Juliane Eller © Peter Bender

Juliane Eller: Meine Generation hat verstanden, dass man zusammen viel mehr erreichen kann.

von Laura Bähr

Juliane, welche Rolle spielt Wein in deinem Leben? 
Juliane Eller: Wein ist mein Leben. Wein ist das, was ich liebe und lebe und auch zu meinem Beruf gemacht habe. Allerdings ist der Beruf der Winzerin keiner, den man „9 to 5“ lebt, sondern eine Berufung, an der das ganze Herz hängt. Der Weinbau ist mein Leben, das Kulturgut begleitet mich jeden Tag. 

Du hast mit JUWEL den Familienbetrieb deiner Eltern übernommen. Was unterscheidet die „neue“ Generation der Winzer von der „alten“?
Juliane Eller: Ein großer Punkt ist das Miteinander im Team. Die Generation meines Vaters hat sich nicht wirklich ausgetauscht, da war an der Kellertür Schluss. Meine Generation hat verstanden, dass man zusammen viel mehr erreichen kann. Wir müssen die jungen Leute abholen, um den deutschen Wein nach vorne zu bringen.

Und auch das Kaufverhalten der Konsumenten hat sich grundlegend geändert, die Menschen recherchieren über die sozialen Medien nach Weinen und informieren sich über die Inhaltsstoffe. Da braucht es neue Ideen und Herangehensweisen. Auch das Thema Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle. Die älteren Generationen haben sich mit diesem Thema noch nicht so intensiv auseinandergesetzt. Nachhaltigkeit war nicht präsent. Ob Kunstdünger auf die Reben kam oder nicht, hatte nicht so einen hohen Stellenwert wie heute, bzw. wurde nicht so hinterfragt. Man hat es so gemacht, wie man es gemacht hat. Punkt. Heute müssen und wollen wir uns mit diesen Themen natürlich viel bewusster auseinandersetzen. 

Du warst erst 23 als du begonnen hast, das Unternehmen zu führen… Ein Vor- oder Nachteil?
Juliane Eller: Ein Vorteil. Ja, ich war sehr jung und bin mit einer gewissen Naivität einfach losgerannt, ohne alle Dinge bis ins Detail zu hinterfragen. Ich bin unbefangen und unbeschwert an meine neue Aufgabe herangegangen, was mir im Nachhinein sehr geholfen hat. Allerdings hatte ich damals natürlich auch noch keine so große Verantwortung. Allerdings sollte man sich, finde ich, seine Unbeschwertheit erhalten und darf die Sachen nicht kaputt denken und nie die Freude an allem verlieren. 

„Ob Kunstdünger auf die Reben kam oder nicht, hatte nicht so einen hohen Stellenwert wie heute.“

Dein Tipp für junge Unternehmerinnen?
Juliane Eller: Einfach machen. Ich bin eine Macherin und kann es nicht haben, wenn man immer viel redet und nichts passiert. Wir sollten alle mutiger sein und nicht so viel darüber nachdenken, was alles passieren „könnte“. Es gibt für alles eine Lösung. 

Stichwort Verantwortung. Wie gehst du damit um, dass an deinen Entscheidungen Existenzen hängen? Bereitet einem das Kopfschmerzen?
Juliane Eller: Definitiv. Personalführung ist ein Riesenpunkt, der einen als Unternehmerin umtreibt. Wir arbeiten mit der Natur zusammen, das heißt, wir müssen auch immer mit dem umgehen, was uns die Natur gibt. Und wenn eine Ernte mal nicht so gut läuft, müssen die Gehälter natürlich trotzdem bezahlt werden. Ich bin sehr stolz, dass wir die letzten Jahre so gut durchgekommen sind. Auch durch Corona und das ganz ohne Kurzarbeit. Aber natürlich geht es nicht spurlos an einem vorbei, wenn Existenzen von einem abhängen. Je größer das Business wird, desto mehr Verantwortung kommt auf dich zu. Das muss einem bewusst sein. 

Du bist als Winzerin von vielen äußeren Faktoren wie Wetter und Co. abhängig. Ist das nicht häufig auch ein unbefriedigendes Gefühl. Man arbeitet und arbeitet und dann machen drei Tage Frost alles kaputt…
Juliane Eller: Oh ja. Das zu akzeptieren war ein langer Prozess. Mittlerweile habe ich diese Unsicherheit positiv angenommen. Wir Menschen können eben nicht in alles eingreifen, alles steuern und beherrschen. Das hat sogar manchmal auch etwas Beruhigendes, finde ich. Dass wir die Natur eben nicht manipulieren können. Diese Erkenntnis erdet einen auch ungemein und sorgt für eine gewisse Entschleunigung.

Natürlich ist es trotzdem frustrierend, wenn man akribisch auf ein Jahr hinarbeitet und dann zerstört der dritte Frost die Ernte. Was da am Stock hängt, ist unsere Existenz, also bares Geld. Aber ich habe mittlerweile verstanden, dass ich es nicht ändern kann, es mir also auch nichts bringt, wenn ich den Kopf hängen lasse. Trotzdem sollte man sich natürlich immer so sicher aufstellen, dass einen eine ruinierte Ernte nicht gleich den Kopf kostet. Ich glaube auch, dass es immer von Vorteil ist, wenn man sich weitere Standbeine aufbaut. Aber grundsätzlich muss man sich mit dieser Unsicherheit abfinden. 

„Natürlich ist es frustrierend, wenn man akribisch auf ein Jahr hinarbeitet und dann zerstört der dritte Frost die Ernte.“

Nach welchen Kriterien suchst du deine Weinsorten aus? 
Juliane Eller: Wir haben ein kleines Sortiment und vertreten grundsätzlich das Motto: Weniger ist mehr. Mein Leitspruch: Tu, was du kannst, mit dem, was du hast, dort wo du bist. Unsere Weinberge hat teilweise schon mein Opa angepflanzt und das macht die Qualität aus. Je älter ein Weinberg, desto besser ist die Qualität. Ich vertreibe „nur“ 6 Weine auf 5 Rebsorten verteilt, bin also recht fokussiert, weil ich der Überzeugung bin, dass man lieber weniger sehr gut als viel so lala machen sollte. Wenn man von allem ein bisschen was probiert, funktioniert das meistens nicht.

Die Rebsorten sind durch unsere Böden und die klimatischen Bedingungen vorgegeben, dazu kommt, dass wir uns für trockene Weine entschieden haben. Trotzdem ist natürlich jedes Jahr anders und auch der Wein schmeckt unterschiedlich, obwohl er aus dem gleichen Rebstock kommt. Mal haben wir einen trockenen Sommer, mal eine feuchte Ernte, mal ist der Auftrieb früher, mal sind die Temperaturen unbeständiger. Das schmeckt man alles raus. Und genauso sollte es doch auch sein. So kann man sich als Winzer oder auch als Weintrinker an die Jahre zurückerinnern und sich intensiv mit der Natur auseinandersetzen. Deshalb ist es mir auch wichtig, ganz natürlich zu arbeiten, ohne Hefe und ohne etwas zu kaschieren. 

Wie haben sich die Ansprüche der Konsumenten in den letzten Jahren verändert? Wird das Design der Weinflasche wirklich immer wichtiger? 
Juliane Eller: Definitiv. In der kleinen Weinfachhandlung meines Vertrauens habe ich vielleicht noch eine Fachkraft an der Seite, die mich berät oder mir die Entscheidung sogar abnimmt, aber im Supermarkt, da zählt erst mal nur die Optik. Da läuft der Kunde durch die Regale und schaut, was ihn anspricht, eben mal antesten geht schließlich nicht. Design und Aufmachung holen einen im ersten Step ab und zu Hause denkt man dann hoffentlich, ja, auch der Inhalt hält, was er verspricht. Und dann kaufen die Leute wieder. 

Neben deinen JUWEL Weinen machst du mit Joko Winterscheidt und Matthias Schweighöfer auch den „III-Freunde-Wein„. Allgemein hat man das Gefühl, dass viele Personen der Öffentlichkeit aktuell in das Spirituosen oder Weingeschäft einsteigen. Eine Konkurrenz für dich? 
Juliane Eller: Nein. Auch beim „III Freunde Wein“ hatten wir nie das Ziel, das große Geld zu machen. Wir wollten wirklich nur – als drei Freunde – einen guten Wein machen. Ich kann mich noch erinnern, dass Joko damals sagte, wenn er sich nicht verkauft, trinken wir ihn eben alleine (lacht). Wir wollten Wein jungen Menschen zugänglicher machen und ihnen zeigen, ja, auch der deutsche Wein kann was. Man muss nicht unbedingt die importierten Weine aus dem Supermarkt kaufen. Das regionale Weinhandwerk wird leider immer mehr vergessen, das wollten wir ändern. 

„Wenn man von allem ein bisschen was probiert, funktioniert das meistens nicht.“

Erkennst du bereits eine Bewusstseinsveränderung in Sachen Weinkonsum?
Juliane Eller: In der breiten Bevölkerung leider noch nicht. Ich merke aber, dass wir grundsätzlich ganz viel Kommunikationsarbeit betreiben müssen. Zum Beispiel meinen Podcast „You never drink alone“ mit der lieben Anni (Anm.d.Red.: Ann-Katrin Schmitz). Da sprechen wir über Wein und das Leben und wollen eben auch den jungen Leuten, die nicht auf dem Land aufgewachsen sind und vielleicht gar keinen Bezug zum Weinbau haben, zeigen, was da alles dahintersteckt. Es gibt so viele junge tolle Winzer in Deutschland. Fahrt hin, schaut euch das Handwerk an, probiert den Wein! (lacht) Außerdem ist es natürlich wichtig, den Wein bezahlbar zu machen. Unser Wein liegt bei knapp 9 Euro, das ist ein guter Preis für einen Basiseinstieg. 

Kann man für 2 Euro, wie es ihn häufig im Supermarkt gibt, überhaupt einen guten Wein produzieren?
Juliane Eller: Es kommt immer drauf an, was man möchte. Das ist in der Lebensmittelbranche mit allem so. Grundsätzlich werden gar keine „schlechten“ Weine mehr produziert. Dafür ist die Technik viel zu gut, da werden so viele Mittelchen reingekippt, das schmeckt am Ende. Wer aber einen richtigen Wein will, ohne 100 Zusätze, der kann alles unter 5 Euro vergessen. Dessen muss man sich einfach bewusst sein. Das ist dann ein industriell hergestellter Wein, also Maschinenernte und ganz viel „Rumgeschraube“. In einem naturbelassenen Wein steckt hingegen sehr viel Handarbeit, das kostet natürlich. 

In deinem Podcast „You Never Drink Alone“ mit Social-Media-Expertin Ann-Katrin Schmitz sprecht ihr auch über Nachhaltigkeit und Markenaufbau. Was wolltest du mit diesem Podcast erreichen?
Juliane Eller: Wir wollten die Angst vor dem großen Weintrinken nehmen und die jungen Leute auf einer ganz unkomplizierten Ebene abholen. Wenn ich das erste Mal in einem teuren Restaurant mit Wein in Berührung komme und einen der Kellner fragt, ob man das frisch gemähte Heu im Wein riecht und man peinlich berührt verneint, dann war das vielleicht das letzte Mal, dass man sich traut, einen Wein zu bestellen. Meine Podcast-Partnerin versucht immer „die dümmsten“ Fragen zum Thema Wein zu stellen, um allen die Angst zu nehmen. Wein ist ein tolles Kulturgut, man muss sich nur herantrauen.  

„Wer einen richtigen Wein will, ohne 100 Zusätze, der kann alles unter 5 Euro vergessen.“

Du hast in einem Interview mit dem Stern berichtet, dass dein Vater 2003 das letzte Mal Eiswein herstellen konnte. Hast du Angst, dass die Klimakrise deine Arbeit nachhaltig verändern wird? 
Juliane Eller: Ja, das ist definitiv so. Man übernimmt einen Betrieb, investiert und baut ihn natürlich auch für die nächste oder sogar übernächste Generation auf. Bei einem Weinberg kann man sowieso erst 3 Jahre später nach der Pflanzung anfangen zu ernten und im besten Fall ist er einem 40 Jahre treu, das heißt, das Ganze ist eine eher langfristige Geschichte. Mein Vater ist exakt 30 Jahre älter als ich – wir haben früher immer Ende Oktober oder Anfang November mit der Ernte angefangen und mussten manchmal noch den Schnee von den Trauben abklopfen.

Heute starten wir schon Anfang September und es wird immer früher. Durch den frühzeitigen Auftrieb steigt gleichzeitig das Risiko, dass die ganze Ernte ruiniert wird, weil im Mai häufig noch mal die Eisheiligen kommen und der Frost über die Reben zieht. Diese krassen Veränderungen der letzten Jahre kann man nicht schönreden, das ist schon heftig. Langfristig müssen wir Winzer uns mit Laubwand & Begrünungsmanagement auseinandersetzen und vielleicht auf andere Rebsorten setzen. Das ist natürlich ein schwieriger Punkt, weil wir langfristig denken, Standorte wechseln und uns umorientieren müssen. 

Durch die steigenden Temperaturen kommt es auch zu einem intensiveren Reifegrad der deutschen Trauben. Verändert sich so die Grundsprache des deutschen Weins? 
Juliane Eller: Nein. Das Weinland Deutschland hebt sich mit den Rebsorten wie dem Riesling, der Königin der Rebsorten, von allen anderen ab. Mit unseren Böden und dem Klima haben wir ein Wahnsinnspotenzial, das kann uns kein anderes Land so schnell nachmachen. Unsere Generation erntet auch früher, weil wir keine so hohe Reife, folglich keinen so hohen Alkoholgehalt wollen. Wir wollen heute ein Fläschchen zu zweit trinken, ohne danach einen Kopf zu haben. Vielleicht ändert sich dieses Bedürfnis aber in 20 Jahren auch wieder und die Leute wollen wieder eher schwere und fette Weine.

Hat man als Winzerin auch irgendwann genug von Wein und wünscht sich auch mal ein Glas Bier oder Wodka? 
Juliane Eller: Aber natürlich (lacht). Während der Ernte im Herbst gibt es bei uns auch das klassische Kellerbier, ein Bier im Weinglas. Zu diesem Zeitpunkt kann man keinen Most und keinen Saft mehr sehen. In den guten Momenten mit Freunden oder der Familie, wenn man den Augenblick genießen möchte, trinke ich aber am liebsten ein Glas Wein. Das Produkt Wein ist so positiv, da hat man direkt eine gute Zeit. 

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