Schauspielerin Aylin Tezel
Aylin Tezel © Natalia Rudziewicz

Aylin Tezel: Wir müssen uns davon lösen, dass wir den Heldenstatus automatisch einem Mann überschreiben.

von Laura Bähr

Frau Tezel, Ihr Vater ist Arzt, Ihre Mutter Kinderkrankenschwester. Wie sind Sie zum Schauspiel gekommen?
Aylin Tezel: Ich kann es gar nicht mehr genau sagen. Aber in der Rückschau war ich als Kind schon jemand, der sich gerne Geschichten ausgedacht hat. Die mussten sich meine Geschwister dann immer anhören (lacht). Das ging so weit, dass ich als Kind auch schon Storyboards für Geschichten gemalt habe. Ohne dass mir zu dem Zeitpunkt klar gewesen wäre, dass das Endziel dann Filme machen ist, haben Geschichten schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt.

Und in Teenagerjahren wurde mir dann langsam klar, dass ich gerne Schauspielerin werden möchte. Es dauerte dann aber natürlich noch ein paar Jahre, schließlich kommt man als Kind aus einer Stadt wie Bielefeld nicht so schnell mit dem Schauspiel-Metier in Berührung. Also erst mal ganz klassisch Abi, dann eine Schauspielschule in Berlin, die ich dann aber abgebrochen habe. Zum Schluss bin ich aber trotzdem Schauspielerin geworden.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie froh sind, Ihre Jugend hinter sich zu haben. „Wer sie sind, wo ihre Stärken liegen und was aus Ihnen werden könnte, hätten Sie nicht in der Schule gelernt.“ Was halten Sie vom aktuellen Schulsystem?
Aylin Tezel: Ich kenne mich mit dem aktuellen Schulsystem gar nicht mehr wirklich aus. Allerdings finde ich es immer noch sehr schwierig, dass man seine Schulzeit mit einem Numerus clausus abschließt, der einem viele Türen öffnen, aber auch verschließen kann. Das sorgt dafür, dass viele Schüler, die in manchen Bereichen exzellent sind, trotzdem nicht ihren Traumberuf antreten können, weil es vielleicht in anderen Bereichen nicht so geklappt hat und die Endnote nicht reicht.

Das ist ein erster Schritt in ein Erwachsenenleben, der einen direkt aus der Bahn werfen kann. Grundsätzlich finde ich es gut, dass man in der Schule die Chance hat, sich mit den verschiedensten Thematiken zu beschäftigen. Schließlich hat man dafür im späteren Leben nicht mehr so viele Möglichkeiten. Aber ich finde, dann sollte man sich auch entscheiden dürfen, was einem liegt und was nicht. Kein Mensch kann alles und ist perfekt und das sollte keinem im Weg stehen. 

„Ich finde es schwierig, dass man seine Schulzeit mit einem Numerus clausus abschließt, der einem viele Türen öffnen, aber auch verschließen kann.“

Lea von Acken meinte in einem Interview mit uns: „Wenn man alles kann, muss man sich noch genauer überlegen, was man wirklich will.“ Haben wir heute zu viele Möglichkeiten? 
Aylin Tezel: Ich befürchte, ich kann für die Jugend nicht mehr so gut sprechen (lacht). Aber ich erkenne auf jeden Fall, dass die jungen Menschen noch mal ganz andere Themen beschäftigen als meine Generation in diesen Jahren. Heute wächst man in die Social Media-Welt hinein, das verändert vieles. Ich kenne ja zum Beispiel auch noch eine Welt ohne Social Media. Während meine Elterngeneration sich noch ganz klar von einer Kriegsgeneration emanzipieren musste, wurden die heute 30-jährigen in eine relativ friedliche und gemütliche Zeit reingeboren.

Man musste sich nicht gegen seine Eltern auflehnen, gegen nichts Großes kämpfen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dadurch kein richtiger Kampfgeist entwickelt wurde. Bei Menschen, die heute in ihren 30er sind, hat man manchmal das Gefühl, dass sie ein bisschen verloren sind und die Identitätsfindung nicht stattgefunden hat. Die Notwendigkeit war einfach nicht gegeben. Man hatte genug Möglichkeiten, man war abgesichert. Meiner Generation fehlt es ein bisschen an Biss. 

„Meiner Generation fehlt es ein bisschen an Biss.“ 

Man hat im Jahr 2021 immer noch das Gefühl, dass Frauen in der Filmbranche bevormundet werden und es gerade im Alter weniger Rollen gibt. Sie sagten mal: „Ich würde mir spannendere und größere Geschichten für Frauen wünschen.“ Woran liegt dieser Mangel an großen Geschichten für Frauen? Und was kann man dagegen tun?
Aylin Tezel: Aktuell spiele ich in der Serie „Unbroken“ mit und da wurde eine starke, komplexe Frau in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt. Keine eindimensionale Frauenfigur, wie es sonst häufig der Fall ist. Hier wird die Suche einer Frau nach sich selbst gezeigt, die gegen ihre eigenen Dämonen kämpft. Wir erleben einen Menschen, der mit einem Verlust umgehen muss und von seiner Umwelt aufgegeben wird.

Das ist ein sehr menschliches Thema, keine spezielle Frauenthematik. Die Hauptfigur nimmt eine Größe und Komplexität in der Geschichte ein, die man vor zehn Jahren ganz sicher mit einem Mann besetzt hätte. Hier wird mit dem klassischen Muster der typisch männlichen und typisch weiblichen Attribute in einer Rolle aufgebrochen und es wird einfach nur die Geschichte eines Menschen erzählt. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wir müssen uns davon lösen, dass wir den Heldenstatus automatisch einem Mann überschreiben. Wir leben schon lange nicht mehr in einem Land und einer Zeit, wo dies der Fall ist und es wird Zeit, dass sich dieser Wandel in der Gesellschaft auch in Film- und TV-Produktionen spiegelt. 

Unterscheiden Sie zwischen der privaten Aylin Tezel und der Schauspielerin? Oder muss man heutzutage in der Öffentlichkeit eine Art Kunstfigur von sich schaffen, um sich privat zu schützen?
Aylin Tezel: Ich glaube, das ist Geschmackssache und kommt darauf an, wie viel man gerne von sich teilen möchte. Für mein Wohlbefinden sehr wichtig, dass ich bestimmte Themen in Interviews ausklammere. Ich möchte mir ein normales Leben ermöglichen. Außerdem gehören zu einem Privatleben ja auch immer noch andere Menschen und in dem Moment, in dem man über etwas Privates spricht, spricht man nicht nur über sich selbst, sondern auch über diese anderen Menschen. 

„Wir müssen uns davon lösen, dass wir den Heldenstatus automatisch einem Mann überschreiben.“

Vor dem Projekt scheint in der Schauspielbranche nach dem Projekt. Hat man als Schauspieler überhaupt irgendwann frei? 
Aylin Tezel: Ja und nein. Meine Kreativität fließt permanent durch mich durch. Dadurch, dass meine Arbeit in keiner klassischen Form verläuft, man geht in ein Büro, arbeitet seine Zeit ab und schließt die Tür wieder hinter sich, ist sie omnipräsent. Ich kann privat keine Filme schauen oder Bücher lesen, ohne dass ich anfange, über Rollen oder Drehbücher nachzudenken. Meine Kreativität springt sofort an und arbeitet mit. Für mich ist das in dem Moment aber keine Arbeit, sondern Vergnügen. 

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen, der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Haben Sie sich schon selbst verwirklicht?
Aylin Tezel: Ich bin sehr froh, dass ich schon früh in meinem Leben auf meine Intuition gehört habe und dieser auch meist auch ohne große Zweifel gefolgt bin. Selbstverwirklichung bedeutet für mich, einer inneren Stimme zuzuhören, die einem den Weg aufzeigt, der für einen richtig ist. Im besten Fall ist dieser Weg aber sehr lange (lacht). Schließlich entwickelt man sich ja täglich weiter, lernt neue Dinge, macht Erfahrungen, die einen verändern. So lernt man auch immer mehr, wer man in dieser Welt ist und was man erreichen möchte. Ich möchte mit Mitte 30 auch nicht angekommen sein. Ich bin noch lange nicht fertig mit meinem Leben.

„Selbstverwirklichung bedeutet für mich, einer inneren Stimme zuzuhören, die einem den Weg aufzeigt, der für einen richtig ist.“

Welche Erkenntnisse haben Sie für sich – beruflich oder privat – aus der aktuellen schwierigen Corona-Zeit gezogen? 
Aylin Tezel: Das Besondere an dieser Zeit ist, dass wir alle gezwungen wurden, in unserem Hamsterrad zu pausieren. Unsere spätkapitalistische Konsumgesellschaft ist sehr auf Leistung und Konsumanhäufung getrimmt. Durch die aktuelle Pandemie wurden wir wieder auf essenziellere Themen aufmerksam. Man stellt sich auf einmal Fragen: Wer bin ich eigentlich? Wie möchte ich mein Leben leben? Wer soll dabei sein? Und setze ich aktuell die richtigen Prioritäten? Begegne ich  unserer Umwelt und meinen Mitmenschen mit der Liebe und dem Respekt, den sie verdienen? Man schätzt die eigene Gesundheit wieder mehr wert und ist für viele kleine Dinge dankbar. Ich hoffe, dass uns das Innehalten in diesem extrem schnellen System, in das wir uns selbst manövriert haben, neue Denkanstöße mit auf den Weg gibt. 

Sendehinweis:
„Unbroken“, ZDFneo, am Dienstag, 23. Februar 2021, und Mittwoch, 24. Februar 2021, ab 21.45 Uhr je drei Folgen; ZDFmediathek, ab Freitag, 19. Februar 2021, 10.00 Uhr, alle sechs Folgen.

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