Lena Klenke © Bella Liebererg

Lena Klenke: Man sucht heute ständig nach Bestätigung, giert fast nach ihr, will ihr dann aber auch irgendwie immer wieder entfliehen.


von Laura Bähr

Lena, du hast mal in einem Interview gesagt, du bewunderst Menschen, die in sich ruhen. Das „in sich ruhen“ scheint tatsächlich in der aktuellen Welt rar. Wieso?
Lena Klenke: Menschen, die in sich ruhen, brauchen nicht so viel Bestätigung von außen. Die müssen sich nicht dauernd über andere definieren, sondern können einfach ihr Ding machen, ohne konstant Feedback zu brauchen. Ich finde es immer sehr angenehm, wenn ich Menschen begegne, die sich von dem ganzen Außen gar nicht so stark beeinflussen lassen. Viele haben das in der heutigen Zeit verlernt und wollen immer direkt Reaktionen auf ihr Tun und Handeln, auf ihre Bilder bei Social Media, Projekte oder sonstige Entscheidungen. Man sucht heute ständig nach Bestätigung, giert fast nach ihr, will ihr aber dann auch irgendwie immer wieder entfliehen. Es ist nicht einfach.

Die Schauspielbranche scheint aktuell sehr gesättigt. Bist du anfällig für Vergleiche im Business? Und wenn ja, wie schützt du dich davor?
Lena Klenke: Dafür ist jeder anfällig, weil es auch irgendwie Teil des Jobs ist, miteinander verglichen zu werden. Manchmal geht es dann um so etwas Banales wie die Haarfarbe, die nicht passt. Ich merke immer häufiger, wie gut es mir tut, wenn ich es hin und wieder schaffe, mich von all den Vergleichen freizumachen. Und versuche mir dann immer zu sagen, dass alles aus einem Grund passiert und wenn es die Rolle dann nicht wird, dann sollte es so sein, weil ein anderes Projekt für einen vorgesehen war, was man sonst nicht hätte wahrnehmen können.

„Ich merke immer häufiger, wie gut es mir tut, wenn ich es hin und wieder schaffe, mich von all den Vergleichen freizumachen.“

Deine Schauspielkollegin Emilia Schüle sagte im Interview mit uns: Die Kunst ist es, sich selbst zu genügen. Was sagst du dazu?
Lena Klenke: Das ist schön gesagt. Ich glaube, das ist ein konstanter Prozess. Wenn man diesen Zustand in jungen Jahren schon erreicht hätte, wäre es auch langweilig (lacht). Ich finde, es ist schön, wenn das nach und nach passiert, je älter man wird und man sich immer mehr genügt. Natürlich gibt es auch immer Phasen, in denen man zufriedener mit sich ist als in anderen, aber das ist auch völlig ok.

Du bist sehr jung in die Schauspielbranche gestartet, hast du manchmal Angst, etwas verpasst zu haben oder wenn du einem Projekt zusagst und damit vermutlich drei weiteren ab?
Lena Klenke: Ich habe da ein gutes Bauchgefühl. Wenn ich etwas lese, was mich begeistert oder Menschen bei einem Projekt mitarbeiten, die ich toll finde, habe ich schnell das Gefühl, dass ich mich richtig entscheiden kann. Diese Entscheidung hinterfrage ich dann in der Regel auch nicht mehr. Im Idealfall bekommt man natürlich auch Dinge parallel hin, aber ich bin grundsätzlich ein Fan davon, die ganze Energie und Aufmerksamkeit auf ein Projekt zu konzentrieren. Und wenn das vorbei ist, ist es wichtig, auch erst mal eine kurze Pause zu machen, bevor man sich ins nächste Projekt stürzt.

„Wenn ich etwas lese, was mich begeistert oder Menschen bei einem Projekt mitarbeiten, die ich toll finde, habe ich schnell das Gefühl, dass ich mich richtig entscheiden kann.“

Warum? Braucht man eine Entzugspause nach einer Rolle?
Lena Klenke: So was in der Art. Je nach Film und Intensität kann es auch von Vorteil sein, sich direkt ins nächste Projekt zu stürzen, um nicht in ein Loch zu fallen. Schließlich ist man während der Dreharbeiten immer eng mit seinen Kollegen und auch völlig in seiner Rolle. Wenn das dann plötzlich wegfällt, muss man sich in der Regel erst mal sortieren. Die Rollen nehmen viel Platz von einem selbst ein, sodass man sich nach einem Film häufig erst wieder selbst finden muss.

Was machst du in solchen Drehpausen?
Lena Klenke: In den Tag hineinleben, in der Natur sein, lesen, mich der Filmbranche für eine Zeit lang komplett entziehen. Ich versuche wieder mehr auf meine innere Stimme zu hören, was ich gerade wirklich brauche, was mir guttut. Das geht in den Routinen des Alltags häufig verloren.

Wie schafft man sich seinen Marktwert in der Branche?
Lena Klenke: Keine Ahnung (lacht). Und selbst wenn ich es wüsste, würde es vermutlich nicht helfen, schließlich hat jeder andere Vorbilder und eine Vorstellung davon, was einen „guten“ Schauspieler ausmacht. Ich finde zum Beispiel viele Schauspieler toll, die sich in dem ganzen öffentlichen Schauspielbusiness entziehen, sondern einfach nur fleißig und konsequent ihre Filme drehen und mit ihrer Schauspielleistung überzeugen und mich auf der Leinwand vom Hocker hauen. Es sollte für Produzenten und Regisseure keine Rolle spielen, wie bekannt man als Schauspieler ist. Es zählt doch wie man spielt und in seiner Rolle aufgeht. Mittlerweile ist auch ein Bekanntheitsgrad auf Social Media bei einer Produktion wichtig.

„Je nach Film und Intensität kann es gut oder schlecht sein, sich direkt ins nächste Projekt zu stürzen, um nicht in ein Loch zu fallen.“

Nervt es dich, dass diese Reichweite auch in der Schauspielbranche immer mehr zur neuen Währung wird?
Lena Klenke: Grundsätzlich kann ich es verstehen, dass Bekanntheit natürlich immer wichtiger wird. Und ich finde es für die Fans auch toll, wenn sie ihren Vorbildern dann über die sozialen Medien näherkommen. Viele Kollegen machen das auch toll und zeigen hochwertigen, ambivalenten Content von ihrer Arbeit und ihrem Privatleben. Was ich schade finde, ist, wenn die Reichweite ausschlaggebend für Projekte wird. Es sollte kein Nachteil sein, wenn man nicht in den sozialen Medien vertreten ist.

Wann bist du mit einem Projekt zufrieden?
Lena Klenke: Ich bin sehr viel kritischer, wenn ich Teil des Films bin (lacht). Ich liebe es, wenn der Film es schafft, dass ich mich nicht nur die ganze Zeit selbst anschaue und alles kritisch hinterfrage, sondern mich „nur“ als Teil der Geschichte wahrnehme, weil die so einnehmend ist. In einen guten Film wird man wie in einen Sog hineingezogen. Das ist auch das, was wir am Kino während der letzten Monate so gefehlt hat. Dass man eben nicht überlegt, wie lange der Film jetzt noch geht oder was man sich in der Pause gleich aus dem Kühlschrank holt (lacht).

„Ich bin sehr viel kritischer, wenn ich Teil des Films bin.“

Kann das nur das Kino so einen Sog schaffen?
Lena Klenke: Nicht unbedingt, aber es ist zu Hause auf dem Sofa sehr viel schwieriger. Wir sind alle sehr leicht ablenkbar und unsere Aufmerksamkeitsspanne ist rapide gesunken. Man muss sich heute häufig zwingen, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das im Kino einfacher ist, da man dort dem Film ausgesetzt ist. Wenn einem bei Netflix und Co. etwas nicht gefällt, schaltet man meistens sofort um. Der Zauber eines Films geht so häufig verloren.

Du hast bei bekannten Serien wie „How to sell drugs online fast“ und „Fuck you Goethe“ mitgespielt. Wie wichtig ist die erste große Rolle, in der man von dem Publikum wahrgenommen wird?
Lena Klenke: Die erste Rolle ist sehr wichtig. „Fuck ju Goethe“ war für mich, ohne dass ich es richtig mitbekommen habe, ein Türöffner. Die erste Rolle kann aber auch zu einer Art Fluch werden, wenn danach kein guter Film mehr folgt  Man weiß es einfach nicht. Bei „Fuck ju Goethe“ hatte keiner mit solch einem Erfolg gerechnet und bei „How to sell drugs online fast“ schon mal gar nicht (lacht). Ich weiß noch, dass ich da beim Casting war und dachte, oh Gott, will ich das wirklich machen? Aber man muss einfach auf sein Bauchgefühl hören, den Menschen im Team vertrauen und danach hinter dem Projekt stehen. 

„Man muss sich heute häufig zwingen, sich auf eine Sache zu konzentrieren.“

Du bist das Gesicht der Nachhaltigkeitskampagne „Small Steps. Big Impact“ von Zalando. Warum?
Lena Klenke: Ich fand es sehr cool, dass sich so ein großes Unternehmen dazu entscheidet, die Nachhaltigkeit in der Modebranche zu fördern. Wir sind alle nicht perfekt in dieser Hinsicht und das müssen wir auch nicht sein, aber jeder kann in seinem Alltag kleine Dinge integrieren, die ein großes Ausmaß haben können. Es muss solchen Größen wie Zalando auch vergönnt sein, sich an dieses Thema heranzutrauen, ohne dass ihnen Greenwashing oder Ähnliches unterstellt wird. Das Thema braucht Aufmerksamkeit und dazu möchte ich gerne beitragen. Nur so wird das Ganze auch immer mehr zur Normalität.

Stichwort Nachhaltigkeit: Es gibt in der Filmbranche einen grünen Drehpass, mit dem Produktionen mehr Förderung erhalten, wenn sie auf ihren ökologischen Fußabdruck achten. Was könnte deiner Ansicht nach beim Film noch verbessert werden, um den Bereich Film nachhaltiger zu gestalten?
Lena Klenke: Es muss einfach normal werden, dass man dem Planeten etwas zurückgibt. Durch Corona haben wir am Set leider wieder zwei Schritte zurückgemacht, weil alles hygienisch verpackt sein musste, was wieder zu mehr Müll geführt hat. Aber da geht natürlich in dem Moment Gesundheit vor. Grundsätzlich haben wir aber in den letzten Jahren viel zum Positiven verändert.

Man achtet mehr darauf, was man wirklich braucht, was man vielleicht auch wiederverwenden kann. Requisiten werden an andere Produktionen verliehen, man schaut, wo der Strom herkommt oder wie die Menschen ans Set kommen. Ich werde immer wieder nerven und andere auf dieses Thema aufmerksam machen. Und wenn wir das alle immer mehr und immer wieder tun, wird es langsam, aber sicher zur Normalität und das ist das Ziel.

„Es muss einfach normal werden, dass man dem Planeten etwas zurückgibt.“

Welche Rolle spielen Influencer in diesem Konstrukt, die auf ihren Kanälen ja häufig zu „Konsumüberfluss“ verführen? Würdest du sagen, das sollte unterbunden werden oder ist da jeder selbst in der Pflicht?
Lena Klenke: Natürlich ist jeder in seiner eigenen Pflicht, aber ich hoffe trotzdem, dass der Peak bald ein Ende hat. Es wird immer leichter zu konsumieren. Es braucht nur noch zwei Klicks, eine Paypal-Mail-Adresse und zwei Tage später ist das Produkt bei einem Zuhause. Ich glaube, dass die meisten bald merken, dass ihre Wohnungen und ihr Kleiderschrank eigentlich viel zu voll sind und dass sie gar nichts mehr brauchen.

Ich versuche mittlerweile auch weniger Zeit auf Social Media zu verbringen und mich gar nicht erst reizen zu lassen, Dinge zu kaufen, die ich nur kaufe, weil sie mir angezeigt wurden. Es gibt natürlich auch tolle, kleine Brands, die sonst überhaupt keine Aufmerksamkeit bekommen würden, deswegen muss man das Ganze ambivalent betrachten.

Für viele bist du auch eine Art Influencer und Content Creator. Kannst du dich mit dieser Bezeichnung identifizieren?
Lena Klenke: Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mit Marken zusammenzuarbeiten. Aber es müssen für mich Dinge, Brands, Macher oder Aktionen sein, mit denen ich mich identifizieren kann und für die ich einstehe. Trotzdem muss ich natürlich aufpassen, dass die Leute nicht denken, ich bin zum Influencer geworden. Filme stehen nach wie vor in meinem Fokus. Am Ende des Tages bin und bleibe ich Schauspielerin. 

„Ich versuche mittlerweile auch weniger Zeit auf Social Media zu verbringen und mich gar nicht erst reizen zu lassen, Dinge zu kaufen, die ich nur kaufe, weil sie mir angezeigt wurden.“

Welche Rolle spielt denn das Aussehen für dich? Wie gut bist du darin, dich selbst zu lieben?
Lena Klenke: Ich glaube, dieser Prozess ist eine Reise. Mal funktioniert das Selbstlieben besser und dann gibt es Phasen, da funktioniert es nicht so gut. Im Alter wird es besser (lacht). Man vergleicht sich nicht mehr so viel und lässt sich auch von anderen Menschen nicht mehr beeinflussen. Wenn ich gerade eine gute Zeit habe und von meinen Liebsten umgeben bin, mag ich auch mein Äußeres viel lieber, weil es mir einfach ehrlich gut geht.

Worin siehst du den Sinn des Lebens?
Lena Klenke: Darin eine gute Zeit zu haben und sich selbst und die Menschen um sich herum glücklich zu machen. Jeden Tag genießen! Aber keine Ahnung so richtig weiß ich es auch nicht (lacht). Vielleicht kommt das noch.

Filmtipp: „Immer der Nase nach“ läuft am 26.08 um 20:15 Uhr im ZDF und ist im Anschluss in der Mediathek verfügbar.

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