Mirko Drotschmann © ZDF / Markus Hintzen

Informationen in Wissen zu transformieren, das ist die große Herausforderung unserer Zeit.

von Laura Bähr

Herr Drotschmann, Ihnen folgen auf Youtube mittlerweile über 1 Millionen Menschen. Gibt es Momente in denen Sie sich manchmal nicht gewachsen fühlen, so viele Menschen mit Ihrem Format zu erreichen? 
Mirko Drotschmann: Das versuche ich, soweit es geht auszublenden (lacht). Ich bin als Fußballfan gerne im Stadion, in das ja gut 50.000 Menschen reinpassen, wenn mir dann bewusstwird, das doppelt so viele meine Videos schauen, wird mir schon manchmal anders. Aber wenn ich vor der Kamera stehe, sehe ich die ganzen Leute zum Glück nicht, dann geht es. Wichtig ist immer, im Hinterkopf zu haben, dass man natürlich eine große Verantwortung hat. Gerade wenn man über politische oder historische Themen spricht, muss man es mit der Wahrheit schon genau nehmen und darf sich die Dinge nicht so zurecht schieben, wie es einem gerade passt. 

Sehen Sie sich selbst als Influencer? 
Am Anfang habe ich mich gegen diese Bezeichnung immer wieder gewehrt. Mir ist das Wort ein bisschen zu kurz gegriffen, es bedeutet ja Beeinflusser. In den sozialen Netzwerken machen wir aber mehr, als die Leute zu beeinflussen. Wir versuchen ihnen etwas nachhaltig mit auf den Weg zu geben. Ich bin kein Mensch, der ein Produkt in die Kamera hält und um die Welt reist. Grundsätzlich finde ich nichts Verwerfliches daran, wenn junge Menschen sagen, sie wollen später mal etwas im Internet machen, schließlich verbergen sich dahinter inzwischen diverse Berufsfelder. Da hat sich schon ein eigenes Ökosystem entwickelt. Aber der Beruf des Influencers, ich weiß nicht. Es gibt meine ich eine Hochschule, die diesen Studiengang anbietet, es scheint also ein gesteigertes Interesse daran zu geben. 

Sie gelten als „MrWissen2Go“. Müssen wir Wissen und Information heute in kleine Häppchen präsentieren, damit wir es in unseren vollen Alltag integrieren können? 
Ich bin kein Fan von Häppchenjournalismus. Meine Videos sind im Vergleich zu TV-Dokumentation mit 10-15 Minuten zwar kurz, aber im Vergleich zu einem Magazin-Beitrag im Heute-Journal oder einem Radiobeitrag sind sie sehr lang. Wenn man sie ausdrucken und in der Zeitschrift veröffentlichen würde, gingen die Videos über mehrere Seiten. So gesehen sind sie vielleicht gar nicht so häppchenhaft, wie man am Anfang denkt. Ich glaube schon, dass es dem Zeitgeist entspricht, den Leuten kompakte Informationen und eine abgeschlossene Geschichte zu haben zu liefern. Man braucht heute etwas mit Anfang und Ende, das für sich funktioniert und die man an verschiedenen Orten konsumieren kann. Das ist auch das tolle an Youtube, man kann es nutzen wo und wann man will – das ist schon eine Sache, die gerade auch in der Informationsvermittlung immer mehr Einzug hält. 

Macht Sie das als studierter Historiker auch manchmal traurig, dass ausführliche Formate heutzutage nicht mehr funktionieren? 
Solange Terra X im Fernsehen von vielen Leuten gesehen wird, und auch andere Dokumentationen großen Zuspruch finden, mache ich mir da keine so großen Sorgen. Ich finde es nur schade, wenn mir Schülerinnen und Schüler schreiben, dass sie für eine Klausur nur noch mit meinen Videos lernen. Da denke ich oft, meine Videos sollen Begleitmaterial sein und keine Bücher und Schulaufsätze ersetzen. Deshalb versuche ich auch immer, Querverweise einzubauen und so die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man sich weiter über dieses Thema informieren kann. 

Wie muss man die wichtigen Themen für Jugendliche aufbereiten, damit diese neben dem Musikhören auf Youtube und den Beautybloggern bei Ihnen hängen bleiben? 
Wenn man Geschichten als eine Geschichte erzählt, hat man gute Karten, dass die Leute einem zuhören. Man braucht eine gute Dramaturgie und einen Spannungsbogen. Man sollte auch immer mal wieder auflockernde Elemente reinbringen, eine kleine Anekdote, ein nettes Zitat oder einen anderen spannenden Fakt, der gut im Gedächtnis bleibt. Da hat mich meine Geschichtslehrerin geprägt, die ich in der Mittelstufe hatte. Sie hat uns vom Schloss von Versailles erzählt, das es dort kaum Toiletten gab und die Menschen deshalb in die Gänge machen mussten, das ist mir bis heute im Gedächtnis (lacht). Genau solche Dinge versuche ich auch in die Videos einzubauen, so etwas kann die Leute catchen und dann bleiben sie dran. Man muss natürlich immer aufpassen, dass es nicht zu populärwissenschaftlich oder zu effekthascherisch wird. Wenn man da einen guten Mittelweg findet, hat man schon viel erreicht. 

Aktuell scheint das Zeitalter der Darstellung zu herrschen. Viele Jugendliche definieren sich in erster Linie über ihr Äußeres und ihre Besitztümer… Wie kann Wissen wieder attraktiv werden?
Ich glaube wir sind schon mitten in dieser Welle, in der Wissen wieder attraktiv ist. Heute hat man im Internet die Möglichkeit in Sekundenbruchteilen Informationen über ein Thema zu bekommen. Diese Informationen in Wissen zu transformieren, das ist die große Herausforderung unserer Zeit. Es gibt einen großen Bedarf, in diesem Dschungel an Informationen eine Orientierung zu finden. 

Wir brauchen also Hilfe, um Infos in Wissen umzuwandeln?
Ja. Und das können wir schaffen, indem wir verlässliche Informationen bieten und diese so neutral wie möglich vermitteln. Gerade für junge Leute ist es wichtig, dass wir auch ihre Lebenswelten berühren und Themen so aufbereiten, dass sie sich abgeholt fühlen. Darüber schafft man es dann, die Leute zu begeistern und dazu zu bringen, sich weiter zu informieren. Das Wichtigste ist folglich seine Zielgruppe und deren Lebenswelten zu kennen. 

Sie sagten mal in einem Interview, „damit die Zuschauer dranbleiben, muss ich sie in den ersten 30 bis 40 Sekunden neugierig machen.“ Wie schafft man das?
Am Anfang nicht groß rumzulabern, sondern direkt mit der Tür ins Haus zu fallen (lacht). Dinge auf den Tisch zu legen und das Thema sofort anreißen. Dazu gehört auch, einen guten Einstieg zu finden, das ist ja ähnlich wie bei einem Artikel, in einer Zeitschrift oder im Radio. Man braucht einfach etwas, das die Leute in die Geschichte reinzieht. Das kann eine Anekdote sein, etwas Bildhaftes, eine szenische Beschreibung, es kann aber auch eine Frage sein, die man aufwirft, etwas, womit man die Leute kriegt. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Es gibt sperrige Themen, da ist es oft eine Herausforderung.

Die Jugendlichen von heute gelten häufig als politikfaul und uninteressiert. Können Sie das bestätigen? 
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Das ist seit Jahrhunderten ein Klischee über die junge Generation. Ich glaube sogar, dass junge Menschen heute viel motivierter sind als es z.B. meine Generation war. Das erkennt man zum Beispiel an Protesten wie „Fridays for future“, Junge Menschen engagieren sich heute vielleicht weniger langfristig und eher kurzfristig auf ein Projekt bezogen, aber sie tun es. Das Interesse an politischen Themen ist aber da. Das muss es auch, schließlich wird die Welt immer komplexer und gerade die Jugendlichen wollen die Dinge auch verstehen und einordnen. 

Was halten Sie vom aktuellen Bildungssystem? Wäre Ihr Format nicht überflüssig, wenn die Schüler in der Schule alles Wichtige und relevant lernen würden?
Wir achten in unserem Bildungssystem viel zu wenig auf Begabung und orientieren uns zu sehr an einem strengen Kurrikulum. Muss wirklich jeder Faust lesen? Ich finde wir sollten schon früher damit anfangen, die jungen Leuten in ihren Stärken zu fördern. Klar, jeder sollte den Dreisatz beherrschen oder einen Satz grammatikalisch richtig formulieren. Aber meistens weiß man heute schon sehr früh, was man kann und was man nicht kann. Also warum sollte man bis zum Ende seiner Schullaufbahn seine Zeit mit Dingen verschwenden, die man nie wieder macht? Man sollte viel früher die Chance der Weichenstellung bekommen. Außerdem sollten wir eine neue Form des Lehrens und des Lernens etablieren. Das fängt schon bei den Gebäuden an, die oft wie Kasernen aus der Preußischen Zeit aussehen und hört in der Rolle des Lehrers auf. Lehrer sind heute glaube ich viel mehr Moderatoren, die Wissen moderierend weitergeben und dabei helfen sollten, Informationen zu transformieren. Und die dritte große Sache ist die Digitalisierung, das hat uns Corona auch nochmal vor Augen geführt. 

Auf Youtube haben die Zuschauer die Möglichkeit direkt auf den Inhalt zu reagieren und zu kommentieren. Ist dieses direkte, ungefilterte Feedback Ihrer Ansicht nach immer gut? 
Ja, erstmal schon. Aber es kann natürlich auch dazu führen, dass Leute Hass verbreiten und auch Straftaten begehen. Das zu kontrollieren und im Blick zu behalten, das ist eine große Herausforderung. Ich bin ein sehr großer Fan der Meinungsfreiheit, die das Netz bietet. Man sollte nur wissen, dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist. Da sind unsere Strafverfolgungsbehörden auch mehr gefragt, die Straftaten, die im Netz begangen werden, entsprechend zu fahnden. Ich glaube, das würde unsere Meinungsfreiheit auch noch mehr stärken. Grundsätzlich bin ich aber sehr froh darüber, dass wir in einem Land leben, in dem es möglich ist, seine Meinung im Netz zum Ausdruck zu bringen und auch einer Regierung zu widersprechen. 

Sie sind Journalist und haben vor ihrer Youtube-Karriere viele Jahre für den SWR gearbeitet. Finden Sie der Journalismus macht aktuell einen guten Job? 
Grundsätzlich glaube ich schon, dass der Journalismus einen guten Job macht, gerade in dieser schwierigen Zeit. Wobei man natürlich sagen muss, dass wir Journalist*innen immer mehr zu Universalisten werden. Das ist natürlich schwierig, wenn man sich mit hochkomplexen Themen auseinandersetzen muss, wie zum Beispiel Virologie. Gerade zum Beginn der Pandemie hat man gemerkt, dass wir uns sehr auf das verlassen haben, was uns Institutionen wie das RKI vermittelt haben. Das haben wir aufgegriffen und weitergegeben, ohne es vielleicht nochmal kritisch zu hinterfragen, Gegenstimmen einzuholen oder eine richtige Debatte zu ermöglichen. Das hat dann vielleicht zu dem Eindruck geführt, dass die Presse so berichtet, wie die Regierung es auf ihren Pressekonferenzen zum Ausdruck gebracht hat. Das hing aber in erster Linie damit zusammen, dass wir uns alle auf die gleichen Quellen verlassen mussten. Wir brauchen weiterhin kritische Stimmen, sodass laute demokratiefeindliche Minderheiten es nicht schaffen, den demokratischen Diskurs kaputtzumachen.

Was halten Sie von der stetig anhaltenden Debatte zwischen den privaten und den öffentlich-rechtlichen Sendern? 
Das duale Rundfunksystem ist eine tolle Sache. Man sieht in Amerika, was es heißt, wenn es nur einen sehr schwachen öffentlich-rechtlichen Sektor gibt. Ich bin ein großer Fan vom Rundfunk, der von den Bürgern finanziert wird, da er uns eine große Unabhängigkeit ermöglicht und essentiell für unsere Demokratie ist. Trotzdem gibt es sicherlich an einigen Ecken Dinge, die man ändern kann und ändern sollte. Das ist ein stetiger Prozess.

Als Mitglied im überparteilichen Landesrat für digitale Entwicklung und Kultur beraten Sie auch die rheinland-pfälzische Landesregierung zu digitalen Themen. Es macht den Eindruck, als ob auch immer noch viele Größen auf dem Markt, den Wechsel zum Digitalen noch nicht ganz verstanden hätten. Was machen sie falsch?
Ich glaube das Problem bei den großen Playern ist, dass es riesige Schiffe sind, in denen man nicht einfach mal an einer Stellschraube dreht und alles ist anders. Es gibt gewachsene Strukturen, die man erst mal ändern muss und das dauert. Meistes fehlt der Mut zu scheitern. Das sagt sich natürlich sehr leicht, denn scheitern bedeutet im wirtschaftlichen Bereich oft, dass eine Menge Geld verbrannt wird. Trotzdem kann sich das Prinzip „Try and Error“ meiner Ansicht nach lohnen. Wir brauchen eine Kultur, in der Scheitern nicht als Versagen gilt, sondern als Chance, etwas zu lernen und Neues zu wagen. Wir brauchen mehr Mut zum Risiko. 

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