Isa Daur © Linda Böse

Isa Daur: Ich pushe lieber andere, als mich selbst.

von Laura Bähr

Isa, du bist Geschäftsführerin von IDeeDialog, einer Agentur, die auf die strategische Beratung, Konzeption und Umsetzung von Social Media- und Influencer-Kampagnen sowie medialen Events spezialisiert ist. Wie ist es zu der Gründung dieser Agentur gekommen? 
Isa Daur: Ich habe zuerst Jura studiert und danach dachte ich okay das kann es nicht gewesen sein, ich sehe mich nicht in der Kanzlei von meinem Vater. Durch Zufall bin ich dann in der Redaktion der Grazia gelandet. Parallel dazu habe ich angefangen mich mit Social Media zu beschäftigen, für verschiedene Start-ups zu arbeiten und mit meiner Schwester Caro Daur zusammenzuarbeiten. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass es mich mehr reizt an unterschiedlichen Projekten zu arbeiten, als jeden Tag nur das Gleiche zu machen (lacht). Ja und irgendwann sind dann Unternehmen auf mich zugekommen, die mit mir zusammenarbeiten wollten. Ich hatte schließlich den Blick von der Redaktionsseite, den Blick der Influencerseite und konnte die Unternehmen dahingehend gut beraten, wie sie das für ihre Konzepte am besten nutzen. Irgendwann war es dann auch keine krasse Entscheidung mehr zu gründen, weil sowieso schon so viel lief. Ich wusste nur, entweder ich mach es jetzt offiziell oder ich muss es lassen. Und ich habe mich fürs offiziell machen entschieden. 

Man hat heute das Gefühl, dass für viele junge Menschen, in ihrem Beruf alles finden wollen, Sinn, Leidenschaft, größtes Hobby und natürlich eine angemessene Bezahlung. Ist das deiner Ansicht nach manchmal vielleicht zu viel oder darf man sich gar nicht mit weniger zufriedengeben? 
Als ich mit meinem Abi durch war, wusste ich gar nicht was überhaupt alles möglich ist, also welche Jobs einem wirklich offenstehen. Man kann Anwalt, Architekt oder Arzt werden oder irgendwas mit BWL. Klar ist auch am besten irgendwas studieren, dass auch etwas aus einem wird, aber was jetzt so genau, ist glaube ich den wenigsten klar. War es mir damals auch nicht, deshalb bin ich auf Nummer sicher gegangen und hab erstmal Jura studiert. Heute würde ich den Leuten raten, studiert das wofür ihr brennt, aber beginnt früh parallel zu arbeiten. Nur so findet man heraus, ob der Beruf wirklich zu einem passt und nicht nur das theoretische Konstrukt. Außerdem lernt man im Arbeitsleben viel mehr und Berufserfahrung ist einfach das A und O. Ich stelle meine Mitarbeiter nicht aufgrund ihres Uniabschlusses ein, sondern wegen ihrer Berufserfahrung und ihrer tollen Projekte. Also die Leidenschaft für den Beruf sollte auf jeden Fall da sein. Aber parallel zu erwarten immer die tollsten Kollegen, die längsten Urlaube und die beste Bezahlung zu haben, ist vielleicht ein bisschen viel verlangt. Ich mache zum Beispiel gar keinen Urlaub (lacht). Eine Eierlegende Wollmilchsau bekommt man eben nicht. Daran schuld ist aber auch die Instagram-Welt, die einem vorgaukelt, dass die anderen Leute immer alles haben und alles perfekt ist. Das ist nicht. Und vielleicht braucht man selbst ganz andere und auch weniger Dinge, damit es für einen selbst schon perfekt ist. 

Ist es nicht manchmal auch ein bisschen viel, wenn man die größte Leidenschaft zum Beruf gemacht hat? Verliert man eventuell ein bisschen den Spaß daran? 
Manchmal ist es schon ein bisschen viel. Aber das liegt auch daran, dass mein Job einer ist, den man 24/7 macht. Man ist immer erreichbar und immer online. Auf der einen Seite liebe ich das, immer am Ball sein, tausend Projekte im Kopf, dieser positive Stress. Aber manchmal muss man sich auch eingestehen, dass man an seine Grenzen kommt und mal einen Gang runterschalten muss. Als Selbstständiger kann man dann aber auch nicht einfach mal zwei Wochen in Urlaub fahren. Ich merke das auch in meinem Umfeld. Freunde aus der Schule, die jetzt etwas ganz anderes machen und irgendwo angestellt sind, verstehen meinen Lifestyle gar nicht. Die verstehen nicht, dass ich bis nachts arbeite und am Wochenende eben nicht mit zum Feiern komme. Für mich sind das Abstriche, die ich gerne eingehe. 

Könntest du dir heute mit deiner Agentur überhaupt noch vorstellen für jemanden anderen zu arbeiten, oder kann man als Selbstständige den Schritt nicht mehr zurückgehen? 
Ich glaube das könnte ich nur, wenn die Arbeit projektbasiert und ein bisschen freier wäre. Aber zurück in einen Konzern, wo jeder Tag gleich ist, das könnte ich nicht mehr. 

Hast du als junge Frau in der Unternehmensführung nach wie vor die Erfahrung gemacht, nicht ganz so ernst genommen zu werden wie männliche Kollegen? 
Ich glaube ein bisschen hat man das immer und auch immer noch. Gerade, wenn man noch jung ist. Allerdings werden heute die Leute – auch in Führungspositionen – immer jünger und bei diesen ganzen Social Media-Geschichten wundern sich die Leute auch nicht mehr von Mitte Zwanzigern beraten zu werden. Ich selbst habe aber noch keine blöden Erfahrungen damit gemacht. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich eine sehr laute und selbstbewusste Person bin, ich lass mir auch nicht gerne den Mund verbieten. Mir ist auch sehr wichtig, dass meine Agentur für Transparenz und einen offenen Austausch steht. Wir beraten die Unternehmen offen und ehrlich, selbst wenn das nicht immer das ist, was die im ersten Moment hören wollen. 

Mit dem Hype um den Beruf von Influencern und der immer größeren Wichtigkeit von Social-Media-Kampagnen wächst auch die Zahl der beratenden Agenturen. Was unterscheidet eine Gute von einer sehr guten Agentur? 
Ich finde, es ist super wichtige die Waage zu halten. Auf der einen Seite soll der Kunde glücklich sein und auf der anderen Seite die Influencer und Talents. Alle reden immer von Authentizität, aber am Ende des Tages wird in der Branche auch ganz viel gemauschelt und zurück gerückt. Davon bin ich gar kein Fan. Ich bin für Transparenz in allen Bereichen. 

Was muss ein Influencer heute mitbringen, um erfolgreich zu sein? 
Das kommt darauf an, aus welcher Branche er kommt und auf welcher Plattform er agiert, Instagram, YouTube oder TikTok. Das wichtigste ist allerdings authentisch zu sein und eine Botschaft vermitteln zu wollen. Influencer die nur noch Influencer sein wollen und nichts vermitteln, das funktioniert heute nicht mehr. Es geht nicht mehr nur ums Reisen und Klamotten geschenkt bekommen. Man muss die Leidenschaft der Menschen hinter ihren Accounts sehen und erkennen, wofür sie brennen. Die meisten Influencer, die mittlerweile groß sind, sind ja nicht direkt als Influencer gestartet, sondern als Botschafter ihres Blogs oder ihrer Marke. In Zeiten von Corona wird das auch immer deutlicher, dass wirklich die Leute gerade an Reichweite gewinnen, die auch Inhalte vermitteln können, die tiefer gehen. Wer nur mit diesem oberflächlichen Gehabe erfolgreich sein will, wird Probleme haben, dafür gibt es mittlerweile einfach zu viele Accounts. 

Hat man den überhaupt noch eine Chance sich im Jahr 2020 zu etablieren oder ist das Spielfeld schon voll?
Ich glaube jetzt noch direkt 2 bis 3 Millionen Follower zu bekommen, ist echt schwierig. Es sei denn man entdeckt wirklich eine totale Nische oder bekommt ganz viel Aufmerksamkeit über andere Medien und Formate. Aber ich glaube, dass immer mehr auch verstehen, dass es eben nicht nur um Follower geht, sondern in erster Linie um deine spezifische Zielgruppe und Community. Deshalb kann man auch immer noch wachsen auf der Plattform. 

Was sagst du den Stimmen, die diesen Beruf nach wie vor für eine narzisstische Spielerei halten? 
Wenn die dagegen sind und meinen das funktioniert alles nicht, dann wird es ihre Marke über kurz oder lang meiner Ansicht nach nicht mehr geben. Die Influencer aber schon (lacht). Die sind nun mal da, daran können auch Unternehmen und Magazine nichts mehr ändern. Man muss nicht immer alles verteufeln oder auch über einen Kamm scheren. Die lassen sich meiner Ansicht nach viele Chancen entgehen. Ich glaube einige Unternehmen sollten sich diesbezüglich einfach ein bisschen öffnen und sich das ganze Konzept mal erklären lassen, es ist auch nicht immer einfach zu greifen. 

Die Unternehmerin Tijen Onaran hat vor kurzem den Ratgeber „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ rausgebracht. Du hast in einem Interview über dich gesagt, dass du dir in Sachen Selbstdarstellung schwertust. Kann man heutzutage ohne Personal Branding noch erfolgreich sein? 
Ich sage immer zuerst kommen meine Talente und Projekte und dann ich. Natürlich weiß ich, dass es gut und wichtig ist, mich darzustellen und zum Beispiel Interviews zu geben, aber ich tu mir immer noch schwer, weil ich einfach nicht der Typ dafür bin. Ich versuche mich da auch immer noch zu verbessern, weil ich weiß, dass man sich heute nach außen positionieren muss, um eine gewisse Relevanz für seine Firma zu erlangen. Mittlerweile fällt es mir auch immer leichter. Aber ich pushe lieber andere, als mich selbst.

Außerdem meintest du in einem Podcast, dass Follower gar nicht mehr die Währung der Stunde seien, sondern die wichtigen Leute, die irgendwann von einem wissen, dass man gute Arbeit leistet. Wie schafft man das?
Bei mir war es so, dass ich unglaublich viel unterwegs war. In unterschiedlichen Firmen, auf Events oder auch in großen Freundescliquen. Ich liebe es unterschiedliche Leute kennenzulernen, herauszufinden, was die machen, was sie antreibt und so auch Synergien zu erzeugen. Was mich richtig glücklich macht, ist Leute zusammenzubringen, die dann ein gemeinsames Projekt starten. Ich liebe Netzwerken. Und wenn man da offen ist, kann einem das richtig viel bringen. 

Hast du Tipps für ein gutes Netzwerk?
Es ist natürlich immer hilfreich, mit Leuten unterwegs zu sein, die selbst schon eine gewisse Relevanz in ihrem Bereich haben. Irgendwann ist das dann auch ein automatischer Spielball, der zwischen den Personen hin und her gespielt wird. Man pusht und unterstützt sich gegenseitig, stellt sich wieder neuen spannenden Kontakten vor. Das ist eigentlich das Beste, was einem passieren kann, ein gutes Netzwerk an tollen Menschen. Ein Geben und Nehmen. Man darf sich auf einem Event aber zum Beispiel auch nicht zwingen, mit bestimmten Personen in Kontakt zu kommen. Vieles ergibt sich und manches dann eben auch nicht. Man darf auch zu Beginn nicht zu viel erwarten. Manchmal kommt man dann erst ein paar Jahre später bei einem tollen Projekt zusammen. Also alle Visitenkarten, die man an einem Abend gesammelt hat, direkt am nächsten Tag durch die Bank anzuschreiben, würde ich nicht empfehlen (lacht). Auch wichtig: Man muss ein Netzwerk pflegen. Mir ist es immer sehr wichtig, dass die Influencer und Talents die ich betreue, wissen, dass ich ihnen wirklich nur gute Kooperationen und Projekte vermittle. Es ist wichtig, dass sich die Leute bei einem gut aufgehoben und verstanden fühlen, nur dann kann man langfristig erfolgreich zusammenarbeiten. 

Was muss man den tun, um in euer Netzwerk aufgenommen zu werden?
Wir haben keine Influencer exklusiv unter Vertrag. Ich manage den Künstler Paul Schrader und die Winzerin Juliana Eller, das wars. Die Talents kommen sozusagen nur projektbezogen zu mir. Mein Netzwerk an Influencer hat sich auch eher automatisch aufgebaut, man kennt sich, man hat schon zusammengearbeitet. Und wenn dann ein Unternehmen auf mich zukommt und nach einer bestimmten Kooperation fragt, habe ich meistens schon jemanden im Kopf, der perfekt dazu passen könnte. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht immer offen bin für neue Kontakte. 

Bist du ein Fan von diesen ganzen digitalen Formaten, die sich als Ersatzevents etablieren?
Ich glaube, sobald die normalen Events wieder erlaubt sind, werden diese auch freudig erwartet. Ich finde digitale Events auch gar nicht unbedingt blöd, aber sie ersetzten auf keinen Fall den direkten, persönlichen Kontakt. Was mir aber wichtig ist, dass die digitalen Formate gut organisiert sind. Das da eine gute Kamera steht, man eine Bildqualität hat, die Redner vorbereitet sind und man einfach was von dem Abend mitnimmt. Ansonsten bringen einem diese Events „on remote“ nicht viel. Bei digitalen Events hat man auch immer „nur“ den Austausch mit allen und kann sich nicht mit ausgewählten Leuten mal in eine Ecke des Raumes zurückziehen und genau das macht ja das Netzwerken und Connecten häufig erst aus. Ich glaube, es wird sich in Zukunft eine Mischung beider Formate etablieren und das ist auch gut und richtig so. 

Wir haben vor kurzem mit der Influencerin und Moderatorin Liberta gesprochen, die meinte „Wenn du dich selbst zur Marke machst, lässt sich nicht verhindern, dass deine Arbeit und dein Leben ineinander verschwimmen.“ Wie siehst du das? Kannst und willst du die beiden Bereiche überhaupt noch trennen?
Da habe ich ein gutes Beispiel (lacht). Ich habe mir zu Beginn meiner Firmengründung ein Geschäftshandy besorgt, weil ich natürlich beide Bereiche trennen wollte und war mir sicher, dass ich das super hinbekommen. Es klappt überhaupt nicht (lacht). Mittlerweile ist haben sich meine beruflichen Kontakte so sehr mit meinem Freundeskreis vermischt, dass diese Trennung überhaupt keinen Sinn mehr macht. Ein Handy habe ich jetzt abgestellt, ich habe aufgegeben. Mein Privatleben ist mein Berufsleben und das kann ich auch nicht mehr verhindern. 

Birgt das nicht auch Gefahren, wenn diese Bereiche verschwimmen und Freunde auch zu Geschäftspartnern werden? 
Auf jeden Fall! Wenn alles super läuft, ist das natürlich kein Problem. Aber wenn Probleme auftauchen oder jetzt zum Beispiel durch Corona manche mehr und manche weniger gebucht werden, können natürlich auch Spannungen entstehen. Es ist nicht super schlau alles mit seinen engsten Freunden zu machen. Durch meine Jura-Zeit bin ich auch ein großer Verfechter und Freund von Vorabverträgen. Das hat auch gar nichts damit zu tun, dass ich den Leuten nicht vertraue, ich finde es nur immer für alle Parteien am besten, wenn vorab alles geklärt ist, sodass gar nicht zu Missverständnissen kommen kann. 

Für viele Jugendliche, wirkt heute der Reiz der Reichweite und der Anerkennung viel größer, als die Reflexion darüber wie man wahrgenommen wird. Musstest du dir einen angemessenen Umgang mit den sozialen Medien auch erst erarbeiten? 
Ich persönlich bin da total immun. Zum einen bin und war ich nie der Typ, dem diese Anerkennung etwas gibt oder der jetzt durch die Kanäle berühmt werden will. Zum anderen habe ich jeden Tag beruflich damit zu tun und sehe auch die anderen Seiten der Medaille. Natürlich erwischt man sich immer mal, ob etwas gut funktioniert hat, aber das mache ich dann bei meinen Projekten und nicht bei meinem privaten Account. Ich glaube, dass sich viele Jugendliche auf diesen Plattformen ihre Bestätigung suchen, die sie sonst im Leben vermissen. Ich kenne da auch wirklich Leute, die daran zerbrechen. Wer mit sich zufrieden und total im Reinen ist, braucht, das glaube ich weniger. Social Media ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann man die Reichweite für so viele sinnvolle Dinge nutzen, auf Themen aufmerksam machen und Wissen vermitteln. Und auf der anderen Seite bietet es Platz für so viel Unsicherheit, Vergleiche und auch schreckliche Trends wie Schönheits-OPs, um einem Ideal auf Instagram zu entsprechen. Wenn Menschen psychische Probleme aufgrund einer krummen Nase haben, ist das natürlich etwas anderes. Aber dieses exzessive verändern, kann nicht gesund sein. Man sieht ständig die perfekte Welt der anderen, oder zumindest meint man das. Meistens sind es nämlich nur 10 % des Lebens. Und die anderen 90 % sieht man gar nicht, ich aber meistens schon (lacht). 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s