Susanne Böhm © Christine Rogge

Es ist schwieriger geworden seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. 

von Laura Bähr

Susanne, was macht eine gute Moderatorin deiner Meinung nach aus?
Susanne Böhm: Das Wichtigste ist, dass man neugierig ist. Ich beschäftige mich am Tag nicht nur mit einem Thema, sondern mit ganz vielen und da ist es wichtig, dass ich in meinen Interessen breit gefächert bin. Außerdem ist es wichtig, dass man die Lust mitbringt, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, natürlich nicht im Detail, das schafft man gar nicht, aber so, dass es einem gelingt, einen gewissen Zugang dazu zu finden. Man muss es schaffen, aus einem komplexen Themenfeld die wichtigsten Infos herauszuziehen und diese dem Zuschauer spannend und informativ nahe zu bringen. Natürlich geht es auch immer um die Art und Weise der Präsentation, da muss man vielfältig sein. Manche Themen brauchen etwas Trauriges, manche etwas Spannendes. Außerdem sollte man immer Objektivität an den Tag legen, aber trotzdem kein kaltblütiger Journalist sein und Emotionen zulassen. Man muss die Themen wie eine Art Geschenk präsentieren, die der Beitrag dann auspackt. 

Was unterscheidet das Moderieren einer Live-Veranstaltung und das einer Studio Moderation?
Die Live-Moderationen sind unglaublich nervenaufreibend. Ich verzweifel vorab immer, aber Lampenfieber ist einfach der beste Motivator (lacht). Man kann sich bei einer Live-Moderation so wunderbar auf ein Thema einlassen, beinahe wie ein Regisseur, der ein Konstrukt baut und das Ganze mit einer persönlichen Note gestaltet. Bei einer Studiomoderation hat man hingegen ein festes Setting, eine Standposition, festgelegte/n Kameraeinstellungen und Slots. Da ist man nicht so frei und eher routiniert. Was ich lieber mache ist tagesabhängig, manchmal fahr ich lieber die sichere Nummer und manchmal habe ich total Lust auf ein Live-Ding. 

Seit über 11 Jahren präsentierst du die Sendung „RTL Nord“. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?
Die Menschen möchten mehr denn je eine Persönlichkeit vor der Kamera sehen. Natürlich machen wir uns nicht mit einer Sache gemein oder beurteilen subjektiv, aber man sollte zeigen, dass wir eben auch Menschen sind und eine Meinung haben. Schließlich nehmen wir die Zuschauer an die Hand und die identifizieren sich mit uns. Natürlich sind die Beiträge die Inhalte der Sendung, aber der Moderator ist immer das Gesicht, das Aushängeschild. Wenn man sich mit der Person vor der Kamera nicht mehr identifizieren kann, dann kann man sich die Nachrichten auch gleich im Netz zusammensuchen. Schalten werden auch immer wichtiger, also eine Interaktion mit einem Reporter außerhalb des Studios und die Zusammenarbeit zwischen den Kollegen. Gerade in Zeiten, in denen der Ruf des Journalismus gelitten hat, ist es wichtiger denn je, noch genauer zu arbeiten. 

Kannst du nachvollziehen, dass bei den Menschen Sender wie die ARD oder das ZDF immer noch eher mit Qualitätsjournalismus verbunden werden, als die privaten Sender? 
Naja, ich glaube, das liegt daran, dass sich die Leute eben das ganze Programm der jeweiligen Sender anschauen und sich davon dann ein Bild von der Qualität machen. Und bei RTL gibt es nun mal viele Shows und „scripted Reality-Formate“, die vielleicht nicht den seriösesten Eindruck machen, aber damit ist RTL erfolgreich, das muss man einfach so sagen. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, warum dieser Eindruck dann auch auf die Nachrichten übertragen wird, schließlich geht es da um etwas ganz anderes und da sind wir von RTL genauso akribisch und sorgfältig wie die bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. 

Du hast in Hamburg an der Universität Journalistik und Kommunikationswissenschaften studiert. Ist der Beruf des Journalisten überhaupt noch empfehlenswert und wichtig für die Gesellschaft? 
Er ist wichtiger als je zuvor. Heute meint jeder, irgendetwas veröffentlichen zu können. Ständig werden Sachen ins Internet gestellt, von denen behauptet wird, es ist die Wahrheit. Und da Menschen zu finden, die ausgebildet und reflektiert genug sind, nicht auf Effekthascherei aus zu sein, ist enorm wichtig. Es ist auch wichtig, dass es noch Menschen gibt, die den Mut haben, eine Sache auch mal zu hinterfragen. Mich macht das regelrecht wütend, wenn ich mitbekomme, wie viele junge Menschen aus den Inhalten vieler Blogger ihre Realität bauen. Natürlich gibt es da auch gute Leute, keine Frage, aber es gibt eben auch richtig viel Mist und dem wird dann vorbehaltslos geglaubt. Keiner macht sich mehr die Mühe, überhaupt zu schauen, wo der Mensch herkommt, was ihn antreibt, warum er schreibt, was er schreibt. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe bei Medienunternehmen, aber Journalisten haben zumindest in den meisten Fällen ein Berufsethos, den gibt es bei Bloggern nicht. Die machen einfach, worauf sie Lust haben. Man kann von Journalisten halten, was man möchte, aber sie haben den Beruf gelernt, haben bestimmte Fähigkeiten beigebracht bekommen und ein Talent bewiesen, das ist eine Qualität, die sie auszeichnet. 

Neben der Journalistik hast du auch Politik studiert. Nur ein berufliches Thema oder fieberst du auch privat mit den Veränderungen, die das Land gerade durchmacht? 
Ich habe das damals studiert, weil ich es super spannend fand, aber auch vieles nicht verstanden habe. Ich wollte wissen, was da abgeht in Berlin, aber es hat nicht viel geholfen, muss ich zugeben (lacht). Das ist immer noch ein großes Mysterium. Ich muss mich natürlich damit auseinandersetzen und informiert sein, aber in erster Linie beruflich. Ich glaube, wenn die Politik ein bisschen menschlicher wäre und die Politiker mal ein bisschen mehr von sich selbst zeigen würden und die Hülle fallen lassen, wäre vielen geholfen. Das Ganze könnte so viel sexier sein (lacht). Mich nervt auch dieses Gerede in Floskeln, was sollen die Leute denn damit anfangen? Nichtsdestotrotz ist es ein absolutes Muss, sich mit diesen Strukturen auseinanderzusetzen, auch als Normalo-Bürger in einer demokratischen Gesellschaft. Ich kann auch kein Essen kaufen und das Obst und Gemüse weglassen, da fehlt ein wichtiger Teil. 

Während deines Studiums hast du mehrere Praktika bei Titeln wie „Stern“, Brigitte“, „Gala“ und „Home & Style“ absolviert. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen? 
Ich bin eher ein „Praxis“-Mensch, deswegen habe ich mein zweites Studium an der „Hamburg Media School“ auch lieber gehabt, als das an der Uni. Aber es ist in dem Beruf auch wichtig, sich mal mit Theorien auseinanderzusetzen und die Geduld zu lernen, sich länger mit einem Thema zu beschäftigen. Das sind grundlegende Arbeitsweisen, die einem später im Beruf sehr helfen. Bei den Praktika habe ich gelernt, dass es in einer Redaktion auch mehrere Meinungen nebeneinander geben darf. 

Wieso hat es dich weg vom Schreiben hin zum Moderieren gezogen? 
Das hat vermutlich auch mit meiner Vorgeschichte als Model zu tun. Mir hat es immer sehr viel Freude bereitet, vor der Kamera zu performen und diese Passion konnte ich dann als Moderatorin mit dem Journalismus verbinden. Ich glaube, das ist auch das Allerwichtigste, dass man als Moderator keine Scheu hat, vor Menschen zu sprechen. Natürlich habe ich auch Lampenfieber, wenn ich vor 3.000 Menschen eine Moderation halte, aber die grundsätzliche Leichtigkeit und Freude, vor Menschen zu treten, muss da sein. 

Was sagst du zur aktuellen Welt, die mehr und mehr durch visuelle Reize dominiert scheint?
Eigentlich ist das eine traurige Entwicklung, weil es immer weniger um den Inhalt geht, und mehr um die visuelle Aufbereitung. Nichtsdestotrotz müssen wir einsehen, dass wir einfach in einer visuellen Welt leben, wobei dieser Effekt durch Phänomene wie Instagram auch immer weiter verstärkt wird. Das Visuelle bietet viele Möglichkeiten und warum sollte man die nicht ausnutzen. Wenn man über die Optik Menschen für bestimmte Dinge begeistern kann, dann sollte man das tun. Dann muss aber auch das Dahinter stimmen. 

In einem Interview hast du mal gesagt, „ich hätte für den Beruf des Models damals alles getan – zur Not auch mal das Essen weggelassen“. Und dass es schwer ist in diesem Business seine Grenze zu kennen. Was rätst du den Models von heute, wo die Konkurrenz gefühlt noch größer ist? 
Ich glaube, die jungen Mädchen von heute sind viel selbstbewusster als früher. Die wissen genau, was sie wollen und was nicht. Ich war damals sehr jung und hatte eigentlich keine Ahnung, was von mir erwartet wird und wollte es natürlich allen recht machen. Das heißt nicht, dass ich mich prostituiert hätte, aber wann man nein sagt, war früher einfach schwieriger. Heute wissen gefühlt ja sowieso alle durch verschiedene Medien, wie das Modelbusiness funktioniert und kennen die Gefahren von Magersucht und Co. Außerdem ist es heute viel leichter auch Erfolg zu haben, wenn man nicht die idealen Maße mitbringt, weil der Markt breiter geworden ist. Ich glaube, heutzutage stehen die Menschen viel mehr zu sich selbst und suchen sich die Nische, die zu ihnen passt. Auf der anderen Seite ist man beeinflussbarer geworden, weil es so viele Ideale gibt und jeder scheint damit erfolgreich zu sein. Es ist schwieriger geworden seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. 

In dem Talk-Format „Susanne Trifft“ hast du bereits mit vielen Persönlichkeiten gesprochen. Was macht einen guten Interviewer aus? 
Eine gute Vorbereitung! Es ist wichtig, das Gegenüber so gut zu kennen, wie eben möglich, damit man sich als Interviewer wohlfühlt und nachfragen kann. Neben den guten Fragen ist es dann wichtig, gut zuhören zu können. Schließlich ergeben sich so oft aus dem Gespräch ganz neue Themen und Gedankengänge, mit denen man vorher nicht gerechnet hat und auf die man spontan eingehen können muss. Und wenn man dann noch die Geschichte der Person kennt und diese Erkenntnisse verknüpfen kann, ist das ganze kein Interview mehr, sondern ein Gespräch. In diesem Moment blühen ganz viele Gesprächspartner auf und lassen sich fallen. Im Grunde fängt das Gespräch meistens erst bei Frage vier an (lacht).  

Du giltst auch als Promi-Flüsterin. Warum sind Promis und ihre Geschichten in unserer heutigen Welt immer noch so wichtig?
Ich glaube, wir alle sind gerne Voyeure und nehmen gerne an einem Leben teil, was außergewöhnlicher ist. Was man jedoch nicht vergessen darf, ist, dass solche Stars auch ganz normale Menschen sind, die es eben geschafft haben, durch Musik oder Film oder Politik berühmt zu werden. Diesen Lebensweg dann erzählt zu bekommen und die Werte dieser Menschen kennenzulernen, ist einfach spannend. Wer würde nicht mal gerne mit dem Papst einen Kaffee trinken gehen? 

Was sagst du zum aktuellen Sportwahn? Geht man nur noch ins Fitnessstudio, um davon Bilder zu machen? 
Für mich hat sich das fast schon überholt. Als ich vor ein paar Jahren viel unterwegs war, gab es noch kein Instagram und ich war trotzdem unterwegs (lacht). Heute muss man ja immer gleich den Beweis für sein tolles Leben liefern. Ich kann mich da nicht ganz in die Faszination dieser Darstellung reinfühlen. Instagram ist für mich natürlich beruflich spannend, wie die großen Medienmarken sich präsentieren und was man davon lernen kann. Oder wenn ich neue Städte bereise, welche Spots es da gibt, wo man gewesen sein muss und so weiter. Dafür ist das Tool ideal. Meine eigene Position bei Instagram habe ich aber auch noch nicht gefunden, auch wenn es auf jeden Fall zur neuen Visitenkarte geworden ist. Websites interessieren ja keinen mehr (lacht). Ich habe mich schon vor zwei Jahren gefragt, wann die Instagram-Blase platzt, aber sie hält sich nach wie vor. Man muss einfach selektieren und auch öfter mal die Menschen austauschen, denen man folgt, damit der Feed sich ändert und man nicht in einer Blase lebt. 

Zu deinen Hobbys zählen unter anderem Wakeboarden, Rollerbladen, Joggen, Golfen und Tauchen. Gehört das fit sein auch zu deinem Beruf vor der Kamera dazu?
Ja. Das ist aber sowohl ein inneres als auch ein äußeres gutaussehen. Ich weiß nicht, wie viele Kollegen aus der Redaktion super sportlich sind. Ich glaube, wenn man so viel konzentriert an wichtigen Themen arbeitet, dann braucht man diesen Ausgleich. Für mich gehört das wie Essen und Atmen zum Leben dazu. Sport ist für mich Lebensqualität. 

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