Film darf kein pädagogisches Instrument sein.

von Laura Bähr

Herr Catak, aktuell wird Ihr neuester Film „Es gilt das gesprochene Wort“ auf dem Filmfest in München gezeigt. Welche Bedeutung hat ein Filmfest für Sie als Regisseur? 
Ilker Catak: Ein Filmfest ist eine schöne Plattform, um seine Arbeit als Regisseur zu präsentieren und die Arbeit seiner Mitstreiter zu sehen. Wenn es zeitlich klappt, versuche ich mir die anderen Filme anzusehen , um einen Überblick zu bekommen, was die Branche gerade bewegt. 

Ist es wichtig, zu wissen welche Filme gerade laufen, die Konkurrenz zu kennen?
Wahrscheinlich schon. Die Menschen hinter den Filmen sind interessant und deswegen ist es spannend zu sehen, wie sie ihre Ideen zum Ausdruck bringen. Ich glaube, dass meine filmische Sozialisation einer Zeit stattgefunden hat, in der ich selbst noch gar keine eigenen Filme gemacht habe. Das war ein naiveres Herangehen, heute kenne ich die ganzen Tricks dahinter (lacht). Das war die Zeit, aus der ich die auch heute noch meine Ideen ziehe. Anfang 20 war ich so oft im Kino, das war nicht mehr normal. Seit ich selber welche mache, sehe ich mir viel weniger Filme an.

Ist das nicht schade, wenn man vor lauter Beruf das anfängliche Hobby verliert? 
Klar. Auf der einen Seite ist es schade, weil man nicht mehr so naiv ist und vielleicht ein Hobby verloren hat. Auf der anderen Seite liebe ich meine Arbeit als Filmemacher. Das ist auch eine Arbeit, die einen immer wieder überraschen kann. 

Zum Beispiel? 
Wenn man zum Beispiel eine Szene schreibt und darüber wochenlang brütet, nicht weiterkommt und dann kommt plötzlich ein Schauspieler, der einem einen ganz neuen Zugang zu dem Ganzen aufzeigt. Immer wieder faszinierend.

Im Film antwortet die Hauptfigur Baran auf Marions Frage, warum ausgerechnet sie ihm helfen sollte, mit „warum nicht du?“ Eine kritische Frage an die Gesellschaft? 
Nein. Ich habe keinen Anspruch der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Wenn man das so auffasst, dann ist das natürlich vollkommen in Ordnung, aber das war nicht meine Absicht. Ich freue mich, wenn Menschen durch meine Filme zum Nachdenken angeregt werden und sich vielleicht sogar große gesellschaftliche Themen auftun, aber als wir das geschrieben haben, war nur der Moment zwischen diesen beiden Personen wichtig. 

Ist der Film das richtige Medium, um gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen?
Film darf kein pädagogisches Instrument sein. Die Zuschauer möchten in ihrer Freizeit nicht belehrt werden. Ich finde es gut, wenn es Filmemacher gibt, die sich gesellschaftlichen Problemen annehmen, aber ich selber mache mich nie auf den Weg, um einen politischen Film zu drehen. Ich mache einen Film, weil mich die Figuren interessiert, ihr Schicksal oder die Dynamik ihrer Geschichte. Wenn man Filmen anmerkt, dass sie sehr stark aufs Politische gemünzt sind, das aber eher wie eine Art Deko erscheint und die Geschichte diesen Aspekt eigentlich gar nicht hergibt, dann finde ich das furchtbar. Ich will Filme machen, die aus den Figuren heraus entstehen und nicht von oben diktiert werden. 

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? 
Aus Dingen, die ich beobachte, die mich interessieren oder mich schockieren. Beim „Gesprochenen Wort“ ist es so, dass ich in diesem Ferienort groß geworden bin, meine Großmutter hatte dort eine Pension. Ich habe das Verhältnis dieser Menschen eine lange Zeit beobachten dürfen. So ist die Geschichte entstanden. Wenn ich aber genau wüsste, woher die Inspiration immer kommt, dann würde ich diesen Ort nicht mehr verlassen (lacht). So genau kann man es leider nicht sagen. 

Sie gelten als Regisseur, der sich vor allem mit transnationalem Leben und Arbeiten in seinen Filmen auseinandersetzt. Braucht man eine spezifische Ausrichtung, um sich als Regisseur einen Namen zu machen?
Das ist schwer zu sagen. Natürlich braucht man eine Art Handschrift, aber ich denke nicht viel über meine eigene Arbeit nach. Die Filmemacher, die ich toll finde, machen sehr unterschiedliche Filme. Es ist immer interessant, wenn Regisseure eine Bandbreite an verschiedenen Genres anbieten und auch immer wieder neue Ansätze verfolgen. Außerdem will ich mich selbst nicht so einengen. Ich glaube, wenn man versucht in seinen Filmen immer einer bestimmten Handschrift zu folgen, hat man irgendwann ein festes Bild von sich selbst, was einen in seiner Arbeit beschränkt. 

Ist es heute als Regisseur wichtiger die richtigen Leute zu kennen, als gute Geschichten zu schreiben? 
Wenn das so wäre, fände ich das sehr traurig. Das würde ja heißen, dass nicht das Talent wichtig ist, sondern der Kreis an Menschen, der einen fördert. Ich glaube, wenn man gute Geschichten an der Hand hat, dann kommen die Leuteganz von alleine. Ich weiß aber natürlich auch, dass es immer wieder Fälle gibt, wo es nicht so ist. Nur ich würde nie sagen, dass es wichtiger ist zu Netzwerken. Gute Geschichten sind das Gold der Branche. Und wenn man keine gute Geschichte zu erzählen hat, dann kann man noch so viele Menschen kennen, der Film wird dadurch am Ende auch nicht besser. 

Vor Ihrer Arbeit als Regisseur waren Sie in der Werbebranche tätig – wieso haben Sie sich für den Film entschieden?
Weil ich mich in der Werbung nie wohlgefühlt habe. Man arbeitet immer nur für einen Kunden, die Agentur sitzt einem im Nacken, dieses Gefühl habe ich gehasst. Ich liebe es eigene Geschichten zu erzählen, die die Menschen mögen, oder eben nicht.  Andererseits habe ich in der Werbung viel gelernt. Man  lernt sehr viel über die technische Seite und muss es auch schaffen, eine Geschichte in 90 Sekunden zu vermitteln. Werbung ist keine schlechte Schule gewesen. 

Sie haben mit Ihren Werken schon mehrere Preise gewonnen. Ist ein Preis auch immer ein Türöffner für weitere Projekte? 
Auf jeden Fall! So ein Preis schafft Vertrauen. Film kostet Geld. Und wenn  jemand viel Geld in ein Projekt investieren soll, setzt das Vertrauen voraus. 

Sowohl im Fernsehen als auch im Kino scheinen die Produktionsbedingungen immer schlechter. Weniger Budget und vor allem weniger Drehtage. Leidet darunter nicht zwangsläufig die Qualität? 
Not macht erfinderisch. Und ich glaube, dass man auch mit wenig Geld tolle Filme machen kann. Wir haben hier in Deutschland im Vergleich zu einigen anderen Ländern ein sehr gutes Fördersystem. Natürlich sind Zeit und Geld für einen Film immer gut, aber ich möchte nicht jammern . Man muss auch sehen, wie es den anderen Ländern in Europa geht und da können wir uns wirklich glücklich schätzen. Auch wenn die deutschen Filme im Ausland ja leider immer noch nicht so gut ankommen. 

Woran liegt das? 
Wenn ich das wüsste. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die meisten deutschen Kinofilme zunächst die Hürde des Fernsehens nehmen müssen. Es ist sehr schwer einen Film ohne Senderbeteiligung finanziert zu bekommen. Aber das allein kann es auch nicht sein. Ich glaube es hat letztlich mit Mut zu tun. Mut zu Eigensinn. Mut zur Lücke und zum Geheimnis. Das ist vielleicht auch ein wesentlicher Unterschied vom Kino zum Fernsehen. Dass man eben nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner findet, sondern maximal persönliche Geschichten. 

Ist es schwieriger geworden gute Filme zu machen, weil heute beinahe jeder mit dem Handy selbst zum Regisseur werden kann? 
Nein, das Gefühl habe ich nicht. Einen guten Film zu drehen ist genauso schwierig, wie vor 30 Jahren. Nur weil mehr Teilnehmer im Spiel sind, haben sich die Herausforderungen an sich ja nicht geändert. Einen guten Film zu machen ist auch etwas ganz anderes, als einen Film zu machen, der beispielsweise gut im Kino ankommt. Es gibt eine ganz klare Übersättigung im Kinomarkt. Es starten viel zu viele Filme im Jahr, als das sie überhaupt die Zeit bekämen, ihr Publikum zu finden. Einen guten Film zu machen, hat aber mit seiner Auswertung erstmal nichts zu tun. Ein Film kann tausende Zuschauer im Kino erreicht haben und trotzdem ist er nicht gut. Ich mache den Erfolg eines Filmes nicht an seiner Auswertung fest. 

Sondern? 
An den Emotionen, die er in mir weckt. Ob er mich anspricht, mich berührt, mich beschäftigt. Es gibt bestimmte Themen, die einen zu bestimmten Zeiten im Leben umkreisen. Wenn man auf einen Film trifft, der gerade so ein Thema anspricht, dann ist da dieses besondere Gefühl, das vielleicht vor zehn Jahren beim gleichen Film nicht da gewesen wäre. Das ist natürlich etwas sehr Subjektives, deswegen kann man das auch nicht pauschal sagen. Was man sagen kann, ist, dass ein guter Film immer hängenbleiben muss. Dass ich ihn nicht am nächsten Tag vergessen habe.

Ist es dann nicht eigentlich unmöglich Filme auf Filmfesten überhaupt zu bewerten und auszuzeichnen?
Das ist natürlich eine verkappte Angelegenheit. Das ist etwas so Subjektives und immer nur eine Meinung. Die Arbeit von RegisseurInnen wird ja ausschließlich von der Meinung anderer bewertet. Du kannst nicht, wie bei einem Mathematikwettbewerb, den objektiven Gewinner küren. Man darf es nicht persönlich nehmen, wenn man verliert, aber auch nicht, wenn man gewinnt. Häufig hat ein Film auch immer ein Momentum, dann wurde er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gezeigt und bekommt besonders viel Aufmerksamkeit. Dann ist man plötzlich in einer Art Fokus und der Film wird zu einem Selbstläufer. Das ist natürlich das Beste, was einem passieren kann. Ob der Film aber wirklich gut ist, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt. 

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