Schauspielerin Emilia Schüle
Emilia Schüle © bergstrvm

Die Kunst ist es, sich selbst zu genügen.

von Laura Bähr

Frau Schüle, in einem Interview sagten Sie, „wir sind alle Opfer unserer eigenen Ansprüche“. Welchen Ansprüchen versuchen Sie jeden Tag gerecht zu werden?
Emilia Schüle: Ich glaube, dass wir alle Mitglieder einer Gesellschaft sind, in der es einen großen Leistungsdruck gibt. Wir haben heutzutage alle Möglichkeiten, können ständig überall hin und genau das überfordert uns oft. Die Kunst ist es, sich selbst zu genügen und das auch zu leben. Selbst wenn man das theoretisch verstanden hat, ist es sehr schwer, das auch praktisch jeden Tag aufs Neue umzusetzen.

Wie vermutlich viele andere denke ich auch oft, dass ich nicht gut genug bin, es einfach nicht ausreicht, was man leistet. Wieso habe ich zum Beispiel noch nicht alle Klassiker gelesen oder kann super gut Gitarre spielen? Und warum lerne ich nicht noch eine vierte Sprache? Warum war ich noch nie surfen? Das sind alles Dinge, die man sich fragt, wenn man ständig mit dem Leben anderer Menschen konfrontiert ist. Sich selbst lieben zu lernen, ist die größte Aufgabe im Leben.

Wie kann man das schaffen?
Ganz oben steht mentale Gesundheit, die auf einem gesunden Körperbewusstsein fußt. Auch wenn das nicht jedermanns Sache ist, ist es, glaube ich, ein wichtiger Grundpfeiler. Genügend Schlaf, eine gesunde Ernährung, Bewegung und Meditation. Das sind alles Dinge, die mir helfen. Was auch wichtig ist, ist „Digital Detox“. So kann man sich ins Gedächtnis rufen, was man eigentlich macht, wenn man nicht ständig das Leben der anderen verfolgt. Ich glaube aber nicht, dass dies das Allheilmittel für alle ist. Jeder muss vermutlich selbst auf die Suche gehen. 

Die Schauspielerin Lea von Acken meinte in einem Interview mit uns: „Wenn man alles kann, muss man sich noch genauer überlegen, was man wirklich will.“ Sehen Sie das genauso? 
Ja, das hat sie schön gesagt. Ich glaube, das hat auch viel damit zu tun, dass man lernen muss, im Jetzt zu leben. Man darf nicht permanent darüber grübeln, was man noch alles planen könnte und auch nicht in der Vergangenheit unterwegs sein und Dinge bereuen. Ich glaube, wer sich auf das Jetzt konzentriert, weiß auch genauer, was er will. Das muss ich persönlich auf jeden Fall noch mehr lernen. 

„Ich glaube, wer sich auf das Jetzt konzentriert, weiß auch genauer, was er will.“

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen, der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Haben Sie sich schon selbst verwirklicht?
Ich glaube nicht. Und da schwingt auch wieder dieses Gefühl mit, was man noch alles tun müsste, um sich zu verwirklich, um wirklich am Ziel zu sein. Ich glaube, man ist konstant damit konfrontiert, wie man diesen Hyperindividualismus noch mehr ausdrücken könnte, anstatt sich einfach darauf zu konzentrieren, was man gerade will, in diesem Moment. Aber das ist auch einfach schwer zu unterscheiden. 

Egoismus scheint neben Selbstverwirklichung eine große Rolle in der aktuellen Gesellschaft zu spielen. Muss man Ihrer Ansicht heute egoistisch sein, um etwas zu erreichen?
Ich würde sagen im Gegenteil. Ich hatte noch nie ein stärkeres Teamgefühl als an einem Filmset, weil einfach so viele kleine Zahnräder zusammenspielen müssen, damit überhaupt etwas Tolles entstehen kann. Wenn einer versagt, zu spät kommt oder unvorbereitet ist, dann schlägt sich das auf die Arbeit aller nieder. Diese Wertschätzung für jedes Gruppenmitglied am Set habe ich schon ganz früh kennenlernen dürfen. Das Gefühl möchte ich auch mein restliches Leben mitnehmen. 

Seit Sie 11 Jahre alt sind, stehen Sie vor der Kamera, haben schon bei über 50 Filmen mitgespielt. Sind Sie dadurch schneller erwachsen geworden?
Absolut. Für mich war das ein Geschenk, dass ich mich schon so früh am Set probieren und diese Welt kennenlernen durfte. Ich habe viele Erfahrungen, die man sonst erst nach der Schule oder im Studium macht, früher erlebt. Zum Beispiel was es heißt, im Team zu arbeiten oder mit Menschen in Kontakt zu kommen, die aus einem ganz anderen Umfeld stammen.

Ich habe auch früh verstanden, was es bedeutet, wenn man verschläft und 80 Leute auf einen warten müssen. Das prägt das Pflichtbewusstsein enorm. Außerdem habe ich schon als Kind gelernt, was es bedeutet, für etwas, was man wirklich will, zu kämpfen. Diese Doppelbelastung zwischen Set und Schule war natürlich nicht einfach, aber ich kannte bereits das Endziel und war bereit, alles dafür zu geben.

„Ich hatte noch nie ein stärkeres Teamgefühl als an einem Filmset, weil einfach so viele kleine Zahnräder zusammenspielen müssen.“

Unterscheiden Sie zwischen der privaten Emilia und der Schauspielerin? Muss man heutzutage in der Öffentlichkeit eine Art Kunstfigur von sich schaffen, um sich privat zu schützen?
Es gibt bestimmt Kollegen, die das so machen und ich finde das auch nicht verwerflich, wenn ein öffentliches Bild von der Person abweicht. Meins ist es aber nicht. Ich versuche einfach überall ich selber zu sein. 

Welche Rolle spielt Ihr Aussehen für Sie als Schauspielerin? Mittel zum Zweck, Türöffner oder auch häufig Ausschlusskriterium für bestimmte Rollen?
Eigentlich alles zusammen. Die blanke Optik spielt natürlich in erster Linie eine Rolle, wenn ich mich für eine Premiere oder ein Event vorbereite. Aber die eigentliche Arbeit als Schauspielerin hat meiner Ansicht nach eher mit meinem Inneren und nicht mit meinem Äußeren zu tun. Es geht um die Aufgabe, mein Inneres nach außen zu tragen. Natürlich ist es je nach Projekt und Drehbuch auch mal ein Türöffner und bei extremeren Rollen steht es einem vielleicht auch mal im Weg, aber ändern kann man es ja sowieso nicht (lacht). 

Sie spielen erneut die Rolle der Eva in der Serie „Ku‘damm 63“. Was haben Sie von dieser Rolle gelernt? 
Ich habe auf jeden Fall gelernt, meine Freiheiten, die ich als Frau in der heutigen Zeit habe, wertzuschätzen. Gleichzeitig habe ich aber auch verstanden, dass wir in Sachen Gleichberechtigung auch noch nicht am Ende sind. Die Serie hat mir geholfen, diesen Weg einzuordnen und auch zu verstehen, wie „frisch“ diese Rechte der Frauen eigentlich noch sind. Ich möchte in Zukunft für mehr strukturelle, soziale und gesellschaftliche Gleichberechtigung kämpfen.

„Ich möchte in Zukunft für mehr strukturelle, soziale und gesellschaftliche Gleichberechtigung kämpfen.“

In einem Interview meinten Sie mal, Sie hätten Probleme mit Ihrer Work-Life-Balance. Hat man als Schauspieler überhaupt irgendwann mal frei? Nach einem Projekt scheint vor einem Projekt? 
Das stimmt, man muss als Schauspieler auf jeden Fall auf sich aufpassen und darauf achten, dass man nicht zum Workaholic wird. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, mehr Nein zu sagen. Oder besser gesagt, mehr Ja zu mir selbst zu sagen. Das hilft total. 

Kann das Medium Film Ihrer Meinung nach heute überhaupt noch Kunst sein oder geht es bei der Masse mittlerweile nur noch um Unterhaltung? 
Es gibt alles, was der Konsument gerne haben möchte. Und jeder Wunsch wird erhört und erfüllt, würde ich sagen. Man muss und sollte jetzt aber natürlich auch nicht so tun, als wäre jede Unterhaltung Kunst. Das ist sie offensichtlich nicht, will sie aber häufig auch gar nicht sein. Es gab ja immer schon Kunst und Kommerz und beides steht in einem künstlerischen Prozess und bedient unterschiedliche Zielgruppen. 

Der deutsche Film wird im weltweiten Vergleich häufig belächelt. Haben wir eine Chance, unseren Film international zu etablieren? 
Gute Frage. Uns fehlen in Deutschland häufig einfach die finanziellen Mittel. Obwohl wir hier und da viele Zukunftsdenker haben, ich bin zum Beispiel großer Fan von Caroline Link, gelingt es uns glaube ich häufig nicht, unsere Geschichten international zu erzählen. 

„Ich habe in den letzten Jahren gelernt, mehr Nein zu sagen.“

Die Eigenleistung eines Schauspielers variiert am Set ja häufig je nach Regisseur. Sehen Sie sich eher als Dienstleisterin oder Künstlerin? 
Ich sehe mich nicht als Dienstleisterin. Ich respektiere natürlich die Regeln, die an einem Set herrschen und leiste folglich in dem Moment schon meine Pflicht, bin zum Beispiel ausgeschlafen und kann meinen Text, um dem Prozess nicht im Weg zu stehen. Aber man kann das, was wir Schauspieler beruflich leisten, nicht als Dienstleistung verbuchen, das ist ein künstlerischer Prozess. Es gibt schließlich keine Anleitung, wie man sein Inneres nach außen kehrt und auch kein Handbuch darüber, wie man eine Rolle richtig verkörpert.

Sie waren letztes Jahr über 10 Monate für verschiedene Projekte unterwegs. Ist der Beruf des Schauspielers auch immer ein einsamer? 
Ja und nein. Eigentlich ist man ja ständig von Menschen umgeben. Ich sehne mich meistens sogar eher danach, eine ruhige Minute für mich zu haben. Wir kommen durch unseren Beruf mit so vielen Persönlichkeiten in Kontakt, dass ich mich eher nach dem Gegenteil sehne. Wenn ich abends versuche einzuschlafen, wird mir häufig bewusst, dass ich an dem Tag zum Beispiel mit über 50 Menschen gesprochen habe und mein Kopf manchmal mit der Nachbearbeitung gar nicht hinterherkommt. 

Gibt es Dinge, die Ihnen aktuell mit Blick auf die Gesellschaft Sorgen bereiten? 
Ja, leider. Ich bin aktuell sehr besorgt um unsere Zukunft. Mir macht natürlich Corona Sorgen, aber auch der Klimawandel und aktuell auch die Erkenntnis, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Seit 2015 ist die Welt meiner Ansicht nach auch nicht mehr die gleiche, die große Flüchtlingsfrage hat die Nation gespalten. Ich sehne mich ein bisschen nach den Zeiten zurück, in denen ich mich nicht für Politik interessiert habe, weil gefühlt damals noch alles gut war. 

„Ich sehe mich nicht als Dienstleisterin.“

Gibt es Dinge, die Sie aus den letzten Monaten mitgenommen haben? 
Ich bin dankbar, dass ich endlich die Zeit gefunden habe, mich einigen Dingen zu widmen, die schon seit Jahren auf meiner To-Do-Liste stehen. Mich wieder mehr den Sprachen widmen und einfach mal einen Tag Klavier spielen zum Beispiel. Ich frage mich mittlerweile auch, warum ich mir diese Zeit früher nicht einfach genommen habe. In all dieser Überreizung und Überflutung an Angeboten kann man sich selbst ganz schnell verlieren. Ich glaube, nach diesem erzwungenen Runterfahren fühlen sich viele wieder verbundener mit sich selbst. 

Worin sehen Sie den Sinn des Lebens? 
Ich habe mir früher als Jugendliche immer gesagt, ich möchte in erster Linie glücklich sein, egal wie mein Weg genau aussieht und ich glaube, dieses Ziel verfolge ich immer noch. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass ein Leben ohne Liebe nicht lebenswert ist. 

Sendehinweis:
Mit „Ku’damm 63“ geht die Geschichte der Familie Schöllack und ihrer Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm weiter: Das ZDF zeigt die Filme der dritten Staffel am Sonntag, 21., Montag, 22. und Mittwoch, 24. März 2021, jeweils um 20.15 Uhr sowie im Anschluss an Teil 1 um 21.45 Uhr „Ku’damm 63 – Die Dokumentation“. Die 1. und 2. Staffel ist ab 22. Januar 2021, jeweils freitags um 20.15 Uhr, bei 3sat zu sehen.

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