Tom Beck © Lou van Door

Tom Beck: Es kommt heute auf viel mehr an, als nur sein Fach zu beherrschen.

von Laura Bähr

Herr Beck, Sie sind über ein Musical-Film-Casting in die Schauspielbranche gerutscht und seitdem alsSchauspieler und Musiker tätig. Man hat oft den Eindruck, dass Menschen in der Kulturszene breit aufgestellt sind – singen, tanzen, schauspielern und schreiben. Ist das ein Spezifikum der Szene, das man in allen Bereichen Talent mitbringt?
Tom Beck: Früher habe ich es eher als Manko angesehen, alles ein bisschen zu können, aber nichts richtig (lacht). Das war tatsächlich auch Thema meiner Diplomarbeit: Ich kann alles ein bisschen, aber nichts richtig, also ideal, um Musical zu studieren. Heute sehe ich es nicht mehr als Nachteil. Die Vielseitigkeit ist mein Steckenpferd geworden, mein besonderes Merkmal und hilft natürlich, weil ich so auf mehreren Hochzeiten tanzen kann und mich nicht nur auf eine Sache verlassen muss.

Und das auch gar nicht möchte, weil ich eben sowohl gerne spiele als auch Musik mache. Es gibt nicht nur einen Bereich, den ich gerne mag oder in dem ich exorbitant gut bin, wie zum Beispiel Sarah Conner mit ihrer wahnsinnigen Stimme. Mittlerweile ist es aber auch so, dass es auf viel mehr ankommt, als nur darauf, sein Fach zu beherrschen. Wenn ich mir die Kids von heute so anschaue, habe ich das Gefühl, dass das Drumherum, also wie man sich aufstellt und sich mit Social Media und Co. vermarktet, genauso wichtig ist oder sogar wichtiger als die Sache selbst. Ein Trend unserer Zeit, dem ich kritisch gegenüberstehe. 

„Wenn ich mir die Kids von heute so anschaue, habe ich das Gefühl, dass das Drumherum, also wie man sich aufstellt und sich mit Social Media und Co. vermarktet, genauso wichtig ist oder sogar wichtiger als die Sache selbst. Ein Trend unserer Zeit, dem ich kritisch gegenüberstehe.“

Wie schafft man es heute in der Flut an Filmen und Musik Aufmerksamkeit für seine persönlichen Projekte zu generieren? Ist das Marketing so wichtig wie der Inhalt?
Tom Beck: Ich glaube beides in Kombination schadet nicht. Maximale Individualität und Authentizität sind wichtig um aufzufallen. Und dann kommt es natürlich auf die Art der Penetration an. Wenn man die Leute hartnäckig „zuscheißt“ mit tausend Videos am Tag, Bildposts und da noch ein Auftritt oder ein Songschnipsel, dann schafft man es, mit der Frequenz und den Algorithmen der sozialen Botschaften, seinen Namen und seine Projekte in das Gedächtnis der Menschen zu hämmern.

Wenn man aber natürlich nur Rotz raushaut, bleibt das auch nicht hängen. Es gibt heute zwar eine ganze Menge Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten wollen, aber eben auch eine Flut an Möglichkeiten. Früher, als es noch kein Internet gab, hatte man viel weniger Chancen und Möglichkeiten, kreative Projekte zu vermarkten. Auf der anderen Seite muss man sich heute mit viel mehr Menschen messen, die alle die Möglichkeiten haben, mit ihrem Smartphone in die Welt zu kommunizieren. Da herauszustechen, ist die große Kunst. 

Nehmen Sie Musik anders wahr, seitdem Sie Ihr Geld damit verdienen? Man hört ja oft, dass Künstler privat ihre Art von Musik häufig gar nicht mehr hören können… 
Tom Beck: Nein, ich glaube, mein Gefühl für die Musik hat sich nicht verändert. Natürlich ist man jeden Tag anders drauf und hört folglich auch andere Musik, aber mein Geschmack, Anspruch und Stil hat sich über die Jahre nicht verändert. Was sich verändert hat, ist, dass ich natürlich rationaler analysiere, was welche Musik für welche Zielgruppe bedeutet oder welche Art von Musik es beispielsweise aktuell in die Charts schafft.

„Herauszustechen ist die große Kunst.“

Mein letztes Album habe ich beispielsweise bewusst sehr poppig gestaltet, um in diese Hörgewohnheiten reinrutschen zu können. Grundsätzlich muss man in der Musik immer ein bisschen gegen den Strom schwimmen. Wenn alle das gleiche machen, braucht man einen maximal individuellen Sound. Ich habe 2012 ein Album in Nashville aufgenommen, das war damals viel zu speziell und zu sehr Country-Sound, das haben die Menschen zu der Zeit nicht verstanden. Damals war es zu früh, heute wäre es vermutlich genau richtig. 

Alex Christensen sagte in einem Interview mit uns, dass es schwer ist, „neue Musik“ zu schaffen. Was möchten Sie mit ihrer Musik erreichen?
Tom Beck: Meine Mission ist es, den Leuten mit meiner Musik eine gute Zeit zu bereiten. Am liebsten auf meinen Konzerten, wo wir gemeinsam die Musik abfeiern können. Wenn ich an einem Album schreibe, habe ich auch immer direkt den Moment eines Liveauftrittes im Kopf, das kann ich auch gar nicht abschalten. Ich könnte zum Beispiel nie ein Album schreiben, das dafür gemacht ist, auf Spotify durch die Decke geht, dafür bin ich vermutlich einfach zu alt (lacht). Wenn ich „Capital Bra“-Sounds höre, komme ich nicht mehr mit, das verstehe ich nicht und das ist für mich auch einfach keine Musik.

„Meine Mission ist es, den Leuten mit meiner Musik eine gute Zeit zu bereiten.“

Solche Texte kann ich auch leider nicht ernst nehmen. Da frage ich mich auch immer, ob das die Künstler selbst ernst nehmen können, oder ob sie das so differenziert sehen und das für sie auch einfach ein Job ist und ein Geschmack, der eben bedient wird. Ich finde diesen ganzen Auto-Tune-Sound sehr schwierig, aber der muss mir ja auch nicht gefallen. Schließlich ist es auch nicht mein Ziel, nur Musik zu machen, damit sie allen gefällt und maximal erfolgreich ist. Mein großer Wunsch ist es, ein Album zu schaffen, das auch in Sachen Sound alle aufhorchen lässt und alle denken „geil das klingt ja fett“. Dass das aber ein Sound ist, der noch nie da gewesen ist, ist unrealistisch, das weiß ich auch.

Man kann nur versuchen, seinen für sich maximal authentischen und individuellen Sound zu finden und diesen mit persönlichen Inhalten und Texten zu paaren. Das ist das Ziel vor jedem Album und dann beginnt ein Prozess, bei dem man immer wieder alles grundsätzlich infrage stellt (lacht). Ich glaube, Andreas Bourani hat sieben Jahren kein neues Album mehr herausgebracht, aber schon einiges geschrieben und immer wieder verworfen.

Man sieht, es ist einfach ein langer Prozess, der vermutlich nie wirklich beendet ist, außer man hat ein Label und eine Deadline im Nacken. Ansonsten könnte vermutlich jeder Künstler an jedem Album bis ans Ende seines Lebens weiterarbeiten. Das ist die große Hürde der Kreativen. 

„Jeder Künstler könnte an jedem Album bis ans Ende seines Lebens weiterarbeiten. Das ist die Hürde der Kreativen.“

Der Schauspieler Max von Thun sagte in einem Interview mit uns: „Kreativität muss nicht immer etwas sein, was man mit nach Hause nimmt und daran Geld verdient. Das ist ein Trugschluss der heutigen Gesellschaft.“ Was sagen Sie dazu?
Tom Beck: Ein sehr guter Gedanke, den ich auch total nachvollziehen kann. Ich denke heute auch anders über die Dinge nach als früher und frage mich natürlich, womit ich mein Geld verdienen kann. Da gibt es heute ja tausende von Möglichkeiten. Klar ist das ein schöner Nebeneffekt, aber wenn es am Anfang nicht um die Sache selbst geht, finde ich das sehr schade. Wenn Geld immer der Hauptantrieb wäre, würde ich auch nur noch arbeiten und alles aus der Kreativität rausquetschen. Dann würde man gar nicht mehr leben. 

Sie sind mit 41 Jahren relativ spät Vater geworden. Ist es ihrer Ansicht nach wichtig, erst die eigenen Ziele und Visionen zu verfolgen, bevor man die Hauptrolle in seinem Leben abgibt? 
Tom Beck: Ich glaube, das muss jeder individuell entscheiden, da gibt es kein Patent-Rezept. Für mich war der Zeitpunkt richtig, aber nicht aus einer vorgefertigten Überlegung oder einem Plan. Es hat sich vorher einfach nicht richtig angefühlt. Ich habe im Leben aber generell keine festen Pläne, was ich bis zu welchem Lebensjahr erreicht haben will.

„Wenn Geld immer der Hauptantrieb wäre, würde ich auch nur noch arbeiten und alles aus der Kreativität rausquetschen. Dann würde man gar nicht mehr leben.“

Das wäre in meinem doch eher unkontrollierbaren Berufsfeld auch seltsam und würde nicht passen. Ich kann durchaus auch verstehen, warum einige Menschen schon mit Mitte zwanzig Eltern werden. Für mich wäre es zu früh gewesen, weil ich selbst noch ein Kind war und dem Kind so nicht hätte gerecht werden können, weil ich einfach noch zu viel mit mir zu tun hatte.

Das habe ich natürlich jetzt immer noch, das hat man als Künstler ja auch immer, weil man ja nie stillsteht und ständig mit seiner Kreativität arbeiten möchte, aber eben auf eine andere Art und Weise. Andererseits kommt man in jungen Jahren natürlich mit weniger Schlaf aus, und es ist vieles leichter. Ich glaube, wir sind coole Eltern und ich bin sehr glücklich, dass alles so kam, wie es kam. 

„Ich möchte meinen Sohn zu einem selbstbewussten und gleichzeitig empathischen Menschen machen. Und das ist heute in einer Welt, in der jeden Tag so viel auf einen einprasselt, glaube ich, gar nicht so einfach.“

In Ihrem neusten Film „Nestwochen“ geht es darum, den Kindern trotz der Trennung der Eltern weiterhin ein sicheres Umfeld, ein Nest, zu bieten. Welche Werte möchten Sie ihrem Sohn mit auf den Weg geben?
Tom Beck: Ich finde das „Nestwochen-Prinzip“ grundsätzlich sehr gut, allerdings muss man sich diesen Gedanken natürlich auch erst mal leisten können. Drei Wohnungen parallel zu bespielen, ist ja bei den aktuellen Mietpreisen auch nicht so ohne (lacht). Ich hoffe, dass ich meinem Kind vermitteln kann, dass es nicht unbedingt ein eigenes Kinderzimmer oder andere materielle Dinge braucht, um sich sicher und geliebt zu fühlen.

Ich wünsche mir, dass ich quasi sein Nest sein kann, auch wenn man sich irgendwann trennt. Ansonsten sind meiner Ansicht nach Freundschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Anstand und Mut Grundwerte, die einen gut durchs Leben bringen. Ich möchte meinen Sohn zu einem selbstbewussten und gleichzeitig empathischen Menschen machen. Und das ist heute in einer Welt, in der jeden Tag so viel auf einen einprasselt, glaube ich, gar nicht so einfach. 

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