Collien Ulmen-Fernandes © ZDF

„Man hat in den sozialen Netzwerken das Gefühl, dass die kuschelige Familien-Quality-Time immer nur die anderen hinbekommen.“

von Laura Bähr

Frau Ulmen-Fernandes, was haben Sie in den letzten besonderen Wochen Neues über sich gelernt?
Collien Ulmen-Fernandes: Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll (lacht). Aktuell lernt man ja sehr viel über sich, das Corona-Virus legt eine Art Lupe über die Familien und die Gesellschaft alle Probleme, die es zuvor schon gab, werden jetzt noch deutlicher. 

Haben Sie Ihre Familie auch neu kennengelernt?
Collien Ulmen-Fernandes: Ohja, vor allem sein Kind lernt man ganz neu kennen – vorher hat man immer schön alles auf die Lehrer geschoben, und jetzt merkt man, dass manches vielleicht doch auch am eigenen Kind liegt (lacht). Man lernt, was Lehrer täglich leisten und wie schwierig es ist, ein Kind, das überhaupt keine Lust hat, zu lernen, zu motivieren. Das ist eine herausfordernde Situation. 

Wie nehmen Sie aktuell die Gesellschaft wahr?
Collien Ulmen-Fernandes: Auch für die Gesellschaft gilt: Die Probleme, die man vorher hatte, treten jetzt viel deutlicher zutage – zum Beispiel die mangelhafte Digitalisierung der Schulen, die Defizite im Breitbandausbau. Da merken wir gerade sehr, was wir in den letzten Jahren verpasst haben. Es gibt Familien, die kilometerweit fahren und sich auf einen Parkplatz stellen und „Carschooling“ machen, weil sie an ihrem Wohnort kein Netz haben.

Sie sind Teil des neuen ZDF-Neo-Formates „Familien allein zu Hause“. Können Sie das Gefühl des Lagerkollers persönlich nachvollziehen?
Collien Ulmen-Fernandes: Absolut. Man ist viel länger und enger mit seiner Familie zusammen. Darüber sprechen wir auch mit unserer psychologischen Expertin in dem Format. Früher hat man immer gedacht, „ach wäre das schön, wenn man mehr Zeit für die Familie hätte“ (lacht). Jetzt hat man ganz viel Zeit und merkt, wie anstrengend das auch sein kann. Gerade in diesen Zeiten ist es sehr wichtig, dem Alltagsleben eine Struktur zu geben und einen Tagesplan zu erstellen.

Der Schauspieler Max von Thun sagte uns: „Viele Menschen müssen neu lernen, mit sich selbst und mit der Ruhe zurechtzukommen.“ Können Sie das bestätigen?
Collien Ulmen-Fernandes: Auf jeden Fall, unsere Experten sagen, das läge daran, dass es eine Art Zwangs-Entschleunigung ist, das ist so, als würde man im Stau stehen. Man hat auf einmal Zeit kann diese aber nicht genießen. Das liegt vor allem an zwei Faktoren, weil man das Ende nicht absehen kann und weil sie einem aufgezwängt wurde. Das ist ganz gut vergleichbar mit der derzeitigen Situation.

Sie haben in einem Interview mit dem Spiegel gesagt, dass Sie all die Dinge, die Sie sich vorgenommen hatten, wie Backen und Lesen, nicht tun konnten…
Collien Ulmen-Fernandes: Man hat in den sozialen Netzwerken das Gefühl, dass die kuschelige Familien-Quality-Time immer nur die anderen hinbekommen. Man sieht ganz tolle romantische Bilder und denkt sich, warum kriegen wir das nicht hin? Wir haben zum Beispiel eine Eismaschine gekauft und ich habe noch nicht eine Portion Eis hergestellt bis jetzt. 

Durch Formate wie dieses oder auch „Jerks“, in dem Sie gemeinsam mit Ihrem Mann zu sehen waren, scheinen die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben immer mehr zu verschwimmen. Stört Sie das?
Collien Ulmen-Fernandes: Das ist eine spannende Frage, weil ich eigentlich gerne Privates und Berufliches strikt trenne. Ich fand es bei „Jerks“ anfangs sehr schwierig, dass das Konzept so ins Private übergeht. Inzwischen ist das aber eine andere Situation, man sieht derzeit viele Prominente in ihrem privaten Umfeld. Ich habe zum Beispiel sehr viele Interviews mit Günther Jauch vor der heimischen Schrankwand gesehen und immer wieder versucht im Regal hinter ihm zu erkennen, welche Bücher er wohl liest. 

Neben den ganzen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Effekten kämpfen vor allem Eltern zuhause um das Gleichgewicht in der Familie: Home-Schooling, Home-Office und dann noch die Familienzeit. Würden Sie sagen, dass Frauen aktuell mehr leiden?
Collien Ulmen-Fernandes: Die Tendenz zeichnet sich ab. Natürlich gibt es noch keine belastbaren Daten zu dem Thema. Wir können das bisher nur aus dem privaten Umfeld beurteilen. Allerdings bekommen wir auch im Rahmen der Sendung vermehrt Zuschriften von Frauen, die das Gefühl haben, eine Reise in die 50er Jahre gemacht zu haben, weil sie auf einmal neben ihrer Arbeit alleine für alles andere zuständig sind. Kinder entertainen, Brote schmieren, Wohnung sauber halten und Home-Schooling. 

Sie setzen sich seit Jahren mit der modernen Mutterrolle auseinander und machen sich stark für das Aufbrechen von Geschlechterstereotypen. Können Sie schon erste Erfolge erkennen? 
Collien Ulmen-Fernandes: Ich glaube, wir konnten bei manchen Menschen ein Umdenken erreichen. Ich habe mir zum Beispiel vorher auch keine Gedanken darüber gemacht, ob ich Jungs und Mädchen unterschiedlich behandelt habe. Bis ich irgendwann festgestellt habe, dass meine Tochter gar kein technisches Spielzeug besitzt. Das ist ja leider so, dass Mädchen generell mit weniger technischen Spielsachen aufwachsen und dadurch nicht auf eine spielerische Art und Weise mit diesen Dingen umgehen lernen. Es gibt Zahlen, die belegen, dass Mädchen generell schlechter in räumlichem Denken sind und das eben nicht, weil sie sich blöder anstellen, sondern weil sie keine Chance hatten es zu lernen. Man muss sich diesen Dingen erst bewusstwerden, um sie ändern zu können. 

Sie meinten in einem Interview, dass wir heute in Sachen Kindererziehung dazu neigen, uns unserer Intuition zu entledigen…
Collien Ulmen-Fernandes: Grundsätzlich spricht nichts dagegen sich Ratgeber zuzulegen, aber am Ende des Tages sollte man sich auf seine Intuition verlassen. Kinder kommen ja nicht mit einer Bedienungsanleitung auf die Welt, in der man auf Seite 5 nachlesen kann, was es zu tun gilt, wenn es schreit (lacht). Jedes Kind ist unterschiedlich, daher ist es vor allem wichtig, das eigene Kind kennenzulernen. 

Sie sind bereits mit 15 Jahren ausgezogen, scheinen also eine pubertäre Leichts übersprungen zu haben – bereuen Sie das manchmal?
Collien Ulmen-Fernandes: Das kann ich so gar nicht sagen, weil ich ja nur dieses eine Leben habe und dadurch nicht weiß, wie es anders gewesen wäre. Ich fand es eigentlich ganz gut so. Ich habe mich auf die Dinge konzentriert, die ich beruflich machen wollen. Ich hatte damals zunächst den Plan, ins klassische Ballett zu gehen und habe neben der Schule aktiv getanzt. Mich hat das damals schon sehr erfüllt. Das in Discos gehen, sich Betrinken und der ganze jugendliche Leichtsinn haben mir nicht wirklich gefehlt. Dafür bin ich dann später beim Musikfernsehen gelandet – da gab es viele Preisverleihungen mit sehr langen AftershowPartys. Die Phase bis in die Nacht zu feiern, konnte ich also nachholen (lacht). 

Was hat Sie damals vom Tanzen abgebracht?
Collien Ulmen-Fernandes: Ich bin ja schon mit 19 Jahren im Fernsehen gelandet und habe damals die Moderation von Bravo-TV übernommen. Dadurch hat sich das mit dem Tanzen von selbst erledigt. Das war allerdings auch gut so, da ich bereits in jungen Jahren an Knieproblemen gelitten habe und nicht wirklich weitertanzen hätte können. 

Sie haben Ihre Karriere als Moderatorin bei großen Musiksendern wie VIVA und MTV begonnen. Was macht eine gute Moderatorin aus?
Collien Ulmen-Fernandes: Wir bei den Musiksendern waren damals nicht nur Moderatoren, wir waren Live-Entertainer. Es kam oft vor, dass wir eine 3-stündige Live-Sendung moderieren mussten, bei der es keinen wirklichen Inhalt gab, keine redaktionelle Vorbereitung und bei der alles schieflief. Beim „richtigen“ Fernsehen bekommt man als Moderator alles vorgeplant. Wir mussten die Shows damals selbst füllen. Dadurch wird man schnell ziemlich krisenerprobt (lacht). Die „VIVA-erprobten“ Moderatoren haben gelernt mit Pannen umzugehen. Sowas ist ein perfektes Training und bietet einem auch heute noch einen gewissen Vorsprung bei komplizierten Shows und Sendungen. 

Man hat im Film- und Fernsehbusiness das Gefühl, dass Frauen bevormundet werden und es Männer in gewisser Weise leichter haben. Können Sie das bestätigen?
Collien Ulmen-Fernandes: Ja, ich habe es sehr oft so erlebt, dass die Frau in erster Linie als dekoratives Element verstanden wird. Ich hatte einmal ein Treffen für ein journalistisches Format und fragte den Produzenten, wie genau ich mich für die Sendung vorbereiten könnte. Er sagte dann, ich müsse nichts vorbereiten, sie suchen einfach nur eine Frau, die gut aussieht in der Deko. Da war die Sendung für mich durch. Ich bin sehr dankbar, dass ich heute bei ZDF-Neo so tolle Formate gestalten kann, aber das ist eben leider keine Selbstverständlichkeit.

Wird sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern? 
Collien Ulmen-Fernandes: Das kommt darauf an, wer in den Sendern entscheidet und welche Rollenvorstellungen derjenige hat. Vielleicht ändert es sich, wenn noch mehr Frauen in Führungspositionen sind. Ich erkenne aber auch schon bei einigen Männern, dass sie ihre Rollenbilder überdenken. Oft ist ein Mann der Haupthost einer Show und im Backstage-Bereich steht eine Co-Moderatorin, deren einzige Aufgabe es ist, kurz vor der Werbung eine Telefonnummer vorzulesen. Warum ist es nicht viel öfter umgekehrt?

Man hat das Gefühl, dass in der TV-Landschaft nach wie vor das perfekte Frauenbild dominiert und andere Figuren nicht geduldet werden – welche Werte versuchen Sie Ihrer Tochter zu vermitteln?
Collien Ulmen-Fernandes: Mädchen wird viel häufiger gesagt, du bist schön und was für ein tolles Kleid du trägst, also Komplimente gemacht, die mit Äußerlichkeiten zu tun haben. Dabei wäre ganz wichtig, dass man Mädchen auch in ihren geistigen Fähigkeiten bestärkt und das versuche ich auch meiner Tochter beizubringen. 

In Ihrem Instagram-Profil steht „Influencerin in Ausbildung“. Was halten Sie denn von diesem Berufsbild?
Collien Ulmen-Fernandes: Ich kriege sehr viele Webanfragen für Beauty-Produkte. Generell spricht meiner Ansicht nach nichts dagegen, Menschen zu beeinflussen. Ich finde es nur sehr schade, dass diese Beeinflussung so monothematisch stattfindet und hauptsächlich auf Äußerlichkeiten abzielt. Da wünsche ich mir etwas mehr Diversität. 

Sie sind als Autorin für verschiedene Publikationen tätig und haben auch bereits ein eigenes Buch geschrieben. Was gibt Ihnen das Schreiben, was Ihnen sonst im Leben fehlen würde?
Collien Ulmen-Fernandes: Das ich ganz in einem Thema aufgehen kann und mich sehr lange und intensiv damit auseinandersetzen darf. 

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