Frank Trentmann © Jochen Braun

Konsum verspricht die Möglichkeit dem Glück näherzukommen. Was der Einzelne dann damit macht, ist der nächste Schritt. 

von Laura Bähr

Frank macht uns Konsum wirklich glücklicher?
Frank Trentmann: Nein. Das ist die kurze Antwort. Die Leute glauben oft, dass Konsum glücksversprechend ist. Grundsätzlich ist Konsum aber erstmal ganz neutral behaftet. Konsum sagt nur, dass wir Dinge besitzen und benutzen. Bei einigen ist dieser Besitz oder dieser Nutzen glücksversprechend, bei anderen weniger. Grundsätzlich ist Glück jedoch nicht die richtige Kategorie. Konsum ermöglicht letztendlich lediglich, dass Menschen Tätigkeiten nachgehen können. Ob die Tätigkeiten selbst Glück realisiert oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Man könnte vielleicht sagen, der Konsum verspricht die Möglichkeit, dem Glück näherzukommen. Was der Einzelne dann damit macht, ist der nächste Schritt. 

Woher kommt diese Verbindung, die im Kopf der Menschen hinterlegt ist, dass etwas zu kaufen oder Güter zu besitzen direkt glücklich macht? 
Klar ist, dass das Marketing und die Werbung versuchen diese Vorstellung in unserem Kopf zu verankern. Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die deutlich machen, dass sich viele Menschen vom Konsum erdrückt fühlen und überfordert oder unglücklich werden. Für die meisten Menschen ist Konsum allerdings ein essentieller Teil der eigenen Persönlichkeit. Das heißt, viele Menschen können es sich gar nicht mehr vorstellen, ihre eigene Persönlichkeit, ohne den Konsum stabil und aufrecht zu erhalten. Die meisten Dimensionen unserer Identität werden über Konsum abgerufen – wer wir sind, wer wir denken zu sein oder wie wir gesehen werden wollen. Es ist fast unmöglich, das zu trennen. 

Das klingt schrecklich… Als könnte man sich ohne Konsum nicht selbst definieren? 
Das ist eine große und vielschichtige Frage. Es gibt natürlich pathologische Formen vom Konsum. Exzessiven und suchtähnlichen Konsum, der auch von Ärzten klinisch eingeordnet und behandelt wird. Das ist aber die geringe Minderheit. Der Magnetismus zwischen uns und den Dingen, die ständige Konsumwelt ist nichts Neuartiges. Die Ausbreitung des Konsums können wir bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Bereits seit Jahrhunderten beschäftigen sich Gesellschaften mit Konsum,  und den Sorgen und Wuenschen die damit assozisiert werden. Seit dem 17. Jahrhundert wird der Konsum  dann graduierilch und zunehmend positiv behaftet. Der Mensch durfte immer mehr entscheiden, mit welchen Dingen er sich umgehen wollte, es ging um die Wahlmöglichkeiten des Einzelnen. Daher kommt auch der heutige Gedanke, dass viele Menschen den Konsum mit elementaren, liberalen und demokratischen Rechten verbinden. Der Marktplatz ist grundsätzlich nicht anderes, als das politische System, bei dem man auf dem Wahlzettel zwischen verschiedenen Kandidaten beziehungsweise Konsumgütern wählt. Aber Rechte kommen natürlich auch mit Pflichten einher. Und da haben wir insbesondere mit der Klimakrise natürlich ein großes Problem, nämlich dass unsere Konsumordnung, in der wir leben, möglicherweise gut für Demokratie oder die demokratische Kultur, aber auf jeden Fall nicht gut für unsere Umwelt ist. Es ist natürlich eine Illusion, dass wir uns ganz vom Konsum befreien können. Wir brauchen Wärme, Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Es kann allerdings heißen, dass wir uns viel stärken auf das Wesentliche besinnen muessen, radikalere Maßstäbe anwenden und unseren Konsum auf das wirklich Wichtige zurückschrauben können.

Wie ist das genau möglich?
Als Historiker ist man grundsätzlich dazu geneigt, nicht die Zukunft vorhersagen zu wollen (lacht). Allerdings gibt es in der Geschichte der Moderne eine lange Liste von Maßnahmen und Entwicklungen, die zeigen, wie schnell und wie radikal sich unser Alltag ändern kann. Die Geschichte zeigt, dass es nicht nur der Einfluss des Marktes sein kann, auch Ministerien und Firmen, müssen sich damit beschäftigen, wie unser Alltag und unsere Routinen mit dem Konsum sich fundamental verändern müssen, wenn wir wirklich etwas ändern wollen. Ein sehr gutes Beispiel kommt aus Japan. Im frühen 20. Jahrhundert gab es eine Massenbewegung, die versucht hat, ein besseres Alltagsleben zu schaffen. Das hiess eine moderne Kueche fuer die Hausfrauen, mit Gas und Elektrizitaet statt Holzkohle und Kochen auf dem Boden. Moderne westliche Kleidung statt Kimonos die meterweise Stoff benoetigten. Die Haushaltsfuehrung wurde rationalisiert. Sparen und bewusster Konsum wurden gefoerdert. Da wurde Vätern zum Beispiel gesagt, dass sie nicht mehr ihren eigenen Hobbys nachgehen, sondern sich in der Freizeit mit dem Rest derFamilie beschäftigen sollten. Dieser veränderte Fokus hat den Alltag und damit auch den Umgang mit Konsum fundamental verändert. Für mich als Historiker heißt das: Wenn wir wirklich wollten könnten wir innerhalb von 10-20 Jahren unsere Wohnordnung, unseren Alltagsrhythmus, unsere Mobilität, unsere Essensroutinen radikal verändern. Viele werden jetzt sagen, dass man aber doch dem einzelnen Individuum nicht reinreden darf. Was sie nicht bedenken, dass wir bereits in unserem Konsum in vielen Bereichen fremdbestimmt sind. Häufig konsumieren wir genau die Dinge, die uns die die gesellschaftliche Ordnung vorgibt. Sollte diese ihre Vorgaben ändern, würden wir es also vermutlich gar nicht merken. 

Du hast mal in einem Interview mit der „Zeit“ gesagt, dass wir alle aufhören sollten, unserem „Ich“ hinterher zu jagen. Glaubst du, dass diese Fokussierung auf das eigene Ich und die Ausstattung der verschiedenen Facetten Einfluss auf unser Konsumverhalten hat?
Wir leben in einer Art Spannungsverhältnis. Auf der einen Seite ist Konsum extrem wichtig für das, was einer der Gründer der Psychologie, William James, das „materielle Selbst“ nannte. Wir sind ja nicht nur die Psyche, die Seele oder der Geist, den wir haben. Wir sind auch nicht nur unsere Gedanken, die das eigene Ich mit den Eltern, Freunden und Bekannten verbinden. Wir haben auch ein materielles Selbst. Wir haben bestimmte Kleidungsstücke, die, wenn wir sie anziehen, uns fühlen lassen: Das bin ich. Das passt mir, nicht jemand anderem. Wir haben bestimmte Prioritäten und Lieblingsdinge, von bestimmten Lieblingsgerichten bis zu bestimmten Lieblingshobbys und alle dies läuft nur durch Konsum ab.   Es ist schwierig selbst zu musizieren, ohne Gitarre oder Klavier. Aber auf der anderen Seite konsumieren wir natürlich auch viel, weil wir in bestimmten Gruppen und Gemeinschaften leben. Das heißt, wir wollen uns anpassen, um in einer Peergroup Fuß fassen zu können. Der Konsum lebt in diesem Spannungsverhältnis und wir sind nie losgelöste Ichs. Wir sind materielle, aber auch soziale Ichs. Der Konsum ist eine Art Kompass, der uns innerhalb der Gesellschaft Orientierung gibt. Wenn wir den Konsum reduzieren wollen, müssen wir unser soziales Umfeld anpassen. Ein banales Beispiel: Früher war es ein Zeichen von Reichtum mehrere Wochen zu verreisen. Heute bleiben die kultivierten Menschen nur kurz an einem Ort, verweilen und reisen direkt zum nächsten. Das hat sich nicht der einzelne Urlauber ausgedacht. Das sind gesellschaftliche Entwicklungen, auf die wir reagieren und die wir dann selbst durch unser Konsumverhalten verstaerken. Durch eine Veränderung der Steuern auf Fluglinien, eine Änderung der Benzinpreise, eine Änderung der Subvention von bestimmten Mobilitätsmustern bis hin zu städtepolitischen Maßnahmen könnten wir vieles verändern. Wenn wir unseren Wohnraum beispielsweise nachhaltig gestalten wollen, dann kann das nicht nur von Einzelnen kommen. Das muss nicht nur von den Regionen, sondern auch von Städteplanern, Architekten, Nachbarschaftsgruppen, der Politik und der Gesellschaft angetrieben werden. 

Du hast das Buch „Die Herrschaft der Dinge“ geschrieben, in dem es auch um den Konsum des Menschen geht. Hat das Buch dein eigenes Konsumverhalten verändert?
Ja und nein. Durch die Recherche wurde mir bewusst, dass es zu frueheren Zeiten bereits ganz andere Konsumwelten gegeben hat, die durchaus „normal“ waren. Was heute für uns normal ist, zum Beispiel mehrmals am Tag zu duschen, war vor einigen Jahren noch abnormal.  Außerdem ist mir klar geworden, dass ein Teil unseres Konsums nicht das Resultat von unserer eigenen Wahl oder Auswahl ist, sondern das Produkt von Routinen. Das sieht man besonders bei Essgewohnheiten, die wir uns angewöhnt haben und über die wir gar nicht mehr nachdenken. Die meisten Menschen denken auch gar nicht daran, dass Essen irgendetwas mit Konsum zu tun hat – Vegetarier und Veganer sind weiterhein eine kleine Minderheit Wenn viele  an Konsum denken, denken sie an Modeartikel, Luxusaccessoires oder ähnliches. Aber Essen ist ein kultureller sowie physiologisch wichtiger Teil, der auch zu unserer Identität zählt. Derartige Gewohnheiten zu verändern, ist sehr schwierig. Um eine Routine zu verändern, benötigt es eine ganz andere Intention, als wenn es sich um eine persönliche Wahl handelt. Letzen Endes hat der Konsum immer zwei Dimensionen – es gibt sie schon, die „Choice“, über die die Wirtschaftswissenschaftler sehr viel geschrieben haben. Nur man darf eben nicht vergessen, dass nicht alles „Choice“ ist. Es gibt auch Routine und Gewohnheiten, die wir viel weniger unter eigener Kontrolle haben. 

Zum Luxus gehört neben Geld auch Zeit…
Ja, das ist richtig. Und wird bei der Diskussion um Konsum leider häufig vernachlässigt oder vollkommen ignoriert, weil viele bei der ganzen Debatte über Konsum glauben, dass Konsum lediglich der Erwerb oder der Kauf von Produkten ist. Aber Konsum ist so viel mehr, als einen Gegenstand im Warenhaus zu kaufen. Der Konsum geht eigentlich erst los, wenn man die Produkte, die man gekauft hat, verwendet. Und welchen Gewinn, welche Freude oder Frustration man daraus zieht. Dazu braucht es Zeit. Vor 100 Jahren gab es noch die Grundannahme, dass sich die eigene Persönlichkeit in erster Linie in der Freizeit formte. Freizeit ist Muße, sagte man früher, und dass man lernen sollte, Muße zu entwickeln und zu gewinnen und nicht schnell von einer Sache zur anderen zu hüpfen. Menschen, die das taten und immer gestresst waren, wurden als unterentwickelt und unkultiviert angesehen. Diese Annahme hat sich in den letzte 50 Jahren komplett gewandelt. Konsum hat nichts mehr mit Muße zu tun. Es wird nicht mehr positiv bewertet, etwas langsam und intensiv zu genießen, sondern möglichst viel möglichst schnell zu konsumieren und mit allen anderen Freizeitaktivitäten zu koordinieren. Der Konsum ist wie ein Hamsterrad geworden, in dem die Menschen versuchen, durch einen hyperproduktiven Konsum ihren Mitmenschen zu demonstrieren, wie toll, kreativ und produktiv sie sind. Da ist dieses Verlangen, ständig noch mehr in die eine Stunde Freizeit reinzupacken. Wir haben den Konsum in ein Spiegelbild einer gestressten Arbeitswelt verwandelt. 

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