Sepp Schauer © Erika Hauri

Wenn man alles an sich gut findet, gibt es keine persönliche Entwicklung mehr. 

von Laura Bähr

Herr Schauer, Sie verkörpern bereits seit Jahren den „Alfons Sonnbichler“ bei der ARD Telenovela „Sturm der Liebe“. Welche Rollen spielen Telenovelas in unserer heutigen Fernsehlandschaft? 
Sepp Schauer: In unserer hochtechnisierten Welt sehnen sich die Menschen nach guten und positiven Geschichten. Geschichten über die Liebe, natürlich, aber auch Geschichten über Freundschaft und das Auf und Ab des Lebens. Diese Sehnsucht ist bei den Leuten tief verankert und die bedienen wir. 

Worin erklären Sie sich den Erfolg Ihres Formates? 
Ich glaube die Besonderheit bei uns liegt darin, dass unsere Geschichten sowohl die jungen als auch die älteren Leute ansprechen. Das ältere Publikum ist ja das klassische Zielpublikum bei diesen Formaten, aber bei Autogrammstunden bekomme ich immer wieder mit, dass eben auch die jungen Zuschauer unsere Serie wirklich gerne schauen. Da ist wirklich für jeden etwas dabei und das gibt es im Fernsehen sonst nicht mehr so häufig. 

Sie haben, anstatt eine Schauspielschule zu besuchen, Privatunterricht bei Christiane Görner genommen. Warum? 
Bei mir war das keine freiwillige Entscheidung. Ich komme aus einer Kaufmannsfamilie, deswegen war nach der Schule direkt klar, der Junge lernt Kaufmann. Ich hatte mit der Schauspielerei damals auch noch gar nichts zu tun, sondern habe dann erst mit Mitte 30 damit angefangen und da war es natürlich für jede Schauspielschule zu spät (lacht). Und deswegen habe ich privaten Unterricht genommen. Damals war zwar noch nicht abzusehen, dass ich das mal als Hauptberuf ausüben kann, trotzdem wollte ich das Ganze auf professionelle Beine stellen und wirklich wissen, was ich da tue. In erster Linie ging es bei den Stunden tatsächlich auch um das Sprechtraining. Ich wollte so sprechen lernen, dass ich in ganz Deutschland schauspielerisch tätig sein kann. 

Muss der Schauspielerei denn unbedingt eine Ausbildung oder ein Studium vorausgehen? 
Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man lernt, wie man eine andere Person darstellen soll. Das kann man natürlich auch aus sich selber schöpfen, aber es ist schon vorteilhaft, das von Personen beigebracht zu kommen, die wissen wovon sie sprechen. Schließlich gibt es so viele Schauspieler, die sehr gut sind in dem was sie tun, aber leider keine Rollen bekommen. Nachdem ich so viele Jahre in dem Geschäft tätig bin, erkenne ich immer mehr, dass eine gute Basis wirklich wichtig ist. 

Woran liegt es denn, dass viele gute Schauspieler heute keine Rollenangebote bekommen?
In erster Linie braucht man eine gute Agentur, damit man präsent ist. Dann braucht man wirklich großes Glück, mit einem Quäntchen ist es da nicht getan. Irgendjemand muss dich zum richtigen Zeitpunkt entdecken und dir die passende Rolle anbieten. Und dann muss man es noch irgendwie schaffen, dass einen die Leute sehen wollen. 

Was hat sich in der Schauspielbranche Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert? 
Alles ist viel schneller geworden. Früher hatten wir sehr viel mehr Zeit unsere Formate zu entwickeln, heute ist die Zeit ein sehr drückender Faktor. 45 Minuten Sendezeit waren früher 13 Dreh-Tage, heute sind es sieben. Man muss als Schauspieler in der Lage sein, diesen Bedingungen gerecht zu werden und enorm viel Text in kürzester Zeit lernen. Im Durchschnitt drehen wir jeden Tag eine ganze Folge, also knapp 50 Minuten, das war vor 20 Jahren noch undenkbar. Als ich angefangen habe zu drehen, hat man am Tag vielleicht drei Sendeminuten gedreht.  

Lässt da die Qualität nicht zwangsläufig nach?
Es ist auf jeden Fall schwieriger sie zu halten. Wir versuchen jeden Tag schnell zu sein und uns diesen Stress trotzdem nicht anmerken zu lassen. Dazu braucht es vor allem eine gute Organisation. Wir drehen jeden Tag mit zwei Teams gleichzeitig, die Szenen im Studio und die Außen-Drehs. Dafür gibt es zwei Regisseure und vier Kameraleute, also 2 komplette Teams. Nur mit dieser Logistik ist das überhaupt möglich. 

Sie haben in jungen Jahren vor allem den Bösewicht gespielt. Fehlt Ihnen diese Art Ihr schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen? 
Ich weiß nicht ob es mir direkt fehlt, aber natürlich haben solche Rollen auch ihren Charme. Die Antagonisten sind immer die etwas variableren Rollen. Auf der anderen Seite wird man dann natürlich vom Publikum nicht so geliebt, wie Alfons jetzt. Wenn aber ein Angebot käme, was nebenbei machbar wäre, würde ich es natürlich annehmen. 

Sie hatten Ihren Durchbruch mit 40 Jahren. Kann man den Erfolg anders genießen, wenn man „erwachsener“ ist?
Ja, natürlich. Ich hatte vor der Schauspielerei ein ganz anderes Leben durch meine Arbeit in meinen Gastronomiebetrieben und natürlich eine ganz andere Lebenserfahrung als viele junge Kollegen. Es ist schön, wenn man in jungen Jahren schon Karriere macht, allerdings ist es dann wichtig, dass man jemanden im Hintergrund hat, der einen auf dem Boden hält. Das kann in unserer Branche nämlich auch zackig ins Auge gehen, wenn man die Erdanbindung verliert. Vielleicht weiß man alles auch ein bisschen mehr zu schätzen, wenn man schon älter ist. 

Wären Sie gerne früher in die Schauspiel-Branche gestartet, wenn Sie heute erleben, wie jung viele Ihrer Kollegen ihre Karriere starten?
Ich bin mit meinem Leben so wie es gelaufen ist, nicht unglücklich. Das kam alles zur richtigen Zeit. Mittlerweile bin ich sehr glücklich, dass ich meinen Traumberuf ausüben und damit sogar mein Geld verdienen kann. 

Sie und Ihre Frau Corinna Binzer veranstalten auch kabarettistische Programme. Wieso wird es gefühlt immer wichtiger, die Menschen zum Lachen zu bringen?
Kabarettisten und Comedians spielen eine  wichtige Rolle in der Gesellschaft. Früher gab es ja eigentlich nur das politische Kabarett und das war natürlich nicht für jeden was. Heute geht es in solchen Bühnenprogrammen häufig auch um gesellschaftliche Themen, und mit  Humor bekommt man viel mehr Menschen ins Boot. Das ist ja dann nicht immer nur Schenkelklopfen, sondern das sind auch wirklich wichtige Gedanken zur aktuellen Zeit. Darauf achten wir auch bei unseren Programmen, gerne ernstere Themen mit einem Augenzwinkern an den Mann/die Frau zu bringen. Auch der Anspruch des Publikums ist ja Veränderungen unterworfen. Wenn man da an frühere Zeiten und z.B. einen Atze Schröder zurückdenkt, da waren solche Jungs noch Exoten, eben weil es vorher nur das politische Kabarett gab. Der hat dann von seinem Proll-Alltag erzählt und das hat den Leuten gefallen. Daraus hat sich dann schnell eine ganze Szene entwickelt. Ich muss allerdings auch sagen, dass es einige Comedians gibt, bei denen ich einfach nicht lachen kann. Auf der anderen Seite gibt es aber natürlich auch einige sehr gute, bei denen man sogar vor dem Fernseher lachen muss, und nicht nur, wenn man diese Leute live auf der Bühne sieht. 

Wieso können Sie bei manchen nicht lachen? 
Weil viele einfach nicht meinen Humor treffen und weil es auch ganz oft alte Witze von früher sind, die ich schon alle kenne (lacht). Die sind dann häufig einfach nur ein bisschen umgestrickt. Da haben wir vor 40 Jahren schon darüber gelacht, irgendwann ist ein Witz dann auch auserzählt. 

Kann Humor ein Ausweg bei vielen Problemen unserer Gesellschaft sein? 
Ja. Er hilft auf alle Fälle, aber es gibt keinen Kabarettisten, der das Ganze objektiv sehen kann. Man muss sich also darauf einlassen, dass dieser Mensch einem seine Sicht der Dinge erzählt. Aber ich glaube, wir haben aktuell in der Gesellschaft so viele Probleme, die werden wir allein mit Humor nicht lösen können. 

Zum Beispiel? 
Vordergründig geht es uns ja allen gut. Aber wir müssen unbedingt wieder mehr darauf achten, was mit unserer Gesellschaft passiert. In welche Richtung wir politisch tendieren, dass das Ganze nicht zu weit nach rechts geht. Das ist die allergrößte Gefahr im Moment, die mit Humor glaube ich nicht zu bekämpfen ist. 

Kann denn der Journalismus immer diese Objektivität liefern, die den Kabarettisten (ganz bewusst) fehlt?
Nein. Ich glaube nicht, dass irgendjemand es schafft ganz objektiv zu sein. Selbst wenn man als Journalist die Pflicht hat objektiv zu sein, hat man trotzdem seine persönliche Einstellung und das ist auch gut so. Schließlich ist die Meinungsfreiheit eines der wichtigsten Grundrechte. Jeder Mensch, nicht nur der Journalist oder Schauspieler sollte eine eigene Meinung haben und die auch äußern dürfen, das muss eine Demokratie vertragen. Das ist auch nichts Schlimmes, solange die Menschen nicht den Fehler machen, sich auf eine Meinung zu verlassen. Es ist immer wichtig sich verschiedene Standpunkte in verschiedenen Medien anzuhören, schließlich gibt es da auch Richtungen und Präferenzen, dessen muss man sich immer bewusst sein. 

Was halten Sie denn von aktuellen Kabarett-Programmen wie „Neo Magazin Royal“, „Die Anstalt“ oder „Die Heute-Show“? 
„Neo-Magazin“ habe ich noch nie gesehen, „Die Anstalt“ und „Die Heute-Show“ schon. Die sind auch beide wirklich gut, man merkt, dass da kluge Leute dahinter sitzen, die wissen was sie tun. Allerdings muss man auch selbst ein bisschen Ahnung von dem Geschehen in der Welt und den Hintergründen haben, um diesen Humor zu verstehen, dann ist er aber richtig gut. 

Was geben Ihnen die Auftritte auf der Bühne, was Ihnen das Spiel vor den Kameras nicht geben kann?
Auf der Bühne zu stehen, ist das wahre „Gauklertum“. Da stellt man sich vor die Leute und erzählt denen was und die nehmen das an und lachen oder eben auch nicht. Dieser direkte Kontakt mit dem Publikum hat man auch beim Theaterspielen, aber beim Dreh fürs Fernsehen fehlt das leider. Natürlich gibt es auch Szenen, bei denen dann vielleicht mal der Kameramann lacht, aber das ist nicht an der Tagesordnung. Man braucht als Schauspieler glaube ich von Zeit zu Zeit einfach auch ein Publikum, was einem das Gefühl gibt, das was du losschickst, kommt direkt bei ihnen an. Das ist schon eine sehr befriedigende Angelegenheit. 

Sie scheinen sehr heimatverbunden. Wie wichtig ist Nationalstolz in einer globalisierten Welt?
Sehr wichtig. Ich liebe meine Heimat und bin froh, dass ich hier geboren wurde und leben kann, aber das heißt nicht, dass ich nicht auch gerne über den Tellerrand hinausschaue und wissen will, was in der Welt passiert. Wir müssen heute alle global denken, denn die Wirtschaft und die Politik ist auch eine globale, da kann man sich nicht mehr verschanzen. 

Stand Ihnen Ihr Dialekt bei Ihrem Beruf auch schon mal im Weg?
Ja, natürlich. Es geht schon bei meinem Vornamen los. Wenn es eine Produktion in Berlin oder Köln gibt und es eine Rolle zu besetzten gibt und beim „Showreel“ steht Sepp Schauer, dann ist eigentlich schon klar, wo ich herkomme. Dann heißt es häufig, ne einen Bayer brauchen wir dafür nicht. Wenn wir dann mal was in Bayern machen, kommen wir auf Sie zu (lacht). Früher war das tatsächlich ganz oft der Fall, heute ist es weniger geworden. Der Dialekt ist zwar in Bayern hilfreich, aber in der gesamtdeutschen Fernsehlandschaft eher hinderlich, das muss man einfach so sagen. 

Hat Sie das genervt? 
Früher schon ja, mittlerweile nicht mehr. Früher dachte ich, ich muss diesen Dialekt wegtrainieren. Inzwischen weiß ich, dass ich mich nicht mein ganzes Leben lang verstellen kann. Natürlich gibt es Schauspieler aus meiner Region die können beides, die sprechen auch astreines Hochdeutsch wie z.B. Elmar Wepper, der ja auch Mel Gibson synchronisiert, da hört man nichts. Also das geht schon, aber eben bei mir nicht (lacht). 

Nach 17 Jahren wilder Ehe haben Sie Ihre Lebensgefährtin vor zwei Jahren geheiratet. Welche Rolle nimmt die Ehe in der heutigen Zeit Ihrer Meinung nach noch ein?
Ich bin kein Ehe-Fan, auch nachdem ich jetzt verheiratet bin. Allerdings akzeptiere ich die Ehe, als das, was sie ist. Wir beide, meine Frau und ich, hätten die Ehe nicht gebraucht, aber es ist natürlich einfacher, wenn irgendwas passiert. Nur dann hat meine Frau die Möglichkeit alles zu erfahren und zu entscheiden. Also es stecken keine steuerlichen Gründe dahinter (lacht).

Sie sind nicht in auf sozialen Medien wie Facebook und Instagram vertreten. Warum? 
Ich sehe den Sinn nicht und bin vielleicht auch einfach schon zu alt. Für jüngere Schauspieler ist das natürlich wichtig, bei Instagram und Co. vertreten zu sein. Wenn man da die richtige Anzahl an Followern hat, wird man auch sofort für die ein oder andere Produktion interessant. Weil man als Produzent natürlich davon ausgeht, dass der Follower schon mal sicher in den Film geht. Ich bin jedoch nach wie vor der Meinung, dass es niemanden interessiert, was ich heute zum Abendessen hatte. Als Schauspieler breite ich ja sowieso schon viel von mir aus, schließlich ist ja auch etwas von mir in den Rollen, die ich spiele, da muss ich nicht auch noch mein Privatleben öffentlich ausleben. 

Was sagen Sie zum aktuellen großen Problem des Vergleichens, das gerade auch in kreativen Branchen, wie der Schauspielerei, eine immer größere Rolle spielt? 
Das ist ja bei uns Schauspielern schon immer so gewesen. Wir haben einen öffentlichen Beruf, zeigen uns und sind damit beurteilbar. Ob das jetzt objektiv die richtige Bewertung ist, spielt überhaupt keine Rolle. Wichtig ist nur, wie es beim Publikum ankommt, da liefert man sich als Schauspieler jeden Tag ein Stück weit aus. Das Vergleichen ist leider für viele junge Menschen heute zur Tagesordnung geworden. Bei der Flut an Informationen und den Möglichkeiten am Leben der Anderen teilzunehmen, ist natürlich immer einer dabei der erfolgreicher oder schöner ist, als man selbst. Entweder wird unser Leben irgendwann so öffentlich, dass jeder von jedem anderen alles weiß oder diese ganze Flut geht wieder ein bisschen zurück. Ich hoffe irgendwann besinnen wir uns wieder mehr auf uns selbst und schauen nicht die ganze Zeit, was der andere besser kann. 

Hatten Sie in Ihrem bisherigen beruflichen und privaten Leben eine Phase des Selbstzweifels?
Wenn man als Schauspieler keine Selbstzweifel hat, läuft etwas schief. Es schadet natürlich nicht, wenn man sich auch selbst ein bisschen toll findet, schließlich muss man sich auch verkaufen, aber man muss sich ein Stück Selbstzweifel beibehalten. Wenn man alles gut an sich findet, gibt es keine persönliche Entwicklung mehr. 

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