Christian Bischoff © Christian Bischoff

Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.

von Laura Bähr

Herr Bischoff, Sie waren mit 16 der jüngste Basketball-Bundesligaprofi aller Zeiten. Kann man zu jung Erfolg haben? 
Christian Bischoff: Nein, ich glaube nicht. Die Frage ist eher, wie man als junger Mensch dann mit dem Erfolg umgeht. Natürlich gibt es viele, die, wenn sie jung Erfolg haben den Boden unter den Füßen verlieren und abheben. Aber genauso gut kann man, wenn man jung erfolgreich ist auch schon früh lernen, wie man damit umgeht und was der Preis ist, den man dafür zahlen muss. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, in der jeder denkt, dass Erfolg einfach ist, ohne Anstrengungen zu erreichen und keine weiteren Konsequenzen nach sich zieht. Das stimmt einfach nicht. Jede Selbstständigkeit, die ein Mensch unternimmt, ist immer mit ganz viel Mut, Risikobereitschaft und auch der Gefahr zu scheitern verbunden. Ich bin sehr dankbar, dass ich im Sport so jung so viel erreichen konnte, weil es einem natürlich sehr viel Selbstbewusstsein zu Beginn des Lebens gibt. Wenn man jung Profisportler wird, lernt man schnell, was Disziplin bedeutet und was im Leben alles möglich ist. 

Wieso ist das so, dass die negativen Seiten des Erfolgs immer verschwiegen werden? 
Unsere Medienlandschaft gleicht einer Selbstdarstellerbühne. Jeder möchte sich von seiner Schokoladenseite zeigen. Die Menschen, die große Erfolge erzielt haben, haben meistens auch einen hohen Preis dafür gezahlt. Wenn man in einer Sache richtig gut sein möchte, verzichtet man ganz häufig dafür auf viele andere Dinge. Bei einem Schauspieler sieht man dann zum Beispiel immer nur, wie er auf dem roten Teppich steht und denkt sich vielleicht, wie gerne würde ich da auch stehen. Wenn man dann aber auch immer den Weg dahin sehen würde, die ganzen Herausforderungen und vielleicht auch die Zeiten, in denen man als Künstler finanziell ums Überleben kämpfen muss, weil die lange nicht die Gagen bekommen, die man sich vorstellt, dann sieht es vielleicht schon wieder ganz anders aus. Es ist heute, gerade für die jungen Menschen, wichtiger denn je, dass man sich ein realistisches Bild vom Leben und auch vom Erfolg macht. Ich erkenne das bei mir selbst. Seit ich meine Karriere als Persönlichkeitstrainer gestartet habe, mache ich nur noch wenig anderes. Das ist der Preis, den ich zahle. In diesem Fall zahle ich ihn natürlich gerne, aber trotzdem müssen sich die Menschen bewusst sein, dass man auch auf viele Dinge im Leben verzichten muss. 

Sie coachen unteranderem heute auch Profisportler. Wie darf man sich ein solches Coaching vorstellen? Welche mentalen Fähigkeiten braucht man, um Profisportler zu sein? 
Ich betreue z.B. Frank Stäbler, den weltbesten Ringer. Diese Menschen stehen vor den gleichen mentalen Herausforderungen wie du und ich. Es sind die gleichen Themen, die ich mit allen anderen Seminar-Teilnehmern bespreche. Das ist auch direkt der erste Irrglaube, dass die Leute denken, dass Profisportler ganz anders eingestellt sind. Die haben die gleichen Sorgen, die gleichen Ängste vor Niederlagen. Das spielt sich nur auf einem anderen Level ab, weil sie in einer Sache herausragend gut sind. Frank Stäbler hatte beispielsweise vor der dritten Weltmeisterschaft große Versagensängste, weil der mediale Druck enorm war. Man darf auch nicht vergessen, dass es sich bei den Profisportlern häufig um sehr junge Menschen handelt, was eben auch bedeutet, dass sie bei vielen Dingen im Leben noch unreif sind und da an die Hand genommen werden müssen. Da führt man dann Gespräche, bei denen es um Selbstvertrauen geht, aber auch um die Fähigkeit sich von Kritik abzugrenzen und in sich selbst zu ruhen. Es sind die gleichen Themen, mit denen wir alle kämpfen. 

Begonnen hat Ihre Coachingkarriere mit dem Coachen von Schülern. Was halten Sie vom derzeitigen Schulsystem?
Ich bin kein Mensch, der über Systeme lästert. Wenn eine Gesellschaft funktionieren will, braucht es Systeme. Jedoch hinken Systeme meistens vier Jahrzehnte der realen Entwicklung hinterher, weil sie so schwer zu verändern sind. Also natürlich, unser Schulsystem ist nicht ideal, das ist offensichtlich. Gleichzeitig haben junge Menschen heute aber auch viel mehr Möglichkeiten sich das Wissen, was sie möchten, einfach zu besorgen. Wenn man selbständig denkt, kann man heute so viel leichter eine Lehrermeinung kritisch hinterfragen, als noch zu meiner Schulzeit. Damals war das Wort des Lehrers und der Eltern Gesetz, weil man ja gar keine Möglichkeit hatte dieses zu widerlegen. Heute kann man viel schneller und leichter in die Eigenverantwortung kommen und sein Leben von klein auf selbst gestalten. Klar über das Schulsystem kann man schimpfen, aber das hilft keinem. Wir sollten uns daher auch auf das Positive konzentrieren. Die Schüler haben sehr viel mehr Möglichkeiten sich frei zu entwickeln, als noch vor zwanzig Jahren. Natürlich muss dieser Umgang dann auch geschult werden. Social-Media macht die Sache, gerade wenn es um das Vergleichen und seinen Platz in der Gesellschaft finden geht natürlich nicht leichter. 

Ihr Podcast „Die Kunst, Dein Ding zu machen“ gilt als einer der erfolgreichsten Europaweit. Haben wir heutzutage verlernt unser Ding zu machen? 
Wir haben es nicht unbedingt verlernt, aber aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, das heißt jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen. Warum? Weil es uns in Deutschland so gut geht, wir leben aktuell im Paradies auf Erden, unsere Grundbedürfnisse sind gestillt, sodass wir den Freiraum haben, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Das ist das größte Geschenk, was man als Mensch bekommen kann. Wir sind wirklich privilegiert. „Die Kunst, Dein Ding zu machen“ spricht alle Lebensbereiche an, das muss nicht immer nur der Beruf sein. Es geht darum sein Leben so zu gestalten, wie man es sich wünscht. Es geht um Selbstausdruck, Selbstverwirklichung und den Mut zu haben aus dem System auszubrechen. Das sehen wir aktuell auch an allen Ecken, sei es Greta Thunberg mit ihren Freitags-Demonstrationen oder Rezo mit seinem Video gegen die CDU. Dieses Gefühl und dieses Aufbegehren wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Wir leben aktuell in der besten Zeit der bisherigen Weltgeschichte. 

Wieso ist der „Run“ auf Selbstfindungs- und Persönlichkeitsentwicklungsbüchern aktuell so groß? 
Menschen merken, dass sie nicht mehr so abhängig sind und freien Zugang zu Informationen haben, was dazu führt, dass sie sich selbst verwirklichen wollen. Und um das umzusetzen, muss ich zunächst die Antworten auf drei zentrale Fragen der Persönlichkeitsentwicklung finden: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem? Und dann ist man meistens ganz schnell bei tiefen und essentiellen Lebensfragen, bei denen man häufig Hilfe braucht. Was bedeutet es für mich, ein glückliches Leben zu führen? Das ist keine Frage, die man mal schnell in zwei Minuten beantwortet. Deshalb geht das Tor zu Persönlichkeitsfindung gerade so groß auf. Ich glaube und hoffe jedoch, dass das nur das Eingangstor ist, und dahinter eine Bewusstseinsentwicklung auf uns wartet. Weg von dem ich, ich, ich und hin zu den Fragen, die aktuell die Welt beherrschen, wie Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Klima. 

Gibt es da schon erkennbare Unterschiede? Aktuell macht es den Eindruck, als ob das „Ich“ bei den meisten noch großgeschrieben wird…
Ich merke es auf jeden Fall. Als ich vor zwölf Jahren angefangen haben, musste ich mich jeden zweiten Tag mit Gerüchten um irgendwelche Sektenzugehörigkeit auseinandersetzen. Heute hat der Begriff Persönlichkeitsentwicklung eine ganz andere Kraft. Ich merke bei meinen Seminarteilnehmern immer mehr, wie das Bewusstsein für solche Probleme steigt. Die Menschen sind weiter, als noch vor einem Jahr und ich glaube das Ganze entwickelt sich gerade, wie eine Exponentialfunktion in der Mathematik. Man weiß nicht genau, wann der Höhepunkt erreicht ist, aber es wächst enorm und schnell. 

Was unterscheidet einen guten Persönlichkeitstrainer von einem Schlechten?
Wenn eine Branche neu aufgeht, wie jetzt die Persönlichkeitsentwicklung, möchten natürlich immer ganz viele dabei sein und ihr Stück vom Kuchen haben. Wichtig ist meiner Meinung nach in diesem Fall, ob man jemanden vor sich hat, der selbst Erfahrungen in dem Bereich gesammelt hat, der wirklich weiß, wovon er spricht, oder jemanden, der sich dieses Wissen „nur“ angelesen hat und dieses weitergibt, ohne selbst Teil davon gewesen zu sein. Das ist wie in der Uni. Hat man da einen Professor vor sich stehen, der nur den Theorieteil kennt oder jemanden, der das, was er lehrt auch wirklich aktiv ausgeführt hat und seiner Berufung gefolgt ist. Beides hat eine ganz andere Gewichtung bei dem Publikum. 

Sie sagen, eine der größten Erfolgsgaranten steckt in der täglichen Routine. Warum ist Routine so wichtig?
Unser Charakter bestimmt unser Schicksal. Und unser Charakter entwickelt sich aus unseren Gewohnheiten. Man muss sich folglich Gewohnheiten aneignen, die einen da hinbringen, wo man selbst in fünf Jahren stehen möchte. Wir sind was, wir immer wieder tun. Exzellenz ist daher kein Talent, sondern eine reine Angewohnheit. Wenn man sich zum Beispiel eine Routine angeeignet hat, bei der man drei wichtige Fähigkeiten, die für die eigene Zukunft von Relevanz sind, jeden Tag trainiert, dann kann man Erfolg eigentlich gar nicht verhindern. Ich habe zum Beispiel in meiner Anfangszeit jeden Tag einen Vortrag vor mir selbst gehalten. Das war nicht immer leicht, aber irgendwann ist so ein Vortrag dann etwas ganz Normales. Wenn man weiß, wo man im Leben hinwill, ist die nächste Frage, welche Gewohnheiten man braucht, die einen auf täglichen Basis dahintragen. 

Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihre Weisheiten als Küchentischphilosophie abtun? 
Bei allem was Menschen machen, ist es immer ganz leicht Kritik zu äußern. Dann wirft man Fußballern vor, dass sie Unmengen von Geld mit ein bisschen Ballspiel verdienen. Jede Branche hat ihre Kritik. Die Küchentischphilosophie oder die Sektenzugehörigkeit sind eben Kritiken, die bei uns immer genannt wird. Wenn Menschen das glauben wollen, dann sollen sie das tun, dann ist diese Branche nicht die richtige für sie. Es macht keinen Sinn über sowas zu diskutieren. Entweder man steht dem Ganzen offen gegenüber, dann hilft es einem auch, oder nicht. Gleichzeitig muss auch ganz offen gesagt werden, dass nicht jeder Mensch Persönlichkeitsentwicklung braucht. Menschen sind unterschiedlich. Manche lesen vielleicht nur einen schönen Sprüche-Kalender am Wochenende und das reicht denen dann. Leben und leben lassen. 

Sie beraten auch Unternehmer. Was machen viele Unternehmen heute falsch? 
Tatsächlich mache ich das mittlerweile nicht mehr. Ich konzentriere mich ganz auf meine offenen  Seminare wie Die Kunst, Dein Ding zu machen, an denen jeder teilnehmern kann, der im Leben vorankommen will, weil ich mit Menschen zusammenarbeiten möchte, die wirklich wollen. Da ist eine ganz andere Motivation, Hilfsbereitschaft und Grundenergie in der Halle. In der Vergangenheit habe ich zu oft die Erfahrung gemacht, dass wenn dich der Chef eines Unternehmens bucht, die einzelnen Mitarbeiter häufig gar keine Lust auf so ein Seminar haben und nur dasitzen, weil sie müssen. Ich möchte so viele Menschen wie möglich erreichen, aber nur die, die auch erreicht werden wollen, sonst verschwende ich nur meine Lebensenergie und deren Zeit. Deswegen halte ich auch am liebsten offenen Seminare, da kommen die Menschen gerne und nehmen meist viele Strapazen und einen langen Anfahrtsweg in Kauf, weil es ihnen wirklich wichtig ist. An solchen Orten finden dann faszinierende Durchbrüche und Veränderungen statt.

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