Patrick Güldenberg © Sven Serkis

Die Dinge, mit denen man sich umgibt, also die Ästhetik, prägen das eigene Bewusstsein auf allen Ebenen.

von Laura Bähr

Patrick, du bist am Set vom „Neues vom Süderhof“ erwachsen geworden. Wie hat dich das Aufwachsen vor der Kamera geprägt?
Patrick Güldenberg: Das war natürlich aufregend. Fast alle Kinder, die ich kannte, haben zu dieser Zeit die Serie geschaut. Ich bin ja erst in der zweiten Staffel dazugekommen und stand dann sozusagen in meiner eigenen Lieblingsfernsehserie umgeben von meinen Idolen. Dann war ich in der Schule auf einmal „der vom Süderhof“. Ich habe dort natürlich schon sehr früh gelernt mit Menschen aller Altersklassen zu kommunizieren und zu arbeiten, was man ja sonst in dem Alter eher nicht tut. Da gibt es die Eltern und die Lehrer, aber nicht wirklich ältere Menschen, mit denen man gemeinsam etwas auf die Beine stellt. Und am Set habe ich schon sehr früh gelernt eigenverantwortlich zu arbeiten.

Wolltest du von klein auf Teil der deutschen Film- und Fernsehen-Landschaft sein? 
Ich war schon als Kind von diesem Beruf fasziniert. Im Theater habe ich zum ersten Mal mitbekommen, wie das sein kann in eine Art Parallel-Welt eintauchen zu können, das fand ich super. Bei meinen ersten Dreherfahrungen hat sich dieses Gefühl weiterentwickelt, Teil von einem Projekt zu sein und die Zuschauer in eine andere Welt zu entführen, das gefiel mir immer besser. Als Schauspieler definiert habe ich mich dann allerdings erst im Jugendalter beim Theater – weil ich da einen besonderen Moment hatte, in dem ich zum ersten Mal gespielt habe, ohne aktiv etwas zu machen. Meine Intuition hat mich da geleitet. Das war so ein Gefühl, als ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und etwas tut, was irgendwie von alleine passiert. 

Was braucht es, um heute im Schauspiel-Business erfolgreich zu sein?
Die Qualität der deutschen Filme hat sich im Vergleich zu den 90ern sehr verändert. Ich finde heutzutage ist das Niveau im Fernsehen wesentlich höher, auch durch die Einflüsse aus dem Ausland. Ich glaube man muss sehr gut spielen können. 

Neben deinen TV-Projekten warst du auch lange festes Mitglied an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und am Berliner Ensemble…
Ja und das auch sehr, gerne. Ich habe in den letzten Jahren viel Theater gespielt, ich liebe Theater, mich jetzt aber wieder dafür entschieden meinen Fokus erstmal wieder vor die Kamera zu legen. Mich reizen im Moment wieder mehr die Herausforderungen des Films.

Muss man sich denn immer entscheiden? 
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube man kann auch beides schaffen, wenn man sich gut organisiert. 

Stirbt das Bühnen-Publikum bald aus?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht passieren wird. Ich habe sogar eher das Gefühl, dass das Theater aktuell immer mehr an Interesse gewinnt und das auch bei den jüngeren Leuten. Das Theater befriedigt ein Bedürfnis, was heute nur noch schwer zu befriedigen ist. Man erlebt etwas in einer Gemeinschaft, was so nur in diesem einen Moment erlebt werden kann, was nicht reproduzierbar ist. Außerdem muss man sich über Stunden auf etwas fokussieren und kann nicht eben mal am Handy spielen, was den meisten Menschen heute ja sehr schwerfällt. Aber im Theater geht das. 

Eine Art Gegenbewegung zu den ständig verfügbaren Netflix-Serien? 
Man muss sagen, dass das Theater ganz andere Möglichkeiten hat eine Geschichte zu erzählen.  Als ich beispielsweise mit Herbert Fritsch an der Volksbühne gearbeitet habe sind wir stundenlang über die Bühne gekugelt und haben abstrakte Laute von uns gegeben, sowas kann man einem Fernsehpublikum nur bedingt zumuten.

Dein neustes Projekt „Eine neue Zeit“ wurde in Cannes prämiert. Kann und sollte man so etwas subjektives wie Filme überhaupt bewerten? 
Unsere Kultur ist von Auszeichnungen, Preisen und Bewertungen geprägt. In der Filmbranche versucht man so glaube ich eine Art Mehrwert zu schaffen, eine Geschichte um die Geschichte. Man macht die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Ich kann auf jeden Fall verstehen, wenn Leute sagen, dass solch ein subjektives Kunstwerk nicht bewertet werden sollte. Trotzdem glaube ich, dass es einfach dazu gehört. Solche Auszeichnungen sind auch häufig Ankerpunkte für die Zuschauer.

Die Serie setzt sich mit den Ikonen der Architektur-Richtung Bauhaus auseinander. Hattest vor den Dreharbeiten schon Kontakt mit der Architektur-Branche? 
Ich hatte immer schon ein großes Interesse an der Bewegung und eine Faszination für Architektur und Kunst, habe mich aber erst bei der Vorbereitung der Serie intensiv mit der Materie auseinandergesetzt. Die Gedanken, die damals formuliert worden sind, waren sehr wegweisend. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen aus dieser Zeit unser Leben vorausgesagt und lediglich durch den Krieg unterbrochen und zurückgeworfen wurden. Die Gleichberechtigung der Frau war damals zum Beispiel schon lange im Kopf der Menschen.

Das Bauhaus gilt als Zeit, in der man versucht hat, sich von vorgegebenen Grenzen zu befreien. Wieso gelingt uns das heute so viel schlechter? 
Ich habe das Gefühl wir sind nicht so mutig. Viele Persönlichkeiten dieser Zeit haben wirklich visionär gedacht. Die Figuren haben damals zum Beispiel Yoga praktiziert, was ja heute an jeder zweiten Ecke angeboten wird, aber damals galt man noch als spiritueller Spinner. Heute werden einem viele Werte und Rechte auf dem Silbertablett serviert für die man früher kämpfen musste. Viele Freiheiten sind heute selbstverständlich, deswegen brauchen wir vermeintlich auch weniger Mut. Etwas mehr Mut zu unangepassten Gedanken könnte uns aber auch heute noch ganz guttun.

Aktuell so scheint es reagiert die Zeit des Individualismus, schauen wir alle zu sehr auf uns selbst, anstatt die Gesellschaft, das „wir“ voranzubringen?
Ja und Nein. Es ging damals zum Beispiel ja auch viel um die Möglichkeiten der maschinellen Fertigung von Kunst. Man wollte viel produzieren – für alle.  Das hat sich heute wieder gedreht, heute will man die Kunst wieder eher für den kleinen Kreis, individuell, einzigartig, etwas, das sonst keiner hat. In unserer heutigen Gesellschaft will jeder individuell sein, aber ich weiß gar nicht, ob das wirklich immer jeder so ist. Individualismus ist ja eigentlich schon wieder der neue Mainstream. 

Design scheint heute im Leben der meisten Menschen eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Wie stehst du dazu? 
Form prägt Bewusstsein. Die Dinge, mit denen man sich umgibt, also die Ästhetik, prägen das eigene Bewusstsein auf allen Ebenen. Ich achte auch darauf, dass ich von Dingen umgeben bin, Möbel, Kleidung, Menschen, bei denen ich mich wohlfühle.

Du spielst in der Serie den Bildhauer Gerhard Marks – eine Rolle, mit der du dich gut identifizieren konntest? 
Gerhard Marks war eine Persönlichkeit, die sich ja relativ schnell wieder von der Bauhaus-Bewegung entfernt hat, weil es ihm eher um die organische Kunstform ging und weniger um die großen geometrischen Aspekte, die die Bewegung ausgemacht haben. Mich persönlich interessiert die Inspiration durch die Natur auch mehr, als die Inspiration durch die Technik. 

Was sagst du zur aktuellen Erfolgswelle der Serien? Wieso gefällt uns dieses Abschnittsschauen mehr als ein ganzer Film?
Ich glaube das klassische 90-minütige Fernsehformat ist sehr vom Menschen gemacht und teilweise eben auch sehr künstlich. Zwei Menschen finden nach genau 1,5 Stunden zusammen und sind glücklich. Die meisten Menschen können sich bei einer horizontal erzählten Serie, bei der sie regelmäßig mitleiden, bei der es auf und ab geht, besser mit den Charakteren identifizieren und fühlen sich mehr an ihr eigenes Leben erinnert. 

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