Bettina Zimmermann © Audible/Anne Wilk

Bettina Zimmermann: Heute kann man sich mit der ganzen Welt vergleichen. Das ist die größte Überforderung, die wir uns als Menschen selbst auferlegt haben. 

von Laura Bähr

Frau Zimmermann, Sie leben mit Ihrem Mann und Ihren Kindern in Brandenburg. Wie nehmen Sie aktuell die Stimmung dort wahr?
Bettina Zimmermann: Da wir in Brandenburg ruhiger und zurückgezogener wohnen, haben wir Corona und die Maßnahmen nicht so stark bemerkt, wie die großen Städte. Wir wohnen auf dem Land und hatten während des gesamten Lockdowns die Möglichkeit der Bewegungsfreiheit im Garten, das hat vieles vereinfacht. 

Wir haben kürzlich mit einem Schauspielkollegen, Mathias Brandt, gesprochen, der meinte, „in einer Krisenphase merkt man, was eigentlich alles schiefläuft, aber bisher nicht zur Sprache kam.“ Was ist Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren schiefgelaufen und was können wir aus dieser Zeit mitnehmen?
Ich hatte in der Zeit vor Corona mit Freunden und Familie immer wieder das gleiche Gespräch. Wo soll das alles noch hingehen? Immer größer, weiter, höher, was passiert eigentlich gerade mit unserer Gesellschaft? Ich glaube viele Menschen fühlen sich schon seit langer Zeit ausgelaugt, die Batterien sind leer, man hetzt nur noch von Termin zu Termin und weiß am Ende des Tages nicht mehr wofür. Und dann kam Corona und die große Bremse. Und so schlimm die Auswirkungen von Corona für Wirtschaft und Gesundheit auch sind, ich glaube, für viele Menschen war es auch eine bitter nötige Entschleunigung. Und dieses neue Gefühl, dass wir nicht immer schneller rennen müssen, nicht perfekt sein müssen, dass sollten wir alle aus der Krise mitnehmen. Ich habe mir persönlich fest vorgenommen, das so schnell nicht mehr zu vergessen.

Woher kommt diese Überforderung der Gesellschaft? 
Von dem immer „mehr“ an Information, von dem Wunsch nach Perfektion angetrieben durch Social Media, wo Filter, Fake und Größenwahn an der Tagesordnung sind. Und das branchenunabhängig. Kein Wunder, dass die Leute nachts nicht schlafen können, weil das Gehirn die ganze Zeit rattert. Ich kenne viele, die zu mir meinten, Corona war ihre Rettung. Aber keiner will es offen zugeben.

Was haben Sie in dieser Zeit zuhause erlebt? 
Zuerst muss ich sagen, dass wir als Familie Glück hatten, bislang nicht von dem Virus selber direkt betroffen zu sein, also niemand von uns war bisher krank. Das ist schon mal ein großes Glück. Natürlich haben wir aber alle Maßnahmen unterstützt und sind Zuhause geblieben und haben auch im Sommer und jetzt im Herbst auf große Urlaubsreisen verzichtet. In der Zeit Zuhause konnten wir uns als Familie auch wieder Dingen widmen, die im Alltag sonst zu kurz kamen, wie z.B. ausgiebig Gesellschaftsspiele spielen, Schränke ausmisten, Insektenhotels bauen, etc. Natürlich war das „Homeschooling“ eine echte Herausforderung. Am Anfang war es noch zu bewältigen, aber nach zwei Wochen wurde es aufgrund immer geringerer Motivation der Kids natürlich schwieriger. Wenn ich sagen würde, die Zeit war entspannend und leicht, würde ich lügen, aber dennoch kann ich sagen, es ging uns gut, zumal wir durch unseren Garten immer raus konnten. Daher ziehe ich auch meinen Hut vor Familien, die nicht die Möglichkeit hatten, weder im Garten noch auf einem Balkon zeitweise mal durchatmen zu können. Dennoch entstand in den Städten ja auch eine Welle der Hilfsbereitschaft und des Miteinanders. Schön zu sehen, dass es die Momente der Anerkennung des Pflegepersonals gab, das minutenlange Klatschen auf Balkonen und durch geöffnete Fenster. Schade nur, dass man nach dem Sommer davon nicht mehr viel spürt… Die Leute hetzen wieder durch die Städte, sind missmutig, genervt (nicht von den Corona Maßnahmen!) und einfach wieder komplett auf sich selber fixiert. Und was war eigentlich nochmal mit dem Pflegepersonal? Haben sie mittlerweile mehr bekommen als einen Applaus? Ich glaube nicht… Das ist sehr schade.

Sie haben sich ihre Schauspielausbildung mit Modeln finanziert. Aktuell ist der Beruf des Models oder des Influencers der Traum vieler junger Menschen. Können Sie das aus heutiger Sicht nachvollziehen?
Der Beruf des Influencers ist für mich ein großes Phänomen. Ich kann den Traum nach einer Begehrlichkeit, was viele damit verbinden, zwar nachempfinden, die Ausdrucksart aber ehrlich gesagt eher weniger. Früher gab es Fashionistas und Künstler, die nicht viel Geld hatten und ihre eigenen Phantasien in Sachen Mode mit wenig Mitteln ausleben mussten. Sie haben in Second-Hand-Läden nach tollen Fundstücken gesucht, sie umgenäht und ihren ganz eigenen persönlichen Stil kreiert und damit Trends gesetzt und dadurch auch Designer inspiriert. Heute werden Influencer mit Designer-Klamotten zugeschüttet und sollen dann eine Inspirationsquelle für junge Leute sein, die sich die Sachen gar nicht leisten können? Dieses Prinzip verstehe ich nicht. Es sollte mehr Influencer geben, die die Generation inspirieren und motivieren, auch ohne teure Dinge glücklich zu sein. Instagram ist ein reiner Verkaufsmarkt, das ist den meisten so glaube ich gar nicht bewusst. Der jungen Generation wird heute gesagt, sie kann alles werden und das stimmt auch, wenn man dafür kämpft und Können und Talent mitbringt. Dieser Weg dauert aber auch seine Zeit. Aber mit ein paar Selfies, aus dem nichts über Nacht bekannt werden? Das gelingt den wenigsten und ist meiner Ansicht nach auch nicht erstrebenswert oder gar langlebig. Ein weiterer Trend, der mir Angst macht, sind diese ganzen Filtergeschichten. Wie sollen junge Mädchen ein Selbstbewusstsein entwickeln, wenn sie denken, sie sind die einzigen mit Augenringen und Fettpölsterchen? Sollten wir unsere Kinder heutzutage nicht lieber dahingehend erziehen, dass sie eine Persönlichkeit entwickeln, der es egal ist, wie viele Likes sie für ein bearbeitetes Foto bekommen? Aber es gibt auch Influencerinnen, die gerade so eine Bewegung anschieben und zeigen, dass auch sie nicht perfekt sind. Wäre schön, wenn das nicht nur ein „Fishing for Followers“ ist, sondern einen dauerhaften Trend darstellen würde.

Wie können wir das schaffen?
Wir brauchen eine neue Natürlichkeit im Umgang mit den sozialen Medien. Es muss wieder ein echtes Miteinander geschaffen werden, echte Treffen und echte Unterhaltungen ohne das Telefon als Zwischeninstanz. Dass man sich austauscht und dass es wieder um echte Begegnungen und um echte Reaktionen und Aktionen geht. Und wir müssen aufhören uns zu vergleichen. Früher hatte man nur die Leute im Dorf oder in der Schule, mit denen man sich vergleichen konnte. Heute kann man sich mit der ganzen Welt vergleichen und macht das auch. Das ist die größte Überforderung, die wir uns als Menschen und Gesellschaft selbst auferlegt haben. 

In dem Rahmen spielt ja auch Selbstvermarktung eine immer größere Rolle. Nutzen Sie die sozialen Medien wie Instagram und Co. auch um sich als Person zu etablieren, bzw. hat man da überhaupt noch Chancen, sich dem zu entziehen?
Es ist schwierig. Mittlerweile steht auch in vielen Verträgen, dass man bestimmte Projekte über die sozialen Medien promoten muss. Das ist auch völlig in Ordnung. Nur ich finde es darf nicht Überhand nehmen. Ich habe zum Glück eine treue Gemeinde, die versteht, dass ich nicht täglich etwas poste. Ich tue mich allerdings auch unabhängig von den Projekten unglaublich schwer, private Dinge, wie z.B. mein Mittagessen zu präsentieren. Wen interessiert das auch? Ich finde es schwierig, jemandem zu glauben, der jeden Tag etwas postet, was er verkaufen will und immer wieder neue Sachen toll findet. Zumal die Posts meist nach ein paar Tagen gelöscht werden, sobald der Deal beendet ist, damit niemand sieht, dass der Account eigentlich nur noch eine reine Verkaufsplattform ist. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, es gibt viele Persönlichkeiten, die ich ganz großartig in ihrem Beruf finde, die aber meiner Meinung nach schon zu viel preisgegeben haben. Mein Bild von ihnen wurde durch die sozialen Medien irgendwie zerstört, sie haben mir etwas von der Phantasie und der Vorstellung über sie genommen. Das finde ich sehr schade. Vieles möchte ich gar nicht wissen. 

Sie sind ja schon seit Jahren in der deutschen Schauspielliga ganz oben. Wie schafft man es die Leidenschaft für seine Passion zu erhalten und trotzdem im täglichen Business Geld damit zu verdienen?
Man muss sich immer wieder neue Projekte suchen, die einen wirklich glücklich machen. Unabhängig von Prestige und Geld. Das A und O ist aber zu versuchen, sich selbst treu zu bleiben, was in dieser Branche gar nicht so einfach ist, weil man sich oft von Trends verleiten lässt und denkt, man müsse da jetzt auch dabei sein. 

Sie interessieren sich auch sehr für Innenarchitektur und Design. Haben Sie sich in der Lockdown-Zeit neu eingerichtet, um Ihr Zuhause noch schöner zu machen?
Oh ja, ich liebe es! Allerdings war es in dieser Zeit gar nicht so einfach die Wohnung neu einzurichten, da man ja nirgends hinkonnte, um sich etwas anzuschauen. Manchmal reicht es ja aber auch aus, eine Wand neu zu streichen oder Möbel einfach umzustellen, um ein neues Wohngefühl zu bekommen. Generell müssen Möbel aber nicht nur gut aussehen, sondern auch zum Alltag und Leben der Familie passen. Ein schönes Zuhause ist doch eher ein Gefühl von Geborgenheit. Was bringt einem ein Sofa, das gut aussieht, aber die Familie nicht gemeinsam gemütlich darauf kuscheln kann. Und was spricht eigentlich gegen eine Kuschelecke in der Küche? Wir haben eine offene Küche mit Esszimmer und in eine Nische jetzt ein Sofa gestellt, der absolute Lieblingsplatz, auch bei unseren Gästen. Einfach mal umdenken und neue Dinge Zuhause ausprobieren, dass kann ganz spannend sein.

Was halten Sie von dem Gedanken, dass der Arbeitsplatz in Zukunft bei immer mehr Menschen zuhause stattfindet – Stichwort Work-Life-Balance. Ist das für Sie eine Gefahr oder eine Chance?
Was total Sinn macht, sind meiner Ansicht nach Meetings, die nicht unbedingt persönlich stattfinden müssen, virtuell abzuhalten. Früher ist man oft für eine halbe Stunde Treffen, drei Stunden durch die Gegend gedüst. Meiner Meinung nach sollte sich eine Mischung aus Arbeiten im Büro und Arbeiten im Home-Office durchsetzen, die jeder so einplanen kann, wie es ihm passt. Denn ob ich Telefonkonferenzen im Wohnzimmer oder im Büro führe, ist nun wirklich egal. Allerdings darf die Möglichkeit aus dem Zuhause auszubrechen und sich persönlich mit Kolleginnen und Kollegen oder Kunden auszutauschen auch nicht verloren gehen. Zwei Tage Zuhause, drei Tage im Büro wäre meiner Meinung nach eine guten Balance.

Sie spielen in dem neuen Audible Original Hörspiel „Kohlrabenschwarz“ mit. Haben Sie das Gefühl, dass der Hörspieltrend die Gegenbewegung zu allen visuellen Reizen wie Instagram und Co. Ist? 
Ja, und gerade für Kinder ist das auch extrem wichtig. Die Kinder von heute bekommen viel zu viel vorgefertigte Bilder aufgetischt. Sei es im Fernsehen oder im Internet. Die Phantasie muss gar nicht mehr selbst ran, was dazu führt, dass sie sich zurückbildet und ersetzt wird durch Bilder, die nicht unbedingt kindgerecht sind. Selbst wenn ein Film mit Altersbegrenzung läuft, kommt teilweise Werbung z. B. für Computerspiele, die gar nicht in diese Altersbegrenzung hineinpassen. Völlig absurd. Gerade auch in Zeiten von Corona finde ich es extrem wichtig, nicht immer das TV-Gerät als Babysitter einzusetzen, sondern die Kinder auch wieder dahingehend zu erziehen, sich selber zu beschäftigen. Auch Langeweile ist wichtig für die Entwicklung eines Kindes, allerdings kann das natürlich auch anstrengend für die Eltern sein, das verstehe ich völlig. Auch zum Vorlesen haben viele keine Zeit. Da ist ein Hörspiel eine perfekte Alternative. Die Kinder können in eine andere Welt abtauchen, in der sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen können. Ich bin ein großer Fan des Hörspiels.

Schaffen Sie es auch, sich nur darauf einzulassen? Viele können ja nicht nur eine Sache gleichzeitig und müssen trotzdem nebenher Mails beantworten oder am Handy spielen…
Ja, das kann ich wunderbar. Wenn ich die Zeit habe, ein Hörspiel zu hören, sitze ich meistens im Zug oder fahre eine lange Autostrecke. Dann gibt es nur die Straße, das Hörspiel und mich. 

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagten Sie mal, Sie seien zuhause das Finanzministerium. Was bringen Sie ihren Kindern über Geld bei?
Dass es nicht unendlich aus dem EC-Automaten kommt, sondern man etwas dafür tun und damit haushalten muss (lacht). Die Jugendlichen sind heute einem großen Konsum ausgesetzt. Ich versuche meinen Kindern beizubringen, dass man Dinge, die einem gefallen, nicht immer gleich kaufen kann. Dass man dafür sparen muss und gegebenenfalls auf anderes verzichten. Ich wurde von meinen Eltern so erzogen, von dem verdienten Geld immer etwas beiseite zu legen, für die schlechten Zeiten. Reserven zu haben, ist immer gut. Wie man in Zeiten von Corona mehr denn je zu spürten bekommt. Auch finde ich es wichtig, Kindern zu vermitteln was einzelne Dinge kosten, wie z.B. Lebensmittel und in dem Rahmen ist es natürlich auch wichtig, direkt zu vermitteln, dass es Sinn macht, Geld für Qualität auszugeben und dann lieber nur einmal die Woche gutes Fleisch zu kaufen, als beispielsweise fünfmal schlechtes. 

Das Audible Original Hörspiel „Kohlrabenschwarz“ erscheint am 19.11.2020 auf Audible.

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