Franziska Stünkel © Bild 1: Martin Menke, Bild 2: Alamode Film

Franziska Stünkel: Wir stehen aktuell global vor vielen Herausforderungen, über die wir uns dringend austauschen müssen. Filme können uns dabei helfen.

von Laura Bähr

In Ihrem aktuellen Film, dem Politdrama „Nahschuss“, arbeiten Sie die Todesstrafe in der DDR auf. Ist das Filmemachen in Ihren Augen eher Kunstform oder Handwerk? 
Franziska Stünkel: Ich würde der Kunstform deutlich mehr Gewicht beimessen. Um einen Film zu machen, brauche ich zwar handwerkliche Fähigkeiten, aber das was meine Arbeit ausmacht, sind die künstlerischen Entscheidungen. Aus den vielen Möglichkeiten der dramaturgischen, visuellen und auditiven Mittel die ganz eigene künstlerische Handschrift des Films zu definieren, sein Wesen. Film ist etwas Orchestrales. Es ist das Resultat des Zusammenspiels vieler Ebenen, so wie die einzelnen Instrumente und Stimmen eines Orchesters ein Klangbild ergeben. Bei den künstlerischen Entscheidungen geht es mir immer auch darum das komplette Eintauchen in eine Figur zu befördern, damit es zu mitgelebter Wirklichkeit wird.

Film ist die Chance mich in fremde Welten und das Innenleben mir völlig unbekannter Menschen zu begeben. Nur wenn ich bereit bin durch die Augen eines anderen Menschen zu sehen, kann ich lernen zu verstehen. Ich muss es nicht gutheißen, was Jemand tut. In Nahschuss war es mein Ziel den Figuren extrem nah zu sein, auch den „bösen“ Anteilen einer Figur, den Momenten, wenn sie zerstörerisch oder verletzend ist, schuldig wird. Nur die Kenntnis und das Erkennen bietet das Potenzial daraus zu lernen. Wir stehen in Verantwortung. Daher ist Verstehen so wichtig. 

„Um einen Film zu machen, brauche ich zwar handwerkliche Fähigkeiten, aber das was meine Arbeit ausmacht, sind die künstlerischen Entscheidungen.“

Kunst bedeutet für mich, dass ein Werk eine ganz individuelle Geschichte erzählt, die die Betrachtenden jedoch tief und ganz persönlich berührt und in Folge dessen zu einer Selbstbefragung führt. Dafür sind universelle Themen wichtig, die uns ja alle einen. In Nahschuss sind es das Thema Vertrauen und Vertrauensmissbrauch und die Fragen nach Entscheidungen im Leben, den Punkt zu finden ‚Nein‘ zu sagen, bevor es zu spät ist. In unserer heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, dass wir Kino haben, um andere Welten, Themen und neue Perspektiven betreten können. Wir stehen aktuell global vor vielen Herausforderungen, über die wir uns dringend austauschen müssen. Filme können uns dabei helfen. 

Schafft „Nahschuss“ eine mitgelebte Wirklichkeit? 
Franziska Stünkel: Auf jeden Fall. „Nahschuss“ spielt zwar 1980/81 in der DDR, aber ich habe mir mit diesem Film immer gewünscht, dass er außerdem unabhängig von dieser Zeit lesbar wird. Als die Geschichte eines Menschen, der innerhalb eines rigiden politischen Systems lebt, sich darin gut einrichtet, dann damit zu fremdeln beginnt, raus will. Doch es gibt keinen Weg: Er wird zum Tode verurteilt und hingerichtet. Noch heute ist die Todesstrafe im Strafgesetz von über 50 Staaten verankert. Andersdenkende, Oppositionelle werden gegenwärtig in rigiden politischen Systemen nach wie vor hart verfolgt, inhaftiert. Nahschuss ist ein Film über Menschlichkeit und das was Diktaturen, totalitäre Systeme, Willkür und Machtmissbrauch im Menschen anrichten. 

„Wir stehen aktuell global vor vielen Herausforderungen, über die wir uns dringend austauschen müssen. Filme können uns dabei helfen.“

Sie sagten in einem Interview, dass Sie Ideen, die Sie noch vor 1-2 Jahren bezüglicher neuer Filme hatten, wieder verworfen haben und sich mit der Welt drehen wollen. Welche Filme brauchen wir in der aktuellen Zeit? 
Franziska Stünkel: Wir brauchen eine große Vielfalt an Filmen und Themen. Es ist nach wie vor wichtig, dass es Komödien gibt, in denen wir lachen können, dass es Filme gibt, die uns von der Kraft der Liebe und der Schönheit des Lebens erzählen oder Actionfilme uns mit ihrer starken Visualität unterhalten. Aber es sollte ganz unbedingt auch Filme geben, die uns näher an wichtige Themen führen. Themen, die aktuell im Fokus der Welt stehen. Kino ist kollektives Erleben, schließlich sitzen wir gemeinsam im Kino und können uns direkt darüber austauschen. In den Bildern auf der großen Leinwand und dem Ton in einem Kinosaal habe ich viel differenziertere Gestaltungsmöglichkeiten als im TV oder beim Streamen auf dem Handy.

Ich sehe und höre mehr – auf bewusster und unbewusster Ebene. Im Kinosaal herrscht auch eine hohe Konzentration, die wir sonst in unserer flüchtigen Welt nicht mehr so häufig vorfinden. Ich bin überzeugt, dass gerade das zu einer tieferen Wirkung und Nachwirkung führt. Das erzeugt diese emotionale Wucht von Kino, die ich so liebe und die ich während der Pandemie sehr vermisst habe. Das Handy ist aus, nichts anderes zählt in einem Theater, einem Museum oder einem Kino. Diese Hingabe wird mit großen Gefühlen belohnt. 

„Im Kinosaal herrscht auch eine hohe Konzentration, die wir sonst in unserer flüchtigen Welt nicht mehr so häufig vorfinden.“

Wie schafft man es solch eine emotionale Nähe im Film zu schaffen? 
Franziska Stünkel: Da geht jede RegisseurIn andere Wege. Nahschuss hat keine Filmmusik. Ich fand es wichtig stattdessen die Atmung von Franz zu hören. Die Art wie ein Mensch atmet, erzählt unmittelbar von seinen Empfindungen – ob einem der Atem stockt oder ich nach Luft ringe. Atmung ist immer ehrlich. Wir beeinflussen sie nicht. Die Atmung des Protagonisten Franz in Nahschuss wollte ich daher unbedingt durchgängig miterzählen. Nahschuss hat beispielsweise auch nur wenige Schnitte, ungefähr halb so viele, wie sonst üblich. Trotz dieser langen Bilder soll die Spannung nicht verloren gehen.

Wir haben versucht, die Geschichte nicht nur aus der äußeren Spannung, also was passiert diesem Menschen Franz in dem politischen System, sondern auch über die innere Spannung zu erzählen, also das was er fühlt in all der Komplexität und Ambivalenz, die wir Menschen in uns tragen. Deshalb gibt es diese langen Blicke in sein Gesicht, so als ob man neben oder vor Franz steht. Nur mit dieser Ruhe kann man erahnen, welche Gefühle und Gedanken wirklich hinter den Worten liegen. Eine Fähigkeit, die heute leider mehr denn je verlorengeht.

„Kunst bedeutet für mich, dass ein Werk eine ganz individuelle Geschichte erzählt, die die Betrachtenden jedoch tief und ganz persönlich berührt und in Folge dessen zu einer Selbstbefragung führt.“

Sich Zeit zu nehmen und auch sich zu trauen, den anderen einmal wirklich ‚anzusehen‘. Das auszuhalten. Und nicht zu meinen, ich kenne die inneren Gefühle meines Gegenübers, wenn ich in seinen Social Media Account schaue oder ihm nur flüchtig begegne. Echte Begegnungen brauchen Zeit, um zu verstehen.  

Um die Entscheidungen der Menschen in dem System besser zu verstehen? 
Franziska Stünkel: Genau! Es erfordert viel, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn man unter Druck gesetzt wird. In Nahschuss wird Franz beispielsweise vor die Entscheidung gestellt, dass die Augenoperation seiner Mutter nur zeitnah stattfinden wird, wenn er auf der anderen Seite zu „einem Gefallen“ bereit ist. Menschen, die in rigiden politischen Systemen in den Widerstand gehen, verlieren und riskieren viel – mitunter ihr Leben. 

Wir haben vor Kurzem mit dem Regisseur Ilker Catak gesprochen, der im Interview zu uns meinte: Film darf kein pädagogisches Instrument sein. Wie stehen Sie dazu?
Franziska Stünkel: Film ist für mich nicht dazu da, pädagogisch zu agieren. Mir geht es um Sichtbarkeit wichtiger Themen. Dass es die Todesstrafe in der DDR gegeben hat, war mir nicht bewusst. Vor zehn Jahren las ich davon am Rande eines Zeitungsartikel, in einem Nebensatz. Da begann meine achtjährige Arbeit am Drehbuch mit viel Recherche.

„Es erfordert viel, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn man unter Druck gesetzt wird.“

Im Verlauf der acht Jahre merkte ich, dass es den meisten Menschen ähnlich wie mir geht und sie nicht von den Hinrichtungen in der DDR gewusst haben. Für mein Gefühl ist das Thema nicht im kollektiven Bewusstsein angekommen. Das war für mich einer der Gründe für „Nahschuss“. Ich glaube, wenn man Dinge verschweigt und sie im Dunkeln lässt, ist das nie gut. Man sollte immer wissen, was war. 

Sie haben für „Nahschuss“ den Förderpreis für das beste Drehbuch erhalten. Wie stehen Sie zu der Bewertung bei Filmfesten? Ist es nicht unmöglich, Filme auf Filmfesten zu bewerten, schließlich handelt es sich bei Filmen und Geschichten um sehr persönliche und individuelle Einschätzungen…
Franziska Stünkel: Das stimmt, und das ist mir auch bewusst, dennoch geben Jurys nach oftmals langen Diskussionsprozessen durchaus ein fundiertes Meinungsbild ab. Auszeichnungen sind daher für mich eine fachliche und inhaltliche Anerkennung, wenn natürlich auch immer durch die Zusammensetzung der Jury individuell und subjektiv geprägt, entsprechend der Vielfalt der Menschen in einer Jury. Mich haben der Drehbuchpreis und auch der One-Future-Preis des Filmfestes München sehr gefreut. Warum?

„Man sollte immer wissen, was war.“

Der One-Future-Preis beispielsweise zeichnet den Film des Filmfestes aus, der inhaltlich einen Beitrag zu einem friedlichen Miteinander der Zukunft leistet. Der Preis zeigte mir, dass die Jury verstehen konnte, was Nahschuss bewirken möchte: Den Transfer aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft. Mein Vater ist Geschichtslehrer und hat immer gesagt: Das Verstehen der Vergangenheit ist unglaublich wichtig, für das Verstehen der Gegenwart und das Gestalten der Zukunft. Und das sehe ich auch so. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass diese Intention erkannt wurde. 

Woran machen Sie den Erfolg eines Films fest? An dem eingespielten Geld, den Kritiken, dem gesellschaftlichen Mehrwert oder ihrem persönlichen Gefühl?
Franziska Stünkel: Es ist eine Mischung. Generell fühle ich eine große Verantwortung bei dem, was man in die Welt gibt. Also der gesellschaftliche Mehrwert. Schließlich macht man so einen Film nicht für sich allein. Ich habe jetzt fast 10 Jahre an Nahschuss gearbeitet, acht Jahre allein an dem Drehbuch, weil es mir wichtig war, den Film so wahrhaftig wie möglich zu gestalten. Man macht einen Film über Menschen, aber auch mit Menschen.

„Das Verstehen der Vergangenheit ist unglaublich wichtig, für das Verstehen der Gegenwart und das Gestalten der Zukunft.“

Das Drehen, die Arbeit mit den Schauspieler:innen und mit dem ganzen Team ist ein sehr wichtiger Schritt der Reise des Films. Ich finde es sehr wichtig, dass man auch diese Zeit bewusst erlebt, schließlich findet dort der erste Austausch über das Thema statt. Das wichtigste Ziel ist das gesamte Publikum. Wie jeder Zuschauende den Film ganz für sich bewertet – ob er ihn für sich persönlich wertvoll findet, darum geht es. Ob ich einem Menschen mit einem Film etwas geben kann. Das ist meine Hoffnung.

Sie haben bei „Nahschuss“ sowohl das Drehbuch geschrieben als auch Regie geführt. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil, wenn man die Dinge so umsetzt, wie man sie sich selbst erdacht hat? 
Franziska Stünkel: Ich hätte bei Nahschuss nicht nur die Regie übernehmen wollen. Undenkbar. Ich fand es wichtig mich acht Jahre lang als Autorin immer wieder mit diesem gewaltigen Thema durch das Schreiben zu befassen, es dabei weiter zu recherchieren und dramaturgisch zu befragen – wie ich es erzählen möchte, was der Fokus ist. Wenn dann das Team hinzukommt –  Produzentin, Kameramann, Editorin und viele Gewerke mehr – beginnt das Teilen. Ich begreife das Team und die SchauspielerInnen als PartnerInnen, die mit ihrer Expertise und ihrem Blick auf die Vision des Films einzahlen.

„Kino erwischt mich immer noch mit Haut und Haaren, Körper, Geist und Seele. Wenn der Film gut gemacht ist, fange ich gar nicht erst an, über technische oder dramaturgische Dinge nachzudenken.“

Und um auf Ihre Frage zu kommen: Durch die Zusammenarbeit mit dem Team, den Gedankenaustausch und das Ausloten der Möglichkeiten und Wirkungen habe ich die Chance mich auch immer wieder zu befragen, wo man vielleicht zu lange im „eigenen Sumpf“ gesteckt hat – denn das  ist eventuell ein Risiko, wenn Buch und Regie in einer Hand liegt: Dass man zu früh zu eng denkt. Aber ein kluges Team stellt alles nochmal in Frage. Das ist wunderbar. 

Hat sich Ihr persönliches Verhältnis zum Film verändert, seit Sie selbst Filme machen?
Franziska Stünkel: Nein. Kino erwischt mich immer noch mit Haut und Haaren, Körper, Geist und Seele. Wenn der Film gut gemacht ist, fange ich gar nicht erst an, über technische oder dramaturgische Dinge nachzudenken. Dann bin ich ganz und gar im Film.   

Ist es heute als RegisseurIn, ähnlich wie im Schauspielbusiness, wichtiger die richtigen Leute zu kennen, als gute Geschichten zu schreiben? 
Franziska Stünkel: Nein. Ich weigere mich das zu glauben, denn ich glaube ganz fest daran, dass ein Werk, das in sich eine Stimmigkeit und hohe Ausdruckskraft hat, auch Chancen auf Realisierung hat und gesehen wird – unabhänging von allem. Ich glaube, wenn ein Mensch wirklich etwas zu sagen hat, wird er auch sichtbar. Da führt kein Weg dran vorbei. Ohne Kontakte ist der Weg jedoch oftmals steiniger, viel länger und anstrengender. Ich weiß, wovon ich spreche: Ich kannte Niemanden in der Filmbranche.

„Ich glaube, wenn ein Mensch wirklich etwas zu sagen hat, wird er auch sichtbar. Da führt kein Weg dran vorbei.“

Ich habe auch nicht an einer Filmhochschule studiert, sondern an einer Kunsthochschule, fern der Filmindustrie. Das war damals kein einfacher Weg. Mittlerweile gibt es durch die Digitalisierung mehr Möglichkeiten des Networking  und der Sichtbarkeit wie beispielsweise Social Media, aber wir müssen alle aufpassen, dass das Außen nicht das Innen erschlägt. Auch wenn es mitunter längere Wege sind: Die Sichtbarkeit suchen sich die Dinge von allein, wenn sie wirklich gut sind.

Inwiefern hat die Pandemie die Filmbranche verändert? 
Franziska Stünkel: Corona war für die Kulturbranche eine sehr harte Zeit. Für Fernsehen und Streaming-Dienste weniger, aber für das Kino war es schlimm. Die Kinos hatten 10 Monate geschlossen, was dazu geführt hat, dass es jetzt einen großen Filmstau gibt. Festivals konnten lange gar nicht oder nur digital stattfinden, die ganze Branche war wie gelähmt. Das war keine Zeit, die wir uns gewünscht haben oder die irgendwie konstruktiv war. Ich glaube aber, dass das Kino ein wichtiger Ort ist, um jetzt wieder die eigene Welt zu öffnen und Gefühle zu erleben. Die Welt in uns muss sich wieder erweitern und dafür eignet sich der Kinosaal perfekt. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns nicht einfach wegducken sollten, sondern die Chance nutzen sollten, bewusst neu zu gestalten und dabei kann Kino eine wichtige und inspirierende Kraft sein. 

„Wir leben in einer Zeit, in der wir uns nicht einfach wegducken sollten, sondern die Chance nutzen sollten, bewusst neu zu gestalten und dabei kann Kino eine wichtige und inspirierende Kraft sein.“

Ist es heute schwieriger geworden, gute Filme zu machen, wo doch jeder jederzeit auf den Aufnahmeknopf drücken kann? 
Franziska Stünkel: Ich finde es sehr schön, dass jeder mit seinem Handy fotografieren und filmen kann, aber ich glaube, es gibt etwas und das ist Zeit und Tiefe für ein Thema, was diese beiden Bereiche voneinander unterscheidet. Ich fotografiere zum Beispiel seit zehn Jahre meine Serie „Coexist“ – wenn ich ein Motiv sehe, sehe ich mittlerweile viel mehr, gehe ganz anders in die Tiefe, als wenn ich mich mit diesem Thema zum ersten Mal beschäftigen würde. Was einen Schnappschuss von einem wirklichen Bild unterscheidet, ist, dass es mehrere Ebenen versammelt und Mehrdimensionalität und Komplexität vereint. Und das schafft man nur mit Zeit und Konzentration. Deswegen stehen solche Projekte nicht in Konkurrenz. Es sind zwei Welten. 

Sie sind neben Ihrer Arbeit als Filmregisseurin auch als Fotografin tätig und haben im letzten Jahr den Bildband „Coexist“ herausgebracht, der durch seine Spiegelungsbilder, in dem die Dinge neben-, vor- und übereinander nur durch den Lichteinfall im Glas existieren. Was gibt Ihnen die Fotografie, was der Film nicht kann?
Franziska Stünkel: Die gesamte Zeit, in der ich an Nahschuss gearbeitet habe, war ich auch mit Coexist beschäftigt. Ich bin dafür in den letzten zehn Jahren weltweit allein mit meiner Leica unterwegs gewesen. Das Erfahren eines Ortes und der Menschen, ganz allein, das hat eine Intensität, die ich mir dann auch im Drehbuchschreibprozess von Nahschuss ermöglicht habe. Ich war in den Jahren immer wieder sehr lange in den historischen Orten wie der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen und der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße in Berlin. 

„Fotografieren und Film bedeuten für mich Empathie.“

Auch das nonverbale Erzählen eines Fotos, also was sich zeigt, wenn man nicht spricht, hat mich durch das Fotografieren sehr geprägt und sich auf Nahschuss ausgewirkt. In Nahschuss gibt es ganze Szenen, in denen nicht gesprochen wird und hoffentlich doch viel gesagt wird. Dieses Beobachten des Menschen und dieses Wittern, wann die Authentizität und emotionale Dichte des Moments am höchsten ist, und sei es nur in der Körperhaltung oder Mimik oder Gestik der Menschen, das ist bei mir in den letzten zehn Jahren durch das Fotografieren ungeheuer gewachsen. So stelle ich für mich fest, dass und wie sich das Fotografieren und das Filmemachen berühren und befruchten. Fotografieren und Film bedeuten für mich Empathie. 

„Nahschuss“ – aktuell in den Kinos.

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