Sebastian Herkner © Gaby Gerster

Das Qualitätsprinzip sollte heute in unseren Köpfen verankert sein, so dass klar ist, dass man sich lieber einmal etwas Hochwertiges kauft, als fünfmal Schrott. 

von Laura Bähr

Herr Herkner, wie haben die letzten Monate zu Hause die Interior-Branche verändert? Sebastian Herkner: Wir waren alle sehr viel zu Hause, im Home-Office und haben unsere Räume ganz anders wahrgenommen, ihnen mehr Bedeutung geschenkt. Man achtet, glaube ich, mehr auf Qualität, zumindest wünsche ich mir das (lacht). Außerdem hat man durch Corona persönlich mehr wahrgenommen, was passiert, wenn man immer alle Dinge von den entferntesten Orten importieren lässt. Wenn Medikamente oder die Schutzrüstung dann nicht da sind, dann hat man ein Problem. Deshalb glaube ich, dass uns diese Zeit in Sachen, „wo kommen die Dinge eigentlich her und muss das immer sein“, verändert hat. Der Trend, regional zu kaufen, ob jetzt Gemüse auf dem Wochenmarkt oder Möbel aus Deutschland oder Europa, hat sich meiner Ansicht nach durch diese Zeit noch weiter zugespitzt. 

Welche neuen Impulse haben Sie als Designer aus dieser Zeit mitgenommen? 
In erster Linie Impulse privater Natur. Ich durfte sehr viel Zeit mit meinem Partner verbringen, weil ich nicht ständig im Flugzeug saß. Und ich konnte den Kontakt zu viele Freunden wieder intensiver aufleben lassen, was sonst im Berufsalltag einfach zu kurz kommt. Ich glaube diese Monate zu Hause waren für uns alle eine interessante Zeit. Mal runterzukommen und auch die ganzen Reisetätigkeiten zu hinterfragen. Muss man wirklich zu jedem Termin immer fliegen und kann und sollte man vielleicht öfter die digitalen Möglichkeiten für Meetings nutzen?

Das Einrichten und das perfekte Zuhause rückt immer mehr in den Fokus der Menschen und scheint sich nach Kleidung und Nahrung zum absoluten Must entwickeln. Chance oder Gefahr für die Szene?
Ich glaube, das kommt darauf an, wie man perfekt definiert. Ist perfekt auch nachhaltig? Dann auf jeden Fall! Natürlich legen mehr Menschen plötzlich Wert auf ein schönes Zuhause, weil eine gewissen Unsicherheit vorherrscht, gesundheitlich, politisch und gesellschaftlich. Dieser Sommer wird ein Sommer des Daheimbleibens und es ist wichtiger denn je, ein schönes Zuhause zu haben. Ich weiß auch von Kunden, dass der Outdoormöbelmarkt gerade ein absolutes Hoch erlebt. Man möchte sich zu Hause – Indoor und Outdoor – seine persönliche Wohlfühloase schaffen, die einen über den Sommer bringt. 

Kann man sich glücklich wohnen?
Ich glaube das eigene Zuhause nimmt einen ziemlich hohen Stellenwert in Sachen Wohlfühlen und damit im Umkehrschluss auch Glück ein. Wenn man sich in den eigenen vier Wänden wohlfühlt und zur Ruhe kommen kann, ist das sehr viel wert. Hat man allerdings eine tolle Wohnung, in der man sich rundum wohl fühlt, aber privat und beruflich läuft es nicht gut, dann bringt das einem auch nichts. Die Wohnung kann das nicht kompensieren. Ich glaube das eigene Zuhause ist ein wichtiger Punkt, aber alleine nicht ausschlaggebend für das persönliche Glück. 

Wie wird man in der heutigen Zeit Designer?
Das ist aktuell natürlich auch super schwierig. Wenn ich jetzt ein junger Designer bin, der frisch von der Uni kommt, dann ist es wirklich nicht einfach in der Branche Fuß zu fassen, wenn keine Messen stattfinden und man nicht mit den Händlern und Kunden in Kontakt kommen kann. Design ist in erster Linie Dialog und Kommunikation. Dadurch, dass es mein Büro ja schon eine ganze Weile gibt, bin ich schon gut vernetzt und kann meine Kontakte auch virtuell pflegen. Wenn man allerdings jetzt erst in der Branche startet, hat man es echt schwer. Kommunikation ist der Branche das A und O, mit dem Kunden, mit dem Händler, mit dem Handwerkern und mit Kollegen. 

Sind durch diese Zeit auch viele Kollegen und Möbelmarken in Schwierigkeiten geraten? 
Ja, natürlich. Das ist auch gerade nicht einfach, in neue Designs zu investieren, weil der Handel auch sehr unter dev Situation leidet. Obwohl man sagen muss, dass wir hier noch mit einem blauen Auge davongekommen sind, der amerikanische Markt ist da ganz anders dran. Auch der Export nach Asien läuft noch nicht richtig. Das sind natürlich große Absatzmärkte für Deutschland, wie auch anderen europäischen Designländer. Und das ist dann natürlich ein Problem, was auch den Designer trifft, weil der ja in erster Linie von seinen Lizenzen lebt. 

Wie sehr lassen Sie sich vom Markt und den Bedürfnissen der Endkunden beeinflussen? 
Das ist meine größte Aufgabe: Zu Beobachten und Lösungen zu finden. Ich kann ja nicht rein ins Blaue entwerfen, sondern muss zunächst immer erst beobachten und analysieren, was der Markt, der Endkunde überhaupt braucht und will. Das ist eine Analyse, eine Beobachtung, aber auch meine persönliche Empfindung und mein Instinkt. Meine Verantwortung als Designer besteht darin, ein Produkt zu schaffen, das der Kunde braucht, ebenso Dinge zu gestalten, die auch kommerziell erfolgreich sind. Daran hängen auch viele Arbeitsplätze und ganze Existenzen. Bei meinen Produkten ist es mir sehr wichtig, dass diese bei den Firmen vor Ort hergestellt werden und nicht alles ausgelagert wird. Da findet aber auch gerade ein großes Umdenken in der Branche statt, man holt viel zurück. Ich finde es falsch, alles aus Kostengründen wegzuschicken, vor allem, weil dies auch meist mit einer Qualitätsreduktion einhergeht.

Wie beobachten Sie die Endkunden und deren Bedürfnisse? 
Überall (lacht). Ich glaube ich bin allgemein eine sehr beobachtende und offene Person. Dann fahre ich in meiner Nachbarschaft mit meinem Fahrrad herum oder bin auf Reisen, oder analysiere digital via Instagram die neuen Wünsche. Es auch viel Kopfarbeit. Nachdenken, zeichnen und sehr viel verwerfen, das glauben die meisten Menschen immer nicht. Aber die Arbeit des Designers hat auch sehr viel mit Verwerfen zu tun, schließlich hat lange nicht jeder Entwurf eine Daseinsberechtigung. 

Wann sind Sie richtig zufrieden mit einem Entwurf? 
Es gibt irgendwann den Moment, wo man den Entwurf abgibt und sagt, okay, aber das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die man gemeinsam mit dem Kunden trifft. Das Wichtiger ist aber, dass man zu diesem Punkt kommt und das Produkt ruhigen Gewissens ziehen lassen kann. Am Ende des Tages interpretiert der Kunde das Design sowieso nochmal neu für sich und bindet es in sein Leben ein. So ein Produkt hat einen stetigen Prozess und entwickelt sich ständig neu weiter. 

Das Wichtigste ist also loszulassen?
Richtig. Man muss irgendwann abgeben, wenn man zufrieden ist, die Details stimmen und der Komfort da ist.

Haben Sie auch mal Angst vor dem weißen Blatt? 
Prinzipiell sind weiße Blätter ja gut, weil sie einem erstmal alles erlauben und ermöglichen. Aber klar, gibt es immer wieder Phasen, wo man eben nicht sofort die Lösung parat hat. Da darf man als Designer dann auch nicht zu streng mit sich sein und muss den Entwurf einfach mal zur Seite legen und sich mit etwas anderem beschäftigen. Wenn man die Verantwortung hat, an etwas zu arbeiten, zu dem man am Ende des Tages dann auch stehen will und es mit allen Facetten vertreten möchte, dann braucht das natürlich auch Zeit. An so einem Produkt hängen so viele Dinge, nicht nur das Design und die Funktionalität, sondern zum Beispiel auch die Produktionskreisläufe. Man braucht Geduld, manchmal ist ein Konzept in zwei Wochen fertig, manchmal fehlt die Idee noch nach vier Monaten. Das ist dann harte Arbeit, es ist ja nicht so, dass man so einen Entwurf mal eben aus dem Handgelenk schüttelt. 

Muss Qualität Ihrer Erfahrung nach immer teuer sein? 
Nein, überhaupt nicht. Ich denke man kann auch in Deutschland und Europa preiswert produzieren, aber natürlich kann man dabei nicht mit so schrecklichen Plattformen wie „Home24“ oder ähnlichem konkurrieren. Es macht auch keinen Sinn, weil viele dieser Produkte nur produziert werden, um einen günstigen Preis zu ermöglichen. Das sollte und darf allerdings nicht der Anspruch sein. Das ist dann kein Mehrwertprodukt, sondern produzierter Sperrmüll, der kurze Zeit später wieder in der Tonne landet. Das Qualitätsprinzip sollte heute in unseren Köpfen verankert sein, so dass klar ist, dass man sich lieber einmal etwas Hochwertiges kauft, als fünfmal Schrott. 

Können Sie sich denn erklären, wieso dieses Billig-Prinzip immer noch so gut zieht? 
Deutsche sind ja schon ein bisschen Geizgetrieben, Geiz ist geil und so weiter, das ist bei uns ein großes Phänomen, nicht nur in der Interior-Branche, schauen Sie sich Marken wie Primark an. In Italien und Frankreich wird beispielsweise sehr viel mehr Geld für gutes Essen, hochwertige Kleidung und nachhaltiges Design ausgegeben. Marken wie Aldi und Lidl kommen ja auch nicht ohne Grund aus Deutschland. Die Mentalität ist vielleicht auch geschichtlich getrieben, weil nach dem zweiten Weltkrieg einfach nicht das Geld da war und das hat sich dann immer weiterentwickelt. Aber ich denke, man muss sich auch einfach wieder ins Gedächtnis rufen: Quality first! Und nicht immer nur den Preis im Blick haben. Der größte Irrsinn ist ja dann auch immer, dass vile Mitbürger sobald eine Fußball WM oder EM ansteht, zu Saturn rennen und sich einen neuen Fernseher kaufen. Das kann mir keiner erzählen, dass da der Alte dann immer zufällig kaputt ist. Man sollte auch mal zufrieden sein, mit dem was man hat. Zumal die Recyclingketten aktuell auch nicht funktionieren. Der ganze Elektroschrott kommt nach Afrika und soll da angeblich zerlegt werden, und zerstört dann vor Ort die Lebensgrundlage der Menschen, das darf nicht sein!

Welche Rolle schreiben Sie Deutschland als Design-Land zu? 
Wir sind ein hervorragendes Design-Land und viele französische und italienische Designs brauchen deutsche Komponenten wie Scharniere, Beschläge und Co. In Sachen Engineering ist Deutschland nach wie vor führend. Ich glaube wir müssen und sollten die Konsumenten erziehen und ihnen nahelegen und erklären, wieso gutes Design eben auch seinen Preis hat. 

Wie kann das funktionieren?
Der Schlüssel ist Kommunikation. Das ist die Aufgabe von mir als Designer, aber auch von den Journalisten und Medien zu kommunizieren, warum ein Tisch so viel kostet, wie er kostet. Weil eben sechs Glasbläser in Bayern morgens um 5 Uhr aufstehen und daran arbeiten und er nicht irgendwo günstig importiert wird. Das hat auch viel mit Respekt für ein Handwerk zu tun, was eben auch Geld kostet. Ich finde es teilweise auch fast schon rassistisch davon auszugehen, dass ein Produkt, welches in Afrika gefertigt wurde, viel billiger, beinahe umsonst sein muss, als eines, welches in Deutschland hergestellt wird. Man denkt immer ein Stuhl aus Afrika darf nur fünf Euro kosten, während einer aus Deutschland 300 Euro wert ist. Das ist auch eine Form von Rassismus. Die Wertschätzung kommt dann oft zu kurz. Dann feilschen wir im Urlaub um einen Preis, obwohl der Verkäufer meist eine Woche an einem Korb geflochten hat und wir wollen keine drei Euro dafür bezahlen. Wir müssen da viel umdenken, es geht um Respekt, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Die jüngere Generation scheint sich nicht mehr so für das Handwerk zu interessieren. Verlieren wir damit nicht die Substanz von gutem Design? 
Nach meinem Studium, habe ich mich viel mit Glas und Messing auseinandergesetzt, das fanden viele sehr irritierend, mittlerweile sieht man die Materialien überall. Handwerk ist so wichtig. Aber das Problem ist eben, dass viele junge Menschen, die von der Schule kommen, kein Interesse mehr daran haben ein Handwerk zu erlernen und das merken eben auch die Unternehmen, denen es an jungen Arbeitskräften fehlt. Obwohl man mit einem Handwerk zum Spezialisten werden kann und auch sehr gutes Geld verdienen. Man muss den jungen Leuten die Attraktivität dieser Jobs wieder näherbringen. Ich bin im Grunde ja auch ein Handwerker. Ohne die Handwerker gäbe es kein Design, da können wir Designer und Architekten einpacken. Denen sollte eine viel größere Bühne gegeben werden. 

Bei immer mehr deutschen Produkten hat man das Gefühl, dass alles funktional und reduziert sein muss…
Es gibt natürlich sehr viele Designer, die mit diesen Mitteln arbeiten, ich persönlich sehe mich gar nicht so, da ich auch sehr viel international arbeite und mich nicht den 10 Thesen von Dieter Rams verschrieben habe. Das ist aber auch meine Handschrift. Ich glaube, dass es in Zukunft allgemein schwierig sein wird, die einzelnen Nationalitäten im Design zu unterscheiden, also zu sagen, das ist jetzt typisch chinesisch, das ist typisch deutsch, dafür wächst alles viel zu stark zusammen. Die Globalisierung und die Möglichkeit des Reisens vermischen die Stile immer weiter.

Kann das nicht auch eine Gefahr sein, wenn alles immer einheitlicher wird? 
Nein, ich glaube nicht. Es ist ja nach wie vor die Aufgabe des Designers seine persönliche Handschrift zu entwickeln, egal von wie vielen Stilen und Ländern diese inspiriert wird. 

Sie meinten in einem Interview, dass sie sich mit Trends schwertun. Warum? 
Ein Trend ist immer zeitlich beschränkt und ich glaube, das kann nicht nachhaltig sein. Auch die Modeindustrie beschäftigt sich gerade intensiv mit dem Thema. Sechs Kollektionen im Jahr sind einfach zu viel, das hat keinen Mehrwert mehr. Wir konsumieren zu viel, kommen gar nicht mehr hinterher und dann landet alles im Altkleidercontainer und kann noch nicht mal mehr recycelt werden, weil die Qualität der Klamotten zu schlecht ist. 

Gibt es irgendwann nicht alle Designs? Muss man dann wie bei der Musik wieder von vorne beginnen?
Naja, der Mensch entwickelt sich ja auch weiter. Die Verhaltensweisen und die Gesellschaft verändern sich, die Technik entwickelt sich ständig weiter. Vor ein paar Jahren hätte noch keiner geglaubt, dass sich das mit dem Home-Office so entwickeln könnte und schauen Sie sich jetzt unsere Arbeitswelt an. Wann immer es neue Bedürfnisse und Veränderungen gibt, kann es auch neue Designs geben, die diesen Bedürfnissen nachkommen. Die Anforderungen an einen Designer entwickeln sich ständig weiter. 

Inwiefern orientieren Sie sich für Ihre Entwürfe auch an der drum herumliegenden Architektur? 
Das kreative Denken kennt keine Grenzen. Das ist ja das Privileg, das wir uns da nicht beschränken müssen. Das umgebende Gebäude, die Aussichten, die Perspektiven und das Licht sind so essenziel wichtig für das Innenleben.

Was halten Sie von den sozialen Medien für Ihre Branche? Dass sich jeder überall und jederzeit über Design informieren und Inspiration austauschen kann? 
Gerade als die Messen ausgefallen sind, war das für uns natürlich eine super Möglichkeit mit Firmen zusammen in Kooperation Produktlaunches virtuell zu ermöglichen. Wie effektiv diese Plattform ist, werden wir in einem halben Jahr sehen. Aber wenn man sich persönlich eben nicht treffen und präsentieren kann, ist das eine super Möglichkeit eine große Zielgruppe zu erreichen. 

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