Ralf Möller © Stephan Pick

Als Bodybuilder ist man ein Bildhauer am eigenen Körper.

von Laura Bähr

Herr Möller, Sie gelten als Ausnahmesportler. Was hat Ihnen der Sport in ihrem Leben gegeben und was genommen? 
Ralf Möller: Gegeben hat mir der Sport sehr viel. Man lernt Disziplin, Gewinnen und Verlieren. Man weiß, dass eine Niederlage kein Verlust, sondern eine Lektion fürs Leben ist. Und vor allem lernt man durchzuhalten und nicht aufzugeben. Auch wenn man nach 19 Wiederholungen die Hantel manchmal einfach wegschmeißen will, weil einem der Bizeps wehtut, beißt man sich dennoch durch und macht noch 3-4 Wiederholungen. Und die bringen einen dann in die Riege der Champions. Alle Lektionen des Sports kann man sehr gut ins „normale“ Leben übertragen. Nicht aufgeben, wenn man mal Gegenwind bekommt, sondern weitermachen. Und manchmal nimmt eine Sache, die am Anfang vielleicht enttäuschend war, eine ganz andere Wendung und man ist zum Schluss glücklich, dass es so gekommen ist. Das ist mir im Leben auch schon oft passiert. Und genommen hat mir der Sport natürlich in erster Linie Zeit (lacht). Wenn man jeden Tag 4-5 Stunden trainiert, hat man natürlich weniger Zeit für anderes im Leben. Aber wenn man ein Ziel hat, dann sieht man das nicht als vertane Zeit, sondern man arbeitet für seine Leidenschaft. 

Seit Ihrem Weltmeistertitel im Bodybuilding 1986 werden Sie mit Stars wie Arnold Schwarzenegger in einem Atemzug genannt. Beim Bodybuilding lässt man die Muskeln spielen, ölt sich ein, inszeniert sich und übt sich in der Selbstdarstellung. Fanden Sie sich selbst zu dieser Zeit attraktiv? 
Ja. Aber am Ende ist alles natürlich auch eine Geschmackssache (lacht). Als Bodybuilder ist man ein Bildhauer am eigenen Körper. Diese Arbeit kann auch in ein Extrem gehen. 

Kann dieser Sport auch zur Sucht werden – immer noch muskulöser, extremer? 
Ich glaube schon ja. Wie bei allem im Leben kommt es auf die Balance und die Harmonie an. Ich war mit 1,97 Meter und knapp 130 Kilo der größte Bodybuilder meiner Zeit. Aber natürlich gibt es auch viele Extreme in dieser Branche. Auch einige, die dadurch erfolgreicher waren. Da muss man schon aufpassen und auf seinen Körper achten. Früher wurde man noch komisch von der Seite angeschaut, wenn man so trainiert war. Heute trainiert beinahe jeder junge Mensch und auch die Frauen haben ihre Leidenschaft für Sport und Muskeln entdeckt. 

Was ist Ihr Tipp für alle jungen Menschen, die sich in ihrem Körper unwohl fühlen? Ist Sport wirklich für jeden geeignet?
Ich glaube, wenn man den richtigen Sport für sich gefunden hat, ja. Egal ob für sich oder in einem Team. Beim Kraftsport sollte man warten, bis man 14 oder 15 Jahre alt ist und nur unter Aufsicht trainieren. Und wenn man sich dann noch gesund ernährt, ebnet das den Weg für ein langes und gutes Leben. Ich bin immer wieder entsetzt, wenn ich sehe, was Eltern ihren Kindern schon morgens beim Frühstück für Zuckergranaten auftischen. Jeden Morgen Nutella, da werden Fettzellen für die weiteren Lebensjahre direkt gespeichert. Das ist kein guter Start in ein gesundes Leben. Sport formt nicht nur den Körper, sondern auch den Charakter. Man lernt sich durchzubeißen, seine Ziele zu visualisieren, lernt sich und seinen Körper besser kennen, das hilft dann nicht nur im Sport selbst, sondern auch in der Schule und später im Beruf. 

Mit „Gladiator“ wurden Sie für eine ganze Männergeneration zum Idol. Wie hat sich das Bild des Mannes Ihrer Ansicht nach in den letzten Jahren verändert? 
Vielen Frauen möchten einen „ganzen Kerl“, einen der nicht weint und alles ohne Angst anpackt, wie ein echter Mann eben. Die anderen wollen, dass ihnen der Mann Dinge abnimmt, gefühlvoll ist und in einer gleichberechtigten Beziehung leben. Es ist nicht einfach (lacht). Ich habe bei meinen zwei Töchtern in den 80ern auch schon die Windeln gewechselt, so ist es nicht. Und heute gibt es noch viel mehr Möglichkeiten, wie man als Familie, als Mann und Frau die Aufgaben gerecht aufteilt. Der Mann muss heutzutage nicht immer nur Stärke zeigen und bestehen. Ein Mensch hat auch Schwächen, die muss er zeigen dürfen. So können auch Kinder gesünder und mit weniger Leistungsdruck aufwachsen.

Sie engagieren sich für Jugendliche an Brennpunktschulen. Was läuft in unserem Bildungssystem heute Ihrer Ansicht nach falsch?
Ich war selbst Hauptschüler und weiß, wie wichtig es ist, in dieser Zeit nicht den Anschluss zu verlieren. Ich habe vor über zehn Jahren mit der Bundesministerin Ursula von der Leyen die Veranstaltungsreihe „Starke Typen“ in Leben gerufen. Die Schüler konnten in diesem Rahmen Unternehmer davon überzeugen, dass sie vielleicht nicht die besten Noten, dafür aber Durchsetzungsvermögen und Fleiß mitbringen und sich so einen Praktikumsplatz erkämpfen. Und daraus hat sich dann häufig ein Einstieg ins Berufsleben ergeben. Ich finde, dass es neben Fächern wie Deutsch, Mathe und Englisch auch Ernährungskunde geben sollte. Dass man bereits den Kleinen beibringt, wie sie sich den Rest ihres Lebens gesund ernähren können. Das macht so viel aus und ist maßgeblich für die Lebensqualität. 

Anfang März erscheint Ihr Buch „Erstma‘ machen, denn auch hinfallen ist ein Schritt nach vorne“. Was war Ihr größter Stolperer im Leben? 
Ich empfinde stolpern nicht als Niederlage. Beim Sport habe ich zum Beispiel auch vier Anläufe gebraucht, bevor ich die Weltmeisterschaft gewonnen habe. Oder bei einem Casting, da wird man auch mehr abgelehnt, als dass man genommen wird (lacht). Wichtig ist, dass man immer wieder aufsteht und nicht die Schuld bei anderen sucht. Man sollte sich immer fragen, warum man gestolpert ist. 

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Fleiß zwar gut, Freundschaften aber besser sind. Sind wir als Gesellschaft heute zu egoistisch und zu sehr auf den eigenen Vorteil bedacht? 
Wir leben in einer extremen Leistungsgesellschaft. Die aktuelle Pandemie hat bei vielen dieser Leistungsprozesse gerade eine erzwungene Pause reingehauen. Was ich schön finde, ist, dass einige wieder gelernt zu haben scheinen, Rücksicht zu nehmen und mit anderen mitzufühlen. So schlimm das Ganze wirtschaftlich auch ist, habe ich das Gefühl, dass wieder ein bisschen mehr Menschlichkeit in die Gesellschaft eingezogen ist. 

Sie sind mit über 60 noch topfit, ernähren sich vegan, sind Markenbotschafter und Speaker. Was ist Ihr Geheimrezept für ein glückliches, gesundes, langes Leben?
Ich finde die aktuelle Medizin beeindruckend. Was meiner Ansicht nach aber noch wichtiger ist, ist die Erkenntnis, wie man gar nicht erst auf den OP-Tisch kommt (lacht). Und das schafft man, in dem man sich richtig ernährt und regelmäßig Sport treibt. Ich habe mich vor knapp drei Jahren entschieden, in eine vegane Richtung zu gehen. Da hat mich auch meine Zeit in Amerika sehr geprägt, da sind die einfach schon sehr viel weiter. Man kann pflanzlich essen, ohne auf tollen Geschmack zu verzichten. Viele denken beim Thema Ernährung, dass es gleich in ein Extrem gehen muss. Ganz oder gar nicht. Aber man muss sich ja nicht von heute auf morgen komplett umstellen. Einmal die Woche vegan, ist schon ein toller Schritt in die richtige Richtung. Und wenn man sich die Massentierhaltung mal genauer anschaut, dann vergeht einem auch automatisch der Appetit. Mein Rezept für ein langes, glückliches Leben ist also: gesund essen, Sport machen und nicht neidisch sein. 

Der Schauspieler Aleksandar Jovanovic hat in einem Interview gesagt, „Geld ist nur eine Zwischenwährung für Lebenszeit“. Wofür geben Sie Ihr Geld aus?
Ich muss kein Haus mit acht Schlafzimmern und zwölf Bädern besitzen, in dem man 15 Minuten braucht, um von einem Raum in den anderen zu gelangen (lacht). Natürlich gibt es aber ein paar Dinge, die man sich gerne gönnen möchte. Bei mir und meiner Körpergröße ist das zum Beispiel „First-Class“ zu reisen, alles andere ist einfach ungemütlich und macht keinen Spaß. Geld spielt für mich keine große Rolle, aber es ist nötig, um sich in unserer heutigen Welt abzusichern. Wie viel Komfort jedoch nötig ist, sieht natürlich jeder anders. 

Sie waren in den letzten Wochen zum Thema Corona und Impftermine regelmäßig in den Medien. Was macht die Politik Ihrer Ansicht nach aktuell falsch? 
Meine Mutter ist 85, mein Vater wird 92 Jahre alt. Wenn die mich nicht hätten, hätten sie bis heute noch keinen Impftermin. Menschen in dem Alter kommen im Internet gar nicht klar, wie sollen die sich einen Termin beschaffen? Ich finde es beschämend und bin der Ansicht, dass die aktuelle Regierung absolut versagt hat. Deutschland wollte mit einem guten Umgang in Sachen Corona-Krise hervorstechen und das ist total nach hinten losgegangen. Mein Kumpel Arnold hat mir vor drei Wochen ein Video aus Amerika geschickt, wo er mit dem Auto zu einer Impfstation gefahren ist, Fenster runter, Arm raus, Impfung und weitergefahren. So kann das auch laufen. Man könnte die Risikogruppe auch einfach zu Hause besuchen. Dazu bräuchte es aber eine gute Organisation und vor allem genug Impfstoff. Aufgrund unserer Nachlässigkeit und Dummheit ist es aber verpasst worden, sich rechtzeitig um alles zu kümmern. Ich glaube nicht daran, dass bis Ende September alle geimpft sind. Das macht die Leute depressiv, man bekommt Dinge versprochen und nichts passiert. Man könnte meiner Ansicht nach, guten Gewissens, mit den richtigen Vorkehrungen, die Restaurants, Kulturstätten und Fitnessstudios wieder öffnen. Auch um den Leuten Hoffnung zu geben. Viele verlieren gerade ihre Existenz oder sogar ihren Lebenswillen. Die Regierung hat meiner Ansicht nach völlig kopflos gehandelt.

Buchtipp: „Erstma´ machen! Denn auch Hinfallen ist ein Schritt nach vorn“ (Gräfe und Unzer, 16,99 €, ab 02.03.) 

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