Philipp Christopher © Grayson Lauffenburger

Trump ist eigentlich nur das Resultat eines Systems, das schon lange nicht mehr funktioniert.

von Laura Bähr

Philipp, du wirst oft als Bösewicht besetzt. Würdest du sagen, dass so eine Zuordnung im Schauspiel eher hinderlich oder förderlich ist?
Philipp Christopher: Ich glaube, es ist nicht schlimm, wenn man diese Art der Zuordnung zu Beginn seiner Karriere ein bisschen bedient. Anscheinend komme ich auch einfach ein bisschen wie der Bösewicht rüber, dagegen kann man dann auch nichts machen (lacht). Häufig ist das Spielen der „bösen Charaktere“ ja auch viel spannender. Irgendwann sollte man als Schauspieler dann aber natürlich versuchen zu beweisen, dass man eben auch noch mehr kann als diese eine Rolle. 

Du hast deine Karriere ja auch bei der Vorabendserie GZSZ gestartet. Würdest du sagen, dass ein regelmäßiges Engagement einen guten Start in die Branche darstellt?
Was die Schauspielerei als Handwerk angeht auf jeden Fall! Wenn man jeden Tag vor der Kamera steht, lernt man wirklich damit umzugehen. Man ist immer in Bewegung, hat nicht viel Zeit sich große Gedanken zu machen, muss stetig abliefern. Das Technische wird super trainiert. Was vielleicht ein bisschen auf der Strecke bleibt, ist die Kraft des Actings. Wir haben nicht so viele Takes, da kann man sich im Spiel nicht wirklich ausprobieren. Mittlerweile merke ich häufig bei anderen Projekten wer meiner Kollegen mal bei einer Daily war und wer nicht. 

Mit der Serie „Origin“, die auf Youtube ausgestrahlt wurde, bist du international bekannt geworden. Wie war das für dich, dieser Wechsel vom linearen Fernsehen ins Internet? 
Für mich als Schauspieler gab es da keine großen Unterschiede. Ob man jetzt fürs Fernsehen oder fürs Internet spielt, die Herangehensweise ist dieselbe. Allerdings glaube ich, dass sich unsere Sehgewohnheiten immer mehr ins Internet verlagern werden. Wir in Deutschland müssen aufpassen, dass wir diese Wandel nicht verschlafen, wir müssen uns mehr trauen. Ich finde es sehr schade, dass die deutschen Drehbuchautoren und Regisseure sich nicht noch öfter trauen selbstbewusst deutsche Themen anzusprechen. Wir orientieren uns häufig an Geschichten aus Skandinavien, Amerika oder England, anstatt etwas typisch „deutsches“, authentisches auf die Beine zu stellen, mit dem man dann vielleicht auch mehr Erfolg im Ausland hätte.  

Was glaubst du, woran liegt das? 
Ich glaube die meisten schämen sich nach wie vor für unsere Geschichte. Deutschland hat sich bis heute zurückgestellt, was so die eigene Kultur angeht. 

In der ZDF-BC-Coproduktion „The windermere children“ spielst du einen KZ-Überlebenden. Können wir Deutschen nur diese Art von Film, wenn es um unsere Geschichte geht? 
Ich glaube das ist immer noch eine Art Aufarbeitung, ja. Es ist wichtig, dass wir das Thema immer wieder behandeln. Ich bin auch überrascht, wie viele Geschichten aus dieser Zeit noch unerzählt sind. Ich persönlich kannte das Schicksal von diesen Kindern noch nicht und habe durch die Dreharbeiten viel dazu gelernt. 

War das auch dein Grund, die Rolle anzunehmen? Weil du es auch kulturell wichtig findest, dass man da immer noch zur Aufklärung beiträgt?
Auf alle Fälle. Ich liebe Geschichten, die auf wahren Gegebenheiten beruhen. Wir hatten sehr wenig Budget für diesen Film, sehr wenig Zeit, aber großartige Schauspieler und ein tolles Team. Ich glaube viele der Castmitglieder haben das als eine Art Leidenschaftsprojekt gesehen. 

Du beschäftigst dich seit einiger Zeit neben dem Schauspiel auch mit dem Schreiben von Stücken. In einem Interview hast du mal gesagt, dass es recht schwierig und mühselig ist, einen Film in Deutschland zu finanzieren. Warum?
Die Filmbranche ist kompliziert. Leider braucht man heutzutage häufig einen großen Namen oder ein großes Budget, um überhaupt die Chance zu bekommen, einen Film zu drehen, schließlich braucht es verständlicherweise eine Art Garantie, dass sich die Ausgaben auch lohnen. Das Problem ist, dass auch die öffentlichen Gelder häufiger in die etablierten Projekte fließen und weniger in die jungen, innovativen Filmemacher. 

Du hast jahrelang in New York gelebt und bist dann wieder zurück nach Berlin gezogen. War das für dich ein kultureller und politischer Schock, von dem Nabel der Welt wieder in eine deutsche Großstadt zu ziehen? 
Ich liebe Berlin und die Multikulti-Gesellschaft hier. Ich bin jedes Jahr mindestens zweimal in Berlin gewesen, im Sommer und dann an Weihnachten. Insofern ging mir der Bezug nie richtig verloren. Ich bin ein wahrer Berliner, meine Eltern sind aus Berlin, meine Familie, meine engsten Freunde sind auch noch hier… Ich habe immer den Bezug zur Stadt behalten, insofern war der Schock jetzt nicht so groß. Kulturell kann man diese beiden Städte natürlich nicht vergleichen, da kommt im TV was anderswo im Kino kommt (lacht). New York ist eine Stadt, deren Energie man nicht widerstehen kann und man einfach mitgerissen wird.

Du hast deine Schauspiel-Ausbildung in New York absolviert und bist dadurch mit Method-Acting in Kontakt gekommen, bei der man seine eigenen Emotionen nutzt, um sich in fremde Rollen und Charaktere reinzuversetzen. Kann das auch gefährlich sein?
Ich glaube es ist wichtig, dass man den Übergang zum normalen Leben immer wieder schafft und dass man die Grenze zum Persönlichen aufrechterhält. Natürlich muss man sich ganz in den Charakter hineinversetzen und auch eigene Gefühle einbringen, aber es gibt immer eine Grenze. Ich bin auch kein Schauspieler, der die ganze Zeit am Set in seiner Rolle lebt, für mich ist das „rein- und rausgehen“ genauso wichtig. 

Gibt es eine Art Entzugsphase nach einer Rolle?
Ja, auf jeden Fall. Wenn man an einer Rolle arbeitet, lernt man viel vom Leben, weil mein sein eigenes durch die Rolle mehr versteht, die ganzen Tiefen, die ganzen Schmerzen, die dieser Charakter hat. Man lernt etwas Neues über einen fremden Menschen, aber irgendwie auch über sich selbst. Man macht Erfahrungen, die das eigene Leben bereichern, die man selbst vielleicht gar nicht gemacht hätte. Das ist auch aufregend. 

Vielleicht auch eine Chance Seiten von sich auszuleben, die man aus dem persönlichen Leben eher raushalten möchte?
Ja, auf jeden Fall. Wenn man sich intensiv mit den Rollen auseinandersetzt, sie zu verstehen lernt, dann lebt man kurz ein anderes Leben – mit eigenen Emotionen. Diese Chance hat nicht jeder. 

Du bist auch politisch sehr interessiert. Würde es dir die aktuelle politische Lage unmöglich machen, wieder in den USA zu leben?
Gute Frage. Ich bin nach New York gezogen als Obama noch Präsident war, habe aber schon damals erahnen können, dass die Situation nicht besser werden wird. Den Amerikanern geht es nicht wirklich gut.  Wenn man sich so das Gesundheitssystem anschaut, die ganze soziale Struktur, das ist schon etwas ganz anderes als in Deutschland. Und dann kommt jemand wie Trump an die Macht, der populistisch gegen das System redet. Trump ist eigentlich nur das Resultat eines Systems, das schon lange nicht mehr funktioniert. Ein durchaus kapitalistisches und korruptes System ohne sozial-demokratischen Strukturen. 

Was bräuchte es, damit sich das System wieder erholt?
Ich bin kein Experte, aber es gibt Millionen an Lobbyisten in Amerika, die ihr Geld in die Politik investieren. Demokratie hat da nicht mehr viel mit Bürgern zu tun. Es geht nur um große Unternehmen, Millionäre, Politiker… Es braucht eine Revolution, die das System verändert und nicht nur eine kleine Veränderung. Auch wenn wir in Deutschland zurzeit ebenfalls schwierige politische Schwingungen durchleben, lebt bei uns immerhin noch die Demokratie. Und diese muss es eben auch aushalten, politische Tendenzen in die ein oder andere Richtung auszuhalten. In Amerika gibt es nur zwei Parteien, die im Grunde aber am selben Strang ziehen. Eine wahre Alternative gibt es nicht.

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