Fynn Kliemann © Brian Jakubowski; Bild oben: © Jonas Neugebauer

Heute möchte jeder für sich selbst arbeiten und seinen Traum verwirklichen.

von Laura Bähr

Fynn, du bist Musiker, Autor, baust Webseiten, bist Unternehmer, Youtuber und Handwerker. Ist Langeweile dein persönlicher Tod? 
Fynn Kliemann: (lacht). Ja kann man vielleicht so sagen. Aber habe ich eigentlich auch nie ehrlich gesagt. Das ist auch mein physischer Tod glaube ich, das tritt dann ein, wenn ich nicht mehr da bin. Vielen sprechen ja immer von dieser großen Langeweile, ich kenne das Gefühl gar nicht. Wenn ich nichts mache, bin ich meistens so erschöpft, dass ich direkt einschlafe. Dann geht auch einfach nichts mehr. 

Seit Jahren reist du ohne Pause Projekt an Projekt, dein letzter Urlaub ist lange her. Würdest du von dir selbst sagen, du bist ein Workaholic? 
Ja ich befürchte schon. Obwohl ich das eigentlich selbst schrecklich finde, das ist ja eine Krankheit. Wenn ich mir die Symptome von dieser Krankheit anschaue, dann denke ich, ok das bin ich. Ich bin sehr rastlos, wenn ich nichts tue. 

Du scheinst mit 32 Jahren schon mehr gemacht zu haben als andere Leute ihr ganzes Leben. Hast du manchmal Angst, dass du morgens aufwachst und keine Ideen mehr hast?
Nein, ich habe ehrlich gesagt eher Angst davor, dass ich nicht alles schaffe, was ich machen will. Die Zeit ist eher mein Endgegner. Ich frage mich oft, wie alles in so ein kurzes Leben reinpassen soll. 

Man hat heute das Gefühl, dass für viele junge Menschen, in ihrem Beruf alles finden wollen, Sinn, Leidenschaft, größtes Hobby und natürlich eine angemessene Bezahlung. Ist das deiner Ansicht nach manchmal vielleicht zu viel oder darf man sich gar nicht mit weniger zufriedengeben? 
Viele Leute schießen natürlich sehr hoch, aber das ist meiner Ansicht nach auch häufig der einzige Weg, wie man dahinkommt, zumindest anteilig. Das ist wie eine Verhandlung. Wenn man etwas teuer verkaufen will, setzt man den Preis erstmal sehr hoch an. Und wenn man dann viel weniger bekommt, als man veranschlagt hat, aber immer noch viel mehr, als man ansonsten bekommen hätte, dann ist das ein Erfolg. Die Welt besteht aus Angebot und Nachfrage. Man muss hoch zielen, damit man da hinkommt, wo man hinwill. Wenn man von Anfang an mit dem Motto rangeht, das schaff ich eh nicht, dann wird es auch nichts. Natürlich muss man sich auch mal mit Dingen zufriedengeben, aber wenn ich etwas wirklich will, dann kämpfe ich auch dafür. 

Wer viel probiert, kann auch öfter scheitern, jedoch scheint das Scheitern in der heutigen Gesellschaft nicht gern gesehen. In deinem Song „Alles was ich hab“ singst du auch die Zeile „greifen ins Leere und versuchens wieder“. Wie geht’s du mit der ständigen Gefahr des Scheiterns um? 
Wer glaubt man darf nicht scheitern, folgt meiner Ansicht nach einem sehr alten Stigma. Scheitern ist modern. Gerade wenn man aus der Start-up kommt, ist das allgegenwärtig und cool, wenn man etwas gegen die Wand gefahren hat. Während Leute noch ganz hinten anstehen und sagen, man darf nicht scheitern, predigen immer mehr, das Scheitern das neue Gewinnen ist. Deshalb bin ich schon wieder fast auf dem Trip wieder einen Schritt zurückzugehen und Scheitern als uncool einzustufen (lacht). Mein Ziel ist es natürlich nicht zu scheitern. Aber wenn es passiert, ist es nicht so schlimm, weil das dazu gehört, gerade wenn man so viel Unterschiedliches macht und probiert. Das gehört zum Job dazu. Scheitern ist eigentlich en vogue. 

Das heißt, du hast auch keine Angst vor dem Scheitern?
Tatsächlich nicht nein und ich glaube, das ist mein großer Vorteil. Das liegt aber glaube ich auch in erster Linie an meiner Vergesslichkeit (lacht). Ich weiß meistens gar nicht mehr, was ich letzte Woche alles gemacht habe. 

Du giltst als Tausendsassa, der immer Action braucht und unterwegs ist. Wie hast du die letzten, besonderen Monate wahrgenommen? Welche persönlichen Erkenntnisse konntest du aus der Corona-Zeit ziehen? 
Für mich war es ein sehr spezielles Jahr. Ich habe ja versucht in diesem Jahr ein Album rauszubringen, beziehungsweise hab es dann auch gemacht, aber es war ein ganz schönes hin und her geswitche. Zusätzlich habe ich noch eine Dokumentation in die Kinos gebracht, die alle zu hatten. Es war einfach schwierig und ein blödes Timing 2020. Aber am Ende des Tages haben wir uns einfach den Gegebenheiten angepasst. In der Start-up-Szene nennen wir das „pivot“, die notwendige Anpassung einer Strategie an den neuen Marktbedingungen. Wahrscheinlich war es im Ende auch erfolgreicher, als es auf „normalem“ Wege geworden wäre. Es war unglaublich anstrengend, mit das schlimmste Jahr meines Lebens, aber auf der anderen Seite irgendwie auch das verrückteste und spannendste Jahr. Man musste halt alles unter erschwerten Bedingungen hinbekommen. Mein großer Pluspunkt ist, dass ich Probleme geil finde. Ich mag das gerne, wenn es nicht direkt funktioniert, dann muss man sich nochmal Gedanken machen und eine Lösung finden. Das hat mir auch Spaß gemacht bis zu dem Punkt, wo dann klar war, dass Freunde aus der Künstlerbranche wirklich unter dieser Pandemie leiden. 

Dir folgen auf Instagram knapp 680 Tausend Menschen. Ist die App für dich eher eine Art Tagebuch oder ein bewusstes Sprachrohr nach außen? 
Immer superabhängig vom Thema. Wenn wichtige Nachrichten in die Welt müssen, instrumentalisiert man den Kanal natürlich auch mal. Corona zum Beispiel, aber auch mal politische Positionierungen. Aber im Alltag ist es eigentlich Doku – eine Doku von meinem Leben. Wenn ich mal fünf Minuten freihabe, dann nehme ich die Leute gerne mit. 

Hast du ein Beraterteam? 
Ich finde das immer so krass, wenn die Leute mich fragen, ob ich meinen Kanal selber betreue (lacht). Natürlich! Ich würde keinen Menschen an meinen Insta-Kanal lassen. Obwohl das stimmt nicht ganz, ein Freund von „Viva con Aqua“ durfte schon mal ran, aber sonst niemand. Ich würde mir da auch nie reinquatschen lassen. Instagram ist ja ein Kanal direkt ins Herz. So verstehe ich das zumindest. Dass viele ihn als plumpes Marketinginstrument benutzen, finde ich super schade, aber muss jeder selber wissen. Aber natürlich bietet man auch immer Angriffsfläche. Ich finde, das ist eigentlich das Geile daran, dass man da eben ungefiltert alles von sich zeigt, also im besten Fall. Ich finde es wirklich krass, wenn dann Leute da noch ein Berater-Team drüber schauen lassen. Wir haben einfach zu viel Zeit. 

Die 680 Tausend Menschen, die dir folgen, sind vermutlich Freunde, Geschäftspartner und Fans. Wie wichtig ist ein gutes Netzwerk, um heutzutage erfolgreich zu sein? 
Ein gutes Netzwerk ist alles, das sind 99% des Erfolgs. Neben deinem Talent ist das der wichtigste Faktor. Man braucht immer jemanden, der irgendwas möglich machen kann. Wenn man keinen kennt, der einen kennt, der einen kennt, kommt man in den seltensten Fällen an die Kontakte, die man braucht, um erfolgreich zu werden. Vielleicht klappt es irgendwann mit Glück und durch Zufall, aber es dauert auf jeden Fall sehr lange. Und ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch, ich will die Dinge sofort. 

Wie baut man sich so ein Netzwerk auf? 
Ich hatte einfach unglaublich viele Berührungspunkte, durch die verschiedenen Projekte, die ich gemacht habe. Video, Klamotte, Musik und Webentwicklung. Und irgendwann findet man dann Freunde. Das passiert in den Bereichen ja ganz automatisch, man lernt sich kennen, findet die gleichen Dinge geil, bleibt in Kontakt. Wenn man viel mag und viel macht, dann lernt man automatisch die richtigen Leute kennen. 

Ende des Jahres kommt deine neue Show „Die Lieferung“ eine fünfteilige „Do-it-yourself-Show“ auf ZDF neo raus. Eine eigene Sendung in den öffentlich-rechtlichen. Für dich ein Meilenstein deines Erfolgsweges? 
Für mich sind das alles nur Plattformen. Es macht für mich keinen Unterschied, ob ich die Serie bei Snapchat, bei Instagram, Youtube oder beim ZDF hochgeladen hätte. Das ist eine tolle Chance mit super Leuten, aber es ist eben auch lineares Fernsehen, also auch ein bisschen oldschool. Was daran super interessant ist, ist die Mediathek. Mir ist auch egal, wer die Serie später schaut, mir ist es nur wichtig, es zu machen. Mir geht es immer mehr um den Inhalt als um die Plattform. Wir saßen auf dem Sofa und haben überlegt, zu wem das Konzept passen könnte. Dann haben wir beim ZDF nachgefragt und sie wollten sie. So läuft das. 

Du sagst von dir selbst „Gründen ist mein Hobby“. Formate wie „Die Höhle der Löwen“ sind aktuell beliebter denn je. Woher kommt der große Reiz des Gründens?
Ich glaube, es ist eher der Trend der Selbstverwirklichung. Gerade in Deutschland haben wir alles. Das Einzige, was noch fehlt, ist die vollkommene Selbstbestimmtheit. Dass man machen kann, was man will und sein eigener Chef ist. Und die Leute können es immer weniger ab, für andere Leute zu arbeiten. Jeder möchte für sich selbst arbeiten und seinen Traum verwirklichen. Da habe ich auch totales Verständnis für und allen Mitarbeitern, die bei mir gegangen sind, um ihr eigenes Ding zu machen, von Herzen alles Gute gewünscht. Wenn man sich Bedürfnispyramide von uns anschaut, sind die Grundlagen bei uns allen ausreichend gedeckt. Wohlstand ist riesig, alle haben alles und der nächste Step ist dann sein eigener Chef sein. 

Bist du ein guter Chef? 
Ich hasse den Begriff Chef (lacht). Als Kollege mit Verantwortung ist es wichtig, seine Leute wertzuschätzen. Das ist das, was ich als junger Mensch in meinen Anfängen nie bekommen habe. Wenn man dann als 14-jähriger Praktikant einfach nur der Dreck am Schuh seines Chefs ist (lacht). Das fand ich immer so schrecklich. Bei uns sind alle, Teil des Unternehmens, am Gewinn beteiligt und so blöd es immer klingt wirklich eine Familie. 

Was macht einen guten Unternehmer heute aus?
Man kann keinen Scheiß mehr machen. Man muss nachhaltig arbeiten, fair sein und aufs Geld achten. Man findet auch keinen mehr, der für einen arbeiten will, wenn man auf die alten Werte setzt. Die Leute sind anspruchsvoller geworden. Man muss sich gegenseitig pushen unterstützen und wertschätzen, dann findet man auch die besten Leute.

Du hast in einem Interview mal gesagt, „Geld spielt für dich keine Rolle, solange du Bock auf die Sachen hast, die du machst.“ Googelt man dich im Netz stößt man schnell auf Tabellen, über dein geschätztes Vermögen. Wie wichtig ist dir Konsum?
Ja die habe ich auch schon gefunden (lacht). Finde ich immer sehr spannend, vor allem die angeblichen Werbeeinnahmen, die nicht habe. Aber zur Frage. Ich glaube, davon kann sich keiner komplett lösen und jeder hat seine Schwachstellen. Ich versuche in letzter Zeit einfach bewusster zu konsumieren und mich zu fragen, was ich wirklich brauche. Zum Beispiel auch beim Thema Fleisch, das hatte ich jahrelang gar nicht auf dem Plan. Da hilft mir auch der soziale Druck. Aber natürlich halte ich auch mal bei McDonalds. Aber ich glaube so lange jeder von uns sein Bewusstsein auch nur ein bisschen schärft, ist der Welt schon geholfen. 

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