Rafael Gareisen © Maximilian Motel

Schauspiel sollte eher Suche nach Wahrheit sein, als ein Nachahmen der Wirklichkeit.

von Laura Bähr

Rafael, dein Vater ist ebenfalls Schauspieler, inwieweit hat das deine Einstellung zum Beruf verändert?
Rafael Gareisen: Ich hatte das große Glück sehr frei aufzuwachsen und mich schon von klein auf kreativ entfalten zu können. Mit 6 Jahren habe ich dann beschlossen dass ich entweder Schauspieler oder Rockstar werden will. Mit 14 hatte ich die Möglichkeit an der Berliner Schaubühne spielen zu können und mein Vater hat mich immer sehr behutsam begleitet, mit Gesprächen über die Rolle und Parallelen zu meinem eigenen Leben und Denken, zu Wünschen und Ängsten. Das hat mir sehr geholfen einen eigenen Zugang zur Rollenarbeit zu finden. Ab da wusste ich – das muss ich machen! Seit meinem Abitur mache ich das jetzt seit fast 10 Jahren Fulltime und dabei war mein Vater immer ein wichtiger Anker, dessen Meinung ich sehr schätze. 

Ist der Beruf des Schauspielers für dich auch eine Art Ausbruch aus der Realität? 
Für mich ist das Spielen nicht unbedingt ein Ausbruch aus der Realität, sondern eher eine Öffnung. Jedes Gefühl das man kennt nochmal zu amplifizieren und dadurch die Realität zu erweitern. 

Ist es nicht unbefriedigend, als Schauspieler permanent zu imitieren, statt etwas Eigenes zu schaffen?
Schauspiel sollte eher Suche nach Wahrheit sein, als ein Nachahmen der Wirklichkeit. Natürlich bewegen wir uns innerhalb von Grenzen, die durch das Drehbuch gesetzt werden, aber in der Rolle selbst, ist man als Schauspieler meiner Ansicht nach immer frei und kann eine ganz eigene emotionale Welt erschaffen. Wie ein Bildhauer der Psyche. 

Was braucht man heute, um sich in die Elite der Schauspiel-Runde zu spielen?
Ich glaube das Wichtigste ist, dass man bei sich bleibt und nicht immer direkt schaut, was machen die Anderen. 

Gehst du strategisch an deine Rollenauswahl? 
Ich habe das ganz große Glück bisher nicht auf ein Rollenfach reduziert zu werden und dementsprechend suche ich meine Rollen auch so aus, dass ich diese Vielfältigkeit beibehalten kann. Am wichtigsten ist für mich allerdings ob ich die Geschichte, die Figur oder die Vision des Projekts spannend finde. 

Wann bist du mit einem Projekt zufrieden? 
Das was mir am meisten Spaß macht, ist der kreative Prozess. Wenn man gemeinsam eine geschriebene Geschichte zum Leben erweckt und aus Zeilen auf dem Papier eine ganz eigene reale Welt wird, zumindest für einen Moment, dann ist das schon eine große Genugtuung.
Wenn man viel Herz reingesteckt hat, will man dann natürlich auch wissen, wie es ankommt und welche Kritik dazu geäußert wird, aber am Ende des Tages ist der erfüllende Teil das Machen. 

Du sagtest mal in einem Interview „Wenn du viel drehst, bist du auch viel alleine. Man ist nachts alleine im Hotelzimmer oder sitzt ständig am Flughafen rum.“ Ist der Beruf des Schauspielers – abgesehen von den Momenten vor der Kamera – immer auch ein einsamer?
Ja. Neben den vielen Reisen und den immer ähnlich unpersönlichen Hotelzimmern kommt auch dazu dass ein Arbeitstag nie wirklich aufhört. Sobald man zu Hause angekommen ist denkt man sofort wieder an den nächsten Tag, hat Ängste ob alles so funktioniert wie man sich das in der Vorbereitung vorgestellt hat etc. Man verbringt da schon definitiv viel Zeit alleine mit sich und seinen Zweifeln. Das kann aber auch eine Kraft haben, weil man dadurch Sehnsüchte und Wünsche anders spüren kann, die man dann wieder in seine Arbeit fließen lassen kann. 

Hat man denn als Schauspieler überhaupt irgendwann frei? 
Ich glaube die Entscheidung freizuhaben, muss man tatsächlich treffen. Das ist etwas, was ich in den letzten Jahren gelernt habe. Man muss da achtsam sein und sich sowohl die Pausen setzen um aktiv entschleunigen zu können als auch für sich freie Zeit ohne das Wissen von einem Anschlussdreh als freie Zeit geniessen zu können. 

Du spielst Gitarre und E-Bass. Wie wichtig sind Hobbies zum Ausgleich? Braucht man neben Job, der bei dir ja auch eine Berufung zu sein scheint, ein Hobby zum Ausgleich?
Musik für mich ein ganz wichtiges Ventil. Das Tolle an der Musik ist, dass man das Innenleben, wie auch in der Malerei, einfach mal ohne Reflexion rauslassen kann. Dieser Moment von Loslassen, wenn man Gitarre spielt und plötzlich zwei Stunden vorbei sind, das ist für mich wie Batterien aufladen. Darüber hinaus ist die Musik auch eine Kunstform, die noch mal eine andere Palette an Ausdrucksmöglichkeiten mit sich bringt. 

Welche Erkenntnisse hast du aus der aktuellen schwierigen Zeit gezogen? 
Das ist eine schwierige Frage. Auf der einen Seite hatte ich finanziell das große Glück ohne Sorgen eine, wenn auch aufgezwungene, Pause zu machen. Ich habe wieder mehr Musik gemacht, ich habe gemalt, habe vermehrt Kraft aus der Natur gezogen und mit der Ruhe und Schönheit von Waldspaziergängen oder Wandertouren auch wieder ein bisschen mehr zu mir gefunden. Auf der anderen Seite finde ich es sehr erschreckend, wie fragil das ganze Ökosystem der Kunst ist. Wenn man sich die aktuelle Situation kleiner Galerien, Theater oder Kinos anschaut, dann ist das schon beängstigend. Auch die Situation des Filmemachens ist im Moment schwierig. Proben über Zoom, das erschwerte Miteinander am Set und die ständige Befürchtung dass ein Projekt vielleicht nicht zu Ende gebracht werden kann. Ich habe ein bisschen Sorge, wenn ich das alles so beobachte, dass das unsere gesamte Branche auch nachhaltig beeinflussen kann. Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen, aber dafür brauchen wir eine gesunde, demokratische Streitkultur. 

Inwiefern? 
Durch die coronabedingten wirtschaftlichen Einbußen wird es für beispielsweise kleinere Produktionen, Dokumentar- oder lndie-Filmemacher sowie Programmkinobetreiber eine riesige Herausforderung bestehen zu bleiben. Genauso wie für kleinere Konzerthallen oder Off-Theater. Ich habe das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit für die diverse kreative Vielfalt nicht in dem Maße vorkommt, wie sie es verdient hätte. 

Hast du auch deine Prioritäten neu gesetzt? 
Absolut. Ich habe den Zugang zu mir wieder mehr geschärft. Man sieht wieder klarer was man eigentlich möchte und was die wahren Ziele im Leben sind. 

Aktuell steuern wir auf eine zweite Corona-Welle zu, da sich sehr viele, vor allem junge Menschen nicht an die Maßnahmen halten. Wie stehst du zu diesem Thema?
Das Grundlegende Problem in der Diskussion um Corona ist, dass sie wahnsinnig emotional aufgeladen ist. Existenzängste, Einsamkeit, das grundlegende Gefühl von Einschränkung oder auch die Angst um sich oder Angehörige bergen die Gefahr, dass man aufhört den Anderen verstehen zu wollen. Ich glaube, dass diese Schwarz-Weiß-Spaltung und der Zeigefinger aber nur zur weiteren Spaltung der Gesellschaft beitragen und eskalierenden Charakter haben. Das jetzt nur an den jüngeren Menschen festzumachen wird der Sache nicht gerecht. Natürlich haben alle Lust auf eine Normalität, wie man sie davor kannte und bei jungen Menschen sieht sie wahrscheinlich anders aus als bei älteren Menschen. Man müsste jetzt eher versuchen eine Lösung zu finden, wie man mit der Situation gesamtgesellschaftlich umgeht, schließlich wird uns das Virus noch eine ganze Weile begleiten. Wir brauchen Lösungen, die die verschiedenen Bedürfnisse ernst nehmen. Dafür brauchen wir in meinen Augen einen vielfältigeren Diskurs. 

Was bereitet dir, mit Blick auf die Gesellschaft, aktuell Sorge? 
Wir stehen aktuell vor sehr großen, richtungsweisenden Problemen wie dem Klimawandel und einer extremen Spaltung der Gesellschaft. Ich glaube wir müssen wieder anfangen zu lernen, miteinander zu sprechen und Lösungen zu finden. Wir müssen aufpassen, dass die ganzen Errungenschaften, die wir uns in den letzten Jahrzehnten erarbeitet haben, nicht verloren gehen. 

Ging es uns als Gesellschaft zu gut? 
Ich bin ein großer Fan von Positiv-Konditionierung. Ich glaube, dass es einem nicht zu gut gehen kann, sondern dass man dieses „gutgehen“ nutzen kann, um mit Empathie anderen zu begegnen, um es noch besser zu machen. 

Deine Schauspiel-Kollegin Lea von Acken meinte in einem Interview mit uns: „Wenn man alles kann, muss man sich noch genauer überlegen, was man wirklich will.“ Hat die Jugend von heute zu viele Möglichkeiten?
Da würde ich ihr zustimmen. Der Druck sich entscheiden zu müssen ist eine große Herausforderung für unsere Generation. Dadurch fängt man vermutlich auch eher an nach außen zu schauen und sich zu vergleichen, anstatt dem nachzugehen, was von innen, von einem selbst kommt, was man fühlt und was man will. 

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Hast du dich schon selbst verwirklicht?
Das ist natürlich schwierig zu beantworten, aber ich glaube ich bin auf einem guten Weg. Heute ist es für viele wahnsinnig schwer auf sich zu schauen, weil man permanent von dem „Anderen“ umgeben ist, Stichwort Social Media. Und man kann feststellen, dass vieles weltweit auch sehr ähnlich geworden ist. In allen Großstädten hat sich das Essen solange es #instagramable ist, die Mode und die Kultur mittlerweile doch sehr angenähert. Ich glaube eher, dass der Individualismus von heute eigentlich eher ein Wunsch nach eigener Jugendkultur ist. Wenn man sich beispielsweise die 68er anschaut, hat man sich über politische Themen, Philosophie oder Musik definiert. Heute kommt das mehr über „das Außen“. Mein Gefühl ist eher, dass es wieder einen großen Wunsch gibt sich wieder über das „Innere“ zu definieren. Über Interessen und Inhalte, mehr über Meinung und weniger über Äußerlichkeiten. 

Welche Rolle spielt denn das Aussehen für dich? Wie gut bist du darin, dich selbst zu lieben? 
Dadurch dass meine schauspielerische Arbeit eher von Innen kommt, das Außen sozusagen damit füttert und sich an Äußerlichkeiten lediglich bedient, spielt das für mich gar keine so große Rolle wie man vielleicht denkt. Bisher hatte ich auch großes Glück breit besetzt zu werden. Ob das der Strassenköter war oder doch der Love-lnterest. Aber ich würde lügen wenn ich behaupten würde Aussehen spielt in der Branche keine Rolle. Ob ich das gut finde ist eine andere Frage. 

Egoismus scheint neben Selbstverwirklichung eine große Rolle in der aktuellen Gesellschaft zu spielen. Muss man heute egoistisch sein, um etwas zu erreichen?
Das Narrativ hat sich irgendwie festgebrannt. Ich habe die Hoffnung, dass man das vielleicht verändern kann. Das man gesellschaftlich zu einer Ethik des Teilens kommt. 

Wie kann man das schaffen? 
Wenn ich das wüsste … Ich glaube dabei spielt Angst eine sehr große Rolle. Mittlerweile ist alles so schnell und komplex geworden, dass es extrem schwer geworden ist mal kurz durchzuatmen und alles für sich einzuordnen. Ich glaube viele verspüren dadurch einen extremen Druck. Social Media ist da nochmal ein Brandbeschleuniger weil man das Gefühl vermittelt bekommt, dass alle um einen herum glücklicher, erfolgreicher oder beliebter sind und man aber nicht gespiegelt bekommt, dass alle Bilder die man sieht ja auch nur inszenierte Momentaufnahmen sind, die aus dem Kontext gerissen wurden. Das führt in meinen Augen eher zu einer Neidkultur beziehungsweise zu einer Angst, dass einem etwas weggenommen wird oder werden könnte. Mit dieser Angst wird permanent gespielt ob es Werbung ist, Politik oder unbewusster auch in sozialem Kontext. Diesen Teufelskreis müsste man irgendwie unterbrechen. Sei es über die Kraft der Kunst, Grundeinkommen oder hier und da ein ehrlich gemeintes Kompliment im Alltag. 

Worin siehst du den Sinn im Leben? 
Ich glaube, den Sinn des Lebens muss man sich geben. Die Suche danach ist vielleicht das Entscheidende. 

Hast du schon gefunden, wonach du suchst? 
Immer mal wieder (lacht). Es sind diese kleinen Momentaufnahmen des Glücks, kleine Puzzleteile. Ich glaube es geht im Leben darum so viele von diesen kleinen Puzzleteilchen zu sammeln wie möglich und am Ende wird es ein farbenfrohes, wunderschönes Bild. 

Sendetipp: „Breaking Even“
Ab 14. Oktober 2020, mittwochs, 20.15 Uhr, in Doppelfolgen, ZDFneoAb Mittwoch 14. Oktober 2020, 10.00 Uhr, alle Folgen in der ZDFmediathek abrufbar  

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