Lea van Acken © Lea van Acken

Wenn man alles kann, muss man sich noch genauer überlegen, was man wirklich will.

von Laura Bähr

Lea, du gilst als großer Nachwuchs-Star der deutschen Filmbranche. Was bedeutet das Medium Film für dich? 
Lea van Acken: Ich glaube, dass sich dieser Berufswunsch bei mir schon sehr früh gebildet hat. Meine Eltern haben schon immer viele Filme, auch alte Filme, mit mir gesehen und für mich war das immer eine Art Erholung vom Alltag und gleichzeitig ein neues Abenteuer. Das ist auch heute noch so, dass ich mich nach einer anstrengenden Woche sehr auf einen Film freue, bei dem man entspannen kann, etwas lernt und gleichzeitig in eine ganz andere Welt abtaucht. Ich liebe es, dass ich eben nicht nur als Zuschauer Teil dieser Welt, sondern auch als Schauspieler physisch in die Rollen schlüpfen darf. Das möchte ich nicht mehr missen. 

Du warst schon früh für verschiedenste Produktionen vor der Kamera. Wie hat das deine Jugend verändert? Würdest du sagen, dass du so schneller erwachsen geworden bist? 
Ja auf jeden Fall. Wie vermutlich alles, was man so früh beginnt, weil es einen natürlich in den entscheidenden Jahren prägt. Es macht mich sehr glücklich, dass ich meine große Passion so früh gefunden habe. Das gibt einem von Anfang an eine Richtung im Leben. Ich kenne viele, die in der Schulzeit nicht so richtig wussten, wofür sie das alles eigentlich machen. Wenn man allerdings sein Ziel schon vor Augen hat, kann man sich ganz anders darauf vorbereiten. Ich war natürlich auch schon früh viel mit Erwachsenen zusammen, das prägt auch ungemein. Man ist jung von zu Hause weg, dreht mehrere Monate mit einem Filmteam, das lässt einen auf jeden Fall zwangsläufig schneller erwachsen werden. Ich war aber auch immer glücklich parallel noch zur Schule zu gehen. Eine Art „normales“ Leben zu haben, das einen erdet und einen davor bewahrt, durchzudrehen. 

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass die sozialen Medien wie Instagram und Co. für dich persönlich keine große Rolle spielen. Wie schaffst du es dich nicht von Likes und Co. abhängig zu machen? Gerade in jungem Alter eine ja eine schwere Sache… 
Ich glaube ich habe schon früh bemerkt, dass es sehr toxische Strukturen annehmen kann, wenn man sich in erster Linie über die sozialen Medien definiert, alles glaubt, was da passiert und sich mit Anderen permanent vergleicht. Und davor wollte ich mich einfach privat schützen. Natürlich ist Social Media für meinen Beruf unerlässlich, man kann nirgends besser neue Projekte und Filme promoten. In meinem Privatleben versuche ich das Ganze aber so gut es geht auszuklammern. 

Der Begriff des Selbstwertgefühls scheint in der Gesellschaft aktuell auch dank Social Media eine große Rolle zu spielen. Wie schaffst du es mit Vergleichen umzugehen? 
Es gibt so ein paar Sprüche, die dazu immer in meinem Kopf sind. Zum einen: „Vergleiche dich nicht mit dem Heute von jemand anderem, sondern mit deinem Gestern und deinem Morgen. Man darf sich also von anderen Menschen inspirieren lassen, vergleichen, was man noch erreichen möchte. Aber eben immer im Kontext des eigenen Lebens. Im Endeffekt bringt es ja auch nichts, sich mit dem Leben eines anderen zu vergleichen, das bringt einen selbst für sein eigenes Ziel nicht weiter. Wenn man aber an sich selbst arbeitet und so seine Wünsche erfüllt, ist das gesünder und effektiver. So kann man sich auch schnell von den Wünschen trennen, die eigentlich gar nicht zum eigenen Leben passen. Will man zum Beispiel nur ein Sixpack, weil alle anderen eins haben und es irgendwie cool ist oder bereichert mehr Fitness das eigene Leben wirklich? Neid und Eifersucht gehören zum Menschsein dazu, da darf man auch nicht zu streng mit sich sein. Aber man sollte eben immer aufpassen, wie nah man das an sich ranlässt. Und man sollte seine eigenen Werkzeuge nutzen, um zu dem zu werden, wer oder was man sein will. 

Du hast am #blackthuesday auch eine schwarze Kachel auf Instagram gepostet. Wir haben vor ein paar Tagen mit Schauspielerin Denise M´Baye gesprochen, die meinte: „Natürlich ist ein Bild auf Instagram kein Allheilmittel und nur auf eine Demo gehen reicht auch nicht, um Antirassist*in zu sein.  Antirassismus muss man täglich leben. Und das ist eine Aufgabe, die sehr viel unprätentiöser ist.“ Was sagst du dazu? 
Bei der Kachel ging es glaube ich in erster Linie darum, den Algorithmus einfach mal auf null zu setzen und eben einen Tag keine schönen Bilder von tollen Menschen am Strand zu sehen. Und auch alle Menschen, die noch nichts von der Problematik oder dem aktuellen Fall um Georg Floyd gehört hatten, eventuell über diese Kanäle zu erreichen. Es ging darum Solidarität und Anteilnahme zu zeigen. Natürlich darf man nicht sagen, okay ich habe jetzt einen Tag mitgemacht, ab morgen poste ich wieder meine Bikinibilder – damit ist keinem geholfen. Erst wenn das Bewusstsein geschaffen wurde, kann die eigentliche Arbeit beginnen. Und die sollte auch bei jedem selbst anfange. Eine Art Reflexion, innehalten und überlegen, was kann den mein Anteil sein und woran bin ich vielleicht auch selbst schuld, was kann ich ändern?

Machst du am Set noch viele Erfahrungen mit Rassismus? 
Naja, es ist natürlich schon so, dass man manchmal nicht nachvollziehen kann, wieso der Lehrer jetzt nicht von einem Schwarzen gespielt werden kann oder wenn doch, warum es dann einer Erklärung bedarf. Ich habe das Gefühl es findet ganz langsam, aber sicher ein Umdenken statt. Allerdings stehen wir noch am Anfang. Ich habe für mich auch erkannt, was es für ein Privileg ist, aufgrund meines Aussehens und meiner Hautfarbe fast alles spielen zu dürfen. 

Neben deiner Arbeit vor der Kamera wirst du auch regelmäßig für Fotoshootings großer Magazine gebucht. Wie wichtig ist dein Äußeres für dich? Was macht das mit einem, wenn man weiß, dass man für sein Aussehen beurteilt wird?
Ich freue mich immer noch sehr, wenn ich für Shootings gebucht werde, weil ich wahnsinnig gerne mit Mode spiele und die Fotografie in diesem Sinne eine Erweiterung des Films darstellt. Shootings sind neben Filmen auch eine Möglichkeit in Rollen zu schlüpfen und verschiedene Persönlichkeiten anzunehmen. Mir ist natürlich bewusst, dass ich aufgrund meines Äußeren für Shootings oder auch für Rollen gebucht oder eben nicht gebucht werde. An dieser Stelle muss man aufpassen, sich nicht zu sehr von solch einer Auswahl beeinflussen oder verunsichern zu lassen.

Hat sich dein Stil durch die ständige Maske beim Film verändert? Nimmst du Kleidung und Styling anders wahr? 
Ja, auf jeden Fall. Durch das Styling und die Requisite am Film wird mir immer wieder bewusst, wie viel man mit kleinen Handgriffen verändern kann. Mode eröffnet einem ganz neue Möglichkeiten, sich so zu präsentieren, wie man gerade möchte, bestimmte Dinge zu kaschieren und andere hervorzuheben. Ich lerne auch heute noch von meiner Stylistin und wende viele Tricks privat an. 

Du spielst in dem großen Netflix-Erfolg „Dark“ mit. Was sagst du als Schauspielerin zu der großen Sorge vieler Regisseure, dass Netflix und Co. das Kino mehr und mehr ablösen wird? 
Gute Frage. Ich hoffe und glaube, dass es nicht gut ist. Natürlich wird Netflix immer mächtiger, da es einfach unglaublich bequem ist, von dem Sofa aus, solch eine Fülle an Filmvielfalt jederzeit abrufen zu können. Da zahlt man jeden Monat seinen Beitrag und ist bedient. Trotzdem glaube ich, dass das Kino so eine intensive Erfahrung ist, dass jeder der es einmal wirklich erlebt hat, nicht darauf verzichten möchte. Natürlich kann es sich keiner leisten jeden zweiten Tag ins Kino zu gehen und somit mit der Vielfalt die Netflix ermöglicht zu konkurrieren. Ein Kinobesuch bietet allerdings andere Vorteile, zum Beispiel die Möglichkeit einen Film als Event und mit anderen Menschen wahrzunehmen. Trotzdem wird es das Kino in den nächsten Jahren schwer haben, da muss man realistisch sein. Ich frage mich manchmal, ob man nicht mehr Crossdeals schaffen könnte, die eben erst kurz im Kino laufen und dann auf Netflix verfügbar sind. Die beiden Plattformen folglich nicht konkurrieren zu lassen, sondern sie zu ergänzen und so den Kinosaal als Ort des Events und des Austauschs den Menschen auch wieder näherzubringen. 

Wie hast du die letzten besonderen Monate wahrgenommen? Welche Erkenntnisse hast du aus der Corona-Zeit gezogen?
Bei mir wurde tatsächlich ein Dreh abgesagt und ich musste aus Marokko nach Hause fliegen. Nach dem ersten Schock wurde mir dann aber auch mal wieder bewusst, in welchem privilegierten Land ich hier leben darf. Es war zu jeder Zeit die Grundversorgung gesichert, natürlich hatte man ein komisches Gefühl im Bauch, aber im Vergleich zu anderen Ländern haben wir die Krise hier in einer sehr abgeschwächten Variante erlebt. Ich der Anfangszeit war ich auf dem Land bei meinen Eltern, was es mir natürlich erlaubt hat, viel in der Natur zu sein. Was ich auch sehr positiv wahrgenommen habe, war das Gefühl, dass für kurze Zeit die ganze Welt stillstand, keiner etwas tun konnte und somit automatisch alle, freiwillig oder nicht runterfahren und entspannen mussten. Ich bin sehr unversehrt und positiv durch die Zeit gekommen, freue mich aber sehr darauf, dass es jetzt wieder losgeht. 

Was macht dir aktuell Angst?
Auf jeden Fall der Klimawandel und die Natur, die augenscheinlich und das nicht erst seit gestern unter uns leidet. Alle wissen, wohin es führt, aber trotzdem scheint es immer noch einfacher die Augen zuzumachen. Dazu kommt das Ungleichgewicht in der Gesellschaft. Dass so viele Menschen einfach immer noch auf der Flucht sind und um ihr Leben kämpfen, während andere im absoluten Wohlstand leben. Rassismus, Hunger, Krankheit. Bei all diesen Themen frage ich mich als Person des öffentlichen Lebens, aber auch privat immer wieder, was ich dafür tun kann. Am Ende des Tages müsste man, um wirklich die Macht zu haben, etwas langfristig zu verändern, vermutlich Politiker werden. Natürlich kann man aber auf dem Weg dahin auch schon eine Menge tun. 

Setzt dich diese Vorbildfunktion als Person des öffentlichen Lebens manchmal unter Druck?
Unter Druck würde ich jetzt nicht sagen, aber ich spüre auf jeden Fall die Verantwortung. Natürlich versuche ich den Zuschauern und auch meinen Followern immer nach bestem Wissen und Gewissen meine Werte und Meinungen zu vermitteln. Aber gerade bei gesellschaftlichen Diskursen habe ich gemerkt, dass es effizienter ist, sich auf wenige Themen zu beschränken und sich darauf zu konzentrieren und Aufmerksamkeit zu genieren. Solche wohlüberlegten kleinen Schritte sind meiner Ansicht nach zielführender, als einfach loszurennen. 

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Hast du dich schon selbst verwirklicht?
Sehr interessant. Ich unterhalte mich aktuell viel mit meinen Freunden über dieses Thema, bezüglich Selbstfindung, Job aufgeben und wie man eigentlich merkt, dass man wirklich angekommen ist (lacht). Ja, ich glaube, Selbstverwirklichung hört nie auf. Da geht es ja auch nicht nur um den beruflichen Bereich, sondern auch um das Private. Auch hier ist es meiner Ansicht nach wichtig, Ziele vor Augen zu haben und zu planen, wohin mal laufen will. Ich habe auf jeden Fall meine ersten Schritte in Sachen Selbstverwirklichung schon gemacht, aber der Weg ist noch lang und ich freue mich darauf. 

Kannst du dir erklären, wieso dieses Thema gerade bei jungen Leuten aktueller denn je ist? 
Naja, ich glaube, dass der Druck viel größer geworden ist und dass das viele junge Menschen merken und erkennen, dass sie das auf Dauer krank machen wird. Studium, Job, viel Geld verdienen, Haus und Auto. Ich glaube die Glücksparameter verändern sich aktuell enorm. Unsere Eltern gehören zur Nachkriegsgeneration, da ging es in erster Linie um den Wiederaufbau und dass die Wirtschaft am Laufen gehalten wird. Uns geht es heute gut, wir haben alle Möglichkeiten, können überall hin, uns steht die Welt offen, was natürlich im Umkehrschluss auch wieder enormen Druck aufbaut. Was ist mir eigentlich wichtig? Will ich viel Geld verdienen und mir etwas aufbauen oder lieber ganz konzentrierte Momente mit meiner Familie und meinen Freunden erleben? Wenn man alles kann, muss man sich noch genauer überlegen, was man wirklich will. Das kann Chance und Fluch zugleich sein, aber ich glaube, wenn man sich von dem starren Bild, was man häufig von sich selbst im Kopf hat, trennt und mit Vertrauen, Verstand und Bauchgefühl seinen Weg geht, dann haben wir glaube ich gerade eine super Zeit! 

Demnächst wird Lea in der achtteiligen Drama- und Katastrophenserie SLØBORN zu sehen sein. Sendetermine: am 23. und 24. Juli 2020 jeweils ab 20:15 Uhr auf ZDFneo.
Am 24. Juli erscheint SLØBORN auf DVD und Blu-ray und ab 25. Juli digital bei TOBIS Home Entertainment GmbH, im Vertrieb der LEONINE Distribution.

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