Moderatorin Ariane Alter
Ariane Alter © ZDF/Robert Sakowski

Die Rolle der Frau ist quasi schon kontra Comedy.

von Laura Bähr

Frau Alter, für viele sind Sie die neue Nachfolgerin von Jan Böhmermann. Stört Sie dieser Vergleich nur weil man den gleichen Sendeplatz besetzt? 
Ariane Alter: Sagen wir mal so, ich würde diesen Vergleich nicht ziehen. Ich finde, das ist, als ob man Mieter eins mit Mieter zwei vergleicht. Man hört ja auch selten, „der Vormieter hat aber nicht so oft am Spülkasten rumgewerkelt“ (lacht). Nur weil es der gleiche Sendeplatz ist und unser Format die Bezeichnung „Late Night“ trägt, lässt es sich meiner Ansicht nach noch lange nicht vergleichen. Aber ich möchte da auch keinen aufhalten.

Sie haben im Studio den Schreibtisch durch ein Sofa ersetzt. Was möchten Sie in „Late Night Alter“ anders machen als Ihr prominenter Vorgänger? Mit welchem Gefühl soll ihr Publikum nach Hause gehen oder die Menschen das TV-Gerät ausschalten?
Ich schließe da gerne von mir auf andere und frage mich, was ich gerne sehen würde und dann versuchen wir das im Team umsetzen. Wir sind da natürlich auch noch nicht auf dem Stand, wie wir uns das alle gerne wünschen. Aber das ist bei „Late Night“ normal, man muss sich zunächst gemeinsam einspielen.

Ich wünsche mir für meine Zuschauer, dass sie aus der Sendung gehen und etwas Neues gelernt haben oder eine Sache aus einem anderen Winkel betrachten können. Das ist, glaube ich, auch gut zu schaffen, schließlich wird die weibliche Sicht auf viele Thematiken im Fernsehen immer noch viel zu wenig vertreten. Außerdem wünsche ich mir, dass ich die Spannung aus dem Leben vieler nehmen kann. Wir sind ja durchaus selbstkritisch und ironisch und wenn ich persönlich solche Sendungen sehe, dann entspannt mich das immer (lacht). Ich denke dann ganz oft, dass ich vielleicht doch nicht so viel leisten muss, wie es einem zum Beispiel auf Instagram jeden Tag suggeriert wird. 

„Ich wünsche mir für meine Zuschauer, dass sie aus der Sendung gehen und etwas Neues gelernt haben.“

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit vor der Kamera ohne Publikum verändert? Gibt es auch Vorteile am „allein sein“ im Studio?
Das Schöne am Aufzeichnen mit Publikum ist natürlich, dass direkt jemand auf das reagiert, was man da tut. Wie früher in der Schule, man tüftelt ewig an etwas herum und dann sitzt da ein Publikum und alle freuen sich auf das, was kommt. Das ist eine ganz spezielle Stimmung im Raum. Die fehlt natürlich. Auf der anderen Seite macht man, wenn man vor Publikum spielt, die Sendung gleichzeitig für die Menschen und die Kamera. Und das verlangt natürlich immer ein bisschen mehr. 

Die Schauspielerin Lea von Acken meinte in einem Interview mit uns: „Wenn man alles kann, muss man sich noch genauer überlegen, was man wirklich will.“ Sie moderieren schon gefühlt ihr halbes Leben für große Formate wie MTV, ZDF neo und Co. Mussten Sie jemals überlegen, was Sie wirklich wollen? 
Es war mir tatsächlich von Anfang sehr klar. Kurz bevor ich aufs Gymnasium gewechselt bin, wurde einem ja erklärt, warum das so wichtig ist und dass man dann direkt ins Studium wechseln kann und dann eben den Rest seines Lebens einen Beruf ausübt. Und ich dachte damals nur: Oh mein Gott, das will ich auf keinen Fall. 40 Jahre lang jeden Tag das gleiche tun (lacht). Ich wollte mich einfach breiter aufstellen, unterschiedliche Dinge tun.

Ich finde es schöner und spannender, dass man überall mal reinschauen kann. Aber Kritiker vermerken an dieser Stelle natürlich auch, dass man so kein richtiges Steckenpferd hat. Ich glaube, es ist sehr schwer zu wissen, was man will, bevor man es gemacht hat. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es ein Vorteil ist, viel auszuprobieren, weil man dann irgendwann weiß, was man will. 

„Das Schöne am Aufzeichnen mit Publikum ist natürlich, dass direkt jemand auf das reagiert, was man da tut.“

Was halten Sie vom Scheitern? 
Natürlich ist Scheitern kein schönes Gefühl und vor allem in Deutschland habe ich den Eindruck, dass viele Menschen gerne auf scheiternde Menschen schauen, weil man sich hier und da ein bisschen daran erhöhen kann (schmunzelt). Dass Menschen daran lernen und wachsen, erkennen die Zuschauer dann leider gar nicht wirklich. Wenn man sich das Scheitern nicht so zu Herzen nimmt, ist es, glaube ich, ein wichtiger Prozess im Vorankommen. So wird man vehementer in seinen Entscheidungen und arbeitet härter daran da hin zu kommen, wo man möchte. Und wenn es einem nicht so wichtig ist, hat man auch etwas gelernt und lässt es in Zukunft einfach sein. Das ist ein bisschen wie in Beziehungen. Während der Beziehung lernt man meist nicht so viel über sich selbst. Aber wenn es zu einer Trennung kommt, lernt man sich richtig kennen.

Sie sind als Powerfrau bekannt, die ohne Scham und mit ganz viel Mut alles durchzieht. Gibt es eine große Angst in Ihrem Leben?
Haie finde ich tatsächlich schwierig. Ich habe mit sechs Jahren heimlich den Film „Der weiße Hai“ gesehen und seitdem geht der mir nicht mehr ganz aus dem Kopf (lacht). So richtig Angst habe ich allerdings vor Dingen, die nicht zurückzudrehen sind, wir der Tod meiner Familie und meines Freundeskreises. 

„Wenn man sich das Scheitern nicht so zu Herzen nimmt, ist es, glaube ich, ein wichtiger Prozess im Vorankommen.“

Unterscheiden Sie zwischen der privaten Ariane Alter und der Moderatorin? Muss man heutzutage in der Öffentlichkeit eine Art Kunstfigur von sich schaffen, um sich privat zu schützen?
Ich glaube, das sollte jeder entscheiden, wie er mag. Ich bin nach außen hin meiner Ansicht nach keine Kunstfigur, auch wenn jeder Mensch natürlich aus viel mehr Facetten besteht, als er zeigt. Privat bin ich natürlich auch nicht immer die gut gelaunte Moderatorin. Das wäre ja auch schlimm, wenn ich morgens meine Familie mit „Hallo, herzlich willkommen, schön, dass du das bist“ am Küchentisch begrüßen würde (lacht).

Allerdings kann und darf man den Menschen, die man im Fernsehen sieht, meiner Ansicht nach nicht unterstellen, wie sie privat sein könnten. Eine Kunstfigur schützt natürlich sein Privatleben, aber ich glaube, damit muss man auch erst mal klarkommen. Diese Menschen müssen ja permanent in ihrer Rolle bleiben, das wäre mir persönlich ein bisschen zu anstrengend. Aber jeder wie er möchte.

Welche Rolle spielt Ihr Aussehen für Sie? Ein Mittel zum Zweck?
Sich zu mögen, hilft meiner Ansicht nach in jeder Lebenslage und natürlich vor allem, wenn man in der Öffentlichkeit steht. An manchen Tagen fällt es einem aber natürlich leichter, an anderen schwerer. Ich habe auch Tage, wo ich denke, oh man heute passt wirklich gar nichts. Dann versuche ich einfach weniger in den Spiegel zu schauen und mich nicht so oft an dieses Bild zu erinnern (lacht). Und dann gibt es Tage, wo man sich denkt, oh Mensch, das geht ja, gefällt mir. Grundsätzlich hilft es natürlich immer, wenn man nach dem Geschmack der breiten Masse „gut aussieht“, das kann man nicht anders sagen. Aber am Ende des Tages bringt einen das dauerhaft auch nirgendwo hin. 

„Sich zu mögen, hilft meiner Ansicht nach in jeder Lebenslage und natürlich vor allem, wenn man in der Öffentlichkeit steht.“

Hat die Demokratisierung des Schönheitsideals in unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach mittlerweile funktioniert? 
Also ich glaube bei manchen Gruppen schon, bei anderen nicht. Der Großteil der Menschen mag bei Frauen immer noch kleine Nasen, große Augen und Lippen und blonde, gelockte Haare (lacht). Diese Filteroptiken sehe ich einfach wahnsinnig oft, aber ich glaube, das sind auch in erster Linie junge Menschen, die sich noch suchen. Das Gute an Social Media und dem Internet ist, dass „Body positivity“ mittlerweile gut kommuniziert wird. Je nachdem, wo man hinschaut, ist es aber natürlich noch ein Kampf. Aber meine Bubble bei Instagram sagt mir immer öfter „nimm dich so wie du bist“. Ich würde jedem raten, sich so eine Bubble zu schaffen, dann lebt es sich entspannter. 

Frauen scheinen es im Bereich Comedy und Kabaretts nach wie vor schwerer zu haben als Männer. Teilen Sie diesen Eindruck? 
Wir sind bereits ein bisschen weiter, allerdings passiert das alles im Schneckentempo. In erster Linie liegt das am Stereotyp Frau. Die Rolle der Frau ist quasi schon kontra Comedy. Kontra sich in den Vordergrund spielen. Kontra lustig sein. Eine Frau soll nett, höflich und schön sein und auf keinen Fall zu laut. Das passt natürlich gar nicht zu schlechten Witzen, die unter die Gürtellinie gehen oder auch mal hart sind. Das entspricht nicht dem Frauenbild, was viele noch haben, da müssen wir noch mal ran. Frauen müssen endlich alles dürfen, was Männer tun. 

In einem Interview sagten Sie mal, wie sehr sie sich darüber freuen, dass Menschen sich dank ihres Podcastes zum Beispiel annehmen können. Haben Sie manchmal auch Angst vor dieser Herausforderung? Vorbild und Idol zu sein? 
Auf jeden Fall! Vorbild klingt immer so toll, aber man ist selbst auch nur ein Mensch und macht Fehler. Ich denke tatsächlich ab und zu: Darf ich das jetzt als Vorbild so sagen? Außerdem stelle mir ganz häufig die Frage, wie viele Fehler ein Vorbild haben darf? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, vor allem wenn man einen Monolog und keinen Dialog führt. Man weiß ja auch immer nicht, wie etwas verstanden wird oder ob man bestimmte Sachen im Nachhinein noch erklären kann. 

„Die Rolle der Frau ist quasi schon kontra Comedy.“

Wir haben vor kurzem mit dem Persönlichkeitstrainer Christian Bischoff gesprochen, der meinte: „Aktuell regiert das Zeitalter des Individualismus, jeder möchte sich gerne selbst verwirklichen.“ Haben Sie sich schon selbst verwirklicht?
Aktuell ja. Aber wer weiß, was ich in 10 Jahren machen möchte. Ich glaube, es wird etwas sehr Ähnliches wie jetzt, aber man weiß es natürlich nicht. Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar, dass ich schon so viel ausprobieren durfte. Das hat natürlich, da bin ich realistisch, auch nicht immer nur mit Talent, sondern auch mit viel Glück zu tun.

Wie glücklich ich bin, merke ich immer, wenn ich mit Freunden spreche, die Sonntagabend in eine Depression fallen, weil das Rad Montag wieder losgeht. Das hatte ich tatsächlich noch nie und darüber bin ich auch sehr dankbar. Aber so wahnsinnig individuell möchte ich gar nicht sein. Wenn ich auf Instagram bei Umfragen mitmache, dann bin ich ziemlich oft im Mainstream, was zum Beispiel meinen Klamottengeschmack angeht. Und darüber bin ich auch recht glücklich, schließlich gibt es vom Mainstream immer am meisten (lacht). 

Egoismus scheint neben Selbstverwirklichung eine große Rolle in der aktuellen Gesellschaft zu spielen. Muss man Ihrer Ansicht heute egoistisch sein, um etwas zu erreichen?
Eine schwere Frage. Wenn das Umfeld egoistisch ist, ist man vermutlich nicht schlecht beraten auch egoistisch zu sein. Ideal wäre es natürlich, wenn wir alle lernen würden, besser im Team zu arbeiten. Aber ich glaube, jeder muss für sich wissen, was macht mich glücklich und was brauche ich dazu.

Jeder muss zunächst sich selbst glücklich machen und dabei muss man auch egoistisch sein. Ich würde mein Glück zum Beispiel nie für das Glück eines anderen aufopfern. Erstens funktioniert das nicht und zweitens kennt sich jeder auch selbst am besten. Vielleicht wird die Welt im Umkehrschluss dann auch eine bessere, wenn jeder glücklich ist und dann vielleicht im zweiten Schritt auch andere glücklich machen will. Dieser ganze Egoismus entsteht ja auch häufig erst aus einem Mangel an Liebe und Glück. 

„Jeder muss zunächst sich selbst glücklich machen und dabei muss man auch egoistisch sein.“

Was haben Sie während der Lockdown-Zeit Neues über sich gelernt? 
Ich kann schlechter Rollschuhfahren als ich dachte. Das war ein bitteres Brot (lacht). Außerdem habe ich gelernt, dass ich gar nicht so viele Events brauche, um erfüllt zu sein, allerdings definitiv mehr als jetzt. Und es gab Situationen, wo ich dachte, zum Glück kann ich gerade nicht raus, weil ich einfach auch gerne zu Hause bin. Ich habe meine Angst, ständig etwas zu verpassen, ein Stück weit überwunden. 

Sendehinweis:
„Late Night Alter“ startet wieder am 04.02 und läuft immer donnerstags. In der ZDFmediathek stehen die acht neuen Folgen von „Late Night Alter“  jeweils am Tag der Ausstrahlung zur Verfügung. ZDFneo startet am selben Tag um 22.30 Uhr mit der ersten Folge, weitere sieben sind wöchentlich um 22.15 Uhr zu sehen.

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