Jessica Ginkel © Chris Gonz

Jessica Ginkel: „Natürlich kann es einem manchmal auch etwas Angst machen, was dieses Einfühlen in ein ganz anderes Leben mit einem macht.“

von Laura Bähr

Frau Ginkel, vor Ihrer Schauspielkarriere haben Sie Grundschulpädagogik studiert. Welche Werte möchten Sie Ihren Kindern für ein erfülltes und glückliches Leben mit auf den Weg geben?
Jessica Ginkel: Ich schätze, das sind doch einige Werte. Und es kommen oft auch neue Perspektiven, bzw. Sichtweisen dazu. Das Leben bleibt ja nicht stehen und wir machen täglich neue Erfahrungen, die evtl. unsere Wahrnehmung verändern. Gerade gestern ging es bei uns abends um den Respekt anderen gegenüber. Dankbarkeit, Humor, Ehrlichkeit, dass sie, also unsere Kinder, ein gewisses Selbstvertrauen gegenüber sich selbst und anderen haben und immer offen sind. 

Haben es Kinder denn Ihrer Ansicht nach heute schwerer erwachsen zu werden? 
Jessica Ginkel: Ich weiß nicht. Für meine oder die Generation meiner Eltern, ist es ja ganz furchtbar mitzuerleben, mit welchen Dingen sich kleine Kinder heute schon beschäftigen müssen und auch welche Rolle Social Media dabei bereits spielt. Ich hatte vor einigen Jahren mal ein Gespräch mit einem jüngeren Menschen darüber, der das allerdings gar nicht so empfunden hat. Ich glaube, die jungen Leute wachsen da so rein, dass es für die gar nicht so belastend ist, wie wir das heute empfinden. 

„Für meine oder die Generation meiner Eltern, ist es ja ganz furchtbar mitzuerleben, mit welchen Dingen sich kleine Kinder heute schon beschäftigen müssen und auch welche Rolle Social Media dabei bereits spielt.“

Sie wurden auf einer Jugendmesse entdeckt, bevor Sie über die Serie „GZSZ“ den Weg ins Schauspielbusiness fanden. Stellen Sie sich heute manchmal die Frage, was wäre gewesen, wenn…?
Jessica Ginkel: Ich versuche immer danach zu leben, dass ich nur einen Weg gehen kann. Und mich gar nicht damit beschäftige, was wäre, wenn… Weil ich ja nur einen Weg gegangen bin und mich das vermutlich auch eher unglücklich macht. Und ich weiß ja auch nicht wie es dann anders gelaufen wäre. Bisher bin ich damit ganz gut gefahren. Mal schauen, wohin mich der Weg noch bringt. 

Könnten Sie sich vorstellen beruflich jemals wieder etwas anderes zu machen oder ist das Schauspiel mittlerweile Teil Ihrer Identität? 
Jessica Ginkel: Ich liebe die Schauspielerei, in Rollen zu schlüpfen und mich mit den Lebensläufen der anderen zu beschäftigen. Aber ich merke auch, dass das mit dem Lehramt für mich nicht komplett vom Tisch ist. Je älter ich werde, desto häufiger kommt das Thema wieder hoch. Am liebsten würde ich natürlich beides machen (lacht). Mit Kindern arbeiten und vor der Kamera stehen. Vielleicht gibt es diese Möglichkeit ja auch irgendwann. 

Im Schauspiel-Business, so macht es den Eindruck, sind bei älteren Charakteren vor allem Männer gefragt. Macht Ihnen das Angst? 
Jessica Ginkel: Das höre ich natürlich auch immer wieder und klar kann einem das Angst machen, wenn man gesagt bekommt, irgendwann ist die Zeit vor der Kamera vorbei und das liegt ausschließlich an deinem Alter. Das macht einen auch ein bisschen wütend. Aber da greifen dann meine Gedanken, dass ich auch immer nochmal etwas anderes machen könnte, zum Beispiel meinen anderen Traum verwirklichen. Das lässt mich ruhiger werden. 

„Klar kann einem das Angst machen, wenn man gesagt bekommt, irgendwann ist die Zeit vor der Kamera vorbei und das liegt ausschließlich an deinem Alter.“

Neben dem Studium haben Sie als Model und Hostess gearbeitet. Welche Rolle spielt Ihr Aussehen in Ihrem Leben? Ist es als Schauspieler nur Mittel zum Zweck oder braucht es im Schauspielbusiness auch ein bisschen Eitelkeit?
Jessica Ginkel: Das ist eine gute Frage. Es ist aber sicherlich nicht verkehrt, gerade in unserer heute doch sehr visuell geprägten Welt, optisch eher ansprechend zu sein. In meiner Branche geht es aber auch häufig darum, etwas Interessantes an sich zu haben, womit man den Regisseuren und Zuschauern dann auch im Gedächtnis bleibt.

Persönlich kann ich sagen, dass sich mein Bild von Schönheit auch gewandelt hat. Wenn man früher, als junger Mensch nach dem Traumpartner gefragt wurde, hat man immer eine genaue optische Vorstellung im Kopf gehabt. Ist man dann ein bisschen älter, merkt man, auch wenn es jetzt sehr nach Klischee klingt, schnell, dass andere Sachen so viel wichtiger sind. 

Wenn Sie sich Filme und Serien im Nachhinein von sich ansehen, schaut man dann auch mal aufs Optische, nach dem Motto, da gefalle ich mir im Profil jetzt gar nicht oder geht es nur um die Bewertung der schauspielerischen Leistung? 
Jessica Ginkel: Ich versuche schon das zu bewerten, was ich schauspielerisch sehe, aber klar, ab und zu denkt man natürlich, wie im privaten Leben auf Fotos und Videos auch, da gefalle ich mir jetzt besser und da schlechter. Aber wenn man sich ganz auf den Inhalt und das Schauspiel konzentriert, dann fällt diese Bewertung der „Hülle“ auch oft hinten runter. 

„In meiner Branche geht es aber auch häufig darum etwas Interessantes an sich zu haben, womit man den Regisseuren und Zuschauern dann auch im Gedächtnis bleibt.“

Von 2013 bis 2019 haben Sie in der RTL-Serie „Der Lehrer“ mitgespielt. Ihre bisher längste Rolle. Braucht man noch so einer Zeit eine Art Entzugsphase von der Rolle? Was haben Sie aus der Zeit mitgenommen? Vielleicht sogar von Karin Noske „gelernt“?
Jessica Ginkel: Das war wirklich eine sehr lange und intensive Zeit. Ich habe mir in der Zeit meine Familie aufgebaut, habe zwei Kinder bekommen und konnte mich in der Rolle super ausprobieren. Sogar in die Entwicklung der Rolle wurde ich einbezogen. Von so einer Rolle muss man sich dann nach so vielen Jahren auch auf jeden Fall innerlich lösen. Das dauert auch eine Weile. In meinem Fall hat es gut gepasst, weil meine Kinder zu dem Zeitpunkt noch sehr klein waren und ich mich direkt in ein neues „Projekt“ stürzen konnte. So hatte ich gar nicht so viel Zeit über den Abschied von Karin nachzudenken.

Hat man als Schauspielerin überhaupt irgendwann mal frei? Vor dem Projekt scheint nach dem Projekt?
Jessica Ginkel: Es ist schwierig. Das muss ich auch immer wieder lernen. Gerade wenn man parallel auch seiner Familie gerecht werden will. Und wenn man gerade nicht in Projekten steckt, ist man aktiv oder weniger aktiv auf der Suche nach Projekten oder hofft, gefunden zu werden. Ja, das ist schon immer irgendwie eine Grundeinstellung, jederzeit bereit sein zu können. Dann ist es auch nicht so einfach die „leeren“ Zeiten zwischen den Projekten zu füllen. Ich versuche die immer mit Dingen zu verbringen, die mich begeistern, male zum Beispiel ganz viel oder probiere neue Hobbies aus, wie Reiten. Damit ich nicht die ganze Zeit das Gefühl habe zu warten.

„Von so einer intensiven Rolle wie bei „der Lehrer“ muss man sich nach so vielen Jahren auch auf jeden Fall innerlich lösen.“

Wie gehen Sie damit um, dass man ja immer davon abhängig ist, was Regisseure oder Casting-Direktoren eventuell in einem sehen?
Jessica Ginkel: Das ist nicht immer leicht. Man muss lernen, damit umzugehen Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, die Zeiten und das Warten zwischen den Projekten mit Dingen zu füllen, die einen begeistern und dennoch ein bisschen entspannt sein lassen. Sich in seinem Metier weiterzubilden und nicht die ganze Zeit, auf´s Klingeln wartend, das Telefon anzustarren.

Haben sich die Anforderungen an Schauspieler Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert?
Jessica Ginkel: Ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute heute sehr viel selbstbewusster sind, was aber auch von ihnen gefordert wird. Dass sie einstehen für das, was sie wollen und brauchen.

Sie sagten in einem Interview zu dem Aus bei „Der Lehrer“, Sie wollten nicht die Mutter sein, „die ein halbes Jahr nicht zu Hause ist.“ Ihr Mann ist ebenfalls Schauspieler und viel unterwegs, wie schaffen Sie es berufliche und private Erfüllung zu verbinden? 
Jessica Ginkel: Es bedarf einer sehr guten Organisation! Wir haben darüber hinaus das große Glück tolle Familien um uns herum zu haben, die uns unterstützen. Meine Mutter und Schwiegermutter haben mich teilweise auch ans Set begleitet und dann in Drehpausen meine Kinder zu mir gebracht, damit ich stillen konnte (lacht). Ich glaube, ohne sie wäre es sehr viel schwieriger geworden. 

„Ich habe das Gefühl, dass die jungen Leute heute sehr viel selbstbewusster sind, was aber auch von ihnen gefordert wird.“

Sie selbst sind großer Netflix-Fan. Kann das Medium Film Ihrer Meinung nach heute überhaupt noch „Kunst“ sein oder geht es bei der Masse mittlerweile nur noch um Unterhaltung? 
Jessica Ginkel: Sowohl als auch. Es gibt viele Projekte, die einfach unterhalten wollen, den Zuschauern eine Möglichkeit zum Abschalten geben wollen. Aber – immer mehr – sind es Projekte die einen mitreißen und gedanklich reinziehen wollen. Ich finde man „muss“ auch immer öfter dranbleiben und Filme wirklich in sich aufsaugen, um sie zu verstehen. Also in der Toilettenpause sollte dann auch wirklich auf Pause gedrückt werden, sonst kommt man nicht mehr hinterher (lacht). Aktuell bin ich echter Fan von der Plattform Mubi, dort findet man Klassiker, Arthouse- und Festivalfilme. 

Was halten Sie von der Entwicklung, dass Filme und Fernsehen immer mehr zur Nebenbeschäftigung werden? 
Jessica Ginkel: Nicht viel und ich merke auch, dass ich das nicht möchte und auch nicht kann (lacht). Ich schaffe dieses Multitasking nicht. Wenn ich einen Film schaue, dann kann und möchte ich auch nur das tun, sonst komme ich auch nicht hinterher und habe ständig das Gefühl etwas zu verpassen. 

„Ich schaffe dieses Multitasking nicht. Wenn ich einen Film schaue, dann kann und möchte ich auch nur das tun, sonst komme ich auch nicht hinterher und habe ständig das Gefühl etwas zu verpassen.“

Wie schafft man es, diese Passion für den Beruf zu wahren, mit dem man jeden Tag sein Geld verdienen muss?
Jessica Ginkel: Mhm. Ich glaube ich hatte bisher immer das Glück, bei Projekten mitzuwirken, die mir auch wirklich gefallen haben. Ich war noch nie in der Situation, dass ich dachte, okay ich bin jetzt zwar ein Teil davon, aber eigentlich geht es mir „nur“ ums Geldverdienen. 

Woran machen Sie fest, auf welche Projekte Sie im Nachhinein besonders stolz sind?
Jessica Ginkel: Oft fängt das schon beim Lesen an. Wenn ich ein Buch in der Hand halte und einfach Lust auf diese Rolle, diese Gedanken und dieses Leben habe. Wenn das dann in dem Arbeitsprozess weitergeht, ich von tollen Kollegen umgeben bin, das Drehen Spaß macht und alle Rädchen ineinanderpassen, ist das toll. Und wenn die Zuschauer dann auch noch von dem Spiel begeistert sind, ist das natürlich das Sahnehäubchen. Aber grundsätzlich ist es, glaube ich, das Gefühl an einem großartigen Projekt mitgewirkt zu haben, etwas Gutes getan zu haben. Das es stimmig für mich ist. 

„Ich war noch nie in der Situation, dass ich dachte, okay ich bin jetzt zwar ein Teil davon, aber eigentlich geht es mir „nur“ ums Geldverdienen.“

Ihre Schauspielkollegin Emilia Schüle sagte in einem Interview mit uns „Die Kunst ist es, sich selbst zu genügen“. Wie stehen Sie zu diesem Satz? Verspüren Sie öfter den Druck, allen und allem gerecht werden zu müssen?
Jessica Ginkel: Ich glaube es gibt immer mal wieder Phasen, in denen ich das Gefühl habe, ich genüge mir selbst. Das ist auch der Moment, in dem ich das Gefühl habe, am wahrhaftigsten zu sein. Aber natürlich lasse ich mich auch oft hinreißen, mich ein Stück weit verbiegen zu lassen. Ich komme dann aber auch relativ schnell wieder an den Punkt, an dem ich merke, dass es so einfach keinen Sinn macht, weil ich mich zu sehr verbiegen muss und das dann auch keinen – zumindest langfristig – glücklich macht. 

In dem Rahmen spielt ja auch die Selbstvermarktung eine immer größere Rolle. Nutzen Sie die sozialen Medien wie Instagram und Co. auch, um sich als Person zu etablieren, bzw. hat man da überhaupt noch eine Chance, sich dem zu entziehen?
Jessica Ginkel: Das wird wirklich unterschiedlich eingeordnet. Ich habe auch viele Kollegen, die sagen, geh mir weg damit, das will und brauche ich nicht. Als ich die Rolle in einer Telenovela angefangen habe, hat mich ein Freund dazu überredet mich auf – damals war es „nur“ Facebook anzumelden und quasi meine Karriere auf Social Media zu starten. Im ersten Jahr habe ich da viel ausprobiert und auch für mich herausgefunden, was ich mit diesen Plattformen erreichen möchte und was eben auch nicht.

Ich habe festgestellt, dass es mir nicht guttut und zu anstrengend ist, permanent zu überlegen, mit welchen Bildern ich mein Profil füttern werde. Ich möchte mich nicht unter diesen Druck setzen lassen, dort permanent performen zu müssen. Aber natürlich ist es eine tolle Möglichkeit mit den Menschen in Kontakt zu treten, die sich für meine Arbeit interessieren. Gerade beim „Lehrer“ war das sehr intensiv und es hat uns natürlich auch glücklich gemacht zu sehen, wie viele Menschen die Serie berührt hat. 

„Ich habe festgestellt, dass es mir nicht guttut und zu anstrengend ist, permanent zu überlegen, mit welchen Bildern ich mein Profil füttern werde.“

In ihrer neuesten SAT1-Serie „Nachricht von Mama“, die Teil der „MutMachWoche“ ist, hinterlassen Sie als verstorbene Frau Ihrem Mann und Ihren Kindern Videobotschaften, um das Leben weiterhin zu meistern. Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?
Jessica Ginkel: Ich habe vor allem mit einem Menschen in meinem Umfeld gesprochen, der auch an diesem einem Punkt war, an dem diese Frage ganz präsent und unausweichlich im Raum stand. Diese Person hat mir sehr offen Rede und Antwort gestanden und mich auch an ihren Ängsten teilhaben lassen.

Das war sehr wichtig für mich, um mich in die Rolle einzufühlen. Ich habe im Internet und auf den sozialen Plattformen recherchiert, aber auch im Produktionsteam gab es viele Menschen, die mit solch einer Thematik konfrontiert waren und mir viel helfen konnten. Außerdem arbeite ich mit einem Schauspielcoach zusammen, der mir hilft, in solche Rollen rein- aber auch wieder rausschlüpfen zu können, um nach dem täglichen oder auch endgültigen Drehschlusses nicht alles mit nach Hause nehmen zu müssen.

„Ich glaube es gibt immer mal wieder Phasen, in denen ich das Gefühl habe, ich genüge mir selbst.“

Hat man als Schauspieler auch manchmal Angst, dass einen solche Rollen verändern?
Jessica Ginkel: Also in dem Fall war das für mich von Anfang an ein großes Geschenk. Ich habe diese Bücher gelesen und wollte unbedingt diese Rolle spielen. Mir war es wichtig, in diese Rolle von meiner Seite aus alles einfließen lassen, was ich zu geben hatte. Aber natürlich kann es manchmal auch etwas Angst machen, was dieses Einfühlen in ein ganz anderes Leben mit einem macht. Ich vertraue da auf meine Intuition, meine Familie und mein Team, die sind so eine Art natürlicher Schutzschild. Und am Ende macht dieses Einfühlen in fremde Leben natürlich auch einen bedeutenden Reiz meines Berufes aus. 

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