Max von Thun © Tante Gioia

„Kreativität muss nicht immer etwas sein, was man mit nach Hause nimmt und daran Geld verdient. Das ist ein Trugschluss der heutigen Gesellschaft.“

von Laura Bähr

Herr von Thun, Sie sagen über sich selbst, Sie sind ein Mensch, dem schnell langweilig wird. Wie stehen Sie die aktuelle Situation zuhause durch?
Max von Thun: Ich muss gestehen, das Einzige, das sich wirklich für mich verändert hat, ist, dass ich meine Freunde nicht sehen kann. Durch meine Tätigkeiten als Autor bin ich sowieso viel zu Hause und muss mich beschäftigen (lacht). Ich finde Langeweile erzeugt ganz oft Kreativität, was sehr spannend werden kann. Dieses Gefühl nehmen wir uns heute meistens selbst, indem wir, sobald es einen Leerlauf gibt, aufs Handy schauen. Dabei sollte man die Langweile nutzen, auf eine Wand schauen und warten bis einem Ideen kommen. Kreativität muss nicht immer etwas sein, was man mit nach Hause nimmt und daran Geld verdient. Das ist ein Trugschluss der heutigen Gesellschaft. Ich verstehe ehrlich gesagt die ganzen Menschen nicht, die nach einer Woche sagen, ich weiß nicht was ich machen soll. Erwachsene Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen, machen mir Angst. Es gibt so viele Menschen, die sonst immer jammern, sie kämen nicht zu den wirklich schönen Dingen im Leben – vor lauter Stress. Jetzt hätten Sie Zeit und jammern trotzdem. Das finde ich absurd. 

Kennen Sie die Angst, sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen?
Überhaupt nicht. Ich habe immer untypische und unregelmäßige Tagesabläufe. Ich bin oft alleine mit einem Buch Mittagessen gegangen. Viele Menschen können sich gar nicht vorstellen, alleine Mittag zu essen (lacht). Ich glaube es wird Zeit, dass viele Menschen wieder lernen mit sich selbst und der Ruhe zurecht zu kommen. 

Was können wir als Gesellschaft Ihrer Ansicht nach von der aktuellen Situation lernen?
Ich glaube wir sind schon dabei sehr viel zu lernen. Unsere Wertevorstellung verschiebt sich in eine positive Richtung. Man merkt, es geht nicht um die Anzahl von Follower, sie bringen dir aktuell nichts. Es ist scheißegal, welche Kleider man im Schrank hängen hat, die sieht aktuell sowieso keiner.  Es geht um Freunde und Empathie. Mehr Empathie würde in dieser Gesellschaft viele Probleme lösen. Ich glaube, dass die aktuelle Situation neben all dem Schrecklichen auch positive Dinge bewirken kann. Wir haben eine lange Zeit in dieser Komfort-Zone gelebt, in der es immer nur steil nach oben ging. Jetzt müssen wir alle umdenken und uns neu kalibrieren. 

Sie sind sowohl als Schauspieler, als auch als Autor und Musiker tätig. Kann man sich als Künstler in so vielen verschiedenen Bereichen auch mal verzetteln?
Ja, das kann man immer. Sich auf viele Baustellen gleichzeitig zu konzentrieren, wirkt sich ja häufig auch auf den Fokus, die Konzentration und die Qualität der einzelnen Bereiche aus. Ich versuche immer meinen verschiedenen Passionen in abwechselnden Etappen nachzugehen, um die Konzentration zu behalten. Es kann Fluch und Segen sein, wenn man zu viele Ideen gleichzeitig hat. Manchmal kommt man dann gar nicht voran, weil man zu stark von immer wieder neu aufkommenden Ideen gebremst wird. Das kann auch kontraproduktiv sein. Mir ist es allerdings wichtig auch beruflich Abwechslung in meinem Leben zu haben, da mir sehr schnell langweilig wird (lacht). Meine ganze Geschichte als Buchautor ist zum Beispiel ein unerwarteter Segen. Eigentlich wollte ich nur ein Buch für meinen Sohn schreiben und jetzt wird meine Geschichte in acht Sprachen übersetzt, es gibt ein Hörbuch und einen weiteren Roman. Da ich in den letzten zwei Jahren wenig gedreht habe und viel zu Hause war, hat mir diese neue Passion auch finanziell sehr geholfen. 

Man hat oft den Eindruck, dass Menschen in der Kulturszene breit aufgestellt sind – singen, tanzen, schauspielern und schreiben. Ist das ein Spezifikum der Szene, dass man in allen Bereichen Talent mitbringt?
Es ist zumindest eine gewisse Basis da. Jeder gute Schauspieler ist nicht automatisch ein guter Maler oder Musiker. Allerdings ist durchaus etwas Musikalisches im Schauspiel erhalten, weil man sich täglich mit Sprache, Rhythmus und Betonung beschäftigt. Da ist der Weg zur Musik oft gar nicht so weit. Es gibt in meiner Branche auch Kollegen, die wahnsinnig gerne fotografieren. Ich glaube, dass kreative Menschen mit dem kreativen Teil ihres Hirns mehr anfangen können wodurch direkt mehrere Bereiche möglich sind. 

Sie hatten als Kind den Berufswunsch Regisseur zu werden. Was hat sie davon abgehalten und doch vor die Kamera gebracht?
Mein ganzes Verständnis von dieser Branche war anfangs sehr naiv. Mein Vater war Schauspieler und ich dachte Schauspieler zu sein bedeutet, sich so klein zu machen, dass man in den Fernseher passt (lacht). Er war ja im Fernsehen immer so viel kleiner als zuhause. Zuerst war ich vom Beruf des Schauspielers fasziniert, man steht vor der Kamera, ist der Star und wird bewundert. Als ich dann jedoch gemerkt habe, dass man sehr viel Text lernen muss, war die Faszination sehr schnell vorbei. Das war mir zu schulisch und zu anstrengend. Und auf einmal war der Beruf des Regisseurs wahnsinnig attraktiv. Der Regisseur war in meiner Wahrnehmung der, der ganz am Ende kam und gesagt hat: „Ton ab!“ Und fertig. Da dachte ich mir in meiner Faulheit, das ist ein toller Beruf, der muss am wenigsten machen. Er sagt bitte, danke und dann geht das Ganze von vorne los (lacht). Wie ich dann letztendlich doch zum Schauspiel kam, weiß ich gar nicht mehr. Durch kleine Produktionen hier, kleine Komparsen-Auftritte dar. Ich durfte als Teenager häufig bei Produktionen von meinem Vater die kurzen Sätze sprechen. Ich habe auch eine kurze Zeit als Regieassistent gearbeitet. Und immer häufiger wurden kleine Rollen daraus. Zu klein, um sie gestandenen Schauspielern anzubieten, aber doch zu groß für einen Komparsen. Die sind zwar motiviert und freuen sich über solch eine Möglichkeit – aber meistens geht es schief, weil das Sprechen vor der Kamera doch nochmal etwas ganz anderes ist. Dann habe ich mir irgendwann eine Agentur gesucht, die mich auch ohne Ausbildung vertritt und seitdem lebe ich davon. 

Fehlt Ihnen die Ausbildung? 
Es gibt handwerkliche Tools, die sehr hilfreich sind und die ich nie gelernt habe, ja. Allerdings habe ich mir mittlerweile meine eigenen Mittel angeeignet. Mein großes Vorbild war damals Jürgen Vogel, der so erfolgreich und trotzdem nie auf einer Schauspielschule war. Nur weil jemand eine gute Schauspielausbildung genießen durfte, heißt das nicht, dass er deswegen der bessere Schauspieler ist. Es braucht ein gewisses Talent, das sich dann formen muss, ob in einer Ausbildung oder in der Praxis. Es hilft, wenn man Leute um sich hat, die Tipps geben können. Das können Lehrer, Kollegen oder auch Regisseure sein. Eine Ausbildung ist meiner Ansicht nach nicht zwingend notwendig, aber auch sicher nicht verkehrt. Bei mir war der Zeitpunkt dann einfach irgendwann vorbei. Mir war klar, wenn ich jetzt nochmal auf eine Schule gehen würde, nehme ich mir die Möglichkeit, gleich Geld zu verdienen und ein schönes Leben zu haben – ein so viel schöneres Leben als die Freunde, die noch studiert haben (lacht). 

Sie sind schon eine ganze Weile im Geschäft. Würden Sie sagen, dass heute noch genauso gute Geschichte erzählt werden wie früher?
Gute Geschichten wird es immer geben. Das wahre Leben schreibt die absurdesten, die aufregendsten und ungewöhnlichsten Geschichten. Diese Geschichten werden immer da sein, solange es Menschen gibt, die sie aufschreiben. Der Entstehungsprozess hat sich jedoch gewaltig verändert. Es ist wie in den meisten Branchen: Das Geld regiert! Man muss man in strafferen Zeiträumen drehen, was sich auch auf die Qualität auswirken kann. Früher gab es Regisseure, die sagten: „Ich hab alles, was ich brauche, aber lass uns das nochmal machen, mach mal worauf du Lust hast.“ Das ist früher ganz oft passiert, dafür hatten wir damals Zeit – uns auch mal treiben zu lassen und zu experimentieren. Heute hat keiner mehr Zeit und Geld, etwas zu probieren, wovon das Resultat ungewiss ist. Das fehlt mir. 

Sie waren vergangenes Jahr auch als Kommissar im Schwarzwald-Krimi zu sehen. Was halten Sie persönlich von der überfüllten Krimilandschaft im deutschen Fernsehen?
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob die Menschen wirklich nicht genug kriegen, oder ob die Fernsehmacher nicht verstehen, dass es noch andere Genre gibt (lacht). Es ist schon erstaunlich, wie viele Kommissare im deutschen Fernsehen ermitteln. Ich schaue Krimis eher selten. Solange es jedoch einen Markt gib, ist die Krimiflut natürlich berechtigt. Was mich stört, sind die immer gleichen Dialoge. „Wo waren Sie am Freitagabend um 20 Uhr?“ Ich hatte vor meiner Rolle als Kommissar die Befürchtung, dass es wieder ein Drehbuch mit exakt den gleichen Dialogen gibt. Beim Schwarzwaldkrimi hatten wir jedoch einen tollen Regisseur Marcus Rosenmüller und die Autorin Anna Tebbe, die diese Sätze ganz oft weglassen haben. Da waren wir alle sehr dankbar. 

Sie haben in einem Interview mal gesagt, Sie schauen nichts auf Privatsendern? Warum?
Ich schaue grundsätzlich hauptsächlich Filme. Außerdem finde ich nichts schlimmer, als wenn im spannendsten Moment einer Dramaturgie Werbung geschalten wird. Die Werbung reißt dich komplett aus der Geschichte heraus und tut nach fünf Minuten so, als ob man nun einfach weitermachen könnte. Ich mag es auch total ungern, wenn man mit Leuten Filme schaut, die ständig Pause machen wollen. Das macht mich wahnsinnig. Wenn ich einen Film schaue, will ich mich für die Dauer des gesamten Films darauf einlassen. Unterbrechungen jeglicher Art empfinde ich als störend. Im Theater sagt man schließlich auch nicht: „Und morgen zeigen wir euch den zweiten Teil.“ 

Werden Filme und Fernsehen immer mehr zur Nebenbeschäftigung?
Ja und das finde ich ganz schrecklich. Allerdings ertappe ich mich auch immer öfters dabei. Wenn ich mir einen Film anschaue und mir der Gedanke kommt – was ist gerade auf Facebook und Co. los? Das ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass mich der Film nicht genug fesselt. Würde er einen wirklich überzeugen, hätte man gar keine Zeit sich solche Gedanken zu machen. Man sagt ja auch, dass Menschen mittlerweile nur noch eine Aufmerksamkeitsspanne von 15 Sekunden haben. Damit schlagen wir sogar den Goldfisch – sehr schade. Es wird höchste Zeit, dass wir dem entgegenwirken. Lesen fördert zum Beispiel enorm die Konzentration. Außerdem sollten die Filmemacher dem Publikum wieder mehr zutrauen. 

Woran könnte das liegen, dass dem Publikum so wenig zugetraut wird?
An der Frage knabbere ich selbst schon lange. Ich weiß es nicht. Es gibt verschiedene Theorien. Bei einem Privatsender hat man mal gesagt: Wenn in den ersten fünf Minuten nackte Brüste zu sehen sind, bleiben 97 % der Zuschauer dran. Das wurde wohl auch wissenschaftlich untersucht (lacht). Es gibt viele Menschen die „Film und Fernsehen“ nur als Berieselung nach einem anstrengenden Arbeitstag sehen. Es gibt aber genauso viele die den Film als Kulturgut anerkennen. 

Sie waren mit Ihrer Musikgruppe „77“ lange Zeit im Musikbusiness unterwegs. Hören Sie aktuell noch gerne Charts?
Nein, habe ich aber auch noch nie. Ich habe vor zwei Monaten in der Bahn etwas über den Künstler „Capital Bra“ gelesen, der die Beatles mit 19 Nr. 1 Hits in zwei Jahren abgelöst hat. Ich kannte den Typen nicht. Und als ich mir dann seine Musik anhörte, habe ich mir Sorgen gemacht… Ich hänge musikalisch eher noch in den 50er und 70er Jahren fest. Zu streng möchte ich allerdings auch nicht sein, jede Zeit hatte tolle und nicht so tolle Musik. 

Sie sind ja mittlerweile auch als Kinderbuchautor tätig. Was macht ein gutes Kinderbuch aus? Kann man nur gute Kinderbücher schreiben, wenn man selbst Kinder hat?
Ich glaube ich nicht. Aber es hilft bestimmt, wenn man sich sein kindliches Gemüt erhalten hat. Das musste ich mir – allein schon durch meinen Beruf – erhalten. Lesen formt das Sprachbild von Kindern sehr. Das wird heutzutage leider immer öfter aus den Augen verloren. Je schöner die Sprache in den Büchern, die Kinder lesen oder erzählt bekommen, desto schöner sprechen sie später. Mein Sohn sagte neulich in der Eisdiele: „Eine Kugel Zitronen-Eis würde ich mir gerne zu Gemüte führen.“ Wenn das von einem 4-Jährigen kommt, ist das erstmal ungewöhnlich (lacht). 

Für diese Jahr ist ja auch ein Jugendroman des „Sternenmanns“ geplant. Wie bekommt man Social-Media-Süchtige Jugendlichen heutzutage noch zum Lesen?
Gute Frage, aber ich habe Hoffnung. Obwohl ich auch darauf warte, dass mein Sohn mir sagt: „Kein Bock mehr zu Lesen, ich will einen Nintendo.“ Die Eltern dürfen das Lesen trotz TV und sozialer Medien nicht aus den Augen verlieren. Wenn man viel liest, wird die Fantasie angeregt und das Kind lernt so viel mehr, als es vor dem Rechner lernen kann. Ich glaube, wenn die Jugendlichen den Spaß daran finden, bleiben sie auch dabei. Dafür sind Bücher einfach zu gut. 

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