Michael Kessler © Audible/Anne Wilk

Das Festhalten an gewohnten Dingen ist eine typisch deutsche Tugend.

von Laura Bähr

Herr Kessler, Sie sagen von sich selbst, Sie seien ein effizienter Mensch. Wie wichtig ist Effizienz in unserer Gesellschaft?
Michael Kessler: Ich weiß nicht, ob es für die Gesellschaft immer wichtig und gut ist, in jeder Sekunde effizient zu sein. Wir haben alle sowieso schon einen enormen Druck, werden immer mehr von allen Seiten zugeballert, sollen immer funktionieren und wachsen und wachsen. Mit der Effizienz muss man also vorsichtig sein. Ich persönlich mag es, mit klarem Anfang und Ende, sehr konzentriert auf ein klares Ziel hinzuarbeiten. 

Kann Effizienz uns also auch gefährlich werden?
Ja, man muss wissen, wann man die Bremse zieht und sich ausklinkt. Wenn man im Zug sitzt und einfach mal aus dem Fenster guckt und träumt, anstatt effizient die E-Mails zu checken, kann das sehr erholsam und unglaublich wichtig sein. Nur so kommen wir auf andere Gedanken, lassen los. Wir beschäftigen uns die ganze Zeit zwanghaft, einfach mal nichts tun ist undenkbar. Dabei sollten wir viel öfter die Seele baumeln lassen, weil es einfach guttut. 

Sie waren mit ihrem Format „Ziemlich beste Nachbarn“ letztes Jahr in England, Italien und Russland unterwegs. Was fehlt Ihnen am Reisen momentan am meisten? 
Ein chinesisches Stichwort sagt: Wer sein Kind liebt, schickt es auf die Reise. Reisen sind wichtig, um andere Menschen, Kulturen, Lebensweisen und andere Religionen kennenzulernen. Ich bin kein Mensch, der in Corona-Zeiten völlig verzweifelt, weil er nicht mehr reisen kann. Ich kann auch darauf verzichten, wenn ich weiß, wofür es gut ist. Das ist alles Gewöhnungssache. Natürlich ist es schade und auf Dauer fehlt einem etwas. Wir sind es mittlerweile gewohnt jeden Tag, dank unserer großen Mobilität, überall hinzufliegen und hinzufahren. Vielleicht war es auch wichtig, uns diesen Luxus wieder einmal deutlich vor Augen zu führen, damit wir ihn wieder mehr wertschätzen. 

Würden Sie sagen, das Europa-Gefühl hat sich in der letzten Zeit verändert?
Ich bin ein großer Europa-Verfechter. Aber es ist natürlich schwer, in einer Gemeinschaft mit so vielen unterschiedlichen Ansprüchen einen Konsens zu finden. Ich glaube, dass sowas nur funktioniert, wenn alle es wollen. Gerade während solch einer Pandemie wird deutlich, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen, sonst funktioniert das ganze System nicht. Die großen Probleme muss man in der Gemeinschaft lösen. Ich finde es schade, dass viele Menschen der EU so kritisch gegenüberstehen und nur die negativen Punkte sehen. Die EU hat dem europäischen Bürger schließlich auch viel Gutes gebracht. Das fängt, ganz banal gedacht, bei den Roaming Gebühren für unser Telefon an. Das sind Dinge, die spürt jeder in seinem Geldbeutel, aber daran denken die wenigsten, wenn sie schimpfen. Wir sollten uns alle wieder mehr auf das Gute besinnen – in jeglicher Hinsicht. 

Durch die aktuelle Corona-Krise mussten viele kulturelle Programme und Comedy-Veranstaltungen abgesagt werden. Wie hat die Krise die Kultur ihrer Ansicht nach in dieser Hinsicht verändert?
Solange wir nicht wissen, wie das Virus funktioniert und was es anrichtet, sind wir alle zur Vorsicht aufgerufen und die meisten Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Natürlich ist das schade, aber da müssen wir uns alle am Riemen reißen. So schwer das für viele Menschen ist. Die einen leiden vermutlich mehr darunter, als die anderen, vieles ist nicht gerecht, aber eben nicht zu ändern. Wir sind in unserem Leben mittlerweile so sehr daran gewöhnt alles im Griff und unter Kontrolle zu haben und denken, wir können alles steuern und beeinflussen. Aber die Natur und dazu gehört das Virus auch, steuern wir eben nicht. Das wird uns gerade wieder klar vor Augen geführt. Wir können keine Krankheiten oder Naturkatastrophen steuern, das müssen wir endlich begreifen, da sind wir machtlos. 

Und die Auswirkungen auf die Kunst? 
Es ist brutal, aber nicht Tod der Kunst. In ein Theater, in das sonst 1000 Leute reinpassen dürfen nur noch 50. Ich habe auch schon in Stücken gespielt, wo wenig Publikum war, aber das hatte andere Gründe (lacht). In solch einem Ambiente kommt keine Stimmung, keine Atmosphäre auf. Natürlich tut mir das als Künstler im Herzen weh, aber es ist eine Phase, durch die wir durchmüssen, das wird auch wieder anders. 

Wir haben mit vielen Künstlern gesprochen, die ein bisschen Angst haben, dass die digitale Erreichbarkeit der Kunst, auch in Zukunft diese klassische Rezeption in Theatersälen und Co. kaputt macht. Haben Sie davor auch Angst oder sehen sie das als Fluss der Zeit, dass sich die Rezeption der Kunst verändert?
Ich bin ein Fan vom Fluss der Zeit. Dinge verändern sich. Man kann nicht immer nur Angst vor allem Neuen und Ungewissen haben. Alles ist im Wandel, das kann man sowieso nicht aufhalten und muss das Beste draus machen.  Am Anfang hatten die Menschen Angst vor dem Fernsehen, als es die Kinosäle ablöste, dann hatten sie Angst vor dem Internet. Wir müssen Veränderungen hinnehmen und mitgehen. Sich immer nur gegen den Wandel zu stellen, bringt einem am Ende des Tages nichts. Das Festhalten an gewohnten Dingen ist eine typisch deutsche Tugend. Wir möchten immer, dass alles so bleibt wie es ist. Der Tatort muss am Sonntag um 20:15 Uhr über die Bildschirme flimmern, komme was wolle. Wir halten sehr fest, konservieren gerne. Aber das Leben ist Veränderung, Verwandlung und Anpassung. Dem müssen wir ins Auge schauen.

Sie sagten mal in einem Interview: „Einen Saal zum Lachen zu bringen sei sehr viel schwieriger, als ihn zum Weinen zu bringen.“ Warum ist das so?
Durch traurige Emotionen, wie im Drama, wird die Träne beim Menschen viel leichter gelöst als das Zwerchfell beim Humor. Wenn in einem Film eine gute Person ermordet wird, die es nicht verdient hat, werden 99 % des Publikums weinen. Wenn ich einen Witz mache, sind es vielleicht 50 %. Humor ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, weil er sehr vielschichtig und unterschiedlich ist. Es muss so viel stimmen. Deshalb ist es immer schwieriger, die Menschen, die so bequem im Dunkeln sitzen, dazu zu bringen, zu lachen.

Haben Sie ein Geheimrezept, um trotzdem jedem ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern?
Humor hat viel mit Charme zu tun. Deshalb ist es im alltäglichen Umgang miteinander auch immer schöner und leichter jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Deshalb sollten wir das auch alle viel öfter tun, dem Menschen neben einem an der Supermarktkasse oder im Aufzug ein Lächeln schenken. Viele Menschen, so macht es den Eindruck, haben das Lächeln verlernt. Dabei hilft es allen Beteiligten und macht so viel glücklicher als Aggression oder schlechte Laune. Ich versuche das auch zu tun, selbst wenn es nicht immer einfach ist, aber es macht vieles so viel leichter. Hin und wieder muss man einfach Spannungssauflösung betreiben und das geht mit Lachen einfach am besten. Einer muss anfangen und dann können sich die anderen meist auch nicht mehr halten. 

Sie sind neben ihrer Tätigkeit als Schauspieler auch als Sprecher tätig, aktuell für das Audible Original Hörspiel „Kohlrabenschwarz“. Was fasziniert Sie daran?
Ich bin ein Schauspieler, der in seinen Berufsjahren wahnsinnig viel mit Bärten, Silikonteilen, Bäuchen, Perücken und Kostümen gearbeitet hat. So viele Mittel, die mir geholfen haben, die Figuren zu gestalten, die ich spielen durfte. Diesen Hilfsmitteln bin ich in einem Tonstudio beraubt. In einem Tonstudio arbeite ich nur mit meiner Stimme, das ist die größte Herausforderung. 

Wieso glauben Sie, ist ihre Stimme so beliebt?
Ich selbst halte meine Stimme für relativ gewöhnlich und nicht für sonderlich charakteristisch wie bei anderen Sprechern oder berühmten Sängern. Phil Collins wird man an seiner Stimme immer sofort erkennen, aber mich? Meine Stärken sind, glaube ich, die Emotionen. Ich kann mich in andere Rollen gut einfühlen und das, was ich spüre, dann zum Ausdruck bringen. 

Beim Vertonen ist es ja so, dass wir nur unser Gehör haben, um uns auf die Geschichte einzulassen.  Woher weiß man dann als Künstler, ob sowas wirklich gut geworden ist? 
Ich muss ehrlich sagen, dass das Hörspiel eigentlich nicht mein Metier ist. Ich bin da so reingerutscht. Natürlich ist es nicht so einfach alle Emotionen zu vermitteln, wenn man nur die Stimme zur Verfügung hat. Auf der Bühne oder vor der Kamera kann sich der Darsteller, wie auch der Zuschauer an viel mehr Dingen festhalten. Wenn die Mimik nicht funktioniert hat man noch die Stimme. Man kann Schwächen viel leichter ausgleichen. Wenn man allerdings beim Hörspiel nicht überzeugt, hat man verloren. Deshalb ist es wichtig, bei den Aufnahmen mit dem ganzen Körper zu sprechen, die Figur darzustellen, da nur so das in die Stimme kommt, was es braucht, damit der Zuhörer überzeugt ist. Dann wird die Fantasie angeregt und es entstehen die tollsten Bilder. Dann gibt es nicht nur eine Geschichte, sondern tausende.

Können Sie sich erklären, woher dieser Hype auf einmal wiederkommt? Brauchen wir Pause vom Visuellen?
Das kann schon sein. Wir sind so überfrachtet mit visuellen Dingen den ganzen Tag. Da ist es für viele erholsam, Hörspiele zu hören, und dort seiner eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen. So können endlich wieder eigene Bilder entstehen.

Sie wurden in diesem Jahr ja als fahrradfreundlichste Persönlichkeit ausgezeichnet. Warum ziehen Sie das Fahrrad dem Auto vor? 
Ich werde das nie verstehen, warum so wenige Menschen Fahrrad fahren. Es war für mich schon immer das ideale Fortbewegungsmittel. Ich bin damit am schnellsten, am flexibelsten und brauche keinen Parkplatz. Ich höre so oft, ja, aber dann bin ich doch nass oder komme verschwitzt zur Arbeit an. Was da letztendlich für Ausreden genommen werden, das kapiere ich gar nicht. Es gibt schon Kinder, die das Fahrradfahren gar nicht mehr lernen. Das halte ich für bedenklich. 

Das Hörspiel „Kohlrabenschwarz“ erscheint am 19.11.2020 auf Audible.

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