Christine Hannemann © Ronny Schönebaum

Wir sitzen alle in einem großen Wohngefängnis, weil keiner es sich leisten kann, sich zu bewegen.

von Laura Bähr

Frau Hannemann, Sie lehren an der Universität in Stuttgart im Fachgebiet Architektur und Wohnsoziologie, am Institut „Wohnen und Entwerfen“. Was ist Ihr Eindruck von den Studierenden, die sich aktuell diesem Thema nähern? Wer sind die Menschen, die sich mit Wohnungsbau, Wohnsoziologie, Architektur in der Zukunft beschäftigen werden?
Christine Hannemann: In Stuttgart fangen zu einem Wintersemester durchschnittlich 200 Studierende an, Architektur zu studieren. Das ist natürlich eine große Gruppe, mit ganz unterschiedlichen Visionen und Vorstellungen. Als ich 2011 meine Professur angetreten habe, hat sich von den Studierenden nur wenige so richtig explizit fürs Wohnen interessiert. Sie wollten alle Architektur studieren, Design, die Soziologie dahinter war nicht so interessant. Heute – angesichts der Wohnungsmisere und dem immer wichtiger werdenden Thema „Wohnen“ in der Gesellschaft – gibt es hingegen eine starke Nachfrage was dieses Thema angeht, und zwar eben nicht nur von der architektonischen Seite, sondern auch von der sozialen. Die Studierenden interessieren sich vor allem für neue Wohnkonzepte, sie interessieren sich dafür, warum so viel schlechte Architektur entsteht und was die Ursachen dafür sind. Sie beschäftigen sich auch mit den gesellschaftlichen und finanziellen Zusammenhängen. Mittlerweile haben alle verstanden, dass wir wesentlich mehr sozialen Wohnungsbau brauchen, als zurzeit errichtet wird. 

Sie haben es gerade schon ganz kurz angesprochen, die große Frage, warum es gerade so viel schlechte Architektur gibt. Gibt es auf diese Frage eine Antwort?
Christine Hannemann: Ja, weil die Rendite bei der Architektur immer entscheidend wird. Ästhetische Belange spielen häufig keine übergeordnete Rolle mehr. Es geht um die Ökonomisierung des Bauens und davon können wir bereits ein Resultat in der Architektur der ehemaligen DDR sehen. Die Tafelbauweise, die sogenannte Platte, war ja nie so konzipiert worden, dass sie in dieser Ödnis enden sollte, wie es dann Realität geworden ist. Das ist alles eine Folge der Ökonomisierung. Diesen Effekt haben wir beim Bauen aktuell auch – alles wurde auf die Betriebswirtschaftlichkeit zusammengeschnurrt. Es gibt eine Art Bequemlichkeit beim Planen von Architektur. Wenn ein Projekt einmal gut funktioniert hat, wird häufig das Konzept eins zu eins auf andere Standorte anzuwenden. Natürlich gibt es Standards, die eingehalten werden müssen, aber ob ich dieses eine Quäntchen mehr Herzblut reinstecke oder nicht, bezahlt mir keiner. So richtig erklären kann ich es mir aber auch nicht, schließlich gibt es ja alle möglichen Ressourcen für gute Architektur. Es gibt Wettbewerbe und Förderungen, sehr viele demokratische Gremien und Gemeinderäte. 

Was würden Sie sagen, was macht gute Architektur aus? 
Christine Hannemann: Das ist eine gute Frage. Es gibt einen bestimmten ästhetischen Anspruch, es gibt eine Nutzungsflexibilität, es gibt eine Situationsgebundenheit – kurz gesagt, es gibt eine Vielzahl von Kriterien, was gute Architektur ausmacht und es gibt so unendlich viele Beispiele, die als gute Architektur anerkannt sind. Letztendlich ist es natürlich auch immer eine Geschmacksfrage, es geht um psychologische Fragen und es geht um eine Vielzahl von Einflussfaktoren, warum etwas als gut oder ästhetisch ansprechend bewertet wird. 

Also spielt die Ästhetik nach wie vor die Hauptrolle in der Architektur? 
Christine Hannemann: So sollte so sein, aber sie spielt diese Rolle leider nicht, wenn es um die Entwicklung der tagtäglichen Architektur geht. Es ist ein Dilemma des Architektenberufs, dass dieser an Bedeutung verliert, weil der gesamte Bauprozess zunehmend von Fachleuten gestaltet wird, die keine adäquate Ausbildung haben. Das hat etwas mit der Ökonomisierung der gesamten Bauwirtschaft zu tun. 

Der Wohnungsmarkt scheint aktuell nicht nur in Großstädten, sondern auch auf dem Land immer prekärer zu werden. Platzt diese Blase bald? 
Christine Hannemann: Eine finanzmarktwirtschaftliche Einschätzung kann ich nicht geben. Was ich sagen kann, ist, dass das aktuelle Problem des Wohnens ein hausgemachtes Problem ist. Das wurde nicht nur durch die Finanzmarktkrise verursacht, sondern eben auch durch die Vernachlässigung des sozialen und preiswerten Wohnungsbaus in den Städten. Man hat entgegen den Warnungen der Experten in der Politik nicht beachtet, dass zum Beispiel die Anzahl der Haushalte immer weiter zunimmt. Das hängt mit den veränderten Lebenssituationen zusammen, mit dem Wandel der Erwerbsarbeit und der großen Varianz an persönlichen Lebenslagen. „Man“ dachte wirklich, man könne alles dem freien Markt überlassen und das ist aus meiner Sicht schon immer – und das zeigt auch ein Blick in die Geschichte – eine Fehleinschätzung. Das Problem der Wohnungsnot, das dürfen wir auch nicht vergessen, betrifft nach wie vor nur bestimmte Regionen. In den anderen herrscht ein Wohnungsleerstand. Dort wo die wirtschaftliche Entwicklung prospektiv ist, haben wir Wohnungsprobleme, sonst nicht. Wir haben einen sehr zweigeteilten Wohnungsmarkt in Deutschland. 

Gibt es denn eine Grenze, bei der Sie sagen, das ist sozial, soviel Prozent ihres Einkommens dürfen Menschen für die Wohnung ausgeben dürfen?
Christine Hannemann: Ja, wir diskutieren natürlich immer wieder über diese Grenze. Was ist bezahlbarer Wohnraum? Auf der anderen Seite dürfen wir auch die akzeptable Wohnfläche dabei nicht aus den Augen verlieren. Die steigt bei uns nämlich stetig an. Zurzeit sind wir bei 46 qm pro Person. Da ist hoffentlich auch bald mal ein Ende abzusehen, denn wozu brauche ich 46 qm Wohnfläche pro Person? Zurück zur Bezahlbarkeit: Zurzeit steht da die Zahl 30 im Raum – 30% des Haushaltsnettoeinkommens wären als Ausgabe für den Bereich Wohnen in Ordnung. Da ist aber nicht nur die Wohnflächenbezahlung inbegriffen, sondern auch die Wasser-, Strom- und Internetkosten sowie alle weiteren Wohnkosten. Auch die Kosten für den ÖPNV gehören dazu, schließlich gehört zum Thema Wohnen auch die Verkehrsanbindung. Inzwischen gibt es Haushalte, die müssen 80% ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben. 

Sie sagen, dass die aktuelle Wohnsituation demokratiegefährdend ist. Können Sie das ein wenig näher erläutern? 
Christine Hannemann: Ich meine damit auf der einen Seite vor allen Dingen den finanziellen Aspekt, den ich gerade erläutert habe, dass die Menschen so viel fürs Wohnen ausgeben müssen, dass sie kein Geld mehr haben, um am sozialen Leben teilzunehmen. Dass sie keine Energie mehr haben, um in demokratischen Assoziationen mitzuwirken. Außerdem führt das zu einer großen Enttäuschung gegenüber dem demokratischen Staat, schließlich hat der entschieden die Wohnungen zu privatisieren und ein Großteil der Wohnungsmisere basiert auf dieser Fehlentscheidung aus den 1990er Jahren. In solchen Momenten verlieren die Bürger das Vertrauen in den Staat, da sie nicht mehr geschützt und unterstützt werden, ihnen sogar die Existenzgrundlage in der Gesellschaft, zu der das Wohnen nun Mal gehört, entzogen wird. Das Wohnen ist nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern die Existenzgrundlage von Allem. Um als Bürger oder Bürgerinnen eines Staates agieren zu können, brauche ich eine Wohnung, ich brauche eine Meldeadresse. Und die kriege ich nur über die Wohnung. Schuld daran ist die Politik, die Wirtschaft und die Wissenschaft, die sich zu wenig um diese Existenzgrundlage kümmern. 

Hat sich der Anspruch der Menschen in den letzten Jahren an die eigenen vier Wände und das Gefühl von gutem Wohnen sehr stark verändert? 
Christine Hannemann: Er ist aktuell im Wandel. Auch dank der Diskussion um den Klimawandel. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass zum klimagerechten Lebensstil auch eine Reduzierung der Wohnfläche gehört. Bisher gab es das Modell: Ich gründe eine Familie, suche eine familiengerechte Wohnung und wenn die Kinder ausziehen, bleibe ich eben auf dieser großen Wohnfläche wohnen. Mittlerweile überlegen sich viele älteren Menschen, ob sie diese Wohnfläche noch brauchen, wenn das Leben aufgrund des Alters beschwerlicher und anstrengender wird. Das ist auch einer der Aspekte, warum das Wohnen in Städten immer teurer wird. Das ist nicht nur der Finanzmarkt, sondern hängt auch damit zusammen, dass das urbane Wohnen der dominierende Lebensstil in Deutschland geworden ist, weil man in der Stadt alles verbinden kann, was zu einem umfassenden Lebensstil gehört. Ich meine damit Kultur, medizinische Versorgung, das Bildungsangebot und vor allen Dingen auch die Verkehrsanbindung. Das Wohnen in der Stadt war früher in erster Linie für die A-Gruppen, die Alten, Arbeitslosen, Alleinerziehenden und Alkoholiker interessant. Mit der Veränderung des Lebensstils ist das Einfamilienhaus im Grünen jedoch nicht mehr das der deutschen Gesellschaft. Inzwischen ist es die Stadtwohnung geworden. Nicht für alle, aber es geht ja wie immer um den Trend. Die Stadt wird als Wohnort, gerade auch für alte Menschen wieder interessant. Außerdem wird die zugelassene Anzahl der Studierenden in den Städten immer weiter erhöht, während sich keiner Gedanken darüber macht, wo die Menschen alle wohnen sollen. Dazu kommt dann noch, dass die Städte so attraktiv geworden sind, dass auch der Tourismus immer weiterwächst. Das Wohnen in der Stadt wird einfach immer attraktiver.

Das heißt das Wohnen wird, wie die Arbeit oder die Kleidung immer mehr zum Symbol der eigenen Persönlichkeit?
Christine Hannemann: Ja. Wohnen wird immer mehr zum Statussymbol. Sage mir, wo du wohnst und ich sage dir, wer du bist.  

Was halten Sie von alternativen Wohnideen, neue WG-Formen, Micro-Living etc. Ist das wirklich die Lösung?
Christine Hannemann: Die eine Lösung gibt es natürlich nie. Aber gerade die gemeinschaftlich orientierten Wohnkonzepte halte ich für sehr zukunftsträchtig. Aktuell arbeite ich dazu an einem Forschungsprojekt, das sich mit integrativem Wohnen beschäftigt. Da geht es um die Bewältigung oder den Umgang mit Zuwanderung in unserer Gesellschaft. Wie kann Zusammenhalt entstehen? Wie soll Zusammenhalt entstehen, wenn er nicht auch räumlich stattfindet? Insofern heißt das Forschungsprojekt auch „Zusammenhalt braucht Räume“. Wir untersuchen die positiven Faktoren von solchen Wohnprojekten. Aber es ist jetzt natürlich nicht das Wohnmodell der Zukunft, sondern es ist eine der Varianten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen Leben heutzutage alleine oder zu zweit. Der Haupttrend geht folglich in die „Singularisierung“ und da müssen Wohnformen geschaffen werden, die gegen die Vereinsamung der Menschen arbeiten.

Sie haben in einem Interview gesagt, „Was gebaut wird, geht immer mehr an den Wohnbedürfnissen vorbei“…
Christine Hannemann: Aktuell gibt es überwiegend 4-Zimmer-Wohnungen. Wir brauchen aber kleinteiligere, flexiblere Wohnflächen, um uns in Zukunft den Wohnbedürfnissen der Menschen besser anpassen zu können. Wir brauchen mehr Möglichkeiten, damit die Menschen in Zukunft ihre Wohnsituation anpassen können, wenn sich ihre Lebenssituation ändert. Das können sie aktuell nicht, denn jeder der sich auf dem Wohnungsmarkt bewegt, befürchtet zu Recht höhere Wohnkosten. Das Phänomen wird „Locked in“ genannt. Wir sitzen alle in einem großen Wohngefängnis, weil es sich keiner leisten kann, sich zu bewegen.

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