Marie Nasemann  © Muriel Liebmann


Ich finde die Idee eines Sales prinzipiell falsch.

von Laura Bähr

Marie, du machst dich seit Jahren für die „faire Mode“ stark. In der letzten Zeit scheint es, als ob dieser Trend nach und nach bei der Bevölkerung ankommt. Bringt diese Aufmerksamkeit auch Schattenseiten mit sich? 
Nein. Ich hoffe einfach, dass es nicht nur ein Trend ist, sondern sich das Bewusstsein langfristig ausbreitet. 

Wieso ist dir nachhaltige Mode so wichtig? 
Zum einen, weil dieser Planet nur begrenzte Ressourcen habt und wir Wege finden MÜSSEN nachhaltig Mode zu produzieren ohne alle Ressourcen aufzubrauchen. Zum anderen ist Mode etwas, das Spaß machen sollte. Nicht nur dem Konsumenten, sondern auch dem Hersteller. Die Produktion der Mode sollte nirgendwo auf der Welt Ausbeutung verursachen. 

Aktuell werden Portale wie „Vestaire Collective“ oder „Kleiderkreisel“ immer populärer, bei denen gebrauchte Kleidung verkauft oder getauscht wird. Wie kommt es deiner Ansicht nach zu diesem Wandel, dass „altes, getragenes Zeug“ auf einmal wieder cool wird? 
Trends kommen immer wieder, das ist nichts neues. Allerdings haben wir keine Trendepochen mehr, wie im letzten Jahrhundert, wo sich  ein Kleidungsstück aus den 70ern ganz klar von einem aus den 80ern unterscheidet. Durch das Internet und die sozialen Netzwerke verbreiten sich Trends immer schneller. Es gibt nur noch Micro Trends und so heißt es mindestens einmal im Jahr „die Schlaghose ist zurück“. Man kann auf Second Hand Portalen also auch ständig neue „alte“  Trends shoppen. 

In einem Interview über das Konsumverhalten der Deutschen meintest du, deiner Ansicht nach sollte es keinen Sale mehr geben. Wieso? Hast du Hoffnung, dass sich das Kaufverhalten in den nächsten Jahren verändern wird? 
Ich finde die Idee eines Sales prinzipiell falsch, ja. Ein Kleidungsstück sollte zu einem fairen Preis produziert und verkauft werden. Eine offene Preistransparenz wäre toll! Menschen sollten Kleidungsstücke nur dann kaufen, wenn sie sie wirklich brauchen. Im Sale werden die meisten Fehlkäufe geshoppt, die dann als Schrankleichen nie getragen werden. 

Bekannt geworden bist du durch deine Teilnahme an der Casting-Show GNTM. Mittlerweile macht es den Eindruck, als ob die deutsche TV-Landschaft von Castingshows dominiert wird und der soziale Vergleich durch soziale Medien mehr und mehr die Gesellschaft bestimmt. Was hälst du davon? Wie gehst du mit diesem Druck selbst um? 
Das Gefühl habe ich gar nicht. Auch in meiner Jungend schon waren GNTM und Popstars meine absoluten Lieblingssendungen. Einfach, weil ich auch als junges Mädchen schüchtern war und davon geträumt habe „entdeckt“ zu werden. Diese Sendungen spielen ja mit Märchenfantasien, die uns schon in Kindertagen vorgelesen werden. Das schöne, aber unauffällige Aschenputtel wird vom Prinzen entdeckt und wird Prinzessin. Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, die Geschichte also heißen würde, Aschenputtel ist fleissig und steigt dann auf zur Küchenchefin und regiert am Ende das ganze Königreich, müssen die Kinderbücher und -Filme umgeschrieben werden. Fände ich ne gute Sache. Dann würden wir Frauen auch nicht mit so verqueren, romantischen Vorstellungen durch die Gegend laufen. 

Du hast schon in jungen Jahren als Model gearbeitet. Von wem hast du in den letzten 10 Jahren am meisten gelernt? 
Ein Fotograf war einmal sehr kritisch mit mir und hat mich gefragt, warum ich meinen Körper immer so in Kurven lege und meinen Kopf leicht schief halte. Ich dachte, dass macht man so, weil man es überall in Werbungen so sieht. Der Eindruck, der bei so einer Pose entsteht ist: Ich bin die hübsche, nette, gefügige Frau, die gerne dieses Kleidungsstück trägt. Nach dieser Ansage hat es bei mir Klick gemacht und seitdem probiere ich so oft es geht meine Persönlichkeit zu zeigen. Das heißt, dass ich mich einfach mal straight hinstelle, auf beiden Beinen, mit klarem Blick direkt in die Kamera sehe und dem Fotografen probiere Einblick in meine Seele zu geben. 

Du bist selbst erfolgreich auf Instagram vertreten. Glaubst du, dass die steigende Nutzung von Instagram dazu führt, dass die Menschen mehr auf Äußerlichkeiten fokussiert sind? Wie nutzt du dieses Tool? 
Ich sehe Instagram nicht so kritisch, da ich der Meinung bin, dass es auch ein tolles Tool für Kreativität und Vielfalt ist. Den Body Positivity Hype hätte es ohne Instagram und die ganzen Frauen, die ihre Kurven stolz zur Schau stellen, nicht gegeben. Noch dazu gibt es viele Influencer, die ihre Stimme dafür nutzen auf unbequeme Themen hinzuweisen und offen über ihre Schwächen zu reden. Wem ich  folgen will und wie ich mich beeinflussen lassen will, ist letztendlich meine eigenen Entscheidung und Verantwortung. Dass es mich eher unglücklich als glücklich macht, der perfekten Schönheit jeden Tag beim Pumpen und Plantschen zuzugucken ist mir inzwischen klar, deshalb folge ich nur noch  Accounts, die mich wirklich inspirieren. 

Durch das immer stärker werdende Interesse an den sozialen Medien wie Instagram und Co. nimmt die Bedeutung der Influencer in der Gesellschaft mehr und mehr zu und es werden mittlerweile sogar schon Studiengänge angeboten. Eine erschreckende Entwicklung? 
Studiengänge wie man Influencer wird? Das finde eher lustig als erschreckend. Und aus psychologischer Sicht finde ich Instagram ja auch wirklich total spannend, was da passiert und wie sich eine Internet App wie Instagram auf das tatsächliche Handeln von Menschen auswirkt. Macht man mehr Yoga und ist achtsamer, weil man dem Lieblingsguru folgt oder passiert eher das Gegenteil, dass einen das Scrollen in einen Zustand der Regungslosigkeit verfrachtet? Ich weiß es nicht. 

Neben deinem Beruf als Model bist du auch als Schauspielerin tätig und würdest, so hast du in einem Gespräch mit der „Zeit“ geäußert, gerne einmal eine Tatort-Kommissarin spielen. Was reizt dich an diesem Format?
Ich bin mit Tatort aufgewachsen. Das war bei uns zuhause ein Ritual, Sonntag Abend Tatort zu gucken. Natürlich erst ab einem bestimmten Alter. Ich finde das Format sehr spannend, weil ich es einfach erstaunlich finde, wie unfassbar viele Mordfälle man sich einfallen lassen kann. Tatort ist nicht einfach eine deutsche Mordserie, sondern erlaubt vielen Menschen sehr kreativ zu werden. Wenn ich zum Beispiel an die Ullrich Tukur Tatorte denke, sind die einfach genial kreativ umgesetzt und heben sich von dem was man an Mordsendungen im Fernsehen sieht schon sehr stark ab.

Was macht die deutsche Film- und TV-Landschaft besonders? 
Wo sich die Deutschen mit Humor vielleicht manchmal ein bisschen schwer tun,  sind sie umso besser unsere Geschichte aufzuarbeiten und spannend zu erzählen. Das finde ich auch super wichtig, dass über Filme gebildet wird. „Das Leben der Anderen“ und  „Sophie Scholl“ sind zwei meiner absoluten Lieblingsfilme, einfach weil sie fantastisch geschrieben und gespielt sind. Am 10.,11. und  13. März läuft der  Dreiteiler „Bella Germania“ im ZDF in dem ich mitspiele. Es geht um die italienischen Arbeitseinwanderer in den 60er Jahren. Auch ein spannendes Thema, mit dem ich mich vor dem Film nicht wirklich auseinander gesetzt habe. 

Neben diversen TV-Auftritten spielst du auch am Theater in Karlsruhe. Wieso interessieren sich so viele junge Menschen nicht mehr für dieses Kultur-Format? Was könnte man daran ändern? 
Irgendwie ist Theater eine Underground-Szene geworden. Ich kenne natürlich viele junge Leute,  die am Theater arbeiten und auch viel ins Theater gehen. Aber diese Theaterleute bleiben zu oft unter sich. Und ich finde, es wird zu viel Theater für diese Theaterleute gemacht. Regisseure überbieten sich mit kreativen Inszenierungsideen und probieren ständig etwas Neues und Aussergewöhnliches aus, anstatt einfach gutes Theater zu machen. Wenn ich bei einem Stück zugucke und es werden auf der Bühne Theater Insider Witze gemacht, die man nicht verstehen kann, wenn man nicht in der Branche arbeitet, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Theater muss einfach für jeden packend sein. Auch für jemanden, der zum ersten Mal in seinem Leben im Theater ist. 

Dein Vorsatz für 2019 ist „mehr sein als machen“, eine Welle der Selbstfindung, die aktuell im Trend scheint. Wie kam es dazu? Wie möchtest du diesen Vorsatz umsetzen? 
Ich habe gerade ein dreimonatiges, begleitendes Coaching hinter mir. Mir ging es da in erster Linie darum,  leichter Entscheidungen zu treffen, weil ich mir da bei der Komplexität meines Lebens oft sehr schwer tue. Während des Coachings habe ich die Aufgabe gestellt bekommen eine  Stunde am Tag einfach mal nichts zu machen bzw. einfach zu gucken wonach mir ist. Das klappte kein einziges Mal. Wir haben die Aufgabe dann auf 10 Minuten verkürzt. Das hat dann geklappt. Mein Leben takte ich zu oft durch. Auch weil ich Angst vor der Leere habe, die dann vielleicht aufkommt. Das schöne, das ist gar nicht so und es macht total Spaß, sich auch mal zu langweilen oder ohne Plan auf einer Parkbank rumzusitzen. Ich möchte mehr dieser Momente in 2019 schaffen. 

Du wurdest vom Stern ausgewählt, als eine von 10 Frauen 2019 Deutschland zu verändern. Was war das für ein Gefühl? Was muss verändert werden? 
Ich fühle mich natürlich geehrt, mich in so einem Umfeld zu sehen. Allerdings war da auch gleich ein  Gefühl von Druck.  Ich habe ja selber noch so viele Nachhaltigkeitsbaustellen in meinem Leben, wie soll ich da ein gutes Vorbild für andere sein? Aber ich probiere jeden Tag ein kleines bisschen nachhaltiger zu leben  und mit gutem Beispiel voran zu gehen. 

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