Finn Ronsdorf © Bild 1: Carlos Darder, Bild 2: Matt Lambert

Musik ist in gewissem Sinne Manipulation.

Finn, du giltst als großer Nachwuchsmusiker unserer Zeit. Was möchtest du mit deiner Musik erreichen? 
Finn Ronsdorf: Ich habe nicht die Illusion, dass das was ich sage, irgendeine Bedeutung hat. Historische Figuren, die über sich behauptet haben, sie hätten irgendeine Wichtigkeit, sind diejenigen, die in mir das Problem erschaffen. Da kommt das Vergleichen, Besser-Sein-Wollen, Imitieren ins Spiel und der Gedanke: Ich bin noch nicht genug, aber irgendwann, in der Zukunft… Das Predigen über eine bessere Welt in der Zukunft oder den perfekten Menschen sind das, was in uns das Problem entstehen lassen. Ob’s die Heiligen, die Politiker oder die Künstler sind. Psychologisch gesehen, gehen Lösung und Problem mit einher. Ich bin mir aber auch darüber im Klaren, dass dieses Hypothetische, in die Zukunft Gerichtete, das ist, was unsere Kultur zusammenhält. In dem Sinne habe ich auch kein Verlangen, dagegen anzukämpfen. Ich bin die Gesellschaft. Und das Rebellieren, Umstülpen ist Fundament unserer Kultur. Was wir als Psyche bezeichnen, ist nichts anderes als Kultur oder Gesellschaft. Ich habe keine Gedanken, die meine sind. Ich habe keine Bedeutung außer derjenigen, die man mir überstülpt. 

Woher nimmst du die Inspiration für deine Lieder und wie entstehen deine Texte? 
Es ist nur eine Fertigkeit, die ich mir angeeignet habe. Einen Song zu schreiben ist nichts anderes, als einen Tisch zu schnitzen. Wir müssen das nicht romantisieren. Emotionale Intelligenz spielt wohl eine Rolle, denn man muss wissen, wie man welche Emotion in den Hörer einpflanzt. Im gewissen Sinne ist das Manipulation. Was die Hörer dann allerdings daraus machen, ist wieder eine ganz andere Sache. Da bin ich zum Glück machtlos. Deswegen sage ich auch, dass die Songs nicht meine sind. Weder mein Schaffen ist neu, denn es benutzt die Materialien der Vergangenheit, noch hat das Resultat irgendeine Bedeutung, bevor da jemand ist, der ihm eine zuspricht. Der Bedeutung-Gebende ist die Bedeutung. 

Welche Rolle spielt dein Aussehen und die Inszenierung für deine Musik? 
Das ist nur eine Art Ästhetik. Ich denke nicht darüber nach, in welchem Verhältnis diese Dinge stehen. Das müssen andere Leute entscheiden.

Die WELT bezeichnete dich in einem Interview als „Gesamtkunstwerk“. Siehst du dich selbst als Gesamtkunstwerk? Was macht ein Gesamtkunstwerk für dich aus? 
Das sind die Worte des Welt-Journalisten. Ich bin, was ich bin. Genau genommen, weiß ich nicht einmal, dass ich bin. Das sind nur Worte, die in mich hineingelegt worden sind. Wenn du nun mit deinem Wissen darüber, dass wir existieren, zu mir kommst, hebt das mein Wissen gleichermaßen in die Lüfte. Ansonsten ist da nichts. Dieses Selbstbeschreiben, das bedeutet, das angesammelte Wissen, hat irgendwann aufgehört, in mir ständig Lärm zu machen.

Was muss ein guter Musiker von heute deiner Ansicht nach mitbringen? Geht es in erster Linie um Talent, muss man den Puls der Zeit treffen oder braucht es einfach nur die richtigen Kontakte? 
Da habe ich keine Meinung. Musik ist Musik, alles andere ist persönlicher Geschmack. Ob du klassiche Musik oder Popmusik magst, ist abhängig von deiner Konditionierung. Beides ist Sound. Aber wir streiten so gerne, um uns in unserer Konditionierung zu bestärken. Wie gesagt, darauf ist unsere Gesellschaft aufgebaut. 

Dein Manager ist der Filmemacher, Modefotograf und Punkrocksänger Matt Lambert. Braucht man heute – in einer Welt voller Konkurrenz – einen Mentor? 
Wir machen, was wir machen und was wir uns vornehmen klappt oder klappt nicht. Es gibt keine Anleitung für die Dinge. Wir können nichts prophezeien. Ich weiß nicht, warum wir immer eine allgemeine Antwort auf die Frage wollen, wie man das Leben zu leben hat. Wir sind das Leben. Wir suchen nach Formeln, weil wir Angst haben und neurotisch sind, das ist alles.

Für viele muss Musik heute ständig verfügbar und am besten kostenlos sein. Wie sieht die Zukunft der Musikbranche deiner Ansicht nach aus?
Ich mache keine Prophezeiungen. Weder weiß ich, was das Leben bereithält, noch kann man meinen Aussagen einen politischen Unterton überstreifen. Ich hege keine rebellischen Gedanken gegenüber dem Konstrukt, das wir selbst erschaffen haben und an dem wir leiden und gleichermaßen profitieren. Wir wollen nur das Angenehme, mit der Kehrseite kommen wir nicht klar. 

Bevor du als Musiker bekannt wurdest, warst du als Blogger und Youtuber aktiv. Was nimmst du aus dieser Zeit mit? 
Nicht mehr, als aus irgend etwas anderem, das mir tagtäglich begegnet. 

Als Künstler muss man sich heutzutage in den sozialen Medien inszenieren. Siehst du diese Möglichkeit als Chance oder Gefahr für deine Kunst? 
Weder noch. Warum sollte ich das, was hier passiert, mit etwas Hypothetischem vergleichen? Was hier passiert, ist das einzige, das ich kenne. Und nicht mal das kann ich kennen. Sogar meine Idee vom „Besseren“ findet hier in mir statt. Ich sage mir nicht, so könnte es besser oder schlechter laufen, mein Leben ist langweilig oder spannend… ich habe keinen Vergleich!

In deinen Videos spielst du gerne mit deiner Androgynität. Müssen die Grenzen zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht deiner Ansicht nach noch weiter aufgelöst werden? Woran liegt es, dass wir als Gesellschaft in dieser Hinsicht immer noch Probleme haben? 
Die Androgynität, die heute eine große Rolle spielt, ist eine (großteils politische) Antwort auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine Reaktion auf ein veraltetes Frau.Mann-Bild. In welchem Licht man mich betrachtet, ist nicht meine Angelegenheit. Ich bezeichne mich nicht als Mann oder Frau, bis du vor mir stehst und in mir das Wissen über mich selbst als Mann oder Frau hervorholst. Wir sind alle Mann und Frau, schließlich haben wir eine Mutter und einen Vater. Alles andere ist eine Idee, ein Bezeichnen, ein Wort. Aber man möchte das nicht sehen, man möchte nicht herausfinden, wer oder was das eigentlich ist, was sich als dies oder jenes bezeichnet.

Deine Songs klingen wie eine Mischung aus purer Poesie und Nostalgie. Wärst du gerne in einer anderen Zeit geboren? Wenn ja in welcher und warum? 
Selbst wenn ich ein Bild von einer Zeit vor Augen hätte, in der ich mich sehen könnte, wäre dies eben genau das: Ein Bild innerhalb meines jetzigen Bewusstseins. Ich kenne nur mein eigenes Leben und habe keinen Vergleich. Der Vergleich, mein Romantisieren von einer anderen Lebensart, existiert innerhalb meines jetzigen Lebens. Es ist nichts als Entertainment über diese Dinge nachzudenken. 

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen, der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Hast du dich schon selbst verwirklicht?
Was wir als „Selbst“ bezeichnen ist nichts anderes als angesammeltes Wissen. Mein Wissen existiert nicht individuell, sondern nur im Zusammenhang mit deinem Wissen. Rebelliere ich, ist das eine Reaktion auf dein angestaubtes Wissen. Es gibt nur ein allgemeines Wissen. Was ich über mich denke, bedingt, was ich tue, wohin ich gehe, was ich erreichen will. Mein Wissen über mich selbst ist, was andere Leute über mich gesagt haben, was die Heiligen gepredigt haben, was für Bücher ich gelesen, welche Filme ich gesehen habe. Ich habe keine individuellen Gedanken. Ich bin die Idee, die die Welt mir verpasst hat. Es ist die Beschreibung der Dinge, die das Ich erzeugt. Dieses Beschreiben ist nicht individuell, es existiert in jedem Menschen. Der Individualismus von heute ist nur eine Reaktion auf die vorhergedachten Dinge und deshalb nicht individuell. Will ich anders sein als die anderen, zeugt das von einer Abhängigkeit zu ihnen. Erst wenn ich bin, was ich bin, kann von Individualismus die Rede sein. 

Egoismus scheint neben Selbstverwirklichung eine große Rolle in der aktuellen Gesellschaft zu spielen. Muss man heute egoistisch sein, um etwas zu erreichen?
Der Egoismus von dem wir reden, handelt von unserer Idee von Selbstlosigkeit. Selbstlos-sein-wollen erzeugt in mir den Egoismus. Fakt ist: Ich BIN egoistisch. Wir werden sicher nicht weniger egoistisch, indem wir Selbstlosigkeit predigen, denn unser Abziehlen darauf basiert auf unserem Egoismus. Ich will selbstlos sein, denn ich will besser sein als du. Es ist absurd. Alles, worauf mein Denken abzielt, ist egoistisch. Das Zielgerichtete ist immer egoistisch. Ist man, was man ist, mag so etwas wie Selbstlosigkeit entstehen, aber das ist ein homöopathischer Effekt, den das Ich aus seinem Willen heraus nicht erzeugen kann. Der Wille ist egoistisch und so ist es mit dem Erreichenwollen. Für denjenigen, der ist, gibt es kein Erreichen.

Worin siehst du den Sinn im Leben?
Die Suche nach dem Sinn geht Hand in Hand mit dem Problem. 

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