Hanno Koffler © ZDF / Georges Pauly

Konsum ist wie Zucker.

Herr Koffler, Sie stehen seit über 20 Jahren vor der Kamera. Wie hat sich die Schauspielbranche in den letzten Jahren verändert?
Hanno Koffler: Sie ist mit Sicherheit digitaler geworden. Ich kann mich noch erinnern, wie man früher auf Film gedreht hat, man musste die einzelnen Filmrollen bezahlen, das war pro Meter eine ziemlich teuere Angelegenheit. Heute spielt es kaum eine Rolle, wie viel Material gedreht wird. Und natürlich hat sich der Vertrieb der Filme verändert. Man kann Filme heutzutage im Grunde überall und jederzeit online konsumieren. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die gesamte Branche größer geworden ist. Mehr Filme, mehr Schauspieler, mehr Regisseure. 

Nehmen Sie das als Gefahr für die Branche wahr, dass mittlerweile so viele Filme gedreht werden und die Qualität von der Quantität abgelöst werden könnte? 
Ich nehme zurzeit vor allem schmerzlich wahr, dass es das Kino durch die Pandemie sehr sehr schwer hat. Für mich ist das Kino immer noch die Königsklasse des Films und der ideale Rahmen, die Kunst des Filmemachens zu rezipieren. Man geht in diesen geschützten und heiligen Raum, um miteinander eine Geschichte zu erleben. Das Kino hatte es ohnehin schon schwer und wird es durch die Pandemie in Zukunft noch schwerer haben. Die Streamingdienste hingegen haben enormen Aufwind. Diese Plattformen bieten ja auch eine wichtige Chance, dass die vielen Filme, die gemacht werden auch ihren Abnehmer finden und ein Publikum erreichen. Und ich finde es auch sehr erfrischend, dass durch die Streamingdienste die redaktionellen Fernsehkonventionen im Storytelling aufgebrochen werden. Dadurch gibt es auch eine Art neue Freiheit für die Filmemacher. Das Thema hat also wie so oft zwei Seiten. 

In dem Rahmen spielt ja auch die Selbstvermarktung eine immer größere Rolle. Nutzen Sie die sozialen Medien wie Instagram und Co. auch, um sich als Person zu etablieren, bzw. hat man da überhaupt noch eine Chance, sich dem zu entziehen?
Das ist ein spannendes Thema und man kommt um eine Auseinandersetzung damit nicht mehr drumherum. Ich habe ein Instagram-Profil. Aber ich glaube nicht, dass ich mir meine Position als Schauspieler in irgendeiner Form über die sozialen Medien aufgebaut oder beeinflusst hätte, ich wüsste auch gar nicht, wie das geht (lacht). Ich habe mir immer wieder mal die Frage gestellt, sperr ich mich diesem Thema jetzt komplett und mach auf dem Gebiet sozusagen gar nichts oder möchte ich da präsent sein und wenn ja, in welcher Form? Ich bin dort präsent, nutze dieses Medium aber auf rein beruflicher Ebene. 

Wie schafft man es, die Leidenschaft für seine Passion zu erhalten und trotzdem im täglichen Business Geld damit zu verdienen?
Manchmal ist das ein Spagat und eine Zerreißprobe. Die Freude und Leidenschaft an der Arbeit sind für mich eine Grundvoraussetzung für Qualität. Spielfreude entsteht bei mir, wenn ich mit tollen Menschen tolle Projekte machen darf. Wenn ich da zu viele Kompromisse eingehen muss, bleibt die Freude auf der Strecke und damit auch die Qualität. Manchmal ist es eine ziemliche Herausforderung Projekte abzulehnen, hinter denen ich nicht stehe, weil das immer auch mit der Frage verbunden ist, ob ich mir das finanziell überhaupt leisten kann. Manchmal ist es ein Abwägen. Man muss oft viel Geduld haben, bis das Richtige kommt. Gott sei Dank, hatte ich bisher Glück, dass mir recht oft zur richtigen Zeit dann doch die richtigen Projekte angeboten wurden.

Sie sagten mal in einem Interview, der Beruf des Schauspielers sei auch immer mit Nacktheit verbunden und der Bereitschaft, eigene Gefühle und Wahrheiten preiszugeben. Ist das Spielen vor der Kamera auch immer eine Art Therapie? 
Ich glaube, dass es helfen kann, wenn man sich unabhängig von der Arbeit mit der Psychologie des Menschen und seinem eigenen Denken und Fühlen und seinen individuellen Mustern auseinandersetzt. Je genauer man weiß, wer man selber ist, desto besser kann man auch als Schauspieler auf gewisse Dinge zurückgreifen. Im Umkehrschluss weiß man aber auch, was einem eventuell noch fehlt, um einen bestimmten Charakter ganzheitlich ausfüllen zu können. Man lernt in den verschiedenen Rollen immer wieder Neues über sich selbst. Wenn man es so betrachtet hat der Beruf auch etwas Therapeutisches, aber im Grunde genommen ist ja dann das ganze Leben eine Art Therapie. 

Zur Arbeit als Schauspieler gehört es dazu bei seinen Figuren nach Anteilen zu suchen, die man persönlich nachvollziehen kann und die vielleicht auch etwas mit einem selbst zu tun haben, um sie schlussendlich vor der Kamera auch mit echtem Leben füllen zu können. Tun sich bei Rollen wie Jürgen Becker in „Das Geheimnis des Totenwaldes“ so auch Abgründe auf, beziehungsweise, kann das Eintauchen in so eine Rolle auch gefährlich sein? 
Ich glaube, es ist von großem Vorteil, wenn man weiß, wer man ist, in seinem Wesen gefestigt ist und sich eben auch mit der Psychologie des Menschen schon einmal auseinandergesetzt hat. Dann weiß man, dass es zu jedem Licht seinen Schatten gibt. Bei vielen Rollen kommst du nicht umhin, dich mit deinen Schattenseiten zu konfrontieren und da etwas genauer hinzuschauen. Das kann einem helfen, um gewisse Dinge auszufüllen. Um einen Serienmörder zu spielen, muss man aber natürlich keiner sein und auch keinen in sich entdecken. Aber es gibt natürlich persönliche Gefühle, die man übertragen kann, bzw. vergrößern kann, um eine Rolle besser spielen zu können. Ohnmachtsgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, das Gefühl von Macht, in gewisser Form kennt vermutlich jeder diese Gefühle. Ein Serienmörder kennt die eben auch. Mit diesen persönlichen Gefühlserlebnissen kann man dann versuchen, eine fremde Person zu verstehen und sich diesem Charakter anzunähern.

Gibt es eine Art Entzugsphase nach einer Rolle?
Ich selbst merke das tatsächlich immer gar nicht so sehr, aber meine Mitmenschen beobachten, dass ich nach manchen Projekten schon ein paar Tage brauche, um wieder ganz anzukommen und da zu sein. Das hängt aber auch immer von der Rolle und dem jeweiligen Projekt ab. Man dreht ja auch nicht immer am Stück. „Totenwald“ war zum Beispiel ein riesiges Projekt, bei dem ich nicht in jeder Szene dabei war. Ich hatte zwischendurch viele freie Tage, in denen ich abschalten konnte. Blöd war nur, dass ich über den ganzen langen Drehzeitraum mit der blondierten 80er Jahre Frisur des Serienmörders rumrennen musste, obwohl ich gar nicht vor der Kamera stand. (lacht)

Sie sagten mal: „Es geht in guten Filmen immer um die großen Themen: Liebe, Hass, Eifersucht. Im Grunde sind viele Filme somit eine Art Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung.“ Können wir heute überhaupt noch „neue“ Geschichten erzählen? 
Ich glaube, dass das tatsächlich nicht mehr geht. Muss es aber auch gar nicht. Denn es sind doch die archaischen Grundkonflikte, die uns auch weiterhin bis in alle Ewigkeit beschäftigen werden. Die Zusammenstellungen, die Settings, oder die Formen, wie wir etwas erzählen, da wird sich sicher immer mal wieder etwas „Neues“, Überraschendes finden, aber die Grundkonflikte bleiben. Serien sind gerade ganz hoch im Kurs. Die sind zwar auch nicht „neu“ in den Konflikten, aber wenn man die Geschichten, die man sonst üblicherweise in 90 Minuten erzählt, über verschiedene Folgen in einer ganzen Serie erzählen kann, ergeben sich natürlich ganz neue Perspektiven auf die Figuren. Aber die Kernkonflikte sind, seit es uns Menschen gibt, immer die gleichen. 

In Ihrem aktuellen Film „Plötzlich so still“ geht es um den Verlust eines Kindes. Ihre Rolle Ludger Ambach verlässt seine Familie bereits kurz nach der Geburt seines Kindes. Wie lassen sich Beruf und Familie heute gut miteinander verbinden? 
Manchmal eben gar nicht so leicht. Für viele Familien eine große Herausforderung. Diesem Thema habe ich mich auch gemeinsam mit meiner Frau in unserem Kinofilm „Die Saat“ angenommen, der auf der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere haben wird. Wie bringt man in einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft Beruf und Familie zusammen? Wo muss man Kompromisse machen und wie geht das? Ist das überhaupt möglich, wenn man in beiden Bereichen mit vollem Herzen und ganzer Passion dabei sein will? Wie gehen wir mit diesem Druck um? Was macht das mit unseren Kindern? Das sind Fragen, die mich sehr beschäftigen. Ich suche immer noch nach Antworten. Ich selbst möchte meine Familie und meine Kinder auch als eine Bereicherung für mein Berufsleben betrachten. Nicht nur als Last oder als etwas „auf der anderen Seite“. Meine Familie und meine Kinder erden mich, sie sorgen dafür, dass ich die Verbindung zur Normalität nicht verliere. Das ist natürlich auch anstrengend, aber ein wichtiger Gegenpol, gerade für mich als Schauspieler. So werde ich aus diesem „um mich selbst drehen“ immer wieder herausgerissen. Wenn es projektbedingt sein muss, dann ist es mit einem tollen Partner an der Seite auch möglich, sich für kurze Zeit einmal rauszunehmen. Es ist nicht immer leicht, aber bisher haben wir immer Wege gefunden. 

Was halten Sie von der Entwicklung, dass Filme und Fernsehen immer mehr zur Nebenbeschäftigung werden? Lässt uns das ständige Multitasking die Fähigkeit verlieren, Dinge richtig zu genießen? Haben wir es heute verlernt, uns intensiv mit den Dingen auseinanderzusetzen? 
Ich kenne das natürlich auch von mir. Man konsumiert viele Dinge einfach so nebenbei weg. Ich sehe in der jungen Generation auch immer häufiger, dass Filme auf dem Handy angeschaut werden. Im Bus, in der U-Bahn, beim Spazierengehen. Als Künstler, der bei so einem Projekt mitgewirkt hat, tut das natürlich ein bisschen weh. Auf der anderen Seite kann es die Menschen ja trotzdem berühren. Man darf nicht vergessen, dass wir in der Unterhaltungsbranche tätig sind, unser Ziel ist es ja auch, die Menschen zu unterhalten. Wie das bei jedem Einzelnen stattfindet, ist am Ende ihnen selbst überlassen und sehr individuell. 

Sie wuchsen in einer gut bürgerlichen Familie auf, bevor Ihr Vater, wie sie sagen, „auf der Karriereleiter fiel“. Was bedeutet Ihnen Konsum und wie wichtig ist Ihnen heute finanzielle Sicherheit? 
Konsum ist wie Zucker. Man würde gerne zuckerfrei leben, aber es ist sehr schwer (lacht). Am Sonntag will man dann eben doch mal ein Croissant essen, und das gehört auch irgendwie dazu und ist auf eine bestimmte Art auch lebenswichtig. So ist es mit dem Konsum der Dinge, die einen da draußen verführen, auch. Ich versuche schon immer innezuhalten und mich zu fragen: Brauchst du das wirklich? Und dann schaffe ich es tatsächlich auch häufig, mir einzugestehen, dass dem nicht so ist und es bleiben zu lassen. Finanzielle Sicherheit ist für mich ein riesen Thema, auch durch meine persönliche Vergangenheit. Ich merke, (und so wird es vermutlich den meisten gehen), wenn die Existenz der Familie gesichert ist, dann ist alles gut. Und wenn das in Schieflage gerät und es eng wird, sind das sehr belastende und existenzielle Ängste. Da ich als Kind den finanziellen Absturz miterleben musste, geht das sehr tief bei mir, da gibt es eine Art Grundangst, die immer da ist. Ich möchte meine Kinder um alles auf der Welt vor einem solchen finanziellen „Absturz“ bewahren. Für die Gesellschaft ist es eine große Tragödie, dass so viele Menschen da draußen, verstärkt durch Corona, sehr konkret mit dieser existenziellen Bedrohung leben müssen.

Welche Erkenntnisse haben Sie für sich – beruflich oder privat – aus der aktuellen schwierigen Corona-Zeit gezogen? 
Wie wertvoll Freundschaften und soziale Kontakte sind. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so sehr nach Umarmungen sehnen würde. Wie wichtig unsere Gesundheit ist. Ohne Gesundheit ist der ganze Rest nichts wert. Und die Frage: Was ist eigentlich Solidarität? Wie kann das funktionieren, dass wir als Gesellschaft alle aufeinander achtgeben? Außerdem beschäftigt mich auch sehr die Rolle der Medien. Wo ist da draußen die Wahrheit? Wem kann ich vertrauen? Kann ich überhaupt jemanden vertrauen oder etwas beurteilen, solange ich es nicht selbst erlebt, gesehen oder angefasst habe? Wie bilden wir uns, jeder für sich und wir als Gesellschaft, eine Meinung? Beruflich bin ich in großer Demut, dass es mir überhaupt möglich war, in dieser schwierigen Zeit noch weiter arbeiten zu dürfen. 

Sendehinweis:
„Plötzlich so still“ läuft am Montag, 8. März 2021, 20.15 Uhr, im ZDF.

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