Sabin Tambrea © Marcus Höhn

Wir müssen als Gesellschaft darauf achten, dass wir nicht verlernen, auch auf die leisen Töne zu hören.

von Laura Bähr

Herr Tambrea, Ihre Karriere begann mit sechs Jahren in einem Chor und Sie waren auf einem guten Weg, ein professioneller Musiker zu werden. Welche Rolle spielt die Musik heute noch in Ihrem Leben? 
Sabin Tambrea: Eine große Rolle. Ich bereite mich auf jedes Filmprojekt vor, indem ich mir einen Soundtrack zusammenstelle oder selbst etwas komponiere, um die Rolle für mich sinnlich greifbarer zu machen, als es nur mit Worten möglich wäre. Ich habe beispielsweise für den Film „Narziss und Goldmund“ am Soundtrack mitarbeiten dürfen. Die Musik ist mir als zweite Muttersprache geblieben und ein großer Teil meiner Vorbereitung für jede Rolle.

In einem Interview sagten Sie: „Als Schauspieler kann man jegliche Defizite als charmante ­Eigenschaft der Figur verkaufen. In der Musik geht das nicht, und das war mir zu viel Druck.“ Haben Sie das Gefühl, dass jungen Künstlern in unserer Gesellschaft zu viel Druck gemacht wird? 
Ja, auf jeden Fall! In diesem Bereich wird wirklich mit enorm viel Druck gearbeitet. Es gibt diesen Wettbewerb „Jugend musiziert“, da habe ich teilweise überehrgeizige Eltern gesehen, die mit allen Mitteln versucht haben, ihre Kinder perfekt zu präsentieren. Es gibt viele schlechte Beispiele… Mir kam es damals vor wie ein Schönheitswettbewerb für Kinder, in dem es oft eher um das Ego der Eltern als um das Können und das Talent der Kinder geht. Natürlich übt kein Kind mit sechs Jahren jeden Tag gerne Klavier, bis es das Instrument perfekt beherrscht. Aber in der Musik geht es nun mal viel um Technik und Disziplin, um Dinge, die man im Leben nicht gratis bekommt, da muss man sehr viel investieren. Mir war das irgendwann einfach zu viel. Zu viel Druck und zu wenig Spaß an der Sache. Aber das soll natürlich nicht heißen, dass man sich als Schauspieler nicht vorbereiten muss und alles lax nehmen kann (lacht). Zum Schauspiel gehört auch viel Disziplin. 

Wir haben vor einiger Zeit mit der Moderatorin Rabea Schif gesprochen, die meinte: „Die Reizüberflutung und das Tempo schränken den Raum für Kreativität enorm ein.“ Teilen Sie diese Meinung? 
Ja. Aktuell treiben sich viele auf Clubhouse herum. Jeder hat so viel zu erzählen, dass ich mich manchmal frage, wo das eigentlich alles herkommt und wo das noch alles hinführt. Ich glaube, man muss sich auch ein bisschen zurücknehmen, um die eigene, leise Stimme, die man im Kopf hat, nicht zu überhören. Die Zeit ist reizüberflutend und man sollte aufpassen, dass man nicht einfach weggeschwemmt wird. Wir müssen als Gesellschaft darauf achten, dass wir nicht verlernen, auch auf die leisen Töne zu hören und den Menschen, die etwas durchdenken, dafür auch den Raum und die Zeit zu lassen. 

Sie haben sich mit Ihrer Berufswahl folglich ein Stück weit gegen den Perfektionismus und für den Mut entschieden. Emilia Schüle sagte in einem Interview, „wir sind alle Opfer unserer eigenen Ansprüche“. Welchen Anspruch haben Sie an Ihr Leben? 
Ich würde nicht sagen, dass ich ein Opfer, sondern eher ein Anwalt meiner eigenen Ansprüche bin, schließlich möchte ich so viele wie möglich davon durchsetzen. Die Basis dieser Ansprüche ist aber auf jeden Fall ein gesundes Leben. Dann gehört für mich dazu, beruflich erfüllt arbeiten zu dürfen. Bis ein Schauspieler sagt, dass er erfüllt arbeitet, ist es ein sehr langer Weg, schließlich sind wir immer von anderen abhängig. Es dauert seine Zeit, bis uns Rollen angeboten werden, die ideal zu einem passen. Privat habe ich mein Glück schon gefunden und das soll so bleiben. Mein Leben führt mich durch tolle Geschichten, im Herbst bringe ich meinen ersten Roman raus und arbeite an dem passenden Soundtrack. Ich probiere viel Unterschiedliches aus, aber meine Ansprüche und meine Wünsche sind, wenn man es herunterbricht, gar nicht so hochgegriffen. Es sind meiner Ansicht nach häufig die kleinen Dinge, die einen glücklich machen. 

Welche Rolle spielt Ihr Aussehen in Ihrem Leben? Ist es als Schauspieler nur Mittel zum Zweck oder braucht es im Schauspielbusiness auch ein bisschen Eitelkeit?
Es ist mein Anspruch, als Schauspieler mimisch und gestisch wandelbar und vielseitig einsetzbar zu sein und alles andere passiert dann im Auge des Betrachters. Eitelkeit finde ich dabei eher hinderlich. Natürlich gehört es zu einem gewissen Grad dazu, auf sein Äußeres zu achten. Das gehört aber zur Grundausstattung, wenn man in der heutigen Gesellschaft präsentabel sein möchte (lacht). Aber wenn Eitelkeit einem selbst im Weg steht oder einen hindert, gewisse Rollen zu spielen, weil man denkt, oh nein, da komme ich dann nicht gut rüber, das ist natürlich ein No-Go für mich. Schließlich geht man als Schauspieler auch oft in die Abgründe und zeigt nicht selten auch die weniger schönen Seiten einer Person. Diese Seiten braucht es aber, um eine Figur dreidimensional zu zeichnen. 

Unterscheiden Sie zwischen dem privaten Sabin und dem Schauspieler? Muss man heutzutage in der Öffentlichkeit eine Art Kunstfigur von sich schaffen, um sich privat zu schützen?
Nein. Es gibt natürlich viele Kollegen, die ein „Tam Tam“ um sich machen und eine Art Marke ihrer Persönlichkeit etablieren. Mir ist das aber zu unflexibel, denn häufig ist es dann gar nicht so einfach, sich von dieser Marke auch wieder zu lösen. Ich ziehe keine Grenze zwischen meinem öffentlichen und meinem privaten „Ich“, auch wenn ich nicht alles, was bei mir privat los ist, mit der Öffentlichkeit teile. Ich empfinde es in erster Linie als Stress, diese beiden Bereiche penibel zu trennen, schließlich muss ich privat auch im besten Fall hinter allem stehen, was ich als Schauspieler tue oder sage. 

Mit „Ludwig II“, „Das Geheimnis der Hebamme“, den „Ku’damm“-Filmen und zuletzt „Babylon Berlin“ spielen Sie häufig bei historischen Formaten mit, was unterscheidet sie von aktuellen Geschichten?
Bei guten Stoffen geht es immer um die Dinge, die zeitlos gültig sind. Aktuell ist es tatsächlich auffällig, dass ich in viele Rollen der Vergangenheit geschlüpft bin, aber ich hatte jetzt auch das Glück, in einem Film mitzuspielen, der in der Zukunft spielt (lacht). Also ich habe Hoffnung, dass ich in Zukunft nicht nur auf die Vergangenheit beschränkt bin. 

Sie gelten als Modeliebhaber. Machen Kleider in unserer heutigen Gesellschaft wirklich noch Leute? 
Ich finde es schade, wenn man Mode als Statussymbol nutzt, um sich vor anderen wichtig zu machen. In erster Linie sollte man sich wohl in seiner Haut und seiner Kleidung fühlen. Mode sollte im besten Fall Selbstbewusstsein schaffen. Aber sobald man sich „etwas mit großen Buchstaben“ kauft, um sich vor anderen Menschen besser zu fühlen, finde ich es meistens lächerlich. Außer bei Kida Khodr Ramadan. Er trägt die Buchstaben nicht, die Buchstaben tragen ihn.

Sie sind dafür bekannt, in den Drehpausen häufig Ihre Schauspielkollegen zu fotografieren, um die Momente am Set einzufangen. Wie kam es zu diesem Hobby?
Ich fotografiere schon ewig. Über die Jahre habe ich gemerkt, dass ich an so vielen tollen Sets mit tollen Schauspielern und toller Maske bin, dass es einfach dumm wäre, diese Momente links liegen zu lassen. Und deshalb habe ich eigentlich immer mindestens eine Kamera dabei und nerve meine Kollegen nicht nur in der Drehpause, manchmal verstecke ich mich auch während eines Takes hinter einer Säule (lacht). Das ist einfach eine tolle Gelegenheit und gerade in Zeiten von Social Media auch spannendes Futter für die Zuschauer. 

Was sagen Sie zu dem allgemeinen Trend, dass die visuelle Ausrichtung der Gesellschaft eine immer größere Bedeutung einnimmt? Fluch oder Segen?
Na ja. Ich finde, dass diese ganzen Portale politisch reguliert werden sollten. Sonst führt das früher oder später zu einem Bürgerkrieg. Man sieht es ja gerade in Amerika, wie die Profile mancher Personen dann sogar gesperrt werden. Einerseits hat es mich gefreut, weil dieser unverschämte Mensch keine Möglichkeit mehr hat, seine Botschaften heraus zu posaunen. Andererseits ist es natürlich auch ein enormer Eingriff. Ich bin skeptisch. Ich glaube, Facebook war die Büchse der Pandora. Es bräuchte auf jeden Fall eine regelmäßige Diskussion in Sachen Social Media. Ich persönlich nutze die Plattformen auch so wenig wie möglich. 

Kommt man als Schauspieler denn überhaupt noch drum herum? 
Eigentlich nicht. Es ist Teil unseres Berufes geworden. Es gibt zwar auch Kollegen, die das gar nicht machen, aber es ist schon sehr erwünscht. Keine Filmproduktion hat etwas dagegen, wenn die Reichweite erhöht wird. 

Sie sind Schauspieler, Autor und machen Musik. Haben Sie das Gefühl, dass man seine Kreativität heutzutage auch immer nach außen tragen muss, um damit Geld zu verdienen und gar nicht mehr für sich alleine kreativ sein kann?
Also wenn ich Geld verdienen wollen würde, hätte ich einen anderen Weg eingeschlagen (lacht). Man verdient heutzutage weder mit Büchern noch mit Musik das große Geld. Ich bin froh, dass ich als Hauptberuf die Schauspielerei habe. Alles, was von mir in den nächsten Jahren nach außen gekehrt wird, habe ich tatsächlich für mich gemacht, als Verarbeitung vieler Dinge in meinem Leben. Ich habe aber gemerkt, dass ich so dahinterstehe, dass ich es nach außen kehren kann. Ein Muss war es aber nie. 

Sie spielen in der Fortsetzung „Ku’damm 63″ erneut den Fabrikantensohn Joachim Franck. Nehmen Sie von jeder Rolle etwas für Ihr Privat- oder Berufsleben mit? 
Joachim Frank war eine spannende Reise über neun Filme. Ich war am Anfang der Überzeugung, dass diese Figur nicht funktionieren wird. Die erste große Handlung von Joachim ist seine Vergewaltigung der Hauptperson. Da ist eigentlich bei jedem Schluss. Man möchte auch gar nicht versuchen, diese Person zu rehabilitieren. Aber aufgrund des Drehbuches und der Entscheidung der Autorin wurde ein Weg gefunden, es dennoch zu schaffen. Und das, ohne die Vergewaltigung kleinzureden oder diese Handlung nichtig zu machen. Diese Figur war für mich eine große Achterbahnfahrt voller Höhen und Tiefen. 

Die Eigenleistung eines Schauspielers am Set variiert häufig abhängig vom Regisseur. Sehen Sie sich eher als Dienstleister oder als Künstler?
Natürlich sehe ich mich als Künstler. Aber ich verstehe auch, wenn jemand seine Sätze abfeuert und mit der Gage nach Hause geht (lacht). Grundsätzlich ist das Schauspiel aber ein künstlerisches Ringen von A bis Z. 

Kann das Medium Film Ihrer Meinung nach heute überhaupt noch Kunst sein oder geht es bei der Masse mittlerweile nur noch um Unterhaltung? 
Das muss sich die Branche selber fragen. Kunst und Arthouse rentieren sich in finanzieller Hinsicht ja in den seltensten Fällen. Aber es gibt immer noch diesen alten Wunsch, ernsthafte Geschichten zu erzählen. Auf der anderen Seite hätten, glaube ich, die wenigsten gedacht, dass es nach all den Jahren noch immer das Theater gibt. Es gibt Dinge, die kommen nicht aus der Mode und dazu gehören gute Geschichten. Manche Geschichten sind unterhaltsam und andere nehmen sich etwas ernster. Ich glaube, dieses Bedürfnis kann man nicht auslöschen und deshalb wird es auch eine Zukunft für gute Geschichten geben.

Was haben Sie aus den letzten schwierigen Monaten privat oder beruflich mitgenommen? 
Bei allem Meckern, was man ja gerne tut, sollte man die Dankbarkeit nicht vergessen. Die ganzen Dinge, die man für selbstverständlich gehalten hat, sind es einfach nicht. Eine Umarmung mit Freunden oder ein Kaffee im Lieblingsrestaurant zum Beispiel. Gerade in unserer Gesellschaft, in der viele Menschen kein Verständnis für Flüchtlinge haben oder nicht verstehen, wovor diese Menschen fliehen, könnte das vielleicht ein Startpunkt sein, für mehr Mitgefühl. 

Sendehinweis:
Mit „Ku’damm 63“ geht die Geschichte der Familie Schöllack und ihrer Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm weiter: Das ZDF zeigt die Filme der dritten Staffel am Sonntag, 21., Montag, 22. und Mittwoch, 24. März 2021, jeweils um 20.15 Uhr sowie im Anschluss an Teil 1 um 21.45 Uhr „Ku’damm 63 – Die Dokumentation“. Die 1. und 2. Staffel ist ab 22. Januar 2021, jeweils freitags um 20.15 Uhr, bei 3sat zu sehen.

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