In einer Krisenphase merkt man häufig, was eigentlich alles schiefläuft, bisher aber nicht zur Sprache kam.

von Laura Bähr

Herr Harrebye-Brandt, Sie gelten als Naturtalent in Sachen Sprachen und Dialekte. Welche Rolle spielt die Sprache in Ihrem Leben? 
Mathias Harrebye-Brandt: Die Sprache spielt eine große Rolle, weil ich frühzeitig damit angefangen habe, mich intensiv mit ihr zu beschäftigen. Ich bin in Dänemark geboren, das hieß von vornerein waren zwei Sprachen tagtäglich um mich herum. Ich habe sehr früh an Sprachen und dem Auditiven Gefallen gefunden und wollte Dialekte, die ich im Fernsehen oder Radio hörte, nachahmen können. 

Dann sind Sie auch ein Fan von bilingualer Erziehung? 
Ich glaube das Wichtigste ist, das man nichts erzwingt. Ich weiß nicht, ob es für ein in Berlin aufgewachsenes Kind Sinn macht, sofort mit ein paar Jahren Französisch oder Englisch zu lernen oder noch extremer ausgedrückt, ob es gleich Mandarin lernen muss (schmunzelt): Allerdings bin ich auf jeden Fall Fan, wenn mehrere Sprachen eine Rolle im Leben spielen. Ich glaube, wenn das Ganze „natürlich“ ist und man von beiden Elternteilen eine Sprache erlernen kann, dann ist das eine große Chance für das weitere Leben. Zweisprachig groß zu werden, kann nur Vorteile haben, weil man neben der Sprache auch direkt einen anderen Toleranzpegel beigebracht bekommt und zwei Sprachen und Kulturen permanent erleben kann.

Aktuell wird viel über den Verfall der deutschen Sprache – gerade bei Jugendlichen -gesprochen. Was sagen Sie dazu?  
Eine Diskussion, die wir in jeder Generation führen. Wir gehen mit Sicherheit nicht mehr so mit der Sprache um, wie wir es vor 30 Jahren getan haben. Vor 30 Jahren taten wir es aber auch nicht so wie vor 80 Jahren. Sprache entwickelt sich immer weiter. Natürlich sollte man darauf achten, dass sie nicht verkommt.

Sie sind als Teil der deutschen Minderheit in Dänemark aufgewachsen. Hat Sie das für Ihr späteres Leben geprägt?
Ja, auf jeden Fall. Die eigene Toleranz wird größer, weil man zweistaatlich aufwächst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man immer als „der Andere“ betrachtet wird. Lebt man mit dänischen Wurzeln in Deutschland ist man der Däne, lebt man mit deutschen in Dänemark ist es andersherum. Das fängt an bei dem Kulinarischen, geht über Sprache, Erziehung und Kultur. Du hast beim Sport zwei Nationen, für die du stehst. Du hast zwei Flaggen und zwei Länder, die am Ende des Tages aber eins sind. Nationen und Grenzbeziehungen sind durch die Politik entstanden. Der Mensch hat jedoch auf jeder Grenzseite dieselbe Mentalität und dieselbe Auffassung. Diese ständige Zweigleisigkeit prägt enorm und macht einen automatisch schon zu einem überzeugten Europäer. 

Den „Deutsch-Däne“ zu spielen ist zu Ihrem Markenzeichen in der deutschen und internationalen Film- & Fernsehlandschaft geworden. Ein Vorteil? 
Ich sehe das als Vorteil, ja, denn ich werde nicht nur als Däne, sondern auch als Skandinavier besetzt. Ich spiele genauso viele Finnen, Schweden und Norweger. Das macht auch Spaß (lacht). Es gab auch Phasen, wo Caster fragten: „Kannst du eigentlich auch hochdeutsch?“ Da ich irgendwann fast nur noch Dialekte bedient habe, ist das irgendwie untergangen, was natürlich auch schade ist. Was viele, die einen nordischen Dialekt besetzen wollen nicht wissen: Es macht einen enormen Unterschied, ob man einen Norweger, Schweden oder Finnen spielt. Ein Däne spricht komplett anders als ein Schwede, der Finne ist nochmal was ganz anderes. Das zu variieren und nicht nur einen nordischen Dialekt darzustellen, ist ein bisschen mein Auftrag geworden.

Sie spielten zunächst auf verschiedenen Theaterbühnen. Warum hat es Sie zum Fernsehen gezogen? 
Weil es mir einfach noch mehr Spaß macht. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und wenn man beides verbinden kann, ist es natürlich das Optimum. Die Möglichkeit der Arbeit vor der Kamera erfüllt mich aber noch ein bisschen mehr. 

Sie haben bereits mit Hollywoodstars wie Cate Blanchet und Tom Hanks gespielt. Was unterscheidet ihrer Ansicht nach, einen guten Schauspieler, von einem sehr guten Schauspieler? Braucht es Talent, Fleiß oder doch das Quäntchen Glück, um in Hollywood mitspielen zu dürfen? 
Es ist eine Mischung aus allem. Um den ganz großen Erfolg zu haben, bedarf es sehr viel Glück. Viele herausragende Schauspieler wären jetzt nicht da, wo sie sind, wenn sie nicht diesen einen Tag und diese eine Chance gehabt hätten. Man muss aber auch ein wahnsinniges Durchhaltevermögen haben, was viele unterschätzen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Talent. Natürlich kann man viel formen und sich weiterbilden, aber am Ende des Tages wird man mit einer Gabe geboren oder nicht. Am Ende geht es darum, dass der Zuschauer dem Schauspieler abnimmt, was er tut.

Vor einigen Tagen ging die letzte Folge „Lindenstraße“ über die Bildschirme, in der Sie früher einen Scientologen spielten. Wie hat sich die Fernsehlandschaft Ihrer Ansicht nach in den letzten Jahren verändert? 
Ich war zehn Jahre alt, als die erste Folge rauskam. Man kann sich noch an so viele Momente erinnern. Sowohl, als ich noch als Zuschauer vor dem Fernseher saß, als auch als Schauspieler mittendrin. Natürlich ist das ein einschneidendes Erlebnis, 35 Jahre Seriengeschichte über 3 Generationen, das hätte damals bestimmt keiner geahnt. Die Serie ist ja aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt worden, ich glaube rein kulturell wäre sie sonst noch einige Jahre weitergelaufen. Die letzten Jahre haben das TV-Business enorm verändert. 15 Millionen Zuschauer pro Folge sind aufgrund der Senderstruktur nicht mehr möglich. Fest steht, uns wird definitiv etwas fehlen. Die Lindenstraße hat viele Meilensteine im deutschen Fernsehen gesetzt. Ein Vorreiter und Vorbild für alle Serie, die noch kommen. 

Aktuell sind Sie in der ZDF-Serie „Merz gegen Merz“ zu sehen. Aus dem Beziehungszweikampf zwischen Frier und Herbst ist eine Familiensache geworden. Was macht das Serienkonzept so erfolgreich? 
Ich glaube einer der Erfolgsgaranten von Merz gegen Merz ist, dass der Humor nicht auf die Pointe am Ende ausgelegt ist! Der Autor Ralf Husman lässt den Humor durch die Figuren selbst entstehen und gibt dadurch viel Freiraum für die Entfaltung der einzelnen Charaktere! Es stecken sehr viele Alltags und Familienkonflikte, sowie die Höhen und Tiefen eines jeden Tages in den Handlungen. Der Zuschauer wird so automatisch mitgenommen und dabei aber nicht belehrt, sondern wie ich finde gut unterhalten. Mit diesem Ensemble hat es einen wahnsinnigen Spaß gemacht das zu bedienen! Da vor allem das Timing dabei wahnsinnig wichtig Ist! Mit Annette Frier und Christoph-Maria Herbst an der Spitze, Charlotte Bohning, Carmen Maja Antonie, Bernd Stegemann oder Michael Wittenborn hat man natürlich Berufsgiganten, die einen allein durchs Zusammenspiel die Höchstleistungen treiben können!

In Zeiten von Corona gilt in Deutschland gerade das Motto „stayathome“. Wie gestalten Sie diese Zeit zu Hause? 
Ich bin im Moment bei meinen Eltern. Das kam nur ganz zufällig, ich war zu Besuch, dann kam die Krise und seitdem hänge ich hier in Grenzland fest. Meine Frau, Kind und Hund sind auf Mallorca. Wenn man die Sorgen ein bisschen vergessen kann, lässt es sich hier aktuell sehr gut leben. Man ist extrem entschleunigt, auf dem Lande verändert sich nicht viel. Ich versuche zwei Stunden am Tag spazieren zu gehen, um Bewegung zu bleiben. Ich habe wieder intensiv angefangen zu kochen. Ich versuche die aktuell erzwungene Entschleunigung für mich zu nutzen.

Wie nehmen Sie als selbstständiger Schauspieler aktuell die Lage wahr. Wurden alle Filmprojekte auf Eis gelegt? 
Ja. Alle Projekte wurden von einem Tag auf den anderen auf Eis gelegt. Es wird nicht mehr gedreht und man weiß nicht, wann es weiter geht. Es ist als Schauspieler aber nicht ungewöhnlich, zwei oder drei Monate nichts zu verdienen, das heißt, die ganze Branche ist eine gewisse Ungewissheit durchaus gewohnt. Was viele allerdings belastet, ist die Tatsache, dass wir Schauspieler nicht unter die Hilfspaketen für Künstler fallen. Wir sind weisungsgebunden und im Angestelltenverhältnis und keine freien Künstler im klassischen Sinn. Man weiß also nicht was genau in den nächsten Wochen passieren wird und vor allem wie lange dieser Zustand andauert. Ich versuche es so locker zu nehmen, wie ich kann. Panik würde in diesem Moment vermutlich niemandem weiterhelfen. 

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen? 
Nein. In einer Krisenphase merkt man häufig, was eigentlich alles schiefläuft, bisher aber nicht zur Sprache kam. Die Regierung versucht alles so zu händeln, das Wirtschaft und Bürger abgesichert sind, das rechnen ich ihr hoch an. Für unsere Berufsgruppe müssten vielleicht gewisse Steuersenkungen angedacht werden. Erkenntnisse, die man aus so einer Krise mitnehmen sollte.

Sie gelten als bekennender Feinschmecker und Gourmet. Wie kritisch sehen Sie die Lage für kleine Restaurants und Lokale, deren Existenz aktuell auf der Kippe steht? 
Ich habe einige Freunde in der Gastronomie und nehme ganz unterschiedliche Stimmen wahr. Es kommt natürlich immer darauf an, wie der Laden läuft. Viele Menschen denken häufig bei gut laufenden Restaurants handelt es sich um kleine Goldgruben. Aber auch die können höchstens 2-3 Monate ohne Einnahmen überleben. Es gibt aber auch genügend Restaurants, die bereits nach einem Monat ohne Einnahmen dicht machen müssen. Der Glaube, dass man durch ein erfolgreiches Restaurant immer gut aufgestellt ist und von seinem Ersparten leben kann, ist ein weit verbreiteter Trugschluss. 

Was können wir als Gemeinschaft von dieser Zeit mitnehmen? 
Unsere Gesellschaft ist wahnsinnig fragil. Die Krise in Deutschland ist jetzt zwei Wochen akut und schon droht alles zusammenzubrechen, wenn man allen Berichten Glauben schenken will. Das finde ich erschreckend. Die Globalisierung stößt an ihre Grenzen. Und auch eine „reiche“ Gesellschaft wie unsere knickt ein, sobald das Zahnrad nicht mehr perfekt greift. Am wichtigsten ist es auch aus dieser Krise viel mitzunehmen oder nicht wieder alles zu vergessen. Wir müssen auf solche Situationen vorbereitet sein, koste es, was es wolle. Wir müssen die Solidarität und die einzelnen Regionen stärken und innerhalb des großen globalisierten Zirkus autarker werden. 

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