Denise M’Baye © Micha Neugebauer

Natürlich reicht eine schwarze Kachel nicht, um das Problem zu lösen. Antirassismus muss man täglich leben. Und das ist eine Aufgabe, die sehr viel unprätentiöser ist.

von Laura Bähr

Denise, du bist unter anderem durch die ARD-Serie „Um Himmels Willen“ bekannt. Wie hast du die Zeit während Corona als Schauspielerin wahrgenommen? 
Denise M’Baye: Am Anfang war ich natürlich, wie viele andere auch, sehr irritiert und habe mir Gedanken darüber gemacht, wie das jetzt wohl weitergeht. Wir konnten und können ja nicht einschätzen, wie lange die Einschränkungen dauern und wie sich die Situation entwickelt. Nachdem ich meine erste Schockstarre überwunden hatte, habe ich als Yogalehrerin ziemlich schnell Zoom für mich entdeckt und online unterrichtet. Ich habe ein Musikprojekt inklusive Videos und Artwork produziert und so neue Dinge gelernt. Podcasts wie „Die kleine schwarze Chaospraxis“ aufgenommen und Zeit mit meiner Familie verbracht. Den kreativen Prozess nicht ganz abzubrechen war für mich wichtig, wie für viele andere, wichtig. Die Sauerteige sprießten ja in diversen Küchen (lacht). Trotzdem ist es natürlich nach wie vor eine ungewisse Zeit, weil das zwar alles Dinge waren, die mich emotional befriedigt haben, aber eben nicht finanziell und irgendwann wird es dann natürlich eng. 

Eine dunkelhäutige Nonne im Kloster hat damals für viel Aufregung gesorgt. Würdest du sagen, dass das Rollenangebote für dunkelhäutige Menschen nach wie vor beschränkt ist? 
Ja. Und ich habe dafür auch kein Verständnis. Ich finde die Aufgabe der Medien ist es, Diversität abzubilden und das tun sie in dem Sinne einfach nicht. Vielleicht werden die Vorgeschichten mancher Figuren, wieso sie denn jetzt schwarz sind und trotzdem in Deutschland leben, ein bisschen kürzer, aber viel getan hat sich in den vergangenen Jahren leider nicht. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Es ist meiner Ansicht nach wahnsinnig wichtig, alles was uns und unsere Gesellschaft ausmacht auch im Fernsehen abzubilden, nur so gewöhnen wir uns auch an das Bild der aktuellen Gesellschaft und entwickeln vielleicht auch mehr Akzeptanz…

Woran liegt das deiner Ansicht nach, dass wir da immer noch so hinterherhinken?
Medien werden ja von Menschen gemacht und wenn diese Medienmacher*innen Gruppe nicht durchmischt ist, dann gibt es eben auch nur wenig divers erzählte Rollen, Geschichten und somit Vorbilder. Der „male gaze“, der männliche Blick auf die Geschichten, macht unsere Medienrealität. Dinge, die man als weißer, heterosexueller Mann erzählt, haben ihre Berechtigung, aber sie werden nicht die Realität von Frauen oder anderen marginalisierten Gruppen spiegeln können. Deshalb ist es so wichtig, dass diese Gruppe der Entscheider*innen durchmischt ist, um alle Blickwinkel abzubilden. 

Es macht den Eindruck, als ob wir in der Corona-Zeit in Sachen Feminismus ein bisschen zurückgeworfen worden sind. Die Frau hat gefällig zu Hause neben der Arbeit die Kinder zu betreuen und den Haushalt zu schmeißen und ggf. noch zu arbeiten… Was sagst du dazu? Zu der Rolle der Frau in diesem Land?
Daran erkennt man deutlich, dass wir noch nicht alle Schritte gegangen sind. Diese Krise zeigt deutlich auf wie weit wir wirklich sind. In vielen Haushalten verdienen eben immer noch die Männer mehr Geld, so fallen wir in alte Strukturen zurück, wenn sich plötzlich wieder die Frauen zu Hause um die Kinder kümmern müssen. Ich hatte als Künstlerin natürlich auch gar keine Möglichkeit auf die Bühne zu gehen, mein Mann ist in einem klassischen Job tätig, sodass die Verteilung sich auch bei uns ähnlich ergeben hat. 

Du bist früh Mutter geworden und gleichzeitig Schauspielerin, Sängerin, Yoga-Lehrerin, Podcasterin und und und… Wie wichtig ist es dir Mutter und berufstätige Frau zu sein? 
Das ist mir sehr wichtig. Ich möchte mich ja auch mit meinen Kindern über Dinge abseits ihrer Realität unterhalten können und dafür muss ich selbst Sachen erleben. Ich verbringe sehr gerne sehr viel Zeit mit meinen Kindern, aber ich glaube ich könnte das nicht so gut, wenn ich nicht auch meine eigenen Dinge hätte, Abenteuer im Beruf und in der Freizeit, die ich dann mit meiner Familie teilen kann. Ich brauche auch ein bisschen Zeit für mich, um meine Mutterrolle noch mehr genießen zu können. Ich glaube, das ist auch für meine Tochter sehr wichtig, als Vorbild, dass man eben auch als Frau und liebende Mutter trotzdem noch sein eigenes Ding machen kann. Mir war es auch als junge Mutter sehr wichtig, Gespräche mit anderen Erwachsenen führen zu können, über Themen, die nichts mit Kindern zu tun haben. Ich fand auch diese Spielplatzzeit sehr mühselig (lacht). Was kann mein Kind schon und dein Kind nicht… Ich habe damals Konzerte gespielt, mein Mann war hinter der Bühne mit dem Campingbus und in der Pause bin ich dann kurz nach hinten und habe gestillt. Auch wenn viele das jetzt vermutlich als anstrengend empfinden, was es für mich ideal und erfrischend. 

Aktuell beschäftigt die Menschen neben der Corona-Zeit vor allem der Fall um George Flyod und die Botschaft „Black live matters“. Als schwarze Person, die in der Öffentlichkeit steht, wurdest du in den letzten Tagen bestimmt häufig angefragt und zitiert. Nervt dich diese Frage, wie du dazu stehst, oder heiligt der Zweck hierbei die Mittel?
Es ist auch ziemlich zehrend und anstrengend, da bin ich ganz ehrlich, weil man natürlich auch immer wieder mit den Verletzungen konfrontiert wird, vor allem wenn die Fragestellung darauf abzielt Betroffene abermals von ihren diskriminierenden Erfahrungen erzählen zu lassen. Ich habe mich dafür entschieden, eine Art Mittelweg zu gehen. Ich möchte darüber sprechen, um noch mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema zu generieren, aber versuche dabei auch immer auf mich zu achten und auf meine innere Stimme zu hören, was ich gerade leisten kann. Natürlich bin ich betroffen und damit auch in einem gewissen Sinn Expertin, aber ich bin keine Sozialwissenschaftlerin oder Politikerin. Ich kann nur aus meiner ganz subjektiven Wahrnehmung erzählen. Wenn man dann mit seinen Zitaten allgemeingültig zitiert wird, obwohl man eben nur aus einer persönlichen Sichtweise erzählt hat, ist das schwierig. 

Zum #blackthuesday haben viele auf sozialen Plattformen wie Instagram und Co. ein schwarzes Bild gepostet. Eine Woche später hat das Interesse schon wieder abgenommen. Wie stufst du solche Aktionen ein? 
Natürlich reicht eine schwarze Kachel nicht, um das Problem zu lösen. Aber irgendwo muss man ja anfangen und ich finde, wenn diese kleine Geste dazu beiträgt, dass sich jemand mit der Problematik auseinandersetzt, dann ist schon viel getan. Ich gehe erstmal immer vom Besten aus und möchte auch keine Menschen verurteilen, die ich nicht kenne. Natürlich wird es immer Leute geben, die sich nicht der Sache wegen damit befassen, sondern nur um Likes zu sammeln oder keine Ahnung was, aber es gibt eben auch viele Andere. Und ich freue mich über jede Person, die vielleicht auch aufsteht und sagt, ich habe mich bisher nicht mit der Thematik beschäftigt, aber heute ist der Tag an dem ich damit anfange. Natürlich ist ein Bild auf Instagram kein Allheilmittel und nur auf eine Demo gehen reicht auch nicht um Antirassist*in zu sein.  Antirassismus muss man täglich leben. Und das ist eine Aufgabe, die sehr viel unprätentiöser ist (lacht). 

Ist Rassismus nach wie vor Teil deines Lebens?
Ja. Wie soll sich auch innerhalb weniger Jahre etwas bessern, was eine so lange traurige Geschichte hat. Wenn ich heute die Zeitung aufschlage, dann frage ich mich häufig in welchem Jahr, wir uns gerade befinden. Rassismus und die Strukturen dahinter werden nach wie vor häufig verleugnet. Was sich aber ändert, ist die Kommunikation. Ich merke, dass ich immer häufiger andere Fragen gestellt bekomme, sich die Journalisten intensiver mit der Grundproblematik beschäftigen und besser auskennen. 

Du bist auch als Yoga-Lehrerin sehr bekannt. Aktuell scheint Mediation und Yoga sehr im Trend. Was gibt uns Yoga was vielen Menschen im Leben fehlt? 
Die Körperübungen, die viele auf Instagram und auf YouTube verfolgen, sind ja nur ein ganz kleiner Teil der Yogaphilosophie. Ein Pfeiler der Yogasutras, der mir wichtig ist, ist z.B. Ahimsa, die Gewaltlosigkeit. Würden wir nur diesen Teil der Yogaphilosophie leben, unsere Welt wäre komplett anders. Yoga lehrt uns so viel über uns und unseren Körper, aber eben auch über die ideale Gemeinschaft. Ich glaube, wenn alle Menschen Yoga machen würden, ginge es der Welt schon besser (lacht). Ganz gewaltfrei leben schaffe ich natürlich auch nicht, ich bin auch mal sauer auf jemanden, wütend und verletzt. Ich arbeite daran (lächelt). Yoga heißt übersetzt ja auch „Verbindung“ und dieses mehr an Empathie würde der Welt sehr guttun. 

Der Begriff des Selbstwertgefühls scheint in der Gesellschaft aktuell auch dank Social Media eine große Rolle zu spielen. Wie schaffst du es mit Vergleichen umzugehen? 
Ich glaube, dass dieses Vergleichen und die Empfindung „Ich bin nicht gut genug“ aus unseren gesellschaftlichen Strukturen heraus entstanden sind. Da schließe ich mich auch überhaupt nicht aus, auch ich habe solche Momente häufig. Andererseits zeigt das Impostersyndrom auch, dass es einem wichtig ist, was man macht, dass man sich und das eigene Handeln beobachtet und verbessern möchte. Eigentlich ist es eine Art Selbstreflexion. Mach ich das gerade so gut ich kann? Aber natürlich ist es ein schmaler Grat. Ich wünsche mir für alle Menschen, vor allem für die Frauen, die ja häufiger davon betroffen sind, dass sie selbstbewusst und voller Selbstliebe durchs Leben gehen. Aber ich finde den Gedanken nicht schlecht, dass Selbstzweifel häufig auch durch ein großes Verantwortungsbewusstsein entstehen können. 

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainier Christian Bischoff gesprochen der meinte „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Hast du dich schon selbst verwirklicht?
Ich habe eher das Gefühl, dass ich eher die Verbindung und die Gemeinschaft mit anderen Menschen suche. Und ich glaube, dass sich auch viele andere nach einem Kollektiv sehnen. Individuell sind wir natürlich alle, aber ich glaube dieses Neoliberale, Ichbezogene erschöpft viele Menschen – inklusive mir. Natürlich sollte man sich selbst lieben und mit sich selbst im Reinen sein, weil man nur so auch die bestmöglichste Version für die Mitmenschen ist, aber das hat eher etwas mit Selbstliebe, als mit Selbstverwirklichung zu tun. 

Du hostest mehrere Podcasts. Was fasziniert dich am Medium des Podcastes? 
Ich liebe die Niedrigschwelligkeit. Jede*r kann podcasten, das finde ich toll. Es ist ein buntes Medium mit so unterschidlichen Zugängen und Persönlichkeiten. Als ich mit dem „Podcasten“ angefangen habe, gab es auch noch nicht so viele wie heute, das Medium ist jetzt natürlich auch schon viel „salonfähiger“ geworden. Meine Podcasts sind  alle ungescriptet  und real. Das mag ich, wenn man auch mal etwas Falsches sagen darf, wenn die Sachen nicht geschnitten wurden, sondern ein wahres, ehrliches Gespräch entsteht. Ich liebe es Menschen zuzuhören, die tatsächlich einen Einblick in ihre persönliche Gedankenwelt geben und die man dann durch diese Gespräche kennenlernt und sich vielleicht auch selbst in dem ein oder anderen Gedanken wiederfindet. Ich liebe es auch Menschen nur über die Stimme kennenzulernen. Vielleicht sieht man eine Person so auch viel besser, wenn man nur die Stimme hört. 

Du hast in einem Interview mal gesagt, du fühlst dich häufig wie eine Botschafterin…Wenn du der Gesellschaft etwas mitgeben dürfest, was sie aktuell am meisten braucht, was wäre das?
Ich wünsche mir, dass auch Nicht-Betroffene sich mehr um die Probleme der Gesellschaft kümmern. Wenn man davon ausgeht, dass ich nur glücklich sein kann, wenn es den anderen um mich herum auch gut geht, dann werde ich mich auch den Problemen annehmen, die vielleicht auf den ersten Blick nicht mich selbst betreffen. Wenn eine Person alles tragen muss, dann kann ich versuchen, ihr etwas abzunehmen.  Meine Botschaft wäre wirklich hinzuschauen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen.

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