Katharina Wackernagel © Mirjam Knickriem

Das Erwachsenwerden hört durch eine bestimmte Jahreszahl nicht auf. 

von Laura Bähr

Frau Wackernagel, sowohl Ihre Mutter, als auch ihre Großmutter waren bereits Schauspielerinnen – hat sie das motiviert diesen Beruf auch zu ergreifen oder legt es die persönliche Messlatte eher höher?
Katharina Wackernagel: Ich hatte natürlich dadurch, dass meine Mutter am Theater gespielt hat, früh die Möglichkeit, das Schauspiel kennenzulernen und bei diesen Dingen dabei zu sein. Durch meine Eltern war dieser ganze kreative Bereich eine Selbstverständlichkeit. Die Diskussion erstmal was Ernsthaftes zu lernen, gab es bei uns deshalb zum Glück nicht (lacht). Aber auch Konkurrenzdenken gab es bei uns nie, ich hab meine Mutter immer eher als Mentorin gesehen, die ich um Rat fragen durfte. 

Sie sagten in einem Interview „Mein Beruf bestimmt mein Leben“. Was bedeutet das für Sie genau? 
Ich habe natürlich einen Freundeskreis und eine Familie und diese Menschen sind mir sehr wichtig, dennoch würde ich sagen, dass mein Beruf einen Stellenwert in meinem Leben einnimmt, an dem ich sehr viel ausrichte. Ich lasse mich sehr gerne von meinem Beruf treiben und genieße es, mir beruflich da gar keine Grenzen zu setzen. Dann fühlt sich vieles auch gar nicht wie Arbeit an. 

Könnten Sie sich vorstellen je etwas anderes zu machen? 
Dazu müsste vermutlich etwas sehr Einschneidendes passieren, bevor ich mich von der Schauspielerei trenne (lacht). 

Außerdem sagten Sie, „nur ich zu sein, macht mich unruhig“. Ist das Schauspielleben auch eine kleine Flucht vor dem Persönlichen?
Naja eine Flucht implementiert natürlich direkt eine negative Bewertung. Ich würde weniger von Flucht reden, sondern eher von Abwechslung. Man braucht als Schauspieler vielleicht stärker diese Ausflüge in andere Charaktere für einen persönlichen Ausgleich. Ich glaube man langweilt sich in dieser Branche sehr schnell und freut sich auf diese Möglichkeiten, neue Dinge kennenzulernen. Ich fliehe auf jeden Fall nicht vor mir selbst, allerdings sind die Charaktere, die ich spiele häufig interessanter, als immer nur meine Gedanken.

Im Schauspiel-Business, so macht es den Eindruck, sind bei älteren Charakteren vor allem Männer gefragt. Macht Ihnen das Angst? 
Absolut. Das finde ich auch ein sehr bedauerliches Thema, dass das sowohl im Fernsehen, als auch im Kino nach wie vor der Fall ist. Die starken Charaktere sind meistens Männer. Es stimmt zwar, dass es beim deutschen Fernsehen sehr viele Geschichten um Frauen gibt, jedoch dürfen sich Männer im Alter einfach ganz anders entwickeln, als wir Frauen. Das wird sich vermutlich auch in Zukunft nicht ändern. Mir ist auch durchaus klar, dass die meisten Rollen für Frauen sich zwischen Anfang 30 und Mitte 40 abspielen, danach wird das Eis viel dünner. Das war auch ein Grund von vielen, warum ich mich in der Regie versuche und so mein berufliches Feld erweitern möchte. 

Mit dem Film „Wenn Fliegen träumen“ hatten Sie Ihr Regiedebüt. Was nehmen Sie als Schauspielerin von dieser Erfahrung mit?
Zum einen ist es sehr interessant, in die Rolle des Menschen zu schlüpfen, der alles am Set entscheidet, also ungefähr 100 Entscheidungen pro Tag fällt (lacht). Das war mir ehrlich gesagt so gar nicht bewusst. Ich fand das auch sehr anstrengend, weshalb ich jetzt als Schauspielerin viel nachsichtiger mit den Regisseuren umgehe, als zuvor. Auf der anderen Seite fand ich es sehr spannend, die Kollegen zu beobachten und zu sehen, wie unterschiedlich alle arbeiten und sich ihrer Rolle nähern. Nicht dass ich bisher dachte meine Art wäre die einzige Möglichkeit, aber es war nochmal etwas anderes, das von außen zu beobachten und nicht Teil der Szene zu sein. Außerdem war es ein total erleuchtender Moment den Schnitt des Films mitzugestalten. Das relativiert vieles, was ein Schauspieler tut. Ein Schnitt kann über die Leistungen der Schauspieler hinweg so viel entscheiden, das war verblüffend. Früher hat es mich eher immer irritiert, wenn der Regisseur nochmal eine zweite Aufnahme mit einer veränderten Haltung aufnehmen wollte, jetzt weiß ich wieso. Man weiß nie, ob der Schnitt nachher so gestaltet wird, wie das Drehbuch geschrieben wurde.

Gibt es als Regisseurin eine Nische im deutschen Fernsehen, die Sie gerne besetzen würden? 
Ich finde generell, dass der Genre-Film in Deutschland kaum eine Chance hat. Das finde ich sehr schade, auch dass man die Genres bei uns so wenig mixt. Es kann doch auch mal eine Komödie mit Skurrilem aber auch romantischen Momenten geben. Bei uns muss eine Komödie immer eine Komödie sein (lacht). Da sehe ich oft neidvoll ins Ausland. 

Ihre Mutter ist mit zwei Männern liiert. Sind wir heute immer noch zu beschränkt in Liebesdingen? 
Letztendlich sollte jeder sein Leben so führen, wie er möchte. Was mich irritiert, ist allerdings, dass trotz moderner Formen sich kennenzulernen, wie Tinder und Co., es auf einmal wieder sehr konventionell zugeht. Die jungen Leute um die 20 verloben sich zum Beispiel wieder, was mir total fremd gewesen wäre. Ich frage mich, ob diese große Freiheit in Sachen Liebe die Sehnsucht in Sachen Klarheit und Bindung vielleicht eher wieder festigt. Dass, wofür in den 70er Jahren gekämpft wurde, dass es auch offene Beziehungen gibt, man mehr ausprobieren darf, kommt mir sehr viel moderner vor, als dass, was wir heute leben. 

Sie shoppen gerne „Secondhand“ und sagten mal in einem Interview Sie mögen den Gedanken „sich dem Klamottenüberfluss zu entziehen“. Was halten Sie von dem aktuellen Minimalismus Trend? 
Komischerweise habe ich da das Gefühl, es ist das Gleiche, wie das Überangebot bei der Liebe. Auf der einen Seite gibt es diese Orientierung, man will sich von dem Konsum befreien und nachhaltig leben und ist total bedacht, wie man einkauft. Und auf der anderen Seite bin ich in Berlin in der U-Bahn regelmäßig umringt von jungen Mädchen, mit riesigen Primark- und H&M-Tüten, die an einem Nachmittag anscheinend einen ganzen Kleiderschrank shoppen. Es geht also auch irgendwie weiter, obwohl es diesen Trend gibt und man immer wieder die schrecklichsten Geschichten über Ausbeutung und Giftstoffe hört. Man kann es überall nachlesen, trotzdem geht es ungehört und ungesehen an vielen Menschen vorbei. 

Welche Rolle spielt Mode allgemein in Ihrem Leben? 
Die Zeit, die ich in fremden Klamotten am Set verbringe, ist natürlich groß (lacht). Privat habe ich mittlerweile einen eigenen Stil entwickelt, mit dem ich mich sehr wohlfühle. Ich liebe es meine eigenen Outfits anzuhaben, aber ich bin keine Modefanatikerin, wie viele Kolleginnen, die es lieben sich ausstatten zu lassen. Auch bei den Rollen habe ich mittlerweile ein gutes Gefühl, was zu den einzelnen Charakteren passt. Bei den meisten deutschen Formaten kommt das Kostüm heute leider viel zu kurz und die Figuren werden fantasielos ausgestattet. Ich habe vor ein paar Jahren zwei Filme in Italien gedreht und da hatte ich so tolle Kleidung an, das hat der Figur direkt viel mehr Charakter gegeben. Ich würde mir wünschen, dass man über die Kleidung und das Kostüm mehr erzählen darf. 

Die 30er sind Ihrer Ansicht nach das zweite Erwachsenwerden. Was haben Sie in Ihrer zweiten Jugend gelernt, was sie Ihnen die erste nicht vermitteln konnte?
Ich würde sogar noch weiter gehen, jetzt wo ich 40 geworden bin. Ich glaube, dass das Erwachsen werden oder das im Leben seinen Platz finden, gar nicht aufhört. Ich habe mir früher mit 20 immer vorgestellt, dass ich mit 40 Jahren auf jeden Fall weiß, wer ich bin und was ich im Leben will und das ist bis heute nicht eingetreten (lacht). Mir hat es allerdings sehr gut getan 30 zu werden, weil ich offiziell kein Mädchen mehr war, das hat mir den Druck genommen und ich habe mich stärker und weiblicher gefühlt. Ich glaube man lernt sein ganzes Leben neu dazu, weil sich ja auch viele Dinge immer wieder ändern und umstrukturieren. Das Erwachsenwerden hört durch eine bestimmte Jahreszahl nicht auf.  

Verändert es das Erwachsen werden, wenn man seit seiner Jugend vor der Kamera steht und die Öffentlichkeit viele Dinge direkt mitbekommt?
Das glaube ich ganz sicher. Ich wäre anders erwachsen geworden, hätte ich nicht angefangen zu drehen. Das hat aber glaube ich nicht nur mit der plötzlichen Aufmerksamkeit zu tun, sondern vor allem mit der Arbeit am Set, der Disziplin, die man direkt mit auf den Weg bekommt und den ganzen spannenden Persönlichkeiten, die man trifft. Wenn man als junges Mädchen um 5:30 Uhr in der Maske sitzen muss und dann vor der Kamera über Wochen spielt, ist das natürlich schon ein Sprung ins kalte Wasser und so ganz anders als die Schule. Das hat mein Erwachsenwerden sehr beschleunigt. Das Ganze hat mir auf jeden Fall einen Vorsprung in Sachen Erwachsenwerden gegeben, den ich dann aber erstmal wieder selbst aufholen musste. 

Sie haben sich damals gegen die Schauspielschule oder das Studium entschieden. Bereuen Sie diesen Schritt heute in manchen Momenten?
Nein, das steht für mich nicht mehr zur Debatte. In den Jahren zwischen 20 und 30 macht man sich solche Gedanken, ob man vielleicht etwas hätte anders machen sollen. Natürlich gibt es Sachen an der Schauspielschule, die ich nicht so intensiv gelernt habe, wie viele andere. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Bereiche, wo ich merke, dass ich durch meinen Einstieg auch eine Art Schule hatte, die Vorteile mit sich bringt. 

Wann lehnen Sie eine Rolle ab? 
Das ist schwierig zu verallgemeinern. Man kann nicht immer sagen, dass das Buch gut sein muss, manchmal überzeugt mich auch eher die Rolle. Ich lehne schon relativ viel ab, weil ich mich mit einigen deutschen Produktionen nicht identifizieren kann und mir die Geschichten häufig sehr überladen und die Figuren nicht ausgereift erscheinen. Ich muss mir da auch immer wieder selbst sagen, dass es auch mein Job ist und der Film nicht immer die reine künstlerische Erfüllung sein kann. Ich versuche die Rollen zu spielen, die mich auch persönlich weiterbringen, aber manchmal geht es eben auch einfach nur ums Geld (lacht). 

Sie sagten einmal sie seien sehr ungeduldig und würden leere Zeit als negativ einstufen. Ist das ein Problem unserer Gesellschaft – das gerade nichts tun, immer gleich als negativ wahrgenommen wird?
Das ist mit Sicherheit ein großes gesellschaftliches Problem. Bei mir ist es wirklich eher ein Problem mit der Ungeduld. Ich verschwende sehr viel Zeit mit grübeln, anstatt diese Zeit dann auch einfach mal für mich zu nutzen und zu genießen, nichts zu tun zu haben. Mein Vater ist jetzt seit einigen Jahren in Rente und sagt immer, dass er jetzt erst merkt, wie schön man sich das Leben gestalten kann und dass man gar nicht immer die Wertschätzung von außen braucht. Dieser Gedanke ist aber glaube ich einfach nicht in uns Menschen verankert, auch weil die Gesellschaft uns immer mehr auf Erfolg und Konsum trimmt. 

Ist diese Bestätigung von außen unsere neue Droge? 
Ja, das sieht man ja an Dingen, wie Instagram und Co. Der Wunsch von außen gesehen und auch bewertet zu werden, ist total gestiegen ist. Wenn man uns vor 10 Jahren erzählt hätte, dass die Zeit kommt, wo man auf dem Weihnachtsmarkt seine Bratwurst fotografiert und hofft, dass viele die Wurst toll finden, hätten wir vermutlich lauthals gelacht. Heute ist das normal geworden, wobei ich nicht verstehe, woher dieser Trend gekommen ist. Viele werden jetzt wahrscheinlich sagen, ja, du bist doch Schauspielerin, du machst das Darstellen ja sogar beruflich, klar dass du das als Privatperson nicht auch machen willst, aber mir wäre das wirklich total fremd.

Es wird ja aktuell diskutiert, ob die Like-, also die Bewertungsfunktion aus der App Instagram entfernt wird. Wäre das ein Fortschritt? 
Ich glaube die eigentliche Frage hinter dem Ganzen ist herauszufinden, warum es den Menschen so wichtig ist, diese Momente zu teilen und bewerten zu lassen. Wieso ist der Moment weniger schön, wenn es davon kein Bild wird? Was ist das psychologische Phänomen dahinter? Das würde mich wirklich mal interessieren und ich glaube, das muss jeder für sich selber herausfinden. Wieso können wir nichts mehr alleine genießen ohne viele andere daran teilhaben zu lassen?

Sie haben „Aenne Burda – die Wirtschaftswunderfrau“ verkörpert von der Sie sagten, dass sie für die Emanzipation gekämpft hat, ohne es direkt deutlich zu machen. Brauchen wir die Feminismus Bewegung im 21. Jahrhundert überhaupt noch?
Leider ja. Die aktuelle Diskussion um eine Frauenquote zeigt deutlich, dass wir noch nicht annähernd da sind, wo wir eigentlich sein könnten und sollten. Das es immer noch weniger Frauen in Führungspositionen gibt, dass für Regisseurinnen sogar eine Quote eingeführt werden musste und dass wir immer noch weniger Geld verdienen, ist doch eigentlich unvorstellbar und auch nicht zu erklären. 

Durch ihre Rolle in „Die Boxerin“ haben Sie, so in einem Interview, weniger Angst vor Konflikten. Sollten sich mehr junge Mädchen heutzutage mit solchen Dingen wie Selbstverteidigung beschäftigen, als mit Schminktipps auf Youtube?
Ich habe aktuell natürlich keinen direkten Draht zu jungen Mädchen, aber ich glaube schon, dass sich das Selbstbewusstsein der aktuellen Generation gesteigert hat und das Streben nach Schönheit häufig wichtiger ist, als vieles andere. Es ist meiner Meinung nach generell für jede Frau gut ihren Körper zu kennen und zu spüren, dass sie auch Kraft hat und sich im Zweifel verteidigen kann. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s