Bettina Dahlhaus © Die Herzschreiber

Wir wären eine Nation der Supersportler und gutgelaunten, leichtfüßigen Alleskönner, wenn das stimmt, was man online auf Dating-Portalen findet.

von Laura Bähr

Frau Dahlhaus, Sie sind Ghostwriterin fürs Online-Dating, das klingt nach einem ganz neuen Geschäftsbereich. Wie sind Sie auf diese Geschäftsidee gekommen?
Bettina Dahlhaus: Das war tatsächlich eine Schnapsidee, die völlig spontan entstanden ist. Eine meiner Freundinnen hatte sich von ihrem Mann getrennt und war dann auf diesen ganzen Plattformen unterwegs. Sie hat mir dann im Freundinnen-Gespräch erzählt, was da so abgeht. Wie fürchterlich sich die meisten Männer darstellen, was für schreckliche Fotos sie einstellen und wie schlimm sie auch größtenteils angeschrieben wird. Da kam mir spontan die Idee Männer und Frauen dabei zu unterstützen, ein Profil zu erstellen und entsprechende Kandidaten anzuschreiben und so gründete ich meine Agentur „Die Herzschreiber„.

Darf man denn aus Liebe ein Geschäft machen?
Ja, warum denn nicht? Dass ich für meine Kunden fast so etwas wie eine gute Freundin, eine Art Coach bin, heißt ja nicht, dass ich meine Dienstleistung umsonst erbringen kann. Meine Kunden liegen mir sehr am Herzen und ich glaube, ich bringe einen hohen persönlichen Einsatz in meinem Job. Aber am Ende des Tages lebe ich auch davon. Das verstehen meine Kunden natürlich.

Wer sind denn Ihre Kunden?
Die Spannbreite ist riesengroß, in jeglicher Hinsicht. Sowohl was das Alter angeht als auch die Berufsgruppen. Der jüngste Kunde, den ich jemals hatte, war 21. Meine älteste Kundin war 78. Die allermeisten, die mich anschreiben sind allerdings zwischen 30 und 50 Jahre, da ist man schon angekommen und weiß grob was und wen man will. Die Menschen die Anfang 20 einen Partner suchen treiben sich eher auf Plattformen wie Tinder und Co. herum, da braucht man meistens keinen besonderen Beschreibungstext (lacht). Was das Geschlecht angeht, habe ich tatsächlich eine ziemlich ausgeglichene Zielgruppe. Wobei ich mich anfangs gefragt habe, ob Männer nicht eventuell eine gewisse Scheu davor haben mit einer Frau über ihre Partnersuche und ihre Gefühle zu sprechen. Aber das Gegenteil ist der Fall! Die meisten Männer wollen ganz viel über den Mythos Frau wissen und sind froh über jeden Ratschlag. Dazu muss man sagen, dass vor allem Männer den Wert ihres Profils mit einem guten Text enorm steigern, weil die meisten so gut wie gar nichts schreiben. Die formulieren dann ein nett klingendes Standardanschreiben, was sie „copy und paste“ an 50 Frauen streuen.

Keine gute Strategie?
Nein, auf keinen Fall. Die Männer wollen da im ersten Schritt so wenig Aufwand wie möglich in die Sache stecken und sich erst ins Zeug legen, wenn sie merken, dass es sich lohnt. Das ist absolut kontraproduktiv. Je attraktiver die Frau, desto mehr Anschreiben bekommt sie und so ein Standardanschreiben wandert dann sofort in dem Müll.

Was muss man für den Job wie Ihren mitbringen?
Ich glaube es ist ganz wichtig, dass man wirklich ein tiefgehendes Interesse für Menschen hat. Wenn man im Gespräch die richtigen Fragen stellt und sich wirklich Zeit nimmt, nachhakt und zeigt, dass einen wirklich interessiert, was der andere erzählt, dann öffnen sich die Menschen. Dann findet man auch bei jedem Menschen etwas Besonderes. Man braucht Neugierde und Empathie für Menschen. Auf der anderen Seite braucht man die Liebe zur Sprache und die Lust am Formulieren.

Wie weit begleiten Sie den Kunden beim Kennenlernen?
Ich chatte grundsätzlich nicht mit anderen Menschen. Das würde ich ehrlich gestanden als Verarschung empfinden. Ich schreibe eine Art erstes Anschreiben, vielleicht noch ein zweites und dann bin ich raus und stehe nur noch als Beratung zur Seite. Manchmal analysiere ich auch die Konversation zwischen zwei Menschen und gebe einen Rat wie: „Sie schreiben da jetzt schon seit einer Woche hin und her und kommen da nicht auf den Punkt. Die Frau wartet darauf. Sie will ein Date. Da müssen Sie jetzt kommen.“ Online Dating ist ja nicht gerade ein Kinderspiel, sondern ehrlich gestanden auch ziemlich viel Arbeit. Es ist im Grunde genommen keine andere Art, jemanden kennenzulernen als auf der Straße, bei der Arbeit oder im Supermarkt. Es ist nur ein anderer erster Schritt. Ob man sich dann sympathisch ist, ob der Funke überspringt und ob da eine feste Partnerschaft draus werden kann, das zeigt sich erst beim realen Treffen.

Aber kann nicht der Suchende selbst am besten sein Profil erstellen? Ist der Sinn und Zweck nicht verfehlt, wenn das ein anderer für ihn übernimmt?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie eine Bewerbung schreiben oder einen Text über sich selbst schreiben. Das ist wahnsinnig schwer. Da sieht man häufig den Wald vor lauter Bäumen nicht. Man kennt sich in all den vielen Einzelheiten und erinnert sich häufig gar nicht an das Besondere. Für solche Momente ist jemand von außen viel besser.

Entscheiden bereits die ersten Nachrichten beim Online-Dating über Top oder Flop? 
Sie sind auf jeden Fall ein wichtiger Türöffner. Aus meiner Sicht ist es ganz leicht, sich vom Einheitsbrei abzuheben. Man muss nur einfach mal nachfragen. Die meisten Menschen freuen sich über ehrliches Interesse an der eigenen Person. Deshalb ist es auch so wichtig sogenannte Aufhänger im Profil unterzubringen. Dinge, bei denen die anderen nachhaken können.

Welches Phänomen beim Online-Dating können Sie bis heute nicht verstehen? 
Die meisten Menschen schreiben, sie hätten immer gute Laune, sind super sportlich und super glücklich. Wir wären eine Nation der Supersportler und gutgelaunten, leichtfüßigen Alleskönner, wenn das stimmt, was man online auf Dating-Portalen findet. Dieses Hochjubeln oder diese allgemeinen Floskeln verstehe ich bis heute nicht. Wer will jemanden haben, der ihm meilenweit überlegen ist?

Gibt es denn – ähnlich wie bei einer Jobbewerbung – absolute „NoGoes“ im Datingprofil?
Was gar nicht geht, sind zu viele Forderungen! Wenn man reinschreibt, der Partner darf auf keinen Fall dieses oder jenes haben, die Frau soll so oder so sein, schreckt das erstmal ab. Man sollte ein Profil immer eher dafür nutzen, die eigene Person darzustellen. Beim ersten Anschreiben sollte dann die Person gegenüber im Fokus stehen.

Wie viel Lüge ist bei so einem Dating-Profil erlaubt?
Ein Bild einzustellen, auf dem man 10 Jahre jünger ist und 20 Kilo weniger wiegt, ist kontraproduktiv und bringt langfristig auch nichts. Natürlich ist das, was man von sich in seinem Profil schreibt immer eine Auswahl und das allein ist ja schon subjektiv und meistens eher positiv. Nichtsdestotrotz ist es auch mal ganz nett, kleine Ecken und Kanten unterzubringen, da die einen Charakter häufig erst spannend machen. Ein Beispiel: Ich hatte mal eine Vegetarierin als Kundin, die mir erzählt hat, dass sie manchmal an Weihnachten nicht an der Wurstbude vorbeigehen kann. Dann zieht sie ihre Kapuze ins Gesicht und isst heimlich eine Wurst. Das fand ich so toll, dass eine sehr taffe, erfolgreiche Frau bei dieser einen Sache schwach wird. Das haben wir in ihr Profil mitaufgenommen und sie wurde so oft auf diesen Fakt angesprochen.  

Die Optik spielt heute mehr denn je eine immer größere Rolle. Nehmen Sie das bei der Profilerstellung auch wahr?
Absolut. Die Optik ist beim Online-Dating noch um ein Vielfaches wichtiger als im realen Leben. Im realen Leben kommt die Mimik dazu, ob jemand lebendig ist, ob man die Sätze aus der Nase ziehen muss oder ob das Gespräch fließt. Wie jemand riecht oder wie jemand mit dem Kellner im Restaurant umgeht. Das sind ja alles Sachen, die online flachfallen. Man hat nur dieses eine Bild. Das ist sehr schade, da viele sich in Form eines Bildes einfach nicht gut darstellen können und so sehr viele Chancen vergeben. Es würde sich bei den meisten Menschen lohnen sich zuerst online in die Beschreibung und dann im realen Leben in die Optik des anderen zu verlieben.

Sie beschäftigen sich ja jetzt schon eine ganze Weile mit diesem Thema Dating. Würden Sie sagen, Sie haben in dieser Zeit neues über die Liebe gelernt?
Gute Frage. Auf jeden Fall habe ich sehr viel neues über die Menschen erfahren. Ich bin immer wieder erstaunt, wie unterschiedlich und facettenreich Menschen sind. Man sagt ja immer noch das Online-Dating dem persönlichen Kennenlernen nicht das Wasser reichen kann. Das finde ich nicht! Online-Dating ist nicht mehr und nicht weniger als der erste Schritt zum Kennenlernen. Es ermöglicht vor allem einer Generation eine neue Chance auf die Liebe, die nicht mehr jedes Wochenende im Club abhängt und ständig neue Menschen trifft. Wenn man erstmal über 30 ist, über 40, oder über 50 ist das einfach eine super Gelegenheit mit anderen in Kontakt zu kommen. Daran wie sich die Liebe dann in einem zweiten Schritt weiterentwickelt, hat sich nichts verändert.

Hat das Online-Dating die Gesellschaft hinsichtlich der Beziehung zwischen Menschen verändert?
Die Gefahr beim Onlinedating liegt darin, einem Optimierungswahn zu erliegen. Viele schauen zunächst mal nach der jüngsten, hübschesten Frau und dem größten Mann mit dem tollsten Beruf. Erfolgreich sind beim Onlinedating aber am Ende diejenigen Frauen und Männer, die ihre Möglichkeiten realistisch einschätzen und auch denjenigen eine Chance geben, die vielleicht erst auf den zweiten Blick perfekt zu einem passen. Auch ist das Kennenlernen durch das anonyme Internet zunächst flüchtiger und beliebiger geworden. Man kann ja wischen und jederzeit austauschen, wenn man möchte. Diejenigen Kunden, die zu mir kommen, möchten dieser Art des Datings jedoch meist bewusst aus dem Weg gehen.  Die sind wirklich ernsthaft auf der Suche nach einer festen Partnerschaft. Und an diesem Wunsch vieler Menschen hat sich glaube ich auch durch das Online-Dating nichts verändert.

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