Modefotograf Oliver Rudolph

Je weiter man als Fotograf kommt, desto einfacher wird die Fotografie selbst.

von Laura Bähr

Oliver, du bist als Event-Fotograf in die Branche gestartet. Braucht man eine Ausbildung oder ein Studium, um als Fotograf erfolgreich zu werden? 
Oliver Rudolph: Nein. Ich würde sogar eher davon abraten eine Ausbildung als Fotograf zu beginnen. Erstens ist es sehr schwierig, überhaupt eine Ausbildungsmöglichkeit zu finden und dann noch einen Ort, wo man sich wirklich ausprobieren kann… Das ist eigentlich unmöglich (lacht). Außerdem sind die Gagen, die man da lange Zeit bekommt, unterirdisch. Da verdient man als Friseur mehr. Ich habe einen Weg hinter mir, den ich keinem empfehlen würde, da gab es Phasen, da konnte ich meine Miete nicht bezahlen. Am Ende waren es meine Sturheit und mein Optimismus, die mich immer weiter angetrieben haben. Heute bin ich glücklich, da wo ich bin, aber es gab Verluste in allen Bereichen. 

Was sollte man stattdessen tun? 
Ich würde den jungen Leuten, die in die Branche einsteigen möchten, empfehlen, Mediendesign oder Medienmanagement zu studieren. Das hat vielleicht im ersten Moment nicht so viel mit der Fotografie zu tun, aber hilft einem beim späteren Beruf umso mehr. Fotografieren kann man immer und überall. Außerdem sollte man viel „netzwerken“ und sich mit Kollegen zusammentun. Es gibt so viele talentierte Fotografen, aus denen aber nie was wird, weil sie nicht gelernt haben, sich zu verkaufen. Du kannst in der Branche noch so viel Talent haben, ohne diese Fähigkeit kommst du nicht weit. Die erfolgreichsten Fotografen sind Meister der Selbstvermarktung. 

Also sind Talent und technisches Wissen weniger wert, als eine erfolgreiche Selbstvermarktung? 
Ja. Es gibt natürlich Talente, bei denen man denkt, wow, der macht das jetzt seit ein paar Monaten und das hat schon „Vogue-Niveau“. Die gibt es immer, aber das sind die Ausnahmen, an denen man sich nicht messen darf. Natürlich braucht man ein gewisses Auge für Ästhetik und Schönheit. Aber vor allem braucht man Menschenkenntnis und Empathie. Am Ende des Tages kommt es darauf an, wie man mit den Menschen am Set umgeht. Ich kenne mich zum Beispiel auch nicht super mit Technik aus. Man braucht Grundkenntnisse, beim Rest kann man improvisieren. Ich bin der Ansicht, dass man seine Fotografien in den seltensten Fällen durch eine teurere Kamera verbessert, sondern nur durch besseres Licht und ein besonderes Motiv. Das macht das Foto am Ende des Tages aus. Je weiter man als Fotograf kommt, desto einfacher wird die Fotografie selbst. Dann geht es immer mehr um gute Konzepte und ein gutes Team und das reine Fotografieren wird beinahe zur Nebensache. Ich sehe mich selbst auch nicht als Künstler, sondern eher als Organisator. 

Der Markt scheint so hart wie noch nie, hast zu Zukunftsangst? 
Natürlich gibt es viel mehr Fotografen als früher, weil es dank der digitalen Fotografie viel einfacher geworden ist, gute Bilder zu machen. Fotografie ist ein Trend, den sich jeder leisten kann. Allerdings beobachte ich, dass die High-End-Branche auf der anderen Seite immer kleiner wird. Wenn man sich dort einmal etabliert hat, dann ist das häufig ein Selbstläufer. In den seltensten Fällen sind die besten Fotografen auch die erfolgreichsten. Dieses Bild des Starfotografen von früher was viele noch im Kopf haben, das stirbt immer mehr aus. Heute bestimmen die umgänglichen und professionellen Fotografen den Markt.

Instagram und Co. werden immer wichtiger. Sind die sozialen Medien die neue Visitenkarte der Fotografen? 
Ja, auf jeden Fall. Instagram ist Fluch und Segen zugleich. Ich muss mich selbst immer wieder dazu ermahnen, etwas zu posten oder hochzuladen, weil ich schnell „Instagramfaul“ werde. Allerdings muss man auch ganz ehrlich sagen, dass die Reichweite dieser App einfach enorm ist. Neulich habe ich einen „Boomerang“ vom letzten Shooting mit einem Model hochgeladen und daraufhin als Reaktion eine Anfrage von einer großen, namenhaften Marke erhalten, weil die diesem Model folgt und so auf meine Arbeit aufmerksam wurde. Man darf Instagram also auf keinen Fall unterschätzen und sollte das Ganze auch für sich nutzen. Was man jedoch nicht sollte, ist seinen Erfolg oder sein Können daran zu messen, wie viele Follower oder Likes man auf Instagram bekommt. Es gibt so viele tolle Fotografen, die kennt auf Instagram niemand, weil sie nicht aktiv sind und die sind trotzdem super erfolgreich in ihrem Business. Es ist also nicht unbedingt notwendig.

Was sagst du zu dem allgemeinen Trend, dass die visuelle Ausrichtung der Gesellschaft eine immer größere Bedeutung einnimmt? 
Ich bin mir nicht sicher. Tools wie Instagram können natürlich super hilfreich sind. Nicht nur für die Menschen in der Branche, sondern allgemein. Man ist schnell vernetzt und kann mit verschiedensten Künstlern in Kontakt treten. Ich nutze Instagram mittlerweile auch als Freundschaftstool, um zu wissen, was die Menschen in meinem Umfeld den ganzen Tag machen, wenn ich nicht immer in direktem Kontakt mit ihnen stehen kann. Schwierig wird das Ganze natürlich, wenn es starke Trends gibt, wie beispielsweise die Beauty-Trends, an denen sich die jungen Mädchen heutzutage orientieren. Da muss man auf einmal superdünn und supersexy sein – mit vierzehn Jahren. Da sind einige Influencer keine guten Vorbilder. Auf der anderen Seite gibt es auch positive Entwicklungen, die durch solche Tools verstärkt wurden, wie zum Beispiel der Trend zu „unisex“. Es ist heute auch okay, wenn ein Mädchen eine Boyfriend-Jeans und ein Männerhemd trägt, es geht nicht mehr nur um Brüste und Kleidchen. 

Spielt die Sexualität denn nach wie vor eine wichtige Rolle in der Szene? 
Oh ja, mehr denn je. Die breite Masse springt nach wie vor auf das Sexuelle und das Extreme an. Meiner Meinung nach sogar noch stärker als früher. In den 90er Jahren waren wir prüde im Vergleich zu heute (lacht).  In der High-End-Branche dreht sich die Mode allerdings immer mehr um das Coole und Freche, da muss nicht immer alles klassisch schön sein. Ich persönlich finde den zeitlosen Look am schönsten – Bilder, die vor 30 Jahren angesagt waren und vermutlich auch in 30 Jahren ihren Wert nicht verloren haben. 

Hat sich dein Schönheitsideal im Laufe deiner Karriere verändert? 
Ja und Nein. Natürlich muss man als Fotograf auch immer ein bisschen mit den Trends gehen, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Trotzdem habe ich es mir zum Ziel gemacht, meinem Schönheitsideal am Ende des Tages treu zu bleiben.

Der Trend scheint aktuell wieder zur analogen Fotografie zu gehen…
Ich glaube, das ist kein Trend mehr, das wird sich langfristig durchsetzen. Die Fotografie wird dadurch auch wieder viel spannender, weil das Handwerk in den Vordergrund rückt. Bei den Kameras, die aktuell den Markt bestimmen und den ganzen Tutorials, die für alle verfügbar sind, kann jeder innerhalb kürzester Zeit tolle Bilder schießen. Auch deswegen bin ich ein Fan der analogen Welle, sie bringt uns die eigentliche Fotografie wieder näher, das Echte. Das Ganze ist natürlich sehr zeitaufwendig und teuer, das heißt für die Mehrzahl an Kunden wird es erstmal nicht interessant sein, schließlich muss heute alles sehr schnell gehen und für so wenig Geld wie möglich. Die meisten Kunden wollen die Bilder nach den Shootings innerhalb der nächsten zwei Tage. Das heißt, ich muss die Retusche schon vorab buchen, damit direkt nach dem letzten Bild gestartet werden kann. 

Welche Rolle spielt die Retusche bei deinen Fotografien? 
Mittlerweile eine große. Ich nehme mir viel mehr Zeit für die Retusche als früher, verändere am Bild selbst allerdings viel weniger. Das ist auch die Kunst bei der Sache, irgendwann ein Gespür dafür zu bekommen, was man beim Bild bearbeiten muss und was man besser lässt, damit ein Bild auch seine Natürlichkeit behält. Ich versuche immer weniger zu retuschieren und das meiste über das Licht und die Farben zu bestimmen. Wenn man eine gute Visagistin und ein Model mit guter Haut hat, braucht man aber auch einfach nicht viel.  

Wie haben sich die Ansprüche der Kunden in der Branche in den letzten Jahren gewandelt?
Es gibt Kunden, die zahlen sehr gut und verlangen dafür relativ wenig. Und dann gibt es Kunden, die wissen, dass es viele Fotografen gibt, die sich unter ihrem Wert verkaufen, beziehungsweise diesen Wert eventuell noch gar nicht kennen. Diese Kunden kaufen sich dann erstmal den „günstigsten“ Fotografen ein, merken aber meistens recht schnell, dass doch die Qualität leidet oder der Fotograf noch zu wenig Erfahrung hat. Am Ende des Tages hat man dann nichts gespart. 

Du arbeitest nicht nur für Kunden in Deutschland, sondern mittlerweile für Firmen weltweit. Worin liegen die größten landestypischen Unterschiede?
Deutschland ist ein kommerziell geprägtes Land. Es gibt sehr viele Werbe- und Katalogshootings, dafür kaum High-Fashion. Was die Bezahlung angeht, sind wir in Deutschland gut aufgestellt. Außerdem hat man weltweit einen ganz guten Ruf als deutscher Fotograf (lacht). 

Es macht den Eindruck, als ob der Trend auch immer mehr zum Bewegt-Bild geht. Ersetzt der Film in nächster Zeit das Bild? 
Nein, das glaube ich nicht. Jedoch wird der Film immer wichtiger, schließlich arbeiten die Modefirmen in ihren Spots jetzt schon vermehrt mit Bewegt-Bild, an jeder Säule sieht man plötzlich kleine Filmchen. Ich finde das Filmen an sich auch super spannend, kann mich nur persönlich überhaupt nicht dafür erwärmen, ich hasse Videoschnitt, da fehlt mir einfach die Geduld (lacht). Jedoch bekomme ich in den letzten Monaten immer mehr Anfragen dazu, sodass ich, wenn wir ein Lookbook shooten, immer öfter die Kamera aufs Stativ stelle und mitfilme.

Muss man sich als Fotograf auch mit dem Magerwahn unter den Models oder den schlechten Arbeitsbedingungen in der Modebranche auseinandersetzen? 
Auf jeden Fall. Der Magerwahn ist natürlich ein schwieriges Thema. Was man irgendwann verstehen muss, ist, dass es einfach Menschen gibt, die gute Gene haben. Die essen dann teilweise dreimal so viel wie ich und sind trotzdem superschlank. Viele Mädchen wollen das leider nicht wahrhaben. Das sind nun mal Dinge, die man nicht ändern kann und bei denen man ehrlich mit sich selbst sein sollte, so schwer es fällt. Das Problem ist, das Mädchen, die sich runterhungern schnell krank aussehen, das hat dann mit schöner Schlankheit nichts mehr zu tun. Nachhaltigkeit ist natürlich auch ein Thema, welches in der Branche zum Glück immer größer geschrieben wird, jedoch kommt es meiner Ansicht nach viel zu spät. 

Ist es für deine Beziehungen manchmal hinderlich immer die schönsten Frauen der Welt zu fotografieren?
Auf jeden Fall. Ich war bis vor kurzem lange Zeit Single. Man lernt als Fotograf natürlich sehr viele tolle und auch sehr hübsche Frauen kennen. Jedoch hat bei mir meistens die Vernunft gesiegt, die einem dann untersagt, das Berufliche mit dem Privaten zu verbinden. Mittlerweile habe ich zum Glück jemanden gefunden, der super zu mir passt und dem die ganze Branche auch nichts ausmacht. Trotzdem glaube ich, dass es als Fotograf schwieriger ist, jemanden zu finden, für den dieser Beruf kein Dorn im Auge darstellt. Man ist ständig unterwegs und natürlich mit vielen Models und Visagistinnen eng vertraut. Da muss man als Frau sehr viel Selbstbewusstsein und Vertrauen mitbringen. 

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