Hadi Teherani © Simon Stock

Als Architekt wird man zu einer Art Schöpfer.

von Laura Bähr

Herr Teherani, in vielen Porträts werden Sie als „Modernist“ bezeichnet. Was macht einen Modernisten aus?
Hadi Teherani: Ich bin ein moderner Mensch und habe viel von der Moderne gelernt. Ich fühle mich mit der Sprache dieser Zeit sehr wohl und bin auch niemand, der zurückgewandt ist, sondern immer nach vorne schaut und den modernen Lifestyle liebt. 

Sie kamen 1960 als Sechsjähriger mit Ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Eignet sich Deutschland als neues Zuhause? 
Deutschland war zum damaligen Zeitpunkt im Aufbruch, hatte harte Zeiten hinter sich. Mich hat diese Aufbruchs- und Aufbaustimmung bis heute geprägt. Deutschland bietet auch heute noch großartige Rahmenbedingungen für die Menschen, sich zu entwickeln, egal wo man herkommt. Das hat mir bei meiner Karriere sehr geholfen. Man muss nur den Mut haben, sein Ziel wirklich anzusteuern.

Neben Ihrem kreativen Beruf als Architekt sind Sie auch Arbeitgeber von über 100 Menschen. Sind Sie ein guter Chef? 
Wir haben vor kurzem tatsächlich einmal nachgezählt und festgestellt, dass bereits über 1.500 Mitarbeiter bei mir beschäftigt waren. Ich glaube, dass ich ein guter Chef bin. Ich habe es immer verstanden, die Menschen, die bei mir arbeiten zu verbinden und ihnen eine Plattform zu geben, über die sie sich austauschen können. Viele Kollegen treffen sich heute noch und sprechen über ihre Zeit bei mir. Es macht mich natürlich stolz, dass sich viele so gerne an ihre Arbeit hier erinnern. 

Kommt die Verantwortung der Kreativität manchmal in die Quere?
Ja, es ist eine große Verantwortung und manchmal auch eine Belastung. Aber wenn man in erster Linie an die negativen Dinge denkt, schränkt das die Kreativität viel zu sehr ein. Deswegen habe ich immer versucht, das auszublenden. Mir war es wichtig, dass die Ergebnisse stark sind. Das ist das Fundament für alles Weitere. Wenn man Wettbewerbe gewinnt und Projekte realisieren darf, dann kann man auch seine Leute ernähren. Das ist wie eine Art Kreislauf. Ich habe mich in meiner Karriere nie davon leiten lassen, dass etwas zu teuer oder ein Risiko zu hoch ist. Meiner Ansicht nach bringt die Zukunft immer nur das Bessere. Ich komme aus einer Kultur, die dem Leitspruch folgt: „Was du in den Wald hineinrufst, bekommst du auch zurück“. Das heißt, Dinge, die man wirklich will, bekommt man auch. Davon bin ich absolut überzeugt.

Um als Künstler authentisch zu bleiben, so die Meinung vieler, muss man sich von der Informationsflut freimachen, die sich unbewusst im Werk niederschlägt. Wie intensiv verfolgen Sie die Nachrichten? 
Da habe ich meine eigene Philosophie. Für mich ist es sehr wichtig, meine Informationsquellen zu haben, weil ich nur so lernen kann, die Welt einzuschätzen. Nur so kenne ich die Fragen, die die Welt hat und kann sie dann in meiner Architektur beantworten. Für mich ist es positiv, wenn ich viel weiß, aber man muss natürlich inmitten all der Dinge unterscheiden und einordnen können. Das fängt bei mir schon bei den städtebaulichen Entscheidungen an. Viele glauben mir nicht und behaupten, ich wäre ein Scharlatan, wenn ich sage, dass ich bei der ersten Begutachtung eines Grundstücks den Entwurf schon im Kopf habe. Man muss eigentlich nur die Augen aufmachen und das Grundstück lesen. Wenn ich all die Dinge, die es ausmacht, erkenne, kann ich ganz leicht einen Maßanzug für das jeweilige Grundstück entwerfen. 

Ihr Anspruch legt fest, gestalterische Grenzen in der Architektur zu überschreiten. Welchen Anforderungen muss ein Gebäude unserer Zeit gerecht werden?
Architektur ist ein gesellschaftliches Thema und muss auch die Fragen der Menschen beantworten können. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen wir jetzt und in Zukunft leben wollen. Ein wichtiges Stichwort ist natürlich aktuell die Nachhaltigkeit, die uns zum Nachdenken zwingt. Wie schaffen wir es, Gebäude zu bauen, die energetisch sind und gut aussehen? Wir müssen immer auf der Suche nach Innovationen sein und können heute als Architekten nicht mehr in einer Black Box leben und sagen, wir sind die Priester der Gestaltung und die anderen haben uns zu folgen. Es gibt so viele Aspekte: Umwelt, Wirtschaft und Politik, die in so ein Bauprojekt einfließen. Komplexität kann kaum umfassender sein.

In diesem Jahr feiern wir 100 Jahre Bauhaus – Was ist die wichtigste Lektion, die uns von Le Corbusier mitgegeben wurde?
Das war eine Zeit, in der man versucht hat, sich zu befreien. Freiheit für die Architektur – Licht und Luft für die Gebäude. Dadurch sind damals viele Gartenstädte entstanden, auch die Wohnhöfe in Berlin und Wien. Man hat sich damals radikal befreit. Die Architekten wollten für die „normalen“ Menschen bauen – nicht mehr für Könige. Man wollte eine offene Gesellschaft und ein offenes Denken. Das Bauhaus hat die Demokratie sehr gefördert und sich gegen den Druck von oben gewehrt. Man kann auch in den einzelnen Ländern zeitversetzt erkennen, wie mit einer offeneren Architektur eine offenere Lebensweise eingezogen ist. Davon profitieren wir heute noch. 

Sie haben Häuser auf der ganzen Welt entworfen – ist die Architektur eine Weltsprache? 
Nun ein Bürohaus ist in jedem Land ein Bürohaus. Natürlich gibt es verschiedene Gesetze in den einzelnen Ländern, aber die Grundfunktion ist gleich. Die haben alle eine Tischplatte, einen Stuhl und ihren Computer. Wenn man sich heute ein iPhone anschaut, sieht das auch auf der ganzen Welt gleich aus. Apple hat es geschafft, dieses Design-Produkt weltweit bekannt zu machen. Auf der anderen Seite hat natürlich jede Kultur ihre historischen Gebäude, ihre Geschichte und ihre Religion, die beachtet werden müssen. In Indien kauft zum Beispiel keiner einer Wohnung ohne Vastu-Berater. Der sagt einem dann, in welchem Raum was untergebracht werden darf, egal ob es vom Entwurfsgedanken passt oder nicht. (lacht)

Den Architekten werden heute immer mehr Aufgaben weggenommen – meist wollen die Bauherren nur noch den Entwurf und geben den Rest in andere Hände. Ist es klug, heute noch Architektur zu studieren? 
Auf jeden Fall! Wir brauchen Leute, die für uns die Zukunft gestalten und das kann man nicht nur den Developern oder Stadtplanern überlassen. Deswegen bleibt Architekt ein Traumberuf. Und es ist einer der wenigen Berufe, der die Möglichkeit eine ganzheitlichen Lösung und Erfüllung bietet. 

Was meinen Sie mit ganzheitlicher Erfüllung?
Wenn ich zum Beispiel Kaufmann bin und eine Puppe für 10 Euro kaufe und für 20 Euro wieder verkaufe, bin ich vermutlich für einen kurzen Moment glücklich und erfüllt. Die Aufgabe des Architekten geht aber über dieses Glück hinaus, das ist eine Erfüllung durch Schöpfung. Als Architekt wird man schließlich zu einer Art Schöpfer. Die eigenen Gedanken werden Wirklichkeit und die Menschen gehen damit um. Wenn man etwas entwirft, ist das eine Kraft, die man nie vergisst. Wenn ein Architekt mit seinen Enkelkindern an einem Gebäude vorbeifährt und die mit großen Augen sagen, das hat Opa gebaut, ist das sicher überwältigend.

Sie haben mal gesagt, „man kann nur dort gut sein, wo man seine Begabung hat.“ Also kann man das Gespür für die Architektur nicht erlernen? 
Es kommt darauf an, was man für eine Art von Architekt werden möchte. Da muss man dann in erster Linie risikobereit oder kreativ oder bedacht sein. Der Berufszweig braucht meiner Ansicht nach alle möglichen Charaktere. Fürs Entwerfen brauchen wir freie Leute, die bereit sind ein Risiko einzugehen. Für andere Projekte, brauchen wir andere. Es ist wichtig, wo und wie man sein Talent einsetzt. Schließlich bringt es heute auch nichts mehr, nur gut zeichnen zu können. Wenn man seine Entwürfe nicht an den Mann bringt und sich gut verkaufen kann, ist man schnell erfolglos und frustriert. Es ist ein großes Paket an Fähigkeiten, das man mitbringen muss. 

Sie bemängeln an dem „Würfelhusten“, der Hafencity, den fehlenden Boulevard. In welcher Symbiose stehen Gesellschaft und Architektur? 
Mit der Hafencity hatte Hamburg die Chance eine ganz moderne Stadt zu entwerfen, die komplett anders ist, als andere Städte. Wir hätten da im Wasser bauen können, so wie Venedig, mit Wasserstraßen, von denen man überall hinkommt. Stattdessen wurde ein Mix angewandt zwischen Wasser- und normaler Stadt, und zwar ohne den Einsatz der Wasserstraßen, die ja gerade die Besonderheit darstellen. Jedes Haus in der Hafencity könnte auch an einem anderen Ort stehen, es schreit nichts „Hafencity“. Dabei wäre das die Chance gewesen, Häuser zu entwickeln, die eben nur da hingehören, etwas Spezifisches mitbringen und die Gesellschaft stärker integriert. 

In Deutschland ist die Architektur massiv überreguliert. Wie oft steht Ihnen als Architekt die Politik im Weg?
Natürlich ist man eingeschränkt, wenn es darum geht neue Ideen zu etablieren. Die Politiker sind, was das angeht, leider nicht frei in ihren Entscheidungen. Ein Beispiel hierfür ist meine Idee der „Living Bridge“, die den Süden Hamburgs anbinden sollte und das nicht nur als Brücke, sondern als eigenständiger Stadtteil. Das wäre ein Highlight gewesen, was leider von vielen nicht richtig interpretiert wurde. Damals hatte die Politik Angst sich zu entscheiden und hat ständig Umfragen innerhalb der Bevölkerung durchgeführt. Normalerweise verliert man ja jede Umfrage, weil es immer mehr Menschen gibt, die erstmal nein sagen und auf Nummer sicher gehen wollen, trotzdem haben wir jede Umfrage gewonnen. Und dann kamen die Grünen und die Idee wurde doch wieder verworfen. Heute wird in der Architektur vieles über Wettbewerbe entschieden und da werden die kühnen Vorschläge leider zuerst aussortiert. So etwas wie das „Dockland“, wovon jeder Hamburger profitiert und das der Stadt wirklich einen Mehrwert liefert, wäre heute gar nicht mehr umsetzbar. Da wird so viel beschränkt, dass die Gebäude immer einheitlicher werden. 

Das heißt die Wettbewerbe stehen heute einer innovativen Architektur im Weg? 
Ja und nein. Auf der anderen Seite war das Wettbewerbswesen wichtig, um das Niveau der Architekten zu fördern. Jeder Architekt musste sich dem stellen. Dadurch sind die schlechten Architekten gut geworden. Ich glaube, in Deutschland gibt es keine schlechten Architekten mehr, aber die Spitzen fehlen, die sich etwas trauen.

War die „Living-Bridge“ auch eine Art Antwort auf den aktuellen Wohnungsmangel? 
Natürlich, das wäre eine Innovation gewesen, die viele Probleme gleichzeitig gelöst hätte. Das wäre ein Highlight für die Stadt gewesen, ein Touristenmagnet und hätte gleichzeitig viele tolle innovative Wohnungen geschaffen. Allgemein können wir als Architekten an den grundsätzlichen Problemen natürlich nur wenig ändern. Wir können die Stadt darauf aufmerksam machen, in welchen Gebieten man verdichten könnte, aber die Baupreise haben wir leider eigentlich alle unglaublich in die Höhe getrieben. Man muss sich auch immer überlegen, welches Klientel gerade sucht. Alle Studenten suchen, alle Single-Haushalte suchen, das heißt wir brauchen in erster Linie viele kleine Wohnungen. 

Sie haben sich mittlerweile auch als Produktdesigner einen Namen gemacht. An welchem Produkt aus Ihrem Umfeld erfreuen Sie sich jeden Tag? 
An dem „Silver-Chair“, auf den bin ich besonders stolz, weil der nicht nur bei mir steht. (lacht) Der ist immer da, wenn ich den Fernseher anmache. Der steht in jeder Talkshow und hat auch schon Hollywood erobert, zum Beispiel bei James Bond. Der Stuhl hat es hier aus meinem Bleistift nach Hollywood geschafft, das ist schon ein tolles Gefühl. 

Wer sich gut einrichten will, findet heute so viel Inspiration wie nie, beispielsweise über soziale Medien wie Instagram und Co., was es aber nicht unbedingt einfacher macht. Was ist Ihr Rat? 
Wichtig ist, sich zu überlegen, nach welchen Kriterien man entscheidet, was man eigentlich haben will. Es gibt aktuell eine Flut toller Produkte, alle Firmen arbeiten auf Hochtouren. Die letzten Jahre gab es weniger Einfälle, sodass man die alten Klassiker wieder rausgeholt und die mit Farbserien modernisiert hat. Aber in der Branche gibt es einfach genügend Innovationen, die natürlich auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun haben. Wir haben da schon einen sehr hohen Standard erreicht, jetzt müssen nur noch die Räume mithalten. 

Große Marken wie Apple scheinen in Sachen Design immer mehr die Oberhand zu gewinnen – der Markt gleich sich nach und nach an. Eine gefährliche Entwicklung?
Apple hat es geschafft, ein Design zu entwickeln, bei dem der Zenit an Minimalismus und Funktionalität erreicht ist. Trotzdem gibt es andere Marken, die da auch mithalten können. Die Kameras werden immer wichtiger und die Funktion der sozialen Medien. Dann gibt es noch eine Industrie dahinter, die das ganze individualisiert, schließlich möchte jeder sein eigenes iPhone, selbst, wenn wir alle dasselbe haben. (lacht) Ich glaube aber nicht, dass solche Entwicklungen eine Gefahr darstellen, die fördern eher die Kreativität der Mitbewerber. Die Spannung bleibt – und solche Innovationen reißen natürlich auch häufig andere Branchen mit. Ein Wermutstropfen, den wir alle ausschalten, ist natürlich die Transparenz. Big Brother is watching you. Man steht überall im Fokus. 

Macht Ihnen das Angst? 
Es sollte uns viel mehr Angst machen. Die ganze Welt ist unter der Kontrolle einiger.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Design, Möbeln und Architektur – fehlt eigentlich nur noch die Fotografie. Eine geheime Passion?
Fotografie gehört natürlich zu meinem Beruf dazu. Zu Beginn meines Studiums habe ich mir immer die besten Kameras gekauft, aber ich habe die Disziplin der technischen Handhabung nicht verinnerlicht. Ich habe zwar das Auge dafür, aber ich will meine Fotos meistens schnell mit dem Handy schießen und mich nicht noch mit Brennweiten auseinandersetzen. Ich liebe das Spiel mit Licht und Atmosphären, damit kann man die Fotografie ja zur Kunst machen, aber davor bin ich weggelaufen. Als Kind konnte ich bereits sehr gut zeichnen und habe viele Porträts von Freunden gemacht, die einem Foto gleichkamen. Als ich dann aber gemerkt habe, dass ich eigentlich nur eine bessere Canon bin, war ich so enttäuscht, dass ich sofort damit aufgehört und meine Bleistifte weggeschmissen habe. (lacht)

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