Heinz Caflisch; © Foto 1: Mayk Wendt; Foto 2: Maurice Haas

„Design darf heute nicht mehr scheitern.“

Heinz, welches Design hat dich zuletzt berührt und warum? 
Heinz Caflisch: Eine Arbeit von Alix Arto. Sie verarbeitet gefundene 100-jährige Backsteine, die aus alten Häusern gebrochen sind. Sie schafft etwas ganz Neues und Besonderes aus dem Moment des Gefundenen. Mit einer einfachen Intervention; der Glasur durch einen Keramiker schafft sie Objekte und Vasen. Ein Design, das einen direkt berührt und gleichzeitig so einfach ist. Mir gefällt, was mich auf den zweiten oder dritten Blick anspricht, was mich anfänglich eventuell auch etwas irritiert. Ein Design, bei dem ich genauer hinschauen muss. Ich finde Produkte spannend, die den Mut haben zu scheitern und nicht jedem gefallen. Die bereit sind zu scheitern. 

Wie entscheidest du, welche Designs bei dir aufgenommen werden? Gibt es Kriterien, nach denen du entscheidest oder ist das eher eine Bauchentscheidung? 
Heinz Caflisch: Das ist ein Bauchgefühl. Das habe ich in meinem Leben schon immer so gehandhabt und ich glaube, das ist auch eine meiner großen Kompetenzen. Ich brauche bei sehr vielen Dingen sehr viel Hilfe, aber entscheiden kann ich. (lacht). Meistens sind es Produkte, bei denen sich Design und Handwerk treffen. Ich liebe es, wenn Designer Materialeigenschaften analysieren und diese Erkenntnisse dann in ein Produkt umwandeln. Das öffnet ein neues Universum. 

„Ich war lange Jahre als Architekt tätig, bevor ich für mich festgestellt habe, dass ich in dieser Branche und unter diesen Umständen kein „Masterpiece“ liefern kann.“

Du hast gemeinsam mit Roland Auer das Architekturbüro Auer-Caflisch gegründet, bevor du dich entschieden hast, der Architektur den Rücken zu kehren und den Maßstab deiner Arbeit verkleinert hast: von der Architektur hin zum Objekt. Warum? 
Heinz Caflisch: Ich war lange Jahre als Architekt tätig, bevor ich für mich festgestellt habe, dass ich in dieser Branche und unter diesen Umständen kein „Masterpiece“ liefern kann. Gemeinsam mit meinem Partner Roland habe ich gute Produkte abgeliefert und auch viele Wettbewerbe gewonnen, aber meiner Ansicht nach sind wir immer bei 85 % stehen geblieben. Bauherren, Auflagen und Kosten, das beeinflusst einen in der Branche enorm. Man kann sich nicht völlig frei entfalten und gestalten.

Als ich das gemerkt habe, wusste ich, ich muss weg aus dieser Dienstleistung Architektur und traf die radikale Entscheidung, das Büro zu verlassen. Die Architektur war für mich limitiert und ich habe mich oft gefragt, was ich als Heinz Caflisch überhaupt leisten kann. Es ist immer eine Teamarbeit, es sind immer Abhängigkeiten. 2013 habe ich dann das Büro mit lediglich einer Tasche verlassen und alle Bücher, Pläne und Kunden dort gelassen. Bereut habe ich diese Entscheidung bis heute nicht. Viele Freunde und Kollegen habe mich damals als mutig empfunden.

„Wenn man nur den Entwurf macht und das Produkt dann zur Herstellung aus der Hand gibt, dann verliert es an Kraft, das ist wie eine Art Datenverlust.“

Für mich war es nur logisch, nach dieser Erkenntnis mein Feld zu wechseln. Diese zwingende Logik war, glaube ich, auch der Grund, wieso ich den Schritt tun konnte. Natürlich war das keine kommerzielle Entscheidung, sondern eine Entscheidung aus Leidenschaft. Ich wollte unbedingt das Masterpiece, koste es, was es wolle. Während meiner Zeit in der Architektur habe ich so viele junge Designer kennengelernt, die keine Lust hatten, für die großen Marken zu arbeiten und eine Plattform für ihre Designs gesucht haben. Sie suchen ihre Identität in ihren Produkten. Wollen in Kleinserien produzieren und ihrem Produkt ganz nah sein und ich kann ihr Schaufenster sein. 

Du sagst, koste es, was es wolle… Stehen sich Design und lukratives Geschäft hier nicht im Weg? 
Heinz Caflisch: Vielleicht. Mein Ansatz bei OKRO funktioniert in erster Linie in den Kleinserien und im Galeriekontext. Handgemacht, wenige Stücke, nur so kann man erklären und darlegen, wie der Preis zustande kommt. Wir arbeiten grundsätzlich mit Kleinstmargen und versuchen viele unnötige Marge-Strukturen zu vermeiden. Während der Pandemie haben wir außerdem Werkmuster für Architektur, Bauherren und Nutzer entwickeln. Da ist Geld vorhanden, wir haben direkte Auftraggeber und Vorstellungen und Menschen, die gutes Design zu schätzen wissen.

„Es ist nichts Besonderes mehr einen Lounge-Chair zu besitzen, sie können sich mit diesen Designs kein eigenes Profil mehr zulegen. In diesem Moment sind wir die Gegenbewegung.“

Hast du das Gefühl, hier findet ein Wandel statt? Das die Menschen auch immer mehr erkennen, dass Design und Handwerk etwas kosten? 
Heinz Caflisch: Ja, ich denke schon. Andererseits sind wir immer noch die Nische der Nische. Ich habe 2017 die Zahlen verglichen. Vitra und Co. machen in der Schweiz knapp 4 % vom Umsatz mit Design und Möbeln. Und von dieser Nische sind wir die Nische (lacht). Aber ich glaube, dass immer mehr Menschen hinterfragen, wo ihre Produkte herkommen und wie sie produziert werden. Wie kann ein Stuhl 99 Euro kosten?

Auf der anderen Seite sind die designaffinen Kunden, die sonst bei Vitra und Classicon kaufen, häufig der Produkte überdrüssig. Sie sehen sie überall, es ist nichts Besonderes mehr einen Lounge-Chair zu besitzen, sie können sich mit diesen Designs kein eigenes Profil mehr zulegen. In diesem Moment sind wir die Gegenbewegung. Alles ist überhitzt, ständig locken tolle Angebote im Internet, alles ist jederzeit verfügbar. Da sind wir mit Okro ein Ruhepool, bei uns trinkt man einen Kaffee und tauscht sich über Design aus. 

Wir haben viele Kunstgalleristen als Kunden. Da ist der Preis nie ein Thema. In ihren Augen sind wir viel zu billig (lacht). Die kaufen ein Objekt bei uns für 3.000 Euro und meinen sie hätten auch 20.000 Euro dafür bezahlt. Wir machen die Produkte nur so teuer, dass eine kleine Marche für uns und den Handwerker bleibt. Der Rest geht für Research und die Entwicklung drauf. Eine kleine Marge für uns und den Handwerker und der Rest ist für Reaserach und Entwicklung. In der Kunst ist man andere Strukturen und Preisentwicklungen gewöhnt. 

„Das Design darf heute nicht mehr scheitern. In den 90ern gab es so viele Fehlentwicklungen, die sich heute zu Klassikern entwickelt haben.“

Siehst du überhaupt noch neue Designs oder wiederholt sich irgendwann alles? 
Heinz Caflisch: Der Markt ist gesättigt, auch in der Ästhetik. Häufig landen Designs bei uns, die in der normalen Welt nicht produziert werden können, weil sie zu anspruchsvoll für den Kunden sind oder nicht in die Kollektion passen. Dieser Optimierungsdrang der Branche sorgt dafür, dass die Designs immer näher zusammenrücken. Beim nordischen Design sieht mittlerweile alles gleich aus. Man hat keine Zeit mehr für Experimente. Wenn ein großes Label ein Produkt entwickelt, wird es zu Tode geplant. Das Design darf heute nicht mehr scheitern. In den 90ern gab es so viele Fehlentwicklungen, die sich heute zu Klassikern entwickelt haben. Alles verschmilzt, was uns Platz für Kleinserien schafft. 

Man kann heute vom Sofa aus sich durch die Welt shoppen und sich alles bestellen. Was hältst du von Social Media für die Design-Branche?
Heinz Caflisch: Wir empfehlen unseren Designer sehr zurückhaltend und fokussiert mit Social Media umzugehen. Unser Credo: Denkt gut nach, was ihr rausgebt. Wenn uns Journalisten nach neuen Produkten fragen und wir auf etwas hinweisen, kommt häufig die Antwort, aber das haben wir doch schon auf Insta gesehen.

Social Media verleiht den Produkten eine sehr kurze Halbwertszeit. Noch nicht mal da und eigentlich schon wieder alt. Die Ausstellung ist noch am Laufen und das Produkt ist schon nicht mehr interessiert. Die Medien suchen nach Neuigkeiten und das bedeutet Stress für alle Designer, Marken und Hersteller. Ich habe die Hoffnung, dass sich diese Entwicklung nach der Pandemie wieder anpasst. Auch große Marken konzentrieren sich immer mehr auf kleinmaßstäbliche Zusammenarbeit und gehen nur noch alle paar Jahre nach Mailand. 

„Social Media verleiht den Produkten eine sehr kurze Halbwertszeit. Noch nicht mal da und eigentlich schon wieder alt.“

Wie stehst du zu Trends? 
Heinz Caflisch: Ich habe absolut nichts mit Trends zu tun. Ich möchte Produkte zeigen, die auch noch in zehn Jahren das Potenzial haben, inhaltlich und in ihrer Qualität zu überzeugen. Ich möchte mit meinem Designanspruch weg vom Gefälligen, was jetzt im Moment gerade schön, bunt und angenehm ist. 

Wieso ist die Kombination aus Handwerk und Design in deinen Augen so wichtig?
Heinz Caflisch: Ein Designer, der über alle Herstellungsprozesse, die sein Produkt benötigt, Bescheid weiß, macht sein Produkt zu einem besseren Produkt. Wenn man nur den Entwurf macht und das Produkt dann zur Herstellung aus der Hand gibt, dann verliert es an Kraft, das ist wie eine Art Datenverlust.

Die ursprüngliche Idee, die Erwartungshaltung, wie es riechen und sich anfühlen soll, kann nicht überprüft werden. So muss unheimlich viel nachgehakt und übersetzt werden, da geht viel verloren. Vielleicht fehlt dann vor Ort eine Info oder ein Werkzeug und schwups nimmt man eben 0,5 mm mehr Radius, das sieht schließlich auch okay aus. Aber so funktioniert das nicht. Manufaktur hat immer eine ganz eigene Kraft, Qualität und Wirkung auf den Betrachter. 

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