage genauso wichtig wie der Rest.

Das war auch ein Grund, wieso wir von Anfang an nicht nur Kellner eingestellt haben, die extrem viel Erfahrung haben, sondern es uns auch wichtig war, dass die Menschen zu uns und unserer Mentalität passen. Sie müssen unser Flair und unsere Produkte verkaufen können.  Diese Fähigkeit braucht es heute mehr denn je.

Die Optik spielt bei einem guten Essen ebenfalls eine immer wichtigere Rolle. Die Leute machen Bilder von ihrem Gericht, alles muss schön angerichtet sein. Nehmen Sie das als Chance oder Gefahr wahr? 
Haya Molcho: Auch hier war es ein großer Vorteil, dass wir als Familie zusammengearbeitet haben, da meine Söhne natürlich sofort erkannt haben, wie wichtig das Visuelle ist. Wir haben also sehr früh mit Influencern zusammengearbeitet und viel Wert auf eine tolle, farbenfrohe Anrichtung gelegt.

Natürlich birgt diese Optik auch eine Gefahr, aber ich glaube, dass diese Phase aktuell schon wieder abschwächt. Die Leute essen wieder genüsslicher, machen vielleicht ein schnelles Foto, aber dann reicht es auch. Früher standen die Leute auf den Stühlen und haben minutenlang fotografiert (lacht). 

„Atmosphäre, Service und Flair sind heutzutage genauso wichtig wie der Rest.“

Der Wert des Essens scheint in der Gesellschaft immer weiter auseinander zu driften. Wie erklären Sie sich das? 
Haya Molcho: Ich glaube, dass wir in Sachen Ernährung sehr viel von unseren Eltern mit auf den Weg bekommen. Menschen, die schon von klein auf mit gesundem Essen konfrontiert werden, behalten dies meist ein ganzes Leben bei. Die anderen müssen es erst lernen. Hinzu kommt, dass die junge Generation heute sehr viel mehr Wert auf ein vitales ausgeglichenes Leben legt. Dabei spielt eine gute Ernährung natürlich eine wichtige Rolle. Menschen für die Essen nur „sattwerden“ bedeutet, wird es aber immer geben und das ist auch okay. 

Kann man auch mit weniger hochwertigen Zutaten ein tolles Gericht zaubern? 
Haya Molcho: Nein, die Qualität muss stimmen. Wenn eine Tomate nicht nach Tomate schmeckt, sollte man nicht mit ihr kochen. Es ist wichtig, saisonal und nachhaltig zu kochen. Natürlich ist das teurer, aber die Kunden schätzen das. Wir haben jetzt unsere eigene Plantage für Gemüse, wo wir unsere Tomaten und Auberginen selbst anpflanzen. Das fühlt sich sehr gut an. 

„Wenn eine Tomate nicht nach Tomate schmeckt, sollte man nicht mit ihr kochen.“

Ihre Gastro-Kette das „NENI“ ist ein Familienunternehmen. Was sind die Vor- und Nachteile jeden Tag mit der Familie zu zusammenzuarbeiten?
Haya Molcho: Ein großer Vorteil: Die zwei Generationen-Spitze! Jeder hat eine andere Begabung, die für das Unternehmen nützlich sein kann. Es gibt keine Egos, sondern eine Demokratie und alle ziehen an einem Strang. Ein weiterer Vorteil ist das Vertrauen in der Familie. Es ist so wichtig, den Menschen, mit denen man arbeitet zu vertrauen und sich gegenseitig jeden Tag aufs Neue zu motivieren.

Gibt es auch Nachteile?
Haya Molcho: In Österreich hält sich immer noch die Mentalität, dass junge Leute nicht so geschätzt werden wie ältere Leute. Das war ein Problem – den Menschen klarzumachen, dass wir eine Familie sind, in der alle etwas zu sagen haben. Ich verstehe bis heute nicht, warum älteren Menschen immer mehr Kompetenz zugesprochen wird, egal in welcher Branche. 

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass man sich als Paar, wenn beide ein Unternehmen führen, vor allem tolerieren und gegenseitig den Erfolg gönnen muss…
Haya Molcho: Ja. Zunächst muss man sich jedoch selbst lieben. Nur dann kann man erfolgreich sein, ob in der Liebe oder im Beruf. Man muss sein Ego – und das hat jeder – hintenanstellen. Wer mit sich selbst zufrieden ist, kann viel mehr geben.

Wenn man sich selbst nicht respektiert, wird man Erfolg keinem anderen gönnen, auch nicht seinem Partner. Wer jedoch mit sich selbst und seiner Arbeit zufrieden ist, wird keinen Neid mehr verspüren. Man muss sich bewusstwerden, dass es immer andere gute Nebenspieler geben wird. Wer aber zu sich und seinem Business steht und mit Herz und Seele dabei ist, nimmt diese Konkurrenten eher als Motivation und nicht als Gefahr wahr. Nur so kann man noch besser werden. 

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